21.05.2015
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Die Grundrechte in Bildern (Artikel 1 - 4)

Markus Lüpertz illustriert das Grundgesetz

Nur wenige Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs entwarf der Parlamentarischen Rat das Grundgesetz. Die Verbrechen des Nationalsozialismus vor Augen legten die Delegierten besonderen Wert auf die Menschen- und Bürgerrechte. "Die Würde des Menschen ist unantastbar" formulierten sie als ersten Satz. Markus Lüpertz hat sich als erster Maler seit dem Mittelalter an die Bebilderung eines Gesetzestextes gewagt und zu jedem der 19 Grundrechte ein Gemälde geschaffen. Die Künstlerausgabe ist am 1. Oktober 2012 bei Bertelsmann! Chronik und Bild erschienen. wissen.de präsentiert die Werke mit Erläuterungen zum Anhören.

Der Maler, Bildhauer und Schriftsteller Markus Lüpertz sieht im Grundgesetz ein "Idyll" - die Formulierung eines Idealzustands, von dem die Realität mitunter abweicht. Anfang 2012 fing er an, sich näher mit den Grundrechten zu beschäftigen. Er schuf einen Bilderzyklus mit 19 Gemälden - zu jedem Grundrecht eines. So wie das Grundgesetz einen offenen Charakter hat, ist auch in Lüpertz Bildern Raum für Interpretationen.

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Artikel 1 GG

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Artikel 1 GG

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Erläuterung Lüpertz-Gemälde Artikel 1

 

Davon, was die „Würde des Menschen“ sein könnte, haben die meisten Bundesbürger wohl eine mehr oder weniger deutliche Vorstellung. Aber wie kann diese Würde sichtbar gemacht werden? In früherer Zeit gab es Formeln und Gesten, Physiognomien und Haltungen. Mit der Entstehung der Moderne seit 1800 sind diese verbindlichen Zeichen allmählich verschwunden und die Künstler mussten neue Bilder finden, um dennoch dieses Gefühl und die Eigenschaft sichtbar zu machen. Manchmal half eine Anspielung auf antike Figuren, um im kulturellen Gedächtnis die Vorstellung von Würde hervorzurufen. So hat es auch Markus Lüpertz gehalten, als er wie ein Leitmotiv einen Torso durch seine Bilderserie zum Grundgesetz wandern ließ. Er steht in einer Landschaft, die wohl aus der Umgebung von Berlin stammt; flache, rotgedeckte Häuser erscheinen neben einem Waldsaum am Horizont vor einem weitgestreckten gelben Feld, das wie blühender Raps aussieht. Ein Ruderboot lagert ganz vorne am Bildrand, bedrohlich dunkel gemalt – vielleicht ein Hinweis auf die Fahrt des Menschen in die Unterwelt, aus der es kein Zurück gibt. Ansonsten vermittelt die Komposition eine heitere Gelassenheit und Ruhe. „Die Würde des Menschen“ ist unantastbar, dieser Beginn des Grundgesetzes, der allen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zum Trotz ein optimistisches Menschenbild behauptet, grundiert fast alle Bilder des Malers.

 

Artikel 2 GG

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Artikel 2 GG

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

Erläuterung Lüpertz-Gemälde Artikel 2

 

Lüpertz hat diesem Gemälde die Leichtigkeit und Transparenz eines Aquarells verliehen. Das Bild hat zwei verschiedene Betrachterebenen. Zum einen fällt der Blick in eine Landschaft, die in feinen Abstufungen zwischen Grün und Gelb sich unter dem zartblauen Himmel erstreckt. Ein  Weg nimmt von links eine sanfte Kurve durch das Gelände und verschwindet, ohne dass sein Ziel erkennbar wird. Zum anderen erscheint der Torso eines menschlichen Körpers schemenhaft vorne am Bildrand, der die Figur unterhalb der Hüften überschneidet; daneben links ebenso unwirklich der Kahn. Während die Natur im Hintergrund als ein Gegebenes, vom Menschen zwar Gestaltetes, aber doch in ihren Gesetzen eigenwillig und eigenständig erscheint, kann der Mensch Veränderungen herbeiführen. Er kann an sich arbeiten, er kann einen Entwurf für seine Person und sein Leben erfinden – und diesen dann zu verwirklichen suchen. Der Kahn kann vielleicht helfen, aber hier sieht es so aus, als ob er gerade nicht von Nutzen ist, denn er liegt auf dem Boden ohne Beziehung zur Figur, die als Projektionsfläche für Pläne dienen kann. Der Maler hat den Körper mit einer scheinbar groben, aber doch raffinierten Technik so erscheinen lassen, als ob noch alles im Fluss wäre, als ob sich der Mensch noch in der Phase seiner Selbstwerdung befände. Gestaltende Kultur und gegebene Natur stehen in spannungsvollem Miteinander.

 

Artikel 3 GG

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Artikel 3 GG

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

Erläuterung Lüpertz-Gemälde Artikel 3

 

Ein knapper Landschaftsausschnitt ist zu sehen: Feld, Waldsaum, Haus und der ruppig gemalte Baum am linken Bildrand. Figur und Boot sind vorhanden, aber am unteren rechten Bildrand erscheint ein drittes Bildelement, eine angeschnittene Darstellung, die ein abstraktes Muster zeigt. Zusammen mit dem hellenistischen Torso wird klar, dass es sich um Marmor handelt, dessen Adern wie ein unruhiges Muster wirken. Dieser Werkstoff diente der Baukunst und der Bildhauerei der Antike als bevorzugtes und kostbares Material. Berühmt sind die Marmorbrüche in Carrara, wo während der Renaissance auch Michelangelo die geeigneten Blöcke für seine Werke aussuchte. Torso und Marmor stehen in der Komposition von Lüpertz für die Tradition und die Kultur der Antike, auf die sich Europa immer wieder bezogen hat. Kunst, Philosophie, Demokratie haben in Griechenland eine große Blüte erlebt, so dass immer wieder versucht wurde, durch Politik, Recht und Gesetz diesen als ideal gedachten Zustand des antiken Athen wiederherzustellen. Einer der Grundgedanken bestand darin, dass das vom Volk beschlossene Recht ohne Unterschied für alle Mitglieder des Staates zu gelten habe. Nur wenn diese Sicherheit gegeben war, konnten große kulturelle Entwicklungen stattfinden. Denn der Einzelne und vor allem auch die Künstler fanden in einem solchen Rahmen den Freiraum, der ihnen schöpferische Kraft ermöglichte.

 

Artikel 4 GG

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Artikel 4 GG

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

Erläuterung Lüpertz-Gemälde Artikel 4

 

Die Komposition ist zweigeteilt, links eine Torso-Figur vor blauem Himmel, rechts die Landschaft mit einem Kahn, der eigentlich nicht auf die Landstraße gehört, wo er zu sehen ist. Es scheint ein warmer Sommerhimmel zu sein, der über dem Weg, den Feldern und den Bäumen strahlt. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Die Masse des Laubs der Bäume erhebt sich in einem satten Grün, das dunkel schattiert ist und deshalb sich als plastische Masse noch eindrucksvoller vom Horizont abhebt. Wenn es ein Bild des Friedens gibt, das sich als Landschaft darstellen lässt, dann hat der Maler hier ein solches geschaffen. Der Torso vor dem blau-weißen Himmel wurde plastisch gestaltet, es ist zu spüren, dass eine antike Statue den Ausgangspunkt für den Maler bildete, die wie eine Vision neben der Landschaft erscheint; denn hier scheint der Betrachter tatsächlich in einen südlichen Himmel zu blicken, der nichts gemeinsam hat mit der staubigen, lastenden Sommerlandschaft aus dem Norden Deutschlands, die rechts zu sehen ist. Ein Hin und Her des Blicks wird provoziert. Nahsicht des Torsos und Ausblick in die Landschaft befinden sich wie zwei dauernd die Aufmerksamkeit unterschiedlich beanspruchende Teile nebeneinander. Sie erzeugen eine optische und inhaltliche Spannung, die Norden und Süden wie gleichberechtigte Konzepte erscheinen lassen. Auf der einen Seite die antike Kultur, auf der anderen Seite die Landschaft, die Natur, die Romantik und der Realismus als Inspirationsquellen. Und der Kahn deutet auf die Wege der Imagination, die von der Natur inspiriert sind – Freiheit ohne Dogma.

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Weitere Bilder:

Artikel 5 bis 8

Artikel 9 bis 12

Artikel 13 bis 16

Artikel 17 bis 19

 

aus der wissen.de-Redaktion