30.09.2016
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70 Jahre Urteilsverkündung

Nürnberger Prozess: Für Gerechtigkeit nach dem Krieg

Geschichtsträchtige Anklage: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird den verantwortlichen Nationalsozialisten vor einem Ad-hoc eingerichteten Internationalen Militärgerichtshof der Prozess gemacht. In der Stadt, in der sich Hitler einst auf seinen Reichsparteitagen inszenierte, wird damit Geschichte geschrieben. Denn für das Kriegsvölkerrecht ist ein solcher Prozess ein absolutes Novum – eines, das die Entwicklung des Völkerrechts bis in die Gegenwart maßgeblich beeinflusst hat.

Anklagebank in Nürnberg
Die Anklagebank mit den zwanzig zur Verhandlung erschienenen Hauptkriegsverbrechern. Rechts unten erkennt man den auch als 'Aquarium' bezeichneten Dolmetscherbereich.
Adolf Hitler und einige seiner engsten Verbündeten sind zwar schon tot, als sich die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg für eine strafrechtliche Verfolgung der Kriegsverantwortlichen entscheiden. Doch auch, wenn der größte Nazi-Verbrecher nicht zur Verantwortung gezogen werden kann: Die Nürnberger Prozesse schreiben Geschichte. Denn zum ersten Mal überhaupt richtet eine siegreiche Nation oder ein Bündnis einen internationalen Strafgerichtshof ein, um dem Verlierer eines Krieges einen ordentlichen Prozess zu machen.

Umstrittener Plan

Der Plan, die Nationalsozialisten vor Gericht zu stellen, ist zunächst allerdings nicht unumstritten. Haben diese Verbrecher das überhaupt verdient? Der britische Premierminister glaubt das nicht. Er fordert, die Verantwortlichen stattdessen auf der Stelle zu erschießen. Auch Josef Stalin plädiert für eine weniger "langwierige" Strategie und Frankreich ist ebenfalls skeptisch.

Im Sommer 1945 gelingt es dem Richter am Obersten Bundesgericht der USA und späterem Hauptankläger, Robert Jackson, dann jedoch, alle Alliierten von einem Prozess zu überzeugen. Mit dem Londoner Abkommen einigen sich die Siegermächte auf die Grundregeln für das Verfahren und erstellen einen Katalog strafbarerer Handlungen. Als Verhandlungsort wählen sie Nürnberg – jene Stadt, in der sich Hitler einst auf seinen Reichsparteitagen inszenierte.

Richterbank während des Nürnberger Prozesses
Die Richter wurden von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges gestellt.
Der Prozess beginnt

Am 20. November 1945 – nur ein knappes halbes Jahr nach der Kapitulation Deutschlands – beginnt schließlich der Prozess. Angeklagt sind 24 sogenannte Hauptkriegsverbrecher, darunter hochrangige nationalsozialistische Minister, Funktionäre und Militärführer. Auch führende Vertreter aus der Wirtschaft wie der Rüstungskonzern-Chef Gustav Krupp von Bohlen und Halbach stehen auf der Anklageliste.

Doch nicht alle des Kriegsverbrechens Bezichtigte stellen sich dem Prozess: Drei Plätze auf der Anklagebank bleiben leer. Der Führer der Deutschen Arbeitsfront Robert Ley hat sich wenige Wochen vor Prozessbeginn in einem Nürnberger Gefängnis das Leben genommen, von Krupp kann aus gesundheitlichen Gründen nicht am Prozess teilnehmen und ein dritter Angeklagter ist seit Kriegsende schlichtweg verschwunden: der Leiter der Partei-Kanzlei der NSDAP, Martin Bormann. Seine Leiche wird erst Jahrzehnte später in Berlin gefunden.

Anklage in vier Punkten

So sitzen am ersten Prozesstag nunmehr 21 der 24 Angeklagten tatsächlich im Gerichtssaal. Sie müssen sich in vier Punkten vor dem internationalen Gericht verantworten: Verschwörung gegen den Weltfrieden, Entfesselung und Durchführung eines Angriffskrieges, Verbrechen gegen das Kriegsrecht und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Doch niemand von ihnen will sich zunächst schuldig bekennen oder zeigt sich von den Geschehnissen sonderlich beeindruckt. Das aber wird sich bald ändern. Nach einer Eröffnungsrede, in der der US-amerikanische Chefankläger Jackson klar zwischen den nationalsozialistischen Verantwortlichen auf der einen und einer Mehrheit der deutschen Bevölkerung auf der anderen Seite unterscheidet, lässt er sämtliche Beweismittel im Gerichtssaal vorführen. Stück für Stück.

Nürnberger Prozess, Verhandlung gegen Ernst Kaltenbrunner
Verhandlung gegen Gestapochef Ernst Kaltenbrunner. An der Wand eine Tafel zur Organisationsstruktur von Gestapo und SD.
Filmszenen aus dem Krieg

Dabei kommen auch Augenzeugen zu Wort und es werden schockierende Filmaufnahmen aus dem Krieg gezeigt: Massenerschießungen, Folterungen und Aufnahmen von den Zuständen in den Konzentrationslagern. Die Strategie wirkt: Angesichts der grausigen Szenen bröckelt bei manch einem Angeklagten die Fassade. So soll der Generalgouverneur von Polen, Hans Frank, nach einer solchen Konfrontation in seiner Zelle angefangen haben zu weinen.

Nicht nur bei den Kriegsverbrechern will Jackson mit den Aufnahmen etwas bewirken. Sie sollen auch den deutschen Bürgern vor Augen führen, welche Schreckenstaten die Nationalsozialisten zu verantworten haben. Auch grundsätzlich wollen die Alliierten mit dem Prozess das deutsche Volk erreichen: Sie zeigen, dass sie nicht ihnen als Kollektiv die Schuld für die Verbrechen Nazi-Deutschlands geben – sondern einzelnen Handelnden. Zudem führen sie der gerade erst von der Diktatur befreiten Nation vor, wie eine Demokratie funktioniert.

Das Urteil

Am Ende eines langatmigen Prozesses verkünden die Richter am 30. September und 1. Oktober 1946 die Urteile: Elf der Angeklagten werden zum Tode verurteilt, sieben erhalten lebenslange Haftstrafen – darunter auch der einstige Stellvertreter Hitlers, Rudolf Heß. Er entgeht dem Todesurteil nur, weil er sich vor Gericht verwirrt gezeigt hat und für nicht verhandlungsfähig erklärt wird. Freigesprochen werden Hjalmar Schacht, Hans Fritzsche und Franz von Papen, weil eine Schuld bei ihnen nicht nachgewiesen werden kann.

Der Hauptprozess ist damit beendet. Allerdings werden in Nürnberg noch bis 1949 weitere Prozesse gegen deutsche Ärzte, Juristen, Industrielle, SS- und Polizeiführer, Militärs, Beamte und Diplomaten geführt. Diese finden wegen des beginnenden Kalten Krieges jedoch nicht mehr vor dem Internationalen Militärgerichtshof statt, sondern vor US-amerikanischen Militärgerichten. Von 177 Angeklagten werden bei diesen Folgeprozessen 142 zu Haftstrafen oder zum Tode verurteilt.

Ostbau des Nürnberger Justizpalastes
Nürnberger Justizpalast

Im Ostbau befindet sich der Saal 600, in dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher und die Nachfolgeprozesse stattfanden.

Von Nürnberg nach Den Haag

Bis wieder ein ähnlicher Prozess wie der Nürnberger stattfand, dauerte es lange – und das obwohl die Anlässe nicht gefehlt hätten und sich die Generalversammlung der Vereinten Nationen bereits Ende 1946 zur allgemeinen Gültigkeit der Nürnberger Prinzipien bekannte. Trotzdem hatte das damalige Verfahren maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Völkerrechts.

So rief der UN-Sicherheit nach dem Vorbild des nach dem Zweiten Weltkrieg eingerichteten Internationalen Militärgerichtshofs 1993 einen Strafgerichtshof im niederländischen Den Haag ins Leben, der sich mit Verletzungen des humanitären Rechts im früheren Jugoslawien befassen sollte. 1994 folgte das Rwanda-Tribunal in Tansania zur Untersuchung des von den Hutu-Milizen begangenen Völkermords an rund einer Million Menschen. Den ständigen Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gibt es seit 2002.

DAL, 29.09.2016