21.05.2015
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wissen.de Artikel

Die Veden - ein Hauch von Poesie

Heilige Schriften des Hinduismus

Das Wort Veda kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Wissen. Die Veden sind kein einzelnes literarisches Werk, sondern eine Sammlung von Schriften, die zunächst nur mündlich überliefert waren. Der Veda zählt zu den heiligen Schriften des Hinduismus. Er besteht aus mehreren, durch Form, Inhalt und Abfassungszeit unterschiedene Schichten. Die älteste bilden Sammlungen (Samhitas) von religiösen Hymnen und Sprüchen, die in die vier vedischen Abteilungen Rigveda, Samaveda, Yajurveda und den von der Orthodoxie erst spät anerkannten, aus Zaubersprüchen bestehenden Atharvaveda gegliedert sind. In diesen Texten werden kunstvolle Metren verwendet. Die am häufigsten vorkommenden Versmaße sind Gayatri (dreimal acht Silben), Anushtabh (viermal acht Silben), Trishtubh (viermal elf Silben) und Jagati (viermal zwölf Silben). Den Samhitas folgen umfangreiche Texte in Prosa, die Brahmanas, die Aranyakas und die Upanishaden. Jeder der vier Veden wird in mehreren Schulen (Shakhas) oder Rezensionen überliefert, die sich in den Samhitas oft nur wenig, aber in den Brahmanas zum Teil erheblich unterscheiden. In den meisten hinduistischen Strömungen wird die grundlegende Autorität der Veden nicht in Frage gestellt.

Diese gesamte Literatur gilt als von Dichtern der vedischen Zeit, den Rishis, "geschaute" beziehungsweise "gehörte" Offenbarung (Shruti). Zur traditionellen Erklärung der Veden werden die zeitlich jüngeren, nicht auf Offenbarung, sondern auf Tradition (Smriti) gegründeten sechs Vedangasals als Hilfsmittel herangezogen.

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Rigveda in Sanskrit

Rigveda in Sanskrit (Handschrift aus dem 19. Jahrhundert)

Die ältesten Teile des Vedas (Teile des Rigveda) stammen aus der Zeit vor dem 1. Jahrtausend v. Chr. (Nordwestindien, Pandschab) und weisen bis in die Zeit der arischen Einwanderer zurück.

 

Die vier Veden:

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Sonnentempel in Konarak, Orissa, Indien (13. Jahrhundert v.Chr.). Er gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe

Sonnentempel in Konarak, Orissa, Indien (13. Jahrhundert v.Chr.). Er gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe

Der Rigveda umfasst wie jeder der vier Veden Samhitas, Brahmanas, Upanishaden und Sutras. In der allein erhaltenen Rezension der Shakalya enthält er 1.018, mit Nachträgen 1.028 Hymnen (10.462 Verse) an einzelne Götter (Indra, Agni, Varuna, Asura u. a.), aber auch an Dämonen, Ahnen und Könige. Diese in zehn Mandalas (Kreise) eingeteilten Hymnen werden vom Opferpriester, dem Hotar, rezitiert, womit er die Götter verehrt und sie zum Opfer einlädt. Die Samhita war zunächst eine Vereinigung des Hymnenbesitzes einzelner Priesterfamilien (dargestellt in den Mandalas 2 bis 7), an die sich im Laufe der Zeit Nachträge anschlossen. Der schließlich fixierte Gesamttext wurde dann mindestens 2.000 Jahre lang ohne Abweichungen mündlich weiter überliefert. Der Rigveda ist das älteste und bis heute in Indien tradierte Denkmal der indischen Literatur und eine sehr wertvolle Quelle für die Geschichte der Sprache, der Religon und Kultur im frühen Indien (die vier Kasten, Arbeitsteilung, Verhältnis der Geschlechter u. a.).

 

Die Veden Samaveda, Yajurveda und Atharvaveda:

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Tempelbezirk von Hampi, der einstigen Hauptstadt des letzten großen hinduistischen Königreichs Vijayanagar in Indien

Tempelbezirk von Hampi, der einstigen Hauptstadt des letzten großen hinduistischen Königreichs Vijayanagar in Indien

Im Samaveda (Veda der Gesänge) werden die Texte und Melodien gelehrt, mit denen der Udgatar, der priesterliche Sänger, das Opfer begleitet. Der Samaveda besteht aus zwei Teilen, dem Arcika (oder Purvarcika, 'Strophensammlung', zum Erlernen der Melodien) mit 585 Versen und dem Uttararcika ('Zweite Strophensammlung', zur Anwendung beim Opfer) mit 1.225 Versen. Die Verse selbst sind großenteils dem Rigveda entnommen. Die Melodien wurden erst mündlich tradiert, später in Gesangbüchern (Ganas), ergänzend zum Arcika, festgehalten. Der Samaveda ist wertvoll für die vergleichende Musikgeschichte.

Der Yajurveda (Veda der Sprüche) enthält die Opferformeln und Mantras für den Adhvaryu-Priester (einer der vier Hauptpriester beim Opfer). Man unterscheidet den Schwarzen Yajurveda, der ein gewachsenes Gefüge aus Sprüchen und dazugehörigen Brahmanas darstellt, und den Weißen Yajurveda, der – nach Abtrennung der erklärenden Brahmanas – nur die Opferformeln überliefert. Der Yajurveda enthält religiöse sowie magische Darlegungen.

Der Atharvaveda ('Veda des Hauspriesters', von atharvan, indoiranisch 'Feuerpriester') enthält eine Sammlung von Hymnen, die in der Hauptsache der schwarzen und weißen Magie dienen (z. B. Heilung von Krankheit, Abwehr von Dämonen, Hexern und Feinden, Schädigungszauber, Segenssprüche für das tägliche Leben, Sühne von Fehlverhalten, Sicherung brahmanischer Privilegien). Der in der Shaunaka-Rezension in 20 Bücher (730 Hymnen mit insgesamt rd. 6 000 Versen) gegliederte Text ist wertvoll für die altindische Volkskunde. Seine kunstvolle Sprachform ist merklich jünger als die des Rigveda.

Die als Geheimschriften überlieferten Aranyakas (im Wald zu studierende Werke) handeln ebenfalls von Opfer und Ritus, jedoch weniger im Sinne konkreter Vorschriften als vielmehr in philosophisch-spiritueller Ausdeutung. Sie gelten zum Teil als eine eigenständige Literatur, zum Teil sind sie über die anderen vedischen Schriften verteilt.

Die Veden markieren den Beginn der indischen Literatur und bildeten mit ihren mythischen, religiösen, philosophischen und sozialen Themen lange Zeit deren maßgebliche Quelle. Sie waren auch Gegenstand zahlreicher Kommentare und verschiedener neohinduistischer Interpretationen (u. a. durch Vivekananda, Aurobindo Ghose und Dayananda Sarasvati, den Begründer der Aryasamaj.

aus der wissen.de Redaktion; Quelle: Brockhaus