27.07.2015
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wissen.de Artikel

Warum Kinderlebensmittel ungesund sind – und wie man Kindern Gesundes nahebringt

Gesundes Essen ist gerade für Kinder wichtig. Aber ausgerechnet sie wehren sich oft hartnäckig gegen Obst, Gemüse oder Produkte mit weniger Zucker. Und auch im Supermarkt greifen sie gezielt zu den süßesten Joghurts oder zu Schokoriegeln. Doch das liegt meist gar nicht am Geschmack – die raffiniert lockende Verpackung weckt bei den Kindern die Esslust. Das aber ließe sich auch für Gesundes ausnutzen.

Müsli-Variante mit untergemischten Süßigkeiten
Die sogenannten Kinder-Lebensmittel, vor allem süße Cerealien, sind fast immer überzuckert und eher ungesund.

Ob die Bärchenwurst, die mit bunten Comicfiguren verzierten Frühstücksflocken oder der Kinder-Fruchtquark – speziell für Kinder hergestellte Lebensmittel haben Konjunktur. Kein Wunder: Die Eltern werden in der Werbung mit vermeintlich besonders kindgerechten Inhaltsstoffen wie Vitaminen, Kalzium und Co geködert, die Kinder lassen sich von den bunten Verpackungen, den Spielzeug-Beigaben oder den niedlichen Figuren locken.

Kinder-Lebensmittel? Lieber nicht

Dummerweise aber halten die Kinderprodukte keineswegs, was sie versprechen – ganz im Gegenteil. Denn die Mehrzahl dieser Produkte enthalten besonders viel Zucker oder Fett und gehören eher zum Junkfood als in die Sparte gesunde Ernährung. Zudem ist auch der Vitaminzusatz eher bedenklich. Denn bei vielen Vitaminen kann ein Übermaß schaden. Ernährungsexperten empfehlen daher, Kindern lieber das zu geben, was auch die Erwachsenen essen – meist ist das gesünder.

Klar, ab und zu ist der Kinderriegel oder die Bärchenwurst kein Problem. Doch wenn Kinder-Lebensmittel regelmäßig auf dem Speiseplan stehen, dann hat das Folgen, wie schon vor mehr als zehn Jahren eine Studie der Stiftung Wartentest ergab: Ernährt sich ein Schulkind beispielsweise einen Tag lang nur solchen Kinderprodukten, dann nimmt es die fünffache Zuckermenge und fast das Doppelte an Fett auf, als wenn es das gleiche über normale Lebensmittel oder sogar selbst Zubereitetes würde.

Tipps zur gesunden Kinder-Ernährung

  1. Lassen Sie sich nicht von den Werbeaussagen beirren, sondern prüfen Sie selbst, was das Produkt enthält.
  2. Kinder-Lebensmittel eignen sich nicht als regelmäßige Zwischenmahlzeit. Sie sollten nur eine Ausnahme in der Ernährung des Kindes darstellen.
  3. Ein Nachtisch oder eine Zwischenmahlzeit aus Milchprodukten und Obst kann schnell selbst hergestellt werden und ist zudem preiswerter als fertige Fruchtjoghurts. Auch das Müsli am morgen lieber selbst süßen als auf die übersüßten Kinderprodukte zurückzugreifen.
  4. Statt fertiger Limonaden sind Saftschorlen, Tees oder Wasser gesünder, weil weniger zuckerhaltig. Auch Light-Getränkte sollten vermieden werden, denn sie stehen ebenfalls im Verdacht, Übergewicht zu fördern.
  5. Auch die Kinderwurst enthält viel Fett und Zucker. Daher sollte auch sie nicht täglich auf dem Speiseplan zu finden sein.

 

Verlockende Verpackung

Viele Eltern entgegen dem, dass sie es kaum schaffen, ihren Kindern die so verlockenden Produkte auszureden. Denn die perfekte PR-Maschine und das raffiniert kindgerechte Produktdesign sorgen dafür, dass diese Leckereien für den Nachwuchs geradezu unwiderstehlich sind.  Kein Wunder also, dass die Kinder in Deutschland heute zwar mehr als das Doppelte der empfohlene Menge an Süßigkeiten oder Limonaden konsumieren, aber nur halb so viel Obst und Gemüse essen, wie für sie gesund wäre.

"Die Süßigkeitenindustrie hat sehr viel Erfahrung damit, wie sich mit Marketingeffekten der Produktabsatz bei Kindern steigern lässt", sagt Bernd Weber von der Universität Bonn. "Vergleichsweise gibt es aber nur wenige Erkenntnisse darüber, wie sich solche Marketingeffekte für gesunde Lebensmittel nutzen lassen." Das wollten die Forscher ändern und haben mit knapp 180 Dortmunder Grundschulkindern ein Experiment durchgeführt.

Das Experiment: Drei Verpackungen – ein Produkt

Im Experiment konnten die Acht- bis Zehnjährigen zwischen drei Joghurt-Früchtemüsli-Snacks wählen, die unterschiedlich verpackt waren: Der erste in einer schlichten Standardverpackung, der zweite in einer Verpackung mit zusätzlichen Gesundheitshinweisen und der dritte in einer Verpackung, die mit für Kinder besonders attraktiven Zeichentrickfiguren geschmückt war. Was die Kinder nicht wussten: In allen drei Verpackungen steckte der gleiche Snack.

Für die Auswertung erfassten sich die Forscher nicht nur die jeweilige Wahl der Kinder: Sie registrierten zusätzlich auch mit einem speziellen Messgerät, mit wie viel Kraft die Kinder ihre "Beute" umklammerten, wenn sie sie an sich nahmen. "Wir konnten mit diesem Handdynamometer ablesen, wieviel Anstrengung die Kinder bereit waren, für das Produkt zu leisten“, erläutert Laura Enax von der Universität Bonn. Anschließend durften die Kinder die Snacks kosten und angeben, wie gut ihnen der Müsli-Joghurt schmeckte.

Die Verpackung bestimmt den Geschmack

Das Ergebnis: Wie erwartet, griffen die meisten Kinder zu den Snacks mit den Zeichentrickfiguren.

Die Messungen mit dem Dynamometer ergaben zudem, dass sie diese Joghurt-Variante dabei unbewusst besonders fest umklammerten. Sowohl die Standardverpackung als auch die an die Gesundheit appellierende Verpackung fiel in der Gunst der Kinder deutlich ab.

Das Interessante aber: Auch beim Geschmackstest schnitt das Müsli mit den spaßigen Zeichentrickfiguren am besten ab – obwohl in allen Verpackungen ja das gleiche drin war. "Es handelt sich dabei um einen klassischen Marketing-Placeboeffekt", erklärt Weber. Die attraktive Verpackung weckte bei den Kindern die Erwartung eines besonders leckeren Geschmacks, also gaukelte ihr Gehirn ihnen genau dies vor. Obwohl alle den gleichen Inhalt hatten, glaubten die Grundschulkinder zu erkennen, dass sich der Geschmack in den verschiedenen Verpackungen voneinander unterscheidet.

Kindergericht, darunter Tomate mit Gesicht aus Gemüseteilen
Auf die Präsentation kommt es an, dann schmeckt dem Kind auch der Salat.

Außen spaßig – innen gesund

Genau dieser Effekt könnte auch für gesunde Lebensmittel ausgenutzt werden. Denn was spricht eigentlich dagegen, auch einen weniger süßen Joghurt entsprechend kindgerecht anzubieten? Oder ein Vollkornbrötchen oder einen Apfel mit einer lustigen Banderole zu verzieren? So könnte beispielsweise in Kantinen oder dem Schulkiosk erreicht werden, dass sich mehr Kinder für eine gesündere Alternative entscheiden.

Umgekehrt wäre es natürlich wünschenswert, wenn die Lebensmittel-Hersteller nicht mehr ausgerechnet nur Junkfood als Kinderprodukt bewerben würden. Hier gegenzusteuern dürfte allerdings schwierig sein. Denn mit Süßigkeiten und Co lässt sich einfach mehr verdienen als mit Obst und Co.

NPO, 27.-07.2015