19.10.2016
Total votes: 77
wissen.de Artikel

Frankfurter Buchmesse - Literarisch-politischer Blick auf Europa

Es ist wieder soweit: Vom 19. bis 23. Oktober dreht sich in Frankfurt alles um Bücher, das Lesen und das Publizieren. Thematisch geht es in diesem Jahr vor allem um Europa. Als Ehrengast locken Flandern und die Niederlande mit einem Einblick in ihre Literatur- und Kulturwelt. Mit dabei aber auch: eine kulinarische Premiere und ein besonderer Treff für Romantik-Fans.

Logo Buchmesse Frankfurt
Der Kampf um Meinungsfreiheit und die digitale Vermarktung von Kunst zwei der Schwerpunkte der 68. Frankfurter Buchmesse.
Die Frankfurter Buchmesse steht in diesem Jahr ganz im Zeichen von Europa – und gibt sich betont politisch. Trotz oder vielleicht gerade wegen der Krisen rund um Brexit, Flüchtlingspolitik und Co soll auf der Messe wieder auf Gemeinsamkeiten geblickt werden. "Die Europäische Union ist wichtig, nicht nur für das Verlagsgeschäft, sondern für uns als Bürger, für unsere Gesellschaften", sagte der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos im Vorfeld.

"Da die rein ökonomische Herangehensweise an das Projekt Europa offensichtlich nicht genügend Integrationskraft besitzt, wollen wir eine neue inhaltliche Auseinandersetzung anstoßen", kündigte er an: "Diese soll nicht als Nabelschau der Mitgliedsländer daherkommen, sondern die derzeitigen Ereignisse rund um den Globus einbeziehen und insbesondere die Diskussion um Werte wie die Freiheit des Wortes und Publikationsfreiheit beinhalten." So zeigten etwa die Vorgänge in der Türkei sowie in Polen und Ungarn, wie bedroht die Meinungsfreiheit auch in Europa sei.

Politik trifft Bücherwelt

Als deutscher Vertreter und passend zum politischen Blick auf die Spannungen innerhalb der EU hielt Martin Schulz gestern Abend die Festrede zur Eröffnung der Buchmesse. Er ist nicht nur der Präsident des Europäischen Parlaments, sondern auch ausgebildeter Buchhändler und forderte in seiner Ansprache einen "Aufstand der Anständigen" gegen den wachsenden Populismus in Europa.

"Es gilt, unser europäisches Gesellschaftsmodell gegen die Feinde der Freiheit zu verteidigen", sagte er. Zugleich zeigte Schulz sich solidarisch mit einem Aufruf der deutschen Buchbranche zur Freilassung aller in der Türkei inhaftierten Autoren und Journalisten. "Lassen Sie diese Leute frei", appellierte er an die türkische Regierung und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse am Montagabend war bereits der Schriftsteller Bodo Kirchhoff für seinen Roman "Widerfahrnis" mit dem Deutschen Buchpreis geehrt worden. Verwoben in einer Liebesgeschichte gerät in der ausgezeichneten Novelle zunächst am Rande, dann ganz direkt, die Flüchtlingssituation in Europa in den Fokus. Mit dieser Wahl setzte die Jury gleichsam den thematischen Auftakt für das Motto der diesjährigen Messe.

Buchmesse Frankfurt
Flandern & die Niederlande. Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2016
Ehrengast aus dem Herzen Europas

Keine Nation, sondern ein Sprach- und Kulturraum ist in diesem Jahr der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse – und er kommt mitten aus dem Herzen Europas. Flandern und die Niederlande präsentieren sich im Sinne des europäischen Gedankens als eine Einheit und zeigen beispielhaft, wie man Grenzen überwindet. Unter dem Motto "Dit is wat we delen" ("Das ist, was wir teilen") gibt der Gast vielschichtige Einblicke in seine Literatur- und Kulturlandschaft.

Zur Messe bringen rund 70 Autoren und Autorinnen 454 Neuerscheinungen aus und über Flandern und die Niederlande mit und stellen mit 306 neuen Übersetzungen in deutscher Sprache einen Rekord auf: Nie zuvor wurde so viel Literatur aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt – kein Zufall. Deutschland ist für die niederländischsprachige Literatur mit Abstand das wichtigste Exportland. Zudem sind die deutschen Übersetzungen häufig ein Sprungbrett in andere Sprachräume.

Schokoladige Lektüre

Zahlreiche Lesungen und ein umfangreiches Programm mit 400 Veranstaltungen in Frankfurt und ganz Deutschland laden im Rahmen des Gastauftritts zu einer interessanten Entdeckungsreise ein. Dabei winkt jedoch nicht nur Literarisches. Denn Flandern und die Niederlande haben auch Kulinarisches im Gepäck und zeigen sich unter anderem von ihrer "Schokoladenseite".

Wer vor kurzem mit der Bahn nach Frankfurt gereist ist, wird das kaum übersehen haben: Einige Tage vor der Eröffnung der Messe thronte im Hauptbahnhof bereits ein gigantisches Buch – hergestellt aus 150 Kilogramm weißer Schokolade, 700 Kilogramm dunkler Schokolade und fünf Kilogramm Kakaobutter. Nun ist das kalorienreiche Werk der Chocolatier-Schule "Ter Groene Poorte" in Brügge auf der Buchmesse zu sehen.

Ein Muss für Romantik-Fans

Ebenfalls geschmackvoll geht es am Samstagabend bei der Booknight im Bahnhofsviertel zu. Alle, die nach der Messe noch etwas erleben wollen, laden die Frankfurter Buchmesse und die Initiative Gastronomie Frankfurt e.V. dort zum ersten Mal zu einem vielseitigen Abendprogramm: Neben musikalischen Highlights, Lesungen und Poetry Slams warten orientalische Fusionsküche, niederländische Fritten oder Drinks mit holländischem Käse auf kulinarisch interessierte Gäste.

Romantiker sollten sich hingegen schon den Vormittag rot im Kalender anstreichen. Denn dann findet auf der Buchmesse in Halle 4 die analoge Fortsetzung der "Herzenstage" statt. Die Initiative für Fans von Liebesromanen fand bisher ausschließlich online statt. Unter dem Hashtag #herzenstage wurden dabei in den sozialen Medien Storys und Beiträge rund um die Lieblingsromane der Fans gepostet und auf einer eigens geschaffenen Webseite kuratiert.

"Die Herzenstage zeigen, wie sich jenseits des klassischen Literaturbetriebs die pure Leidenschaft der Fans entfalten kann", sagt Katja Böhne, Leiterin Marketing & Kommunikation bei der Frankfurter Buchmesse. "Mit den Herzenstagen bieten wir der Romance-Community einen verlagsübergreifenden Raum für den Austausch," ergänzt die Projektkoordination der Herzenstage, Deborah Schmidt. Das Offline-Event wird via Live-Stream und Social Media begleitet, auch eine interaktive Teilnahme ist möglich.

Wochenende für Laienpublikum

Die Frankfurter Buchmesse findet in der heutigen Form bereits seit 1949 statt. Obwohl sie auch eine Publikumsmesse ist, dient die Buchmesse in erster Linie als internationaler Treff für die Branche der Verleger, Buchhändler, Autoren und unzähligen weiteren mit der Buchproduktion verbundenen Dienstleistungen. Bücherfreunde, die nicht zum Fachpublikum gehören, müssen sich wie jedes Jahr in Geduld üben: Sie dürfen erst am Samstag und Sonntag auf das Messegelände.

DAL, 19.10.2016