21.05.2015
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Die Anatomie des Amokläufers – Was treibt Menschen zu solchen Taten?

Schüsse, Blut, Tote und Verletzte – vor fast genau 16 Jahren sorgte der Amoklauf an der Columbine Highschool in den USA für weltweites Entsetzen. Auch an deutschen Schulen gab es seither ähnliche Ereignisse. Scheinbar aus heiterem Himmel werden dabei ganz normale Jugendliche zu erbarmungslosen Gewalttätern. Aber warum? Was bringt einen Menschen zu einer solchen Tat? Und lassen sich solche Amokläufe verhindern?

Kerzen und Gedenkschreiben von Schülern der Albertville-Realschule in Winnenden.
Kerzen und Gedenkschreiben von Schülern der Albertville-Realschule in Winnenden.

Es ist der Vormittag des 11. März 2009 – für die Schüler der Albertville-Realschule in Winnenden ein scheinbar ganz normaler Schultag. Doch dann geschieht das Unfassbare: Der 17-jährige Tim Kretschmer, ein ehemaliger Schüler der Schule, betritt das Gebäude und zieht eine Waffe. Um sich schießend läuft er durch zwei Klassenräume und einen Chemiesaal, auf seiner Flucht schießt er weitere Menschen nieder. Stunden später wird er von der Polizei gestellt und tötet sich selbst, bevor er festgenommen werden kann. Am Ende sind 15 Menschen tot, elf weitere verletzt.

Kein Einzelfall

Der Amoklauf von Winnenden ist bei weitem nicht der einzige. Wenige Monate später kommt es einer Schule in Ansbach zu einem weiteren Amoklauf, und auch in Skandinavien und den USA werden immer wieder Jugendliche und junge Erwachsenen scheinbar aus heiterem Himmel zu Gewalttätern. Sie schießen Mitschüler nieder, attackieren Kinogänger oder Menschen im Supermarkt. Aber warum?

Genau diese Frage erforscht auch der Saarbrücker Aggressions-Forscher Christoph Paulus. Er hat dafür  hunderte Daten zu Amokläufen zusammengetragen. Er analysiert die Taten, die Täter und ihr Umfeld, sucht in den Daten mit statistischen Methoden nach Übereinstimmungen, typischen Abläufen und Mustern. Sein Ziel ist es, potenzielle Täter und die konkrete Gefahr rechtzeitiger zu erkennen und so Amokläufe verhindern zu können.

Was haben die Täter gemeinsam?

Aber geht das? Tatsächlich gibt es bestimmte Merkmale und Muster, die bei allen Amokläufen teils bis ins Detail übereinstimmen, wie der Forscher erklärt. Typisch für die Täter ist demnach eine aggressive, gewaltbereite Grundhaltung – die aber nicht immer nach außen hin sofort erkennbar sein muss. Hinzu kommen vor allem bei älteren Erwachsenen ein geringes Selbstbewusstsein und eine niedrige Frustrationstoleranz. Gibt es dann familiäre oder andere Probleme, dann wird die Umwelt schnell als Bedrohung wahrgenommen.

Von außen betrachtet sind die Täter oft Außenseiter, haben wenige oder keine Freunde, gehören zu keiner Clique oder Gruppierung. „Aber oft schließt nicht die Gruppe den Einzelnen aus, sondern es ist genau umgekehrt: Sie isolieren sich selbst, weil sie nicht dazugehören wollen, etwa weil sie sich der Gruppe überlegen fühlen“, sagt der Gewalt-Forscher. "Also nicht alle gegen einen, sondern einer gegen alle." Der Amokläufer sondert sich selbst ab und baut dabei immer mehr Groll gegen "die Anderen" auf.

Wut ist die Triebkraft

Was aber bringt einen Menschen, selbst mit einer solchen Grundhaltung dazu, dann tatsächlich zum Gewalttäter zu werden? Die Motivation des Amokläufers ist vor allem Wut. „Sie begehen ihre Taten aus einer unbändigen Wut heraus auf eine nicht greifbare Gruppe: etwa die Schule, die Lehrer, die Schüler“, erklärt Paulus. Kommt dann auch noch ein gesteigertes Interesse an Waffen hinzu und die Möglichkeit an Waffen zu gelangen, wird es gefährlich.

„Die bisherigen Auswertungen haben zudem gezeigt, dass bei allen untersuchten Amokläufern eine paranoide oder narzisstische Persönlichkeitsstörung vorlag“, sagt Paulus. „Eine solche Persönlichkeitsstörung kann therapiert werden. In allen Phasen vor dem Amoklauf kann die Spirale unterbrochen werden, entscheidend ist, das Gefährdungspotenzial zu erkennen.“

Es geschieht nicht von heute auf morgen

Auch wenn ein Amoklauf meist scheinbar aus heiterem Himmel geschieht, er bahnt sich schon lange im Vorhinein an, wie Paulus erklärt. Lange vor der Tat durchlaufen die späteren Täter in ihrem Verhalten typische Stadien. „Es ist ein Prozess, der sich über Jahre hinzieht“, sagt der Forscher. Die potenziellen Täter empfinden Kritik oder Ablehnung immer stärker als schwere persönliche Niederlage, die Umwelt nimmt immer bedrohlichere Züge an.

Als Folge verdunkelt sich ihre Sichtweise der Welt zunehmend, der Täter durchläuft Phasen des Grübelns. „Auf Frust- und Trauerphasen folgen depressive Zustände. Irgendwann schlägt Trauer in Ärger, dann in Wut um, die sich zunehmend steigert und denen er nichts entgegenzusetzen hat, weil Handlungsalternativen für ihn fehlen“, sagt Paulus.

Amoklauf mit Vorankündigung

Die Täter kündigen oder deuten ihre Taten sogar oft an, meist innerhalb einer bestimmten Gruppe. „Diese Äußerungen, so genannte Leakings, werden dann aber fatalerweise nicht ernst genommen", erklärt der Forscher. Doch das sei ein Fehler. Ein Alarmsignal ist es beispielsweise, wenn sich im Internet oder sozialen Netzwerken typische Sätze finden wie etwa: "Von mir werdet ihr noch hören. Meine Trauer schlägt in Wut um."

Das kann ein Anzeichen dafür sein, dass der Schreiber dieser Sätze einen Amoklauf plant oder zumindest auf dem Weg sein könnte, zu einem Amokläufer zu werden. "Dann sollte man umgehend die Polizei informieren, die den Fall überprüft. Lieber einmal zu viel warnen, als die Chance zu verpassen, den Amoklauf zu verhindern“, rät Paulus. Der Forscher ist zurzeit dabei, feinmaschige Kriterien herausarbeiten, anhand derer das Gefährdungspotenzial der möglichen Täter in einem frühen Stadium beurteilt werden kann. Mit ihrer Hilfe können dann zum Beispiel Amokdrohungen darauf überprüft werden, ob es sich um eine ernsthafte Bedrohung oder nur Scheindrohungen eines Trittbrettfahrers handelt.

Was kann man tun?

Dennoch: Solche Kriterien können zwar dabei helfen, Amokläufer rechtzeitig aufzuhalten. Eine viel dringendere Frage wäre aber, was sich in der Gesellschaft ändern muss, damit es gar nicht erst so weit kommt. Was kann getan werden, damit Jugendliche und junge Erwachsene gar nicht erst in den Teufelskreis von Wut, Isolation und psychischen Problemen hineinrutschen?

Die Erkenntnisse von Amokforschern wie Paulus sind hier nur ein erster Schritt, denn sie zeigen, wozu es nicht kommen darf und auch, wo man vielleicht frühzeitig ansetzen könnte. Seit dem Amoklauf von Winnenden hat sich allerdings nur ein wenig getan. Zwar gibt es jetzt an einigen Schulen verschärfte Sicherheit und mehr Psychologen und Sozialarbeiter. Keine Einigung gibt es aber noch bei der Frage, wie der Zugang zu Waffen künftig besser verhindert werden kann.

NPO / Universität des Saarlandes