10.08.2015
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Das Neidproblem: Machen uns Facebook und Co unglücklicher?

Es passiert ganz schnell: Man sieht ein Bild auf Facebook – von einer schönen Person, einem exotischen Urlaub oder einem aufregenden Leben. Soziale Netzwerke geben uns Einblicke in die Privatsphäre von anderen und die macht uns allzu oft rasend vor Neid. Da ist der Frust vorprogrammiert – wichtig ist, ob er Antrieb oder Bremse wird.

Ausschnitt aus den Giotto-Fresken in der Scrovegni-Kapelle zu Padua
Neid - eine der Sieben Todsünden der katholischen Kirche

Ausschnitt aus einem spätmittelaletrlichen Freskenzyklus des italienischen Malers Giotto.

Neid gibt es wahrscheinlich schon, seit es Menschen gibt. Auch in der Schöpfungsgeschichte der Bibel taucht er schon ganz am Anfang auf: Bereits bei Adam und Eva verursachte er Ärger im Paradies. Als Kain Abel aus Neid erschlägt, beging er damit zwei der sieben Todsünden. „Neid und Eifersucht sind die Schamteile der menschlichen Seele“, wusste auch Nietzsche. Zu Recht: Neid ist eine hässliche Angelegenheit. Er kann als kleiner Tumor entstehen und sich langsam durch unsere Seele fressen, bis er uns hässlich, blind und gierig macht, wie in Giottos Gemälde „Invidia“ dargestellt. Unsere eigene Welt wird nur noch am Mangel definiert und unsere Gedanken drehen sich im Konjunktiv in einer Abwärtsspirale.

Facebook und Co als Quelle des Neids

Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Instagram bieten sich geradezu an, nach dem zu schielen, was andere besitzen, können oder erreicht haben. Und auf den ersten Blick gibt es auch reichlich Grund für Neid: Andere haben mehr Freunde, haben mehr Geld und bekommen mehr Geburtstagswünsche.

Unsere virtuellen "Freunde" berichten von steilen Karrieren mit Praktika in Schanghai und New York, Weltreisen nach Kuala Lumpur und Machu Picchu und prahlen mit ihren Erfolgen bei der Weltmeisterschaft in Schießmichtot. Was aber machen diese Berichte und Posts mit uns – den "Normalos"? Führt dies nicht dazu, dass wir uns und unser Leben plötzlich eher ärmlich und langweilig finden?

Social Media Icons auf Bildschirm
Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Instagram laden zu sozialen Vergleichen ein.

Mehr Frust im sozialen Netzwerk

Forscher der Humboldt-Universität Berlin und der Technischen Universität Darmstadt haben diesen Effekt genauer untersucht. Und tatsächlich stellten sie fest, dass soziale Netzwerke gerade bei passiven Nutzern zu Frustration führen können. So gaben etwa 30 Prozent der Teilnehmer an, dass sie durch Neid zu negativen Gefühlen verleitet werden. "Neid kann in sozialen Netzwerken wuchern und durch passives Verfolgen noch intensiviert werden", schreiben die Forscher. Das heißt, dass gerade Nutzer, die selbst wenig von ihrem Leben veröffentlichen, sich von den Posts ihrer Freunde beeinflussen lassen.

Facebook und Co werden dabei zu Referenzgruppen, die einen ganz neuen Standard einführen und zur Norm machen, was im wahren Leben eher zur Seltenheit gehört. Der Superlativ von früher wird zum heutigen Komparativ, an dem wir uns zu jeder Zeit messen. Je öfter wir das tun, desto mehr hat es Auswirkung auf unsere Zufriedenheit.

Mehr Möglichkeiten – mehr Druck

Ein Problem unserer heutigen Zeit, das damit Hand in Hand geht, ist: Jeder kann - Jeder muss. Weil uns unsere heutige Gesellschaft vermittelt, dass im Prinzip alles erreichbar ist, wenn man es nur will, wächst auch der Druck. Einfach nur "normal" oder durchschnittlich reicht nicht mehr. Und je mehr wir bei anderen sehen, was möglich ist, desto mehr fühlen wir uns genötigt, mitzuhalten. "Sind wir eine Neidgesellschaft?" haben denn auch Rolf Haubl von der Goethe-Universität Frankfurt und Elmar Brähler, damals der Universität Leipzig, in einer Studie im Jahr 2009 gefragt. Ihr Fazit: Ja, sind wir – aber im doppelten Sinne: Neidisch, weil andere uns neidisch machen und auch wir selbst den Neid wecken.

Zudem haben Forscher der University of Warwick herausgefunden, dass die Zufriedenheit ab einem Pro-Kopf-Einkommen von 26.500 Euro pro Jahr sogar abnimmt. "Höhere Durchschnittseinkommen führen auch zu höheren Erwartungen: Wenn wir überall um uns herum Wohlstand und Chancen sehen, wollen wir mithalten", erklärt der Studienleiter und stellt heraus, dass gerade die Erfolge anderer uns in ein schlechtes Licht stellen.

Guter Neid, böser Neid

Neid ist aber nicht nur schlecht, er kann auch zu einem Antrieb werden und damit sogar Gutes bewirken. Die entscheidende Frage ist, was der Neid bei uns bewirkt: Löst er Resignation aus und damit Frust oder motiviert er uns vielleicht dazu, etwas zum Besseren verändern.

Das betonen auch die Neidforscher Haubl und Brähler: Neid ist nicht gleich Neid. Denn dieses Gefühl kann in vier weitere Emotionen münden: Ärger, Traurigkeit, Bewunderung und Benachteiligung. „Dem Neid geht immer ein sozialer Vergleich voraus, bei dem diejenigen, die schlechter abschneiden, die Verteilung der Gewinne nicht hinnehmen, sondern zu korrigieren suchen“, sagen die Forscher. „Und dazu wählen Menschen ganz unterschiedliche Wege.“ Wichtig ist, ob wir aus dem schlechten Gefühl einen Antrieb zum Guten machen.

Neid ist nicht rational oder logisch

Dass jeder sich in sozialen Netzwerken nur so präsentiert, dass er bestmöglich dasteht, ist uns eigentlich bewusst. Dass jemand, der in der Welt unterwegs ist, manchmal einsam ist, und dass ein Job in einer fremden Kultur schwer sein kann, bekommen wir oft nicht mit – denn das wird seltener gepostet als die schönen Bilder aus der Ferne. Oft lassen wir uns von dem Strom der Neider mitreißen und vergessen, dass uns so ein Praktikum in Schanghai oder die Besteigung irgendwelcher alten Tempel in Machu Picchu eigentlich gar nicht glücklich machen würde. Eigentlich ist es meistens gut so, wie es ist.

MAH