21.08.2015
Total votes: 120
wissen.de Artikel

Burn-Out im Kinderzimmer - Wie gestresst ist unser Nachwuchs?

Zu viel zu tun, zu wenig Zeit, zu wenig Spielraum: Was sich nach einem gestressten Arbeitsalltag eines erwachsenen Menschen anhört, trifft in Besorgnis erregendem Umfang auch auf immer mehr Kinder und Jugendliche zu. Stress beginnt in Deutschland mittlerweile schon im Kinderzimmer: Fast jedes fünfte Kind in Deutschland leidet unter hohem Stress.

Kind auf virtueller Kletterstrecke als Stressvisualiserung
Ist unser Nachwuchs möglicherweise durch die vielen Anforderungen überfordert?

Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler um Holger Ziegler von der Universität Bielefeld. Sie haben für ihre Studie über tausend Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis zwölf Jahren und deren Eltern befragt. Besondere Aufmerksamkeit schenkten die Forscher dabei dem Stress aus Sicht der Kinder. Sie wollten wissen: Ist unser Nachwuchs möglicherweise durch die vielen Anforderungen überfordert und damit gestresst?

Zu viele Aufgaben und Termine

Doch wie kommt diese Überforderung zustande? Ein wichtiger Beitrag sind Dinge, die eigentlich nicht Aufgabe der Kinder sein sollten. "Es gibt Familien, in denen Kinder Behördengänge tätigen, die Erziehung der Geschwister übernehmen oder den gesamten Haushalt managen müssen", berichtet Bernd Siggelkow vom Kinder- und Jugendhilfswerk "Die Arche" in Berlin. Von dieser sogenannten Parentifizierung sind vor allem Kinder aus sozial schwächeren Familien betroffen. Vier von fünf Kindern mit hohem Stress geben an, sich durch Aufgaben im Haushalt belastet zu fühlen.

Dieser Vernachlässigung durch die Eltern steht ein anderes Extrem gegenüber: Eltern, die es zu gut meinen, aber nicht ausreichend auf ihre Kinder eingehen. Rund die Hälfte der befragten Eltern gab an, alles zu tun, um ihr Kind zu fördern. Dabei verlieren sie jedoch manchmal die Bedürfnisse des Kindes aus den Augen oder überladen den Sprössling mit Terminen.

So haben fast 40 Prozent der Zwölf- bis Sechzehnjährigen an drei oder mehr Tagen in der Woche einen festen Termin nach der Schule, wie etwa Musik, Fußball oder Schwimmunterricht. Oft dürfen die Kinder über diese Zusatztermine nicht selbst entscheiden. Viele Kinder haben daher das Gefühl, nie nach ihrer eigenen Meinung gefragt zu werden und keinen Einfluss auf ihre Freizeitplanung zu haben. Dies führt dazu, dass viele ihre wöchentlichen Termine als Zwang und Belastung empfinden. Anstatt Freude und Entspannung zu finden, leiden sie unter der Angst, ihre Eltern zu enttäuschen.

Wutanfall eines Jungen
Viele der Kinder sind oft wütend oder zornig und haben ein erhöhtes Aggressionspotential.

Zornig, unselbstständig, depressiv

Die Folgen für die gestressten Kinder sind Besorgnis erregend: Ein Zehntel von ihnen zeigt Anzeichen von Depressionen. Viele der Kinder sind oft wütend oder zornig und haben ein erhöhtes Aggressionspotential. Die Studie zeigte außerdem, dass ein großer Teil der gestressten Kinder Schwierigkeiten hat, selbstständig Probleme anzugehen und zu lösen. Versagensängste führen außerdem dazu, dass sich fast die Hälfte der Kinder manchmal nutzlos fühlt. Viele ziehen sich deshalb sozial zurück und isolieren sich selbst.

Jenseits der seelischen Probleme zeigen viele betroffene Kinder auch körperliche Symptome, sogenannte somatoforme Belastungen: Sie leiden an Einschlafproblemen, Kopf- und Bauchschmerzen oder Müdigkeit. "Dies sind klassische Burn-Out-Symptome, die für Eltern wichtige Warnsignale sind", betont Studienleiter Ziegler. Zwei Drittel der Kinder mit hohem Stress berichteten in der Studie von überdurchschnittlichen hohen Belastungen dieser Art.

Feingefühl der Eltern ist wichtig

Den Eltern ist die Überbelastung ihrer Kinder oftmals gar nicht bewusst: Fast alle Eltern gestresster Kinder glaubten in der Umfrage nicht, dass sie ihre Kinder überfordern. "Eltern wollen immer das Beste für ihre Kinder", sagt Familienberaterin Katia Saalfrank, Schirmherrin der Bepanthen-Kinderförderung. "Wichtig ist, dass sie dabei ein Feingefühl dafür entwickeln, was Kinder wirklich brauchen und sie nicht überfordern." Die Eltern stehen dabei oft selbst unter dem gesellschaftlichen Druck, allen Anforderungen zu entsprechen und sich als gute Eltern zu zeigen. "Somit entsteht eine Stressspirale, die für Kinder fatale Folgen haben kann", so Saalfrank.

Stattdessen sollten Eltern Wert darauf legen, dass ihre Kinder in einer stressfreien Umgebung und vertrauensvoller Atmosphäre aufwachsen, damit sie sich gesund entwickeln können. Dabei bräuchten die Kinder vor allem kindgerechte und ihrem Alter entsprechende Begleitung und Unterstützung, betont Saalfrank: "Unserer Gesellschaft bringt es nichts, wenn Kinder und Jugendliche unter Stress aufwachsen und so schon in jungen Jahren Burn-Out-Symptome aufweisen, zornig und aggressiv sind, weil sie überfordert und mit ihrem Leben nicht zufrieden sind."

AKR