21.05.2015
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wissen.de Artikel

Smalltalk und Unterhaltung

Smalltalk erfreut sich in Deutschland keines übermäßig guten Rufes. Die einen hindert er daran, schnurstracks zum Bigtalk, dem eigentlichen Thema, vorzudringen. Andere übersetzen "small" mit "seicht". Da sie nicht gern an der Oberfläche surfen, sondern Themen in der Tiefe behandeln möchten und sich über die Essenz des Seins austauschen wollen, hat Smalltalk für sie keinen hohen Stellenwert.

Der Sinn von Smalltalk

Die Smalltalk-Gegner haben aber nicht verstanden, dass Smalltalk weder Seriosität noch Tiefe ausschließt. Smalltalk soll

  • Annäherung ermöglichen und erleichtern, Türen öffnen, zu tieferen Themen hinführen - und das gerade unter dem Aspekt "time is money",
  • helfen, sich ohne Fixierung auf ein Thema als Mensch zu präsentieren,
  • die Fähigkeit schulen, zwischen den Zeilen zu lesen und zwischen den Worten zu hören,
  • Gelassenheit und Humor in ein Spiel bringen, das sonst mit bitterem Ernst gespielt wird, und
  • im negativen Fall Rückzug ohne Gesichtsverlust erlauben.

Somit erweist sich Smalltalk als Gelegenheit, unterhaltsam und interessant Zeit und Raum mit anderen Menschen zu teilen, ob in geschäftlichem, gesellschaftlichem oder privatem Kontext. "Die Welt existiert nur in deinen Augen - in deiner Art sie zu sehen. Du kannst sie so groß oder klein machen, wie du es wünschst," sagt F. Scott Fitzgerald. Smalltalk soll hier als bewusste Chance zur Horizonterweiterung verstanden sein.

Zum Einstieg

Die erste Aufgabe des Smalltalk besteht darin, Konsens herzustellen und zu festigen. Daher bietet sich thematisch alles an, was Sie und Ihr Gesprächspartner gemeinsam haben.

  • Das sind bei der Begegnung mit völlig Fremden das Ambiente, die Musik, das Essen, der Vortrag des Referenten, die Gastgeber.
  • Halten Sie sich mit vermeintlich geistreichen / witzigen / provokativen / negativ bewertenden Äußerungen zurück: Noch können Sie Reaktionen nicht einschätzen.
  • Verzichten Sie gleichfalls auf Allgemeinplätze oder Stereotypen.
  • Steigen Sie konkret ein und bleiben Sie konkret. Ein Kommentar zum Wetter wie "jetzt war ich zwei Wochen in Italien und habe keine solche Hitze erlebt wie diese hier" ermuntert eher zum Antworten als "schönes Wetter heute". Und "Wie war die Anreise?" hat Ihr Geschäftspartner diese Woche wohl schon mehrfach gehört. "An der Anschlussstelle zur A 5 wird gebaut. Haben Sie es ohne Stau geschafft?", signalisiert ihm, dass Sie mitdenken - mit ihm denken!

Sicher gehen mit Safer Talk: die Themen

Themen, die auf Meinungsäußerungen oder Aussagen zu persönlich-intimen Hintergründen hinauslaufen, sollten Sie vorsichtshalber zunächst umgehen. Tabu sind

  • Politik,
  • Glauben und Ethik, Religion und Moral,
  • persönlicher Besitz
  • Krankheiten,
  • Familienverhältnisse,
  • sexuelle Vorlieben und Praktiken.

Lassen Sie diese Themen bestenfalls vorsichtig wie Versuchsballons im Raum los und beobachten Sie, ob Ihr Gesprächspartner darauf eingehen will. Ist das nicht der Fall, gleiten Sie elegant in ein weniger kontroverses oder intimes Thema hinüber. Wenn ja, wird das Gespräch richtig spannend.

Zu den eher sicheren Themen zählen

  • die Region, Stadt und Land und die Natur drumherum,
  • der Geburtsort,
  • Kunst und Kultur - wozu die große italienische Oper genauso zählt wie der jüngste Kinofilm,
  • Lektüre und Literatur ("da habe ich gestern gelesen..."),
  • Essen und Trinken (Restauranttipps, Wein, Zigarren),
  • Trends,
  • Sammelleidenschaften,
  • die lokale oder überregionale Aktualität ("Haben Sie schon gehört, dass hier ..."),
  • der Beruf, wenn Sie sich im beruflichen Umfeld, z. B. einer Fachmesse, aufhalten.

Bleiben Sie in puncto Aktualität und Bildung auf dem Laufenden. Also: Gehen Sie mit offenen Augen und Ohren durch die Welt!

Achten Sie darauf, sich nicht auf unbekanntes Terrain vorzuwagen. Das Gespräch über Goethes Werke könnte peinlich ausgehen, wenn Sie nichts dazu zu sagen haben. Besser vorher informieren.

Sich gut unterhalten

Wichtige Grundregeln für die Unterhaltung sind:

  • Wer fragt, der führt: Mit geschickter Fragetechnik lenken Sie schnell weg vom Allgemeinen und hin zum Konkreten.
  • Wann, wo, wie mit wem hat wer was getan? Ersparen Sie einer neuen Bekanntschaft jedoch ein einengendes Warum.
  • Vermeiden Sie dabei, Ihr Gegenüber auszufragen. "Wenn du nehmen willst, dann gib", empfahl Goethe. Schildern Sie eigene Erlebnisse in kurzen Anekdoten, bei denen das Gegenüber einhaken kann. Ob er es nach dem Muster der Ähnlichkeit tut: "Ich auch" oder über die Distanzierung: "Ich aber nicht", ist gleichgültig. Einen Schritt weiter sind Sie allemal.
  • Lassen Sie reden, lassen Sie ausreden.
  • Wenn Sie Interesse haben, brauchen Sie es nicht zu heucheln.
  • Und bitte: nicht belehren! Nicht mit besserem Wissen protzen.("Was, das wussten Sie nicht?" wirkt arrogant. Lassen Sie Ihr Gegenüber doch auch ein wenig glänzen. Wie sagte schon Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse: "Der Mensch kann sich gegen einen Angriff wehren, nicht aber gegen ein Lob."
  • Um das Thema zu wechseln, behalten Sie den Begriff "apropos" im Hinterkopf und nutzen Sie einen Ihnen angenehmen Aspekt einer Aussage als Sprungbrett in für Sie sicheres Gefilde.

Hürden leicht genommen

Kontakt zu Fremden aufnehmen

Fremde ansprechen - und dann noch in Gruppen, für viele eine Horrorvorstellung. Und dann schickt Ihr Vorgesetzter Sie auch noch zu einer Großveranstaltung, bei der Sie Kontakte knüpfen sollen: zum Networking auf eine Fachmesse oder zum Event für Ihre Kunden-Zielgruppe.

Ob Sie zur Riege der Gastgeber gehören oder als Gast auftreten, macht einen großen Unterschied: Als Gastgeber haben Sie es leichter. Sie können Einzelpersonen und Gruppen gegenüber gleichermaßen als Anbietender von Informationen, Hilfe, Kontakten auftreten.

Fast genau so leicht ist die Kontaktaufnahme zu einer Einzelperson. Ein Kommentar an der Bar, eine Frage zum Bild an der Wand, Feuer für die Dame - und schon sind Sie im Gespräch.

Einer Gruppe gegenüber sind Sie als Gast in der Rolle, um Aufnahme bitten zu müssen. Dazu gehen Sie in einem strategischen Dreierschritt vor:

  1. sich in gerader und offener Haltung annähern,
  2. sich durch Blickkontakt mit dem Gruppenführer (der am meisten / lautesten spricht) bemerkbar machen und
  3. die Gelegenheit einer minimalen Pause nutzen, um ihn und damit die Gruppe in einer Ja-Haltung anzusprechen.

Schon können Sie sich auf die Schulter klopfen; Sie sind drin.

Schwierige Gesprächspartner

Wenn Sie sich in Sprechtempo und Thematik von Ihrem Gegenüber inspirieren lassen, können Sie ohne Mühe die Führung des Gesprächs übernehmen. Egal ob Sie es dann mit einem Schweiger, einem Nörgler oder einem Angeber zu tun haben: Mit ein wenig psychologischem Geschick geleiten Sie das Kommunikations-Boot immer wieder in sicheres Fahrwasser. Denn es ist beim Smalltalk wie beim Segeln. Es kommt nicht darauf an, woher der Wind weht. Es kommt darauf an, wie Sie die Segel setzen.

Aussteigen

Bei größeren Veranstaltungen, als Gastgeber und warum auch immer können / wollen Sie nicht bei einem Gegenüber bleiben. Handelt es sich dabei jedoch um eine einzelne Person, für die Sie sich verantwortlich fühlen, lassen Sie sie nicht allein zurück. Geleiten Sie sie ans Buffet oder an einen anderen passenden Ort. Besser noch: Machen Sie sie mit einer dritten Person bekannt, bevor Sie den Rückzug antreten.

Im beruflichen Umfeld brauchen Sie diese Rücksicht nicht an den Tag zu legen, schon gar nicht als Gast. Auch hier ist wieder ein Dreierschritt die Methode der Wahl:

  1. Würdigen Sie das Gegenüber: "Es war schön, sich mit Ihnen auszutauschen."
  2. Schauen Sie in die Zukunft: "Ich freue mich, wenn wir uns wieder einmal sehen / Ich rufe Sie wie verabredet morgen an".
  3. Konfrontieren Sie mit der Gegenwart: "Und nun sage ich Ihnen: auf Wiedersehen." Das Gehen nicht vergessen.
Elisabeth Bonneau