21.05.2015
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Ein archäologischer Krimi

Österreich, Ötztaler Alpen. Am Donnerstag, dem 19. September 1991, wandern die Bergsteiger Erika und Helmut Simon abseits des markierten Wanderpfades zu einer Berghütte entlang der nördlichen Rampe des Similaungletschers. Plötzlich nehmen sie am Hauslabjoch in 3210 m Höhe eine braune, menschenähnliche Gestalt wahr, die wie eine Puppe halb aus dem Eis ragt. Auf der Similaunhütte berichten sie von dem Toten. Der Hüttenwirt Markus Pirpamer benachrichtigt sogleich die österreicherische Gendarmerie. So beginnt ein archäologischer Krimi.

Der tiefgefrorene Leichenfund aus den Südtiroler Alpen gilt als Glücksfall für die Erforschung der Vorzeit und löste die wohl aufwendigste Obduktion aller Zeiten aus.

So gab der Gletscher die Leiche frei..jpeg
Sofort am Tag nach dem Fund sucht die Innsbrucker Gendarmerie den Gletschertoten auf und versucht die Leiche mit pressluftgetriebenen Schrämmhammern aus dem Eis zu bergen. Durch die grobe Bergungsmethode werden der linke Oberschenkel und die linke Hüfte beschädigt. Ein Wetterumbruch erzwingt den Abbruch der Bergungsarbeiten. Der Gendarm entdeckt bei der gefrorenen Leiche ein Beil, einen augenscheinlich seltsam altertümlichen Pickel. Er nimmt das Beil mit und gibt es in der Gendarmerie Sölden ab. Der zufällig vor Ort weilende Bergsteiger Reinhold Messner äußert an der Fundstelle des Toten und aufgrund der Beschreibung des gefundenen Beils die Vermutung, dass die Leiche mindestens 500 Jahre, wenn nicht sogar mehr als 3000 Jahre alt sein müsse.

Archäologischer Krimi

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Bergung der mumifizierten Leiche am Hauslabjoch
Dennoch hacken in den darauf folgenden Tagen die Bergungsleute mit Eispickeln und Skistöcken den vermeintlich verunglückten Bergkameraden aus dem Eis. Über Nacht friert die Leiche immer wieder ein. Die um die Leiche herumliegenden Utensilien sammeln die Bergungsleute unter Bergrettungsobmann Alois Pirpamer ein und bringen sie in einem Plastiksack ins Tal. Für den hinzugezogenen Gerichtsmediziner Rainer Henn handelt es sich zunächst lediglich um eine weitere zu bergende Gletscherleiche, die sechste in diesem Jahr. Der Leichnam aus dem Eis und die gefundenen Utensilien werden in einem Sarg in das gerichtsmedizinische Institut in Innsbruck gebracht und dort über Nacht in der Kühlkammer aufbewahrt. Henn versucht, Todesursache und Namen der verunglückten Person zu ermitteln.

Erst am Dienstag, dem 24. September, wird der Ur- und Frühgeschichtler Konrad Spindler aus Innsbruck hinzugezogen. Er erkennt sofort das hohe Alter ("mindestens 4000 Jahre, eher älter") und damit die Bedeutung des tiefgefrorenen Leichenfundes. Von nun an wird die Leiche und alles, was mit ihr zu tun hat, als größte Kostbarkeit behandelt. Während der folgenden Tage untersuchen verschiedene Wissenschaftler die Fundstelle mit Föhn und Dampfstrahler. Sie bergen einen Köcher, Leder- und Fellfetzen, Heubüschel, eine Schlehdornfrucht, Teile eines Birkenrindenbehälters einschließlich Inhalt, einen Grasmantel, verschiedene Holz- und Knochensplitter, eine Fellmütze, Haare, Insektenteile, Haut- und Muskelfetzen, Reste von Holzkohle und Pflanzenteilen sowie einen Fingernagel.

Untersuchung des mumifizierten Leiche.jpeg
Mittels zweier unabhängiger Methoden konnte später das Alter der Mumie recht genau bestimmt werden. Zunächst wurde die Kupferklinge des Beils von Ötzi herangezogen. In Mitteleuropa begann die Epoche dieses Metalls und seiner Verarbeitung vor etwa 6000 Jahren, ehe sie 2000 Jahre später in die Bronzezeit überging. Die präzisere Altersdatierung durch die Radiokarbonmethode konnte die Todeszeit von Ötzi noch weiter eingrenzen: Ötzi starb vor etwa 5100 bis 5350 Jahren. Schnell erhält der medienfreundliche, tiefgekühlte Leichnam populäre Spitznamen wie "der Eismann", "Gletschermann" oder den letztendlich weltweit berühmten Namen "Ötzi", nach seiner Fundstelle in den Ötztaler Alpen.

Gefriergetrocknet

Röntgenaufnahme der tödlichen Pfeilspitze unter der linken Schulter.jpeg
Der unglaublich gute Erhaltungszustand des Ötzi-Leichnams wird von Wissenschaftlern nur mit der Aneinanderreihung außerordentlicher Umstände erklärt. Man vermutete zunächst, dass sich Ötzi im Frühherbst (Mitte September) in den Ötztaler Alpen verirrte und an Unterkühlung gestorben ist. Heute weiß man, dass dre Mann vom Hauslabjoch durch eine Pfeilspitze aus Feuerstein von hinten in die Brust getroffen wurde und innerhalb weniger Minuten verblutete - wahrscheinlich gabe es auch einen Kampf. Nach dem Tod muss dann recht schnell das Wetter umgeschlagen sein. Warme Föhnwinde sollen nun den Leichnam über mehrere Wochen ausgetrocknet haben wie Dörrfleisch. Dann brachte der einsetzende Winter wieder ausreichend Kälte und frierende Niederschläge. Die Gletscher rückten weiter vor und konservierten den Toten endgültig im gefrorenen Zustand bis zu seiner unvorhersehbaren Entdeckung. Alles in allem handelt es sich bei diesem Vorgang um eine Gefriertrocknung, die den Menschenkörper aus der Jungsteinzeit samt Kleidung und verschiedenster Gebrauchsgegenständen außerordentlich gut erhalten hat.

Im März 1991 wehte ein besonders starker Sturm aus der Sahara schwarzen Sand bis in die Region der Alpen. Dieser schwarze Sand erwärmte sich unter Sonneneinwirkung sehr stark. Dies wird heute als die Hauptursache dafür angesehen, dass der Gletscher am Hauslabjoch in diesem Jahr so extrem weit abgeschmolzen ist und dadurch die Jahrtausende konservierte Leiche zur Entdeckung freigegeben hat. Ein weiteres Kuriosum des Ötzi-Fundes ist sicherlich, dass der zunächst als verunglückter Bergsteiger missdeutete Steinzeitmensch 92,56 m weit auf italienischem Staatsgebiet lag. Es ist wohl nur dem mangelnden Arbeitseifer der Südtiroler Carabinieri zuzuschreiben, dass Ötzi in österreichische Obhut gelangte. Nach dem Abschluss der Untersuchung Ende 1997 wurde Ötzi Anfang des Jahres an den eigentlichen Besitzer, die Südtiroler Landesregierung, zurückgegeben und soll nun im Museum von Bozen aufbewahrt werden.

Die Rekonstruktion

Im Auftrag der Zeitschrift GEO rekonstruierte die renommierte Dermoplastikerin Elisabeth Daynés den Kopf einschließlich des Gesichts und den Körper des Ötzi. Als Vorlage konnte sie die Schädelrekonstruktion des amerikanischen Anthropologen John Gurche verwenden, der die verletzungsbedingten Schädeldeformationen nach Computertomographie-Bildern von Innsbrucker Radiologen korrigieren konnte. Es wurden neueste Methoden der Gesichtsrekonstruktion, erprobt an Schädeln von nicht identifizierten Gewaltopfern, herangezogen. Neueste Computertechnik ermöglichte ein Digitalisieren von Ötzis Schädel. In Zusammenarbeit mit dem Pariser kriminaltechnischen Institut modellierte Daynés auf den korrigierten Schädelabdruck Tonschichten, deren Weichteildicke nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen berechnet wurde. Von dem ausgeformten Kopf wurde anschließend ein Silikonmodell gefertigt, welches dann mit Haaren und Farbe ausgestattet wurde. Wenn Ötzi auch nicht exakt so ausgesehen hat wie seine Rekonstruktion, gibt sie doch eine größtmögliche Annährung an seine Erscheinung wieder. Die Pariser Kostümschneiderin Dominique Louis stellte die Kleidung von Ötzi wieder her. Mit Originalmaterialien und größter Treue zum Detail schneiderte sie alle Kleidungsteile zusammen.

Ötzi war um die 40 Jahre alt, 1,60 Meter groß und wog zwischen 50 und 60 bis 70 Kilogramm. Er trug einen von einem kalbsledernen Gürtel mit aufgenähten Taschen gehaltenen Lendenschurz, darüber eine Art Leggins aus Ziegenleder sowie ein mantelähnliches Gewand aus Ziegenleder. Dieses war - geradezu modisch gestaltet - aus wechselnden hellen und dunklen Fellstreifen zusammengenäht. Ärmel sind nicht erhalten. Seinen Kopf wärmte eine Mütze aus Braunbärenfell. Ein Umhang aus Pfeifengras (Molinia caerulea) schützte ihn wie ein Regenmantel gegen feuchte Witterung. Schäden an seiner Kleidung hat Ötzi vermutlich selbst mit Gras und Zwirn ausgebessert. Seine Schuhe bestanden aus einer Bärenledersohle. Darauf war ein Netz genäht, welches mit einer isolierenden Grasschicht ausgestopft war. Die obere Abdeckung bildete aus Hirschhaut gefertigtes Oberleder.

Waffen und Feuersteine

Dieses Bild ist leider nicht verfügbar. - wissen.de
Harm Paulsen war für die Rekonstruktion der Werkzeuge und Geräte zuständig. Als so genannter "experimenteller Archäologe" baute er die gefundenen Gerätschaften wie beispielsweise Ötzis Beil oder Rucksack originalgetreu nach und erprobte ihre Funktion in der praktischen Anwendung. In seiner Gürteltasche trug Ötzi überlebenswichtige Utensilien mit sich. Neben einem Feuerstein, einem Klingenkratzer, einem rasiermesserscharfen Lammelenstück und einem Bohrer fand sich eine eigenartige schwarze Masse, die als mit winzigen Pyritkristallen vermischte Reste eines an Buchen wachsenden Pilzes ("Echter Zunderschwamm" - Fomes fomentarius) identifiziert werden konnte. Diese schwarze Masse war in der Steinzeit ein wichtiges Utensil, um selbst Feuer zu entzünden, Bestandteil eines so genannten "Schlagfeuerzeugs". Das mitgeführte Beil war aus einem Eibenstämmchen hergestellt. Auf einem senkrecht aufgesetzten Ast war die Kupferklinge mit Lederstreifen und Birkenpech befestigt.

In einer geknüpften Scheide steckte ein Dolch mit einer Feuersteinklinge, daneben ein Aststück mit einem eingelassenen Span aus Hirschgeweih zum Bearbeiten von Feuersteinen, ein so genannter "Retuscheur". Solche sehr fein ausgearbeiteten Feuersteindolche entsprachen dem technischen Standard von vor 5000 Jahren. Seine Waffen für größere Distanzen waren Pfeil und Bogen. In einem Köcher trug Ötzi zwei fertige, aber zerbrochene und zwölf in Arbeit befindliche Pfeile mit sich. Die typischen Steinzeit-Pfeile bestanden aus einer Feuersteinspitze, die mit Faden und Birkenpech am vorderen Pfeilschaft befestigt wurden. Das hintere Ende des Pfeils trägt Vogelfedern, ebenfalls mit Birkenpech befestigt, mit Faden umwickelt und mittels eines Knochendorns gespreitet. Die Befiederung der Pfeile bewirkt eine größere Flugstabilität, da der Pfeil so in der Luft rotiert. Der aus einem Eibenstamm gefertigte Bogen befand sich noch in der Herstellungsphase.

Auf einer Rückentrage transportierte Ötzi wahrscheinlich Proviant und andere lebenswichtige Gegenstände. Sie war aus Brettchen aus Lärchenholz, einem bogenförmigen Haselstock und Ziegenfell hergestellt. Ein mitgeführtes Netz, aus Schnüren zusammengeknüpft, war möglicherweise hilfreich beim Einsammeln von Brennholz. Außerdem führte er zwei zylinderförmige Gefäße aus Birkenrinde mit sich. Eines diente zum Transport von Glut von einer Feuerstelle zur nächsten. In ihm konnten noch Holzkohlereste, verpackt in Ahornblätter, nachgewiesen werden. Unklar ist bislang noch die Funktion einer kleinen Steinscheibe, die mit Riemchen verknüpft ist. Es könnte sich um ein Schmuckstück, ein Amulett oder einen Vorrat an Bändern zur Reparatur handeln. Gewissermaßen als Reiseapotheke trug Ötzi zwei Birkenporlinge, antibiotisch wirkende Pilze, bei sich.

Wie lebte Ötzi?

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Rekonstruktion des Gletschermannes im archäologischen Museum von Bozen
Pathologen, Genetiker, Anthropologen, Anatomen, Biologen und Neurologen führten in den vergangenen Jahren die wohl umfangreichste Obduktion einer Leiche durch. Mit ihren neuesten wissenschaftlichen Analysemethoden konnten zahlreiche Details offen gelegt werden, die als Summe ein eindrucksvolles individuelles Schicksal aus der Jungsteinzeit von vor 5000 Jahren beschreiben. Die körperliche Verfassung des Hirten Ötzi, des wohl bestuntersuchten Patienten aller Zeiten, war denkbar schlecht. Ötzis Zähne waren bis auf Stümpfe heruntergekaut. Diese starke Abnutzung ist sicherlich auf die damalige Methode zurückzuführen, das Getreide mit Steinmühlen zu mahlen, was im Mehl zerriebene Steinpartikel zurückließ. Solch ein Mehl wirkte wie feines Schmirgelpapier. Gravierender waren seine Verschleißerscheinungen an den Gelenken. Ötzi müssen arthritische Entzündungen an den Sprunggelenken, der Hüfte, im Nacken und an der Wirbelsäule geplagt haben. Diese Abnutzungserscheinungen lassen darauf schließen, dass Ötzi während seines Lebens schwere Lasten getragen hat und viel und lange zu Fuß gelaufen ist. Seine Blutgefäße waren ungewöhnlich stark verkalkt. Solche arteriosklerotischen Erscheinungen findet man heute nur bei alten Menschen. Seine rußgeschwärzte Lunge, vergleichbar mit der heutiger Großstadtbewohner, ist sicherlich auf häufigen und zu nahen Aufenthalt am wärmenden Lagerfeuer zurückzuführen.

Schmerzen und Stress

Zahlreiche verheilte und frische Rippenbrüche sowie ein Nasenbeinbruch fallen da kaum noch erschwerend ins Gewicht. Die frischen Verletzungen des Hirten sowie seine beschädigten Waffen ließen einige Forscher vermuten, dass Ötzi vor seinem Tod in einen Kampf verwickelt war und sich möglicherweise bei seiner letzten Wanderung auf der Flucht befand. Erst im Juli 2001, also zehn Jahre nach dem Fund, haben Wissenschaftler die sensationelle Entdeckung gemacht, dass Ötzi hinterrücks ermordet wurde. Er wurde von hinten mit einem Pfeil niedergestreckt. Die Pfeilspitze konnte erst dank eines Röntgenbildes unter der linken Schulter des Gletschermannes gefunden werden.

Aufgrund einer Analyse des Fingernagels konnten Wissenschaftler außerdem nachweisen, dass Ötzi die letzten Monate seines Lebens unter starkem körperlichen Stress gestanden hatte. Ötzi trug im Lendenbereich und an den Waden strichförmige und an Knien und Knöcheln kreuzförmige Tätowierungen, hergestellt mit pulverisierter Holzkohle. Inzwischen vermutet man, dass diese Tätowierungen, zumal sie an charakteristischen Schmerzpunkten liegen, zu therapeutischen Zwecken verabreicht wurden. Auch aus anderen Kulturkreisen sind Tätowierungen zur "magischen" Behandlung beispielsweise von rheumatischen Schmerzen bekannt.

Schicksal aus der Jungsteinzeit

Das Denkmal am Tisenjoch erinnert an den Fund des Similaun-Mannes am 19.
Ötzi stammte wahrscheinlich aus einem kleinen Dorf in den heutigen Südtiroler Alpen. Vermutlich war er im Schnals- oder Etschtal zu Hause. Untermauert wird diese Annahme durch eine biologische Analyse der von Ötzi mitgeführten Moosarten, die wahrscheinlich aus den südlichen Alpentälern stammen. Die Lebensspanne von Ötzi fällt in eine für die Menschheit ungeheuer folgenschwere Epoche, dem Übergang vom Dasein als Jäger und Sammler hin zu Ackerbau und Viehzucht betreibenden, allmählich sesshaft werdenden Menschen (so genannte neolithische Revolution). Vermutlich hat Ötzi in einer kleinen Dorfgemeinschaft gelebt. Während die Menschen nördlich der Alpen damals bereits Rinder und Schweine als Haustiere hielten, waren es im südlichen Alpengebiet Schafe und Ziegen. Da Weideflächen im Tal knapp waren, wurden die Tiere im Sommer auf Hochweiden jenseits der Baumgrenze getrieben. Ein Übergang vom Etschtal auf die Hochweiden des Ötztals war beispielsweise das Hauslabjoch, die verhängnisvolle Unglücksstelle des Ötzi. Da seine gesamte Ausrüstung nur auf das unmittelbare Überleben in der Wildnis ausgerichtet war, sind sich die Wissenschaftler heute einig darüber, dass Ötzi höchstwahrscheinlich ein Hirte war.

Der Fund des Ötzi brachte nicht unbedingt neue Tatsachen ans Tageslicht. Spektakulär und für die Menschen heute so anziehend wird der Fund durch die recht lückenlose Rekonstruktion eines individuellen Menschenschicksals aus der Jungsteinzeit. Ötzi ist die verbindende Illustration dessen, was der Forschung aus jener Zeit bereits in zahlreichen Bruchstücken bekannt war.

Mehr Infos: Südiroler Archäologiemuseum in Bozen