21.05.2015
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Die unterschätzten Alleskönner - Heilkräuter aus der Apotheke der Natur

Im Zweifel glauben wir an die Heilkraft der Natur: Zum Auskurieren einer Erkältung vertrauen die Deutschen am ehesten auf Hühnersuppe und Kräutertees, wie kürzlich eine Umfrage ergab. Immerhin gut zwei Drittel der Menschen bevorzugen demnach klassische Hausmittel wie Heilkräuter; Medikamente aus der Apotheke dagegen benutzen nur gut die Hälfte. Doch wirken Heilkräuter tatsächlich, oder ist das alles nur Wunschdenken?

Die medizinische Wirkung von Pflanzen ist sogar Tieren bekannt: Kaninchen, Schafe, Menschenaffen, diverse Arten von Insekten - sie alle benutzen von ihren Eltern erlerntes oder genetisch ererbtes Wissen, um sich in der Apotheke der Natur zu bedienen und selbst zu heilen. Heilpflanzen wurden vermutlich schon von Vorläufern des Homo sapiens genutzt. Der Mann vom Tisenjoch, besser bekannt als Ötzi, die über 5.000 Jahre alte Gletschermumie aus der Jungsteinzeit, führte Birkenporlinge mit sich; vermutlich als Heilmittel.

Schon im Altertum

Auch Schriften babylonischer, altägyptischer, indischer und chinesischer Gelehrter berichten über die heilende Wirkung verschiedener Pflanzen, sogar über den ausdrücklichen Anbau von Heilkräutern. Der griechische Arzt Pedanios Dioskurides beschrieb vor 2.000 Jahren zahlreiche Heilpflanzen und ihre Anwendungen, ebenso wie der römische Gelehrte Plinius der Ältere. Tausend Jahre alte Medizinbücher des Orients berichten über den Zusammenhang zwischen Nahrung und Arznei.

Kräutergarten des Klosters Mariensee bei Hannover
Im 20. Jahrhundert rekonstruiert - Kräutergarten des Klosters Mariensee bei Hannover.

Im Mittelalter bauten Klostermönche überall in Europa Heilpflanzen an. Der spanisch-arabische Botaniker Abu Muhamed beschrieb im 13. Jahrhundert über 1.400 pflanzliche Heilmittel und Rezepturen. Der deutsche Mediziner Leonard Fuchs veröffentlichte 1543 mit dem New Kreüterbuch eines der wichtigsten Kräuterbücher in deutscher Sprache, in dem er hunderte von europäischen und exotischen Arzneipflanzen und ihre Wirkung beschreibt.

Nachgewiesene Wirksamkeit

Auch heute noch werden Heilkräuter in Rahmen der Phytotherapie, der modernen Pflanzenheilkunde, verwendet. Ihre Bedeutung für die moderne Medizin ist durch die Entwicklung von chemisch synthetisierten Wirkstoffen zwar stark zurückgegangen. Doch viele Arzneistoffe werden auch heute direkt aus Pflanzen hergestellt oder doch zumindest naturident - mit gleicher chemischer Struktur wie der in Pflanzen vorliegende Wirkstoff - synthetisiert.

Einige der traditionellen Heilpflanzen werden heute allerdings nicht mehr verwendet – zum Teil wegen inzwischen erkannter schwerer Nebenwirkungen. Andere sind wirkungslos, oder durch besser wirksame synthetische Medikamente überholt. Bei vielen Heilpflanzen ist jedoch die Wirksamkeit noch nicht untersucht, da es an kommerziellem Interesse mangelt.

Beliebte Hausmittel

Aber auch jenseits der Schulmedizin oder fertiger Präparate aus der Apotheke können Heilkräuter durchaus helfen. Thymian, Salbei, Huflattich und Co sind daher als Hausmittel beliebt. Gerade bei Viruserkrankungen wie einem Schnupfen oder einer Erkältung helfen Medikamente ohnehin nicht viel. Die sanfte Wirkung der Heilkräuter kann aber dazu beitragen, den Körper und das Immunsystem bei ihrem Kampf gegen die Krankheitserreger zu stärken. Auch Symptome wie Husten, Heiserkeit oder Halsschmerzen können Kräutertees oder Tinkturen durchaus lindern.

Dass viele Menschen auf solche Hausmittel vertrauen, zeigte erst kürzlich eine Umfrage von erkaeltet.info und Forsa: Demnach greifen 76 Prozent der Deutschen auf Kräutertees, Inhalationen oder auch die gute alte Hühnersuppe zurück. Generell tendieren dabei Frauen eher als Männer zu den natürlichen bzw. schonenden Heilungsverfahren.

Hochwirksame Inhaltsstoffe

Heilpflanzen verfügen über ein breites Spektrum an Wirkstoffen. Gerbstoffe wirken beispielsweise adstringierend: Sie ziehen Schleimhäute und Gewebe zusammen. Das hilft bei Geschwüren, Verbrennungen und Entzündungen. Bitterstoffe regen die Verdauung an und wirken so vorwiegend im Magen-, Darm- Leber- und Gallebereich. Diese bittere Wirkung machen sich auch die Magenbitter zunutze, die gerne nach schwerem Essen getrunken werden. Schleimstoffe haben dagegen eine erweichende, reizmildernde und einhüllende Wirkung: Mit ihnen kann man Reizhusten, Halsschmerzen, Magen-Darm-Kartharren und manchen Wunden begegnen.

Zu den wirksamsten Pflanzenstoffen gehören Alkaloide und ätherische Öle. Beide können eine Vielzahl sehr unterschiedlicher, und zum Teil recht starker Heilwirkungen haben. Bei den Alkaloiden handelt es sich um spezifische Abbauprodukte der jeweiligen Pflanze. Sie können stark heilsam bis hin zu tödlich sein.

Glyskoside sind eine ganze Gruppe von hochwirksamen Zuckerverbindungen. Zu ihnen zählen Saponine, die früher gerne als Seifenersatz verwendet wurden. Sie wirken schleimhautreizend und eignen sich daher als Brechmittel und Diuretikum. Außerdem beschleunigen sie die Aufnahme anderer Wirkstoffe und sind daher als Beigabe in Mischtees beliebt. Flavone – Farbstoffe – wirken recht unterschiedlich. Einige unterstützen die Wirkung des Vitamins C, andere wirken auf Herz, Kreislauf und Leber, wieder andere haben diuretische, gefäßerweiternde und blutdrucksenkende Wirkung.

Aus dem Internet oder dem eigenen Garten

Heilkräuter sind keineswegs exotische Pflanzen, die es bei uns ohnehin nicht gibt – im Gegenteil: In Deutschland kann man eine Vielzahl von heimischen und exotischen Heilkräutern sogar in der Gemüse- oder Gewürzabteilung der meisten Supermarktketten finden. Denn selbst alltägliche Gewürze wie Thymian, Rosmarin oder Salbei sind Heilkräuter, deren ätherische Öle eine medizinische Wirkung entfalten. Gut geführte Reformhäuser, Apotheken und Online-Shops bieten eine noch größere Auswahl.

Eine Alternative ist der eigene Kräutergarten: In einem Gartenbeet, auf dem Balkon, oder sogar auf der Fensterbank lassen sich viele Kräuter problemlos heranziehen. Doch wer in Pflanzenkunde etwas bewandert ist, der kann auch viele wildwachsende Heilpflanzen auf Wiesen und Feldern, an Wegen und Straßen oder im Wald sammeln. Für fünf heimische Heilkräuter beginnt jetzt im Mai die beste  „Erntezeit“.

Spitzwegerich
Spitzwegerich (Plantago lanceolata)

Spitzwegerich: Der König am Wegesrand

Schlangenzunge, Siebenrippe, Lungenblattl, Aderkraut, Heufressa – dies sind nur einige der vielen Namen, die der Volksmund für den Spitzwegerich hat. Sein Name stammt aus dem Althochdeutschen (wega = Weg, rih = König). Die Germanen nannten ihn Läkeblad (Heilblatt), doch die medizinische Geschichte der Heilpflanze geht bis in die Antike zurück: Schon dort diente er als Hustenmittel und zur Wundbehandlung. Im Mittelalter war er in ganz Europa bekannt und selbst in Shakespeares Werken wird er erwähnt.

Der Spitzwegerich hat eine eindrucksvolle Menge an Fähigkeiten: Er wirkt unter anderem antibakteriell, blutreinigend, entzündungshemmend und schleimlösend. Das Glykosid Aucubin ist zudem ein natürliches Antibiotikum und die adstringierenden Gerbstoffe wirken blutstillend und heilend. Der Spitzwegerich ist daher ein gutes Mittel gegen Husten, Bronchitis oder Halsentzündungen. Durch die einhüllende Wirkung der Schleimstoffe und der Glykoside wirkt die Heilpflanze reizmildernd und hustenlösend. Darüber hinaus hat sie aber auch gute Fähigkeiten bei der Wundheilung: Bei leichten Verletzungen oder Insektenstichen einfach die Blätter zerreiben und auf die betroffenen Stellen geben – das desinfiziert und stoppt die Blutung.

Weiße Taubnessel (Lamium album)
Weiße Taubnessel (Lamium album)

Taubnessel: Nützliche weiße Blüten

Die Weiße Taubnessel findet man oft in Gesellschaft ihrer aggressiven „Schwester“, der großen Brennnessel. Entgegen dem äußeren Anschein sind die beiden Pflanzenarten jedoch nicht miteinander verwandt. Die auch „Kuckucksnessel“ genannte Taubnessel wird mindestens seit dem späten Mittelalter als Heilpflanze verwendet. Die Pflanzenheilkundigen dieser Zeit benutzten ihre in Wein gekochten Wurzeln gegen Nierensteine und ihr getrocknetes und gepulvertes Kraut zum Heilen von eitrigen Wunden.

In der modernen Pflanzenheilkunde spielt die Weiße Taubnessel kaum noch eine Rolle. Doch zumindest für ihre Blüten wurden bekannte und wirksame Inhaltsstoffe nachgewiesen: unter anderem blutstillende Gerbstoffe, schleimlösende Saponine und ätherische Öle, die eine krampflösende Wirkung haben.

Schlüsselblume (Primula veris)
Schlüsselblume (Primula veris)

Mit dem Himmelsschlüssel gegen Entzündungen

Unzählige Sagen ranken sich um die leuchtend gelb blühende Pflanze, die als „Himmelsschlüssel“ meist zu verborgenen Schätzen führt. Aus dem Garten der Göttin Freya, Venus oder Aphrodite soll die Schlüsselblume stammen. Später wurden die Attribute der himmlischen Pflanze dann St. Petrus gutgeschrieben, der ja bekanntlich das Tor zum Himmel bewacht. Hildegard von Bingen schrieb, die Pflanze hätte alle Kraft der Sonne, und die Macht Melancholie zu vertreiben. Andere mittelalterliche Autoren empfehlen sie gegen Gicht und Lähmungen, zur Wundbehandlung und Stärkung des Herzens.

Heute werden die Blüten und Wurzeln der Heilpflanze bei entzündeten Atemwegen angewandt. Die Saponine, Flavone und ätherischen Öle haben schleimlösende Wirkung, und können Entzündungen hemmen und Krämpfe lösen. Manche Menschen können allerdings auch mit Magenschmerzen und Übelkeit reagieren. Leider ist die Schlüsselblume in den letzten Jahrzehnten sehr selten geworden. Deshalb steht sie auch unter Naturschutz und darf nicht gesammelt werden. Allerdings lässt sie sich problemlos im eigenen Garten anbauen. Dann darf man sie auch ernten.

Brunnenkresse (Nasturtium officinale)
Brunnenkresse (Nasturtium officinale)

Brunnenkresse für Vitamin C

Die Brunnenkresse wächst wild an Quellen und Bächen und wird gerne mit ihrem entfernten Cousin, dem bitteren Schaumkraut, verwechselt. Schon in der Antike war die Brunnenkresse eine beliebte Heil- und Gewürzpflanze: Der griechische Arzt Dioskurides empfahl sie für ihre harntreibende Wirkung. Karl der Große gebot ihren Anbau in den Gärten des Frankenreichs, und auch in den klösterlichen Heilpflanzengärten des Mittelalters durfte Brunnenkresse nicht fehlen. Nach einer Legende schenkt die Pflanze müden Wanderern, die bei Vollmond um die Quelle tanzen und von der Brunnenkresse essen, schöne Träume.

Die nachweislichen medizinischen Wirkungen lassen sich knapp zusammenfassen: Linderung bei Entzündungen der Atemwege. Ihre wichtigsten Inhaltsstoffe nach heutigen Erkenntnissen sind Vitamin C und ätherische Öle. Doch ihre Hauptanwendung in der heutigen Zeit ist in Wildsalaten und Kräuterquarks. In dieser Form hilft sie gegen Frühjahrsmüdigkeit und Vitaminmangel.

Huflattich (Tussilago farfara)
Huflattich (Tussilago farfara)

Huflattich: „Schuttpflanze“ für gesunde Atemwege

Er wächst gerne gleich neben Straße, in Kiesgruben, sogar auf Baustellen. Der Huflattich kann sogar auf reiner Braunkohle wachsen und ist damit einzigartig. Sein lateinischer Name „Tussilago“ kann sinngemäß mit Hustenvertreiber übersetzt werden. In der Antike wurde er von arabischen, griechischen und römischen Ärzte gleichermaßen als wirksames Arzneimittel gegen Husten geschätzt, und im 11. Jahrhundert schrieb Hildegard von Bingen über die hustenlindernde Wirkung der kleinen Pflanze.

Auch heute gilt der Huflattich noch als eine der bedeutendsten Heilpflanzen gegen Hustenreiz. Seine Wirkstoffe befinden in den Blättern und heißen in der medizinischen Fachsprache Farfarae folium. Die Schleimstoffe, Gerbstoffe und Flavonoide wirken reizmildernd, schleimlösend, entzündungshemmend und antibakteriell.  Trotz seiner vielen Fähigkeiten ist der Huflattich aber mit Vorsicht zu genießen. Seine in Spuren vorhandenen toxischen Inhaltsstoffe, die Pyrrolizidin-Alkaloide, stehen im Verdacht die Leber zu schädigen und cancerogen zu sein. Deshalb sollte selbstgesammelter Huflattich nicht länger als vier bis sechs Wochen pro Jahr eingenommen werden.

Eine sinnvolle Ergänzung

Heilkräuter werden in Deutschland und Westeuropa immer beliebter. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Viele Menschen suchen nach einem Ausgleich zu ihrem hektischen und technisierten Alltagsleben.

Heilpflanzen können allerdings weder Penicillin noch einen Besuch beim Arzt ersetzen: Eine sinnvolle Behandlung von ernsthaften Erkrankungen setzt eine gute schulmedizinische Diagnostik voraus. Doch gerade bei leichteren Erkrankungen oder bei chronischen Beschwerden vertrauen viele Menschen – oft zusätzlich – auf die Jahrtausende alte Tradition der Pflanzenheilkunde. Diese kann die klassische Medizin ergänzen. Und zum Auskurieren einer Erkältung ist sie oft die beste Alternative.

Mehr Informationen zu Erkältungen und Hausmitteln gibt es auf erkaeltet.info

RPA, 07.05.2015