13.05.2016
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Warum Kuscheln so gut tut – und wichtig ist

Heute schon gekuschelt? Wenn nicht, dann wird es höchste Zeit. Denn das Kuscheln, Streicheln und sich im Arm halten sorgt auf gleich mehrfache Weise dafür, dass wir uns entspannen und wohlfühlen. Es nimmt Stress und wirkt obendrein wie ein Kitt in der Beziehung. Wir verraten, warum das so ist und was das Kuscheln in uns auslöst.Sogar das Kuscheln mit dem Hund setzt das Wohlfühl-Hormon Oxytocin in uns frei. John Howards/ thinkstock

Schwangere mit Kleinkind
Der enge Hautkontakt beim Kuscheln ist einer der ursprünglichsten Kommunikationswege.
Die körperliche Nähe eines geliebten Menschen entspannt und löst ein tiefes Wohlgefühl aus. Das Streicheln oder Kuscheln lässt uns den Stress vergessen und kann uns in Trauer Trost spenden. Kein Wunder: Der Hautkontakt ist einer der ursprünglichsten Kommunikations- und Kontaktwege von Mensch und Tier – und er bildet eine besonders direkte Verbindung zwischen uns und der Welt. So nimmt der Säugling beispielsweise über die Haut Kontakt mit der Mutter auf, bevor er noch richtig die Augen offen hat. Fehlt Babys dagegen der Hautkontakt, leidet ihre Psyche.

Von den eigenen Nerven getäuscht

Was aber macht das Kuscheln so angenehm? Einen Teil dieses Wohlgefühls lösen ganz spezielle Nervenfasern in unserer Haut aus, die nur auf langsame, sanfte Berührungen anspringen. Ihre Signale schicken diese Nerven aber nicht an den bewussten Teil unseres Gehirns, sondern direkt an unser Gefühlszentrum – und das löst diesen unmittelbaren, positiven Effekt des Streichelns aus.

Verblüffend auch: Diese speziellen Nerven in unserer Haut sorgen dafür, dass wir die Haut eines anderen als besonders weich empfinden, selbst wenn das Objekt betrachtet gar nicht der Fall ist. Unsere eigenen Sinne täuschen uns demnach, damit wir das Kuscheln als noch angenehmer empfinden. "Das fanden wir besonders spannend an dieser Illusion", erzählt die Forscherin Antje Gentsch vom University College London. "Sie wirkt am stärksten, wenn die Berührung absichtlich ist und den optimalen Bedingungen für emotionale Berührungen entspricht."

Mit dem "Kuschelhormon" geflutet

Doch das ist noch nicht alles. Das Kuscheln setzt auch einen hormonellen Glücklichmacher frei, das Oxytocin. Dieser Botenstoff löst einerseits Wohlgefühl aus und nimmt uns andererseits Ängste und Misstrauen. Das kann sogar so weit gehen, dass wir nach einer ausführlichen Runde des Kuschelns beispielsweise den wütenden Hund unseres Nachbarn glatt übersehen. Denn das Kuschelhormon macht uns zwar empfänglicher für positive soziale Signale, hemmt aber gleichzeitig unsere Wahrnehmung potenziell bedrohlicher Reize – es verpasst uns damit sozusagen eine Rosa Brille.

Übrigens setzt nicht nur das Kuscheln mit einem Menschen bei uns das Kuschelhormon frei – auch der liebevolle Kontakt mit unserem Hund oder einem anderen Haustier bewirkt dies. Beim Hund reicht dafür sogar schon der intensive gegenseitige Blick in die Augen aus, um bei beiden – Mensch und Tier – die Oxytocinwerte zu erhöhen.

Frau streichelt ihren Hund
Sogar das Kuscheln mit dem Hund setzt das Wohlfühl-Hormon Oxytocin in uns frei.

Kuschelndes Paar
Häfiges Kuscheln stärkt die Paarbeziehung.
Beziehung als Sucht?

Beim Kuscheln mit dem Partner hat das Oxytocin aber noch eine weitere Wirkung: Es stärkt die Treue. Wie Experimente zeigen, verändert das Hormon selektiv unsere Wahrnehmung. Sind wir in einer festen Bindung, sorgt es dafür, dass wir instinktiv mehr Abstand zu potenziellen Fremdgeh-Partnern halten. Das wiederum erweckt bei diesen den Eindruck, wir wären nicht interessiert und damit hat sich die Lage meist schnell geklärt – ohne Seitensprung.

Gleichzeitig belohnt uns das Oxytocin aber mit besonders starken Glücksgefühlen, wenn wir unseren eigenen Partner anschauen. Bekamen männliche Teilnehmer in einem Experiment ein Nasenspray mit Oxytocin verabreicht, reagierte ihr Belohnungssystem im Gehirn stärker auf ein Foto der Partnerin als ohne diesen Hormonschub. "Dieser biologische Mechanismus der Zweisamkeit ist damit einer Droge sehr ähnlich", erklärt René Hurlemann vom Universitätsklinikum Bonn. Regelmäßiges Kuscheln, aber auch Sex, macht demnach sozusagen süchtig nach dem Partner und kann damit die Beziehung tatsächlich stärken.

Wer wie oft mit dem Partner kuschelt, hängt aber nicht nur von der Qualität der Beziehung ab. Auch die Persönlichkeit spielt eine wichtige Rolle. So ergab eine Umfrage vor kurzem, dass Optimisten besonders kuschelfreudig sind, 66 Prozent von ihnen suchen die Nähe ihrer Partner. Pessimisten dagegen sind eher Kuschelmuffel: Nur 40 Prozent von ihnen gaben bei der Befragung an, häufiger mit ihrem Partner zu kuscheln.

NPO, 11.05.2016