21.05.2015
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wissen.de Artikel

Gesunder Babybrei

Selbst kochen oder kaufen?

Jedes Kind muss essen, um zu gedeihen. Nun sollte man meinen, dass sich im Laufe der Zeit so etwas wie eine gesellschaftliche Routine beim Übergang von der Muttermilch zur Alltagskost eingespielt hat. Tatsächlich jedoch gibt es alle paar Jahre neue Empfehlungen.

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Mutter bereitet in der Küche Babybrei zu
Derzeit wird jungen Eltern geraten, Kinder in den ersten sechs Lebensmonaten am besten ausschließlich zu stillen. Danach, so die Nationale Stillkommission, solle man schrittweise zufüttern, bis das Kind mit etwa einem Jahr am Familientisch mitessen kann. Doch manchmal klappt es mit dem Stillen nicht so recht, und viele Kinder brauchen schon vor dem 6. Monat Beikost. Immerhin haben Babys einen enormen Energiebedarf. Außerdem sind sie meist sehr neugierig und recken schon vor Ablauf der Halbjahrsfrist die Händchen nach Brot, Obst und Wurst.

 

Brot vor dem ersten Geburtstag? Bis vor wenigen Jahren waren glutenhaltige Nahrungsmittel absolut tabu – galt es doch, drohenden Allergien von vornherein die Basis zu entziehen. Doch seit 2009 empfiehlt die WHO, das Kind möglichst früh mit potentiell allergieauslösenden Stoffen wie Gluten oder tierischem Eiweiß in Kontakt zu bringen, und zwar „unter dem Schutz der Muttermilch“. Das heißt, solange das Kind weiter gestillt wird, kann man es getrost von allem kosten lassen, wonach sein Herz begehrt. Selbst, wenn es sich dabei um ein Leberwurstbrot handelt. „Die meisten Kinder lecken das Brot sowieso nur ab“, so Elke Barkowski, zertifizierte Still- und Laktationsberaterin des internationalen Verbands IBCLC. Den neuesten Empfehlungen der WHO zufolge „braucht man also weder Babygläschen, noch muss man speziellen Brei für Kinder kochen“.

 

„Ein Leben ohne Pürierstab? Undenkbar!“

So viel Freiheit wird vielen frisch gebackenen Müttern und Vätern zu weit gehen. Und Tatsache ist, dass sich weiche Speisen besser essen lassen, solange man kaum Zähne im Mund hat. Stellt sich für die meisten Eltern also weiterhin die Frage: Selber kochen oder Gläschen kaufen? Beides hat Vor- und Nachteile. Wer weder Zeit noch Gelegenheit hat, frisches Gemüse zu kochen und zu pürieren, hat vor meterlangen Regalen die Qual der Wahl und experimentiert zuhause und unterwegs mit diversen Möglichkeiten, das Eingekochte schonend und gleichmäßig aufzuwärmen. Andere gehen selbst in Produktion und können sich ein Leben ohne Pürierstab gar nicht mehr vorstellen.

 

Brei in Würfeln

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Füttern
Praktischerweise gefriert man den selbst hergestellten Gemüsebrei in Eiswürfelbereitern zu handlichen Klötzchen, die man dann nach Bedarf erhitzen und mit anderen Zutaten kombinieren kann. Auch ein Mix aus Gekauftem und Selbstgekochtem kann sinnvoll sein, denn vor allem Fleisch ist in Gläschen oft nur in Spuren enthalten. Dabei haben Babys einen hohen Bedarf an Zink und Eisen, der am effektivsten mit Fleisch gedeckt werden kann. Insofern empfiehlt es sich, Fleischbrei selbst herzustellen. Dazu püriert man entweder weich gekochtes Fleisch. Oder man nimmt rohes Fleisch, das man vor dem Faschieren kurz anfriert – dann lässt es sich besser zerkleinern. Danach mit etwas Wasser durchgaren und einfrieren. Damit das Eisen besser aufgenommen werden kann, sollte die Mahlzeit unbedingt auch Vitamin C enthalten – zu finden in Kartoffeln oder Apfelsaft.

 

Ähnlich verhält es sich bei Vitamin A in Karotten: der Körper kann es in Kombination mit etwas Fett besser aufnehmen, empfehlenswert sind ein paar Tropfen Rapsöl. Das gilt sowohl für gekauften als auch für selbst gekochten Karottenbrei. Überhaupt enthalten Babygläschen oft zu wenig Fett, weshalb die Deutsche Geselllschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, die Zutatenliste genau zu studieren und bei Bedarf einen Teelöffel Öl hinzuzufügen. Salz und Gewürze hingegen sollte man weglassen, ebenso Zucker. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, doch finden sich genau diese Zusätze häufig in Babygläschen, ganz gleich, ob es sich um konventionelle oder alternative Hersteller handelt.

 

Der Siegeszug des Babygläschens

Den Anfang machte die Firma Gerber anno 1928 in den USA, die speziell für Babys püriertes Obst und Gemüse bis 1960 in Konservendosen vertrieb. Angeboten wurden zunächst fünf Sorten: Erbsen, Pflaumen, Karotten, Spinat sowie Rindfleisch-Gemüsesuppe. Auch in Deutschland gab es Babynahrung zunächst in Dosen, bis im Jahr 1959 die erste Babynahrung im Glas auf den Markt kam. Von Anfang an galten die Gläschen als bequem und sicher. Dennoch kommt es immer wieder zu Rückrufaktionen. Mal sind Glasstückchen in den Brei geraten, mal sind zuviele Schadstoffe enthalten. Insbesondere die Innenbeschichtung der Schraubdeckel gilt als problematisch. Lange Zeit enthielt sie den umstrittenen Weichmacher ESBO, viele Hersteller verwenden inzwischen Alternativen oder haben den ESBO-Anteil sowie die Zusammensetzung so geändert, dass es nicht mehr zum Übertritt in fetthaltige Nahrung kommt.

Auch die Belastung mit Furan und Benzol ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Die unerwünschten Stoffe bilden sich, wenn Lebensmittel über längere Zeit hoch erhitzt werden. Bei den namhaften Herstellern werden die Inhaltsstoffe streng geprüft, dennoch fand das Magazin Öko-Test bei der letzten Testreihe im Frühjahr 2013 insbesondere bei Reisbrei zum Selberanrühren zu viel Arsen und Spuren von Mineralöl. Punktabzug gab es außerdem für unsinnige oder gar irreführende Aufdrucke, auch wenn der Zusatz „lt. Gesetz“ dabeisteht. Denn was laut Gesetz verboten ist, muss man nicht extra dazuschreiben. Geradezu irreführend ist der Aufdruck „ohne Verdickungsmittel“, wenn Reismehl enthalten ist, weil es Wasser bindet und genau deshalb eingesetzt wird.

 

Auf den Nitratgehalt achten

Andererseits kann auch Selbstgekochtes Schadstoffe enthalten, etwa wenn Lebensmittel unhygienisch gelagert und verarbeitet werden oder wenn zum Beispiel nitratreiches Gemüse verwendet wird. Nitrat kann im Körper in Nitrit verwandelt werden und den Sauerstofftransport im Blut verringern, was insbesondere für Säuglinge und Kleinkinder lebensgefährlich werden kann. Außerdem kann Nitrit in Verbindung mit Aminen potentiell krebserregende Nitrosamine bilden. Babygläschen werden deshalb auf den Nitratgehalt überprüft, wer selber kocht, sollte unbedingt die einschlägigen Empfehlungen beachten. Wertvolle Tipps bekommt man auch von zertifizierten Stillberaterinnen des Verbands IBCLC, die immer auf dem neuesten Stand sind. Vor lauter Vorschriften, Ratschlägen und Sorgen um das Kindeswohl sollte man jedoch eines nicht vergessen: die Freude am Essen. Und die bringen die meisten Kinder von Natur aus mit auf die Welt.

 

LINKS

Infoblatt Beikost 2013 vom Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen IBCLC e. V. (BDL)

Deutsche Geselllschaft für Ernährung (DGE): Aktuelle Ernährungsempfehlungen aus der S3 Leitlinie Allergieprävention, 30.04.2009

Nationale Stillkommission: Empfehlungen zur Stilldauer - Einführung von Beikost

von wissen.de-Autorin Katja Schmid, Oktober 2013