21.05.2015
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wissen.de Artikel

Erblicher Brustkrebs: Ein Gentest und seine Folgen

Wann ist eine Mastektomie sinnvoll?

Hollywoodstar Angelina Jolie hat es publik gemacht: Brustkrebs kann erblich sein. Das Wissen um das genetische Risiko bringt für betroffene Frauen und ihre Familien eine Reihe von Entscheidungen mit sich.

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. In Deutschland erkrankt etwa jede Zehnte während ihres Lebens an dieser Krebsart. „Zehn Prozent all dieser Karzinome sind auf erbliche Faktoren zurückzuführen“, erklärt Pauline Wimberger, Professorin für Gynäkologie an der Technischen Universität Dresden. Wimberger leitet die gynäkologische Abteilung der Dresdener Uniklinik, die als eines von fünfzehn Zentren in Deutschland Patientinnen mit familiärem Brust- und Eierstockkrebs berät und Gentests durchführt.

 

Gendefekte erhöhen das Erkrankungsrisiko

Frauen erkranken häufiger an Brust- oder Eierstockkrebs, wenn bestimmte Gene, die so genannten BRCA1 und BRCA2 Gene, defekt sind. „Wenn bei einer Frau eine solche Genmutation diagnostiziert wird, liegt das Lebenszeitrisiko, an Brustkrebs zu erkranken zwischen 40 und 90 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, an Eierstockkrebs zu erkranken erhöht sich auf bis zu 60 Prozent, so Pauline Wimberger. „Eine genauere Risikoabschätzung ist anhand des Stammbaums der Frauen möglich“.
 

Bis zu zehnmal so viele Anfragen

Seit der Veröffentlichung von Angelina Jolie stehen in  der gynäkologischen Abteilung der Uniklinik Dresden die Telefone nicht mehr still. „Wie haben etwa zehnmal so viele Anfragen wie vorher“, so die Professorin. „Einerseits ist es positiv, dass das Thema publik wurde“, meint Wimberger. „Andererseits möchte ich vor Hysterie warnen. Nicht jede Frau, in deren Familie Brustkrebs auftritt, hat eine BRCA-Gendefekt. Zudem ist die intensivierte Früherkennung eine gute Alternative zur Brustamputation bei BRCA-Mutationsnachweis“.
Hinweise auf eine Genmutation liegen vor, wenn sich in der Familie Fälle von Brust- oder Eierstockkrebs häufen oder wenn Verwandte besonders jung an einer der beiden Krebsformen erkranken. „Derzeit sind deutschlandweit 4000 Anlageträger mit einer BRCA1 oder BRCA2 Mutation registriert und 17.000 betroffene Familien werden an den spezialisierten Zentren medizinisch und psychologisch betreut“ erklärt die Gynäkologin. All diese Familien mussten sich mit existentiellen Fragen beschäftigen. Was tun, wenn der Gentest positiv ausfällt?
 

Was tun bei einem positiven Gentest?

Tamara Hussong Milagre, 45 Jahre alt und Mutter von zwei Töchtern,  kennt diese Gedanken. In ihrer Familie häufen sich Fälle von Brust- und Eierstockkrebs bei jungen Frauen. Hussong Milagre, selbst Krankenschwester, wurde im Jahr 2008 durch eine Brustkrebspatientin  auf das genetische Risiko der Erkrankung aufmerksam. „Zu dieser Zeit war das Bewusstsein für erblichen Brustkrebs in der Öffentlichkeit kaum vorhanden“. Hussong Milagre ließ sich testen. In den drei Monaten, die zwischen der Blutentnahme und dem Testergebnis vergehen, wurde sie über mögliche Konsequenzen beraten. „Trotzdem fühlte ich mich vor den Kopf gestoßen, als der Test eine BRCA1 Mutation bescheinigte“,  erinnert sich die Krankenschwester. „Die Ärzte schätzten mein Lebenszeitrisiko, an Brustkrebs zu erkranken auf 90 Prozent, das für Eierstockkrebs auf 60 Prozent ein“.
An diesem Punkt ergriff sie, wie sie sagt „die Flucht nach vorn“ und ließ sich Brüste und Eierstöcke entfernen.  Hussong  Milagre beschreibt  die Entscheidung als pragmatisch: „Ich habe den Befund als Zeitbombe empfunden. Die Operation hat mir nichts von meiner Weiblichkeit genommen“.

Frau bei Brustkrebskontrolle
Frau bei Brustkrebskontrolle

Vorsorgliche Brustamputation wird  bislang selten durchgeführt

Bislang entscheiden sich in Deutschland etwa fünf Prozent aller Patientinnen mit einer BRCA-Genmutation für eine Brustamputation, die Tendenz sei jedoch steigend, berichtet Professor Wimberger. Die meistens Frauen  würden ein intensiviertes Früherkennungsprogramm wahrnehmen, um Brustkrebs so früh wie möglich zu entdecken und zu behandeln. „Wenn die Familienplanung abgeschlossen ist, raten wir den Patientinnen allerdings zur Entfernung der Eierstöcke“. Diese Operation senkt nicht nur das Risiko für Eierstockkrebs. "Durch die Absenkung der Hormonspiegel lässt sich auch das Risiko für Brustkrebs etwa um die Hälfte reduzieren", erklärt Wimberger.  
 

Gentest hat auch für die Familie Folgen

Gefragt, ob sie ihre Entscheidung für eine Operation jemals bereut habe, zögert Tamara Hussong Milagre keine Sekunde: Für mich war dieser Weg der richtige“. Seit ihrem Befund engagiert sie sich in einer eigens gegründeten Selbsthilfegruppe, um andere Frauen auf erblichen Brustkrebs aufmerksam zu machen. Hussong Milagre ermutigt Frauen aus Risikofamilien dabei ausdrücklich zum Gentest: „Heutzutage sollte niemand mehr an erblichem Krebs sterben. Erst das Wissen gibt die Möglichkeit  zu einer informierten Entscheidung.“ Dieses Wissen sei schließlich nicht nur für die Frau alleine wertvoll: „Wenn ein Gentest positiv ausfällt bedeutet dies, dass auch andere Verwandte die Mutation geerbt haben könnten“.

Für Pauline Wimberger ist es keine Seltenheit, ganze Familien zu beraten: „Die Mutation kann sowohl vom Vaters als auch von der Mutter vererbt werden. Im Extremfall testen wir bis zu 50 Familienmitglieder“.
Die Töchter von Tamara Hussong Milagre sind sieben und dreizehn Jahre alt. Ob sie den Gendefekt geerbt haben, kann bislang niemand wissen. „Ich werde ihnen raten, den Test zu machen, wenn sie volljährig sind. Entscheiden müssen sie aber selbst“. Seine Gene könne man sich schließlich nicht aussuchen. Die Art und Weise, damit zu leben aber schon.
 

von wissen.de-Autorin Theresia Blattmann, Juli 2013