31.08.2015
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Warum Jungs schlechter in der Schule sind - und was helfen könnte

Die jüngste PISA-Studie brachte es an den Tag: In der Schule sind es inzwischen oft die Jungs, die Probleme haben. Zwar tun sich viele Mädchen noch immer schwer mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern, insgesamt aber haben sie in fast allen Ländern bei den Schulleistungen die Nase vorn – auch bei uns. Aber woran liegt das?

Gelangweilter Junge bei Schularbeiten
: In der Schule sind es inzwischen oft die Jungs, die Probleme haben.

Wie die jüngsten PISA-Tests zeigen, erreichen im Durchschnitt 14 Prozent der Jungs nicht einmal das Grundniveau in den drei Kategorien Lesen, Mathematik und Wissenschaft. Bei den Mädchen sind es nur neun Prozent. "Jugendliche Jungs sind zudem oft weniger engagiert in der Schule als Mädchen, zeigen schlechtere Leistungen und erreichen häufiger schlechtere Abschlüsse", heißt es im OECD-Bericht.  Demnach gibt es weltweit nur drei Regionen, in denen die Leistungen der männlichen Kinder die der weiblichen übertreffen: Kolumbien, Costa Rica und die indische Region Himachal Pradesh. Auch unter den Schulabbrechern sind heute mehr Junge als Mädchen.

Zu viel Computer, zu wenig Bücher

Aber woran liegt das? Erste Hinweise gibt auch hier der OECD-Report. Denn für ihn haben Forscher auch das Verhalten der Kinder in und nach der Schule untersucht. Und dabei zeigen sich deutliche Geschlechts-Unterschiede. So verbringen Jungs im Durchschnitt eine Stunde weniger pro Woche mit Hausaufgaben als Mädchen, was sich durchaus auf Lernerfolg und Leistungen auswirkt. Woran das liegt, wurde im OECD-Bericht nicht erfasst, es kann aber sein, dass sie sich einfach häufiger dieser unliebsamen Pflicht entziehen – oder aber, dass die Eltern ihre Söhne weniger konsequent dazu anhalten als ihre Töchter.

Und auch im Freizeitverhalten finden sich klare Unterschiede: Jungen verbringen mehr Zeit mit Computerspielen als Mädchen, dafür lesen sie erheblich weniger Bücher. Das aber hat ebenfalls klare Folgen, denn das Lesen und Leseverständnis gilt als Grundlage allen Lernens: Wenn ein Kind im Lesen nicht geübt ist, wird es ihm auch in anderen Fächern schwerfallen, auf diese Weise neue Informationen aufzunehmen.

Entfremdung und Rollenklischees

Doch es gibt noch zwei andere Faktoren, die vor allem Jungs im Lernen und den schulischen Leistungen zurückwerfen, wie Forscher der Universität Luxemburg vor kurzem herausfanden: Entfremdung und Rollenklischees. Dies trat bei Befragungen von 872 Kindern zwischen 13 und 14 Jahren zutage, die in Bern zur Schule gingen. Die Forscher ermittelten dabei die psychologische Einstellung der Kinder und setzten sie zu deren schulischen Leistungen in Beziehung.

Das Ergebnis: Viele Kinder berichteten von einem Gefühl der Entfremdung von der Schule - sie sahen nicht ein, wozu das Lernen gut sein soll und konnten nicht nachvollziehen, warum bestimmte Fächer und Aufgaben wichtig sind. Der entscheidende Unterschied aber: Obwohl die für gleichviele Jungen wie Mädchen galt, wirkte sich diese Haltung bei den Jungs negativer aus, ihre Leistungen litten mehr. Ähnliches berichtete auch der OECD-Bericht: "Bei Jungen ist es acht Prozent wahrscheinlicher als bei Mädchen, dass sie die Schule als Zeitverschwendung empfinden."

Machos haben mehr Probleme

„Zudem gab es einen klaren Zusammenhang zwischen schlechten Leistungen und einer traditionellen Meinung über ihre Geschlechterrolle", berichtet Andreas Hadjar von der Universität Luxemburg. Jungen, die der Meinung waren, dass Männer den Frauen überlegen sind und daher eine führende Rolle haben sollten, neigten eher dazu, den Unterricht zu stören. Gleichzeitig schnitten sie auch in den Noten schlechter ab: Sie erzielten ein um rund acht Prozent schlechteres Jahresergebnis als der durchschnittliche männliche Schüler im gleichen Jahrgang. Sowohl in Bezug auf die Entfremdung als auch für das Rollendenken spielte die Peer-Group eine wichtige Rolle: Ihr Einfluss kann die negativen Effekte auf die Schulleistungen noch verstärken.

Was kann man tun?

Was aber kann man tun, um den Jungen auf die Sprünge zu helfen? Nach Ansicht der OECD-Forscher wäre ein erster wichtiger Schritt, dass Eltern und Lehrer sich ihrer eigenen Klischees und Vorurteile bewusst werden. Denn Erwartungen wie "Jungs sind halt wilder als Mädchen" oder "Mädchen sind eben schlechter in Mathe" beeinflussen unwillkürlich ihr Verhalten gegenüber den Kindern und prägen damit auch deren Einstellung.

Aber auch der Unterrichts-Stil spielt eine wichtige Rolle. So stellten die Luxemburger Wissenschaftler beispielsweise fest, dass Jungs mit schlechten schulischen Leistungen am besten auf einen konsequenten, eher autoritären Unterrichtsstil reagierten. Das hat nichts mit überstrengen, autoritären Methoden zu tun, sondern eher mit einem respektvollen Umgang im Klassenraum. "Lehrer müssen flexibel beim Umgang mit unterschiedlichen Persönlichkeiten sein", sagt Hadjar. Manche Schüler, offenbar vor allem Jungen, müssen ihre Grenzen klar gezeigt bekommen, andere müssen eher ermutigt werden.

Weitere Informationen (englischsprachiger Text!)

NPO, 31.08.2015