30.01.2018
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Mahatma Gandhi: Die "große Seele"

Heute vor 70 Jahren starb eine Ikone für Frieden und Freiheit, die die Welt nicht so schnell vergessen wird: Mahatma Gandhi. Die "große Seele" kämpfte ohne Waffen und Gewalt für die Rechte ihrer Landsleute und brachte Indien die Unabhängigkeit. Am 30. Januar 1948 wurde der Erfinder des gewaltfreien Widerstands von einem hinduistischen Fanatiker erschossen.

Mahatma Gandhi
Berühmte Sehhilfe: Die Brille mit den runden Gläsern war das Markenzeichen Mahatma Gandhis.

Mahatma Gandhi lebte in Gefahr und er wusste es. Mehrere Attentatsversuche hatte er bereits überlebt, als er im Januar 1948 sagte: "Sollte ich sterben durch die Kugel eines Verrückten, muss ich es mit einem Lächeln tun. Gott muss in meinem Herzen und auf meinen Lippen liegen. Wenn etwas passiert, sollt ihr keine einzige Träne vergießen."

Wenige Tage später war der indische Pazifist und Freiheitskämpfer tot. Ermordet von einem fanatischen Hindu namens Nathuram Godse. Als sich die Nachricht seines Todes verbreitete, schafften es jedoch nur wenige Anhänger, Gandhis Rat zu folgen. Das junge Indien beweinte den Verlust seiner "großen Seele" bitterlich - den Verlust jenes Mannes, der der Nation durch gewaltlosen Widerstand zur Unabhängigkeit verholfen hatte.

Mahatma Gandhi in südafrika (1906)
Gandhi als junger Anwalt in Südafrika (1906)
Prägende Erlebnisse in Südafrika

Mahatma Gandhi wurde 1869 unter dem Namen Mohandas Karamchand in eine gut situierte Familie hineingeboren. Der Glaube prägte den Jungen schon früh und er befolgte die Regeln seiner Religion streng. Er lebte ohne Gewalt, aß kein Fleisch und trank keinen Alkohol. Doch als er mit 19 Jahren für ein Jurastudium nach London zog, kam er zunehmend auch mit anderen Religionen in Kontakt, unter anderem dem Christentum. Gandhi las die Bibel und begeisterte sich für die Bergpredigt.

Nach dem Studium ging er nach Südafrika, um dort für eine Wirtschaftsgesellschaft als Anwalt zu arbeiten - ein Schock. Denn dort erlebte der junge Inder zum ersten Mal, dass Menschen ihn aufgrund seiner Hautfarbe anders behandelten. Als "Farbiger" durfte er im Zug nicht erster Klasse fahren, Friseure verweigerten ihm den Haarschnitt, Ärzte die Behandlung.

Kampf dem Rassenvorurteil

"Die Belästigungen, die ich persönlich hier zu dulden hatte, waren nur oberflächlicher Art. Sie waren nur ein Symptom der tiefer liegenden Krankheit des Rassenvorurteils. Ich musste, wenn möglich, versuchen, diese Krankheit auszurotten und die Leiden auf mich zu nehmen, die daraus entstehen würden", schrieb er später einmal auf.

Gandhi beschloss, gegen die Rassendiskriminierung vorzugehen. Er wollte sich für all die Menschen indischer Abstammung in Südafrika einsetzen, die von den weißen Europäern de facto als Menschen zweiter Klasse betrachtet wurden. Auf das Vorhaben folgten Taten: 1907 organisierte Gandhi den ersten gewaltlosen Widerstand der farbigen Bevölkerung gegen die englische Kolonialgesetzgebung.

Appell an Gewissen und Vernunft

Seine Aktion umschrieb er mit dem Begriff Satyagraha: Dieser sollte künftig zu einem Schlüssel für sein politisches Handeln werden. Satyagraha, das stand für die Strategie, an die Vernunft und das Gewissen des Gegners zu appellieren - ohne Gewalt, immer der Wahrheit verpflichtet und mit der Bereitschaft, Schmerz und Leiden für das Erreichen der eigenen Ziele auf sich zu nehmen.

Kriegerische Waffen waren in Gandhis Augen machtlos. Die effektivste Waffe war dagegen, der Öffentlichkeit und auch dem Gegner selbst, üble Taten und Missstände immer wieder vor Augen zu führen, bis ein Umdenken stattfindet. So sollte der Gegner schlussendlich durch die Kraft der Überzeugung auf die andere Seite gezogen werden. In diesem Sinne wurde in erster Linie nicht der Übeltäter, sondern das Übel selbst bekämpft.

Gandhi als Teilnehmer am Salzmarsch (1930)
Der Salzmarsch gegen das britische Salzmonopol in Indien war die wohl berühmteste Kampagne, die Gandhi während seines langen Kampfes um Unabhängigkeit initiierte.

Volksheld im Leinentuch

Seine politischen Aktionen machten Gandhi berühmt. Als er nach Jahren der Abwesenheit in sein Heimatland zurückkehrte, eilte ihm sein Ruf längst voraus. Viele Inder feierten ihn wie einen Nationalhelden. Doch Gandhi traf erneut der Schock: Während sich die englische Kolonialmacht seit Jahren an den Natur- und Bodenschätzen des Subkontinents bereicherte, herrschte in den meisten Regionen Indiens inzwischen bittere Armut und Hungersnöte quälten das Volk.

Gandhi aß nur noch rohe und ungewürzte Speisen, hüllte sich aus Solidarität mit den Ärmsten in ein Leinentuch - und übertrug das Konzept des Satyagraha nach und nach auf die indischen Verhältnisse: Er gründete Zeitungen, organisierte gewaltlosen Widerstand und rief die Inder dazu auf, die Zusammenarbeit mit den Briten zu beenden.

Der Salzmarsch

Zu seiner bekanntesten Protestaktion wurde der Salzmarsch von 1930: Tausende Inder wanderten unter Gandhis Leitung hunderte Kilometer weit ans Meer, um dort Salz zu sammeln. Damit sollte die Regierung zur Aufgabe der eingeführten Steuer für das Nahrungsmittel bewegt, das von den Briten errichtete Salzmonopol gebrochen werden. Mit Erfolg: Die Steuer wurde schließlich abgeschafft.

Gandhi steckte für die Verwirklichung seiner Ideale einiges weg. So ging er mehrfach in wochenlange Hungerstreiks und musste immer wieder ins Gefängnis. Doch auch wenn er hinter Gittern weilte, machten seine Anhänger weiter. Die Gandhi-Gemeinde umfasste schnell Millionen von Menschen. Es entstand eine regelrechte Bewegung.

Gandhi und Nehru (1942)
Gandhi mit Jawaharlal Nehru, dem ersten Ministerpräsidenten Indiens
Geteiltes Land

Der friedliche, aber vehemente Widerstand trug nach dem Ende des zweiten Weltkriegs endlich Früchte: Nach und nach stellte die Kolonialmacht den Indern die geforderte Selbstverwaltung konkret in Aussicht. Im August 1947 erreichte das Land die Unabhängigkeit - stürzte aber gleichzeitig ins Chaos.

Denn in den Verhandlungen mit den Briten setzten Vertreter der Muslimliga, der politischen Partei der Muslime in Indien, die Teilung des Landes in das hinduistisch dominierte Indien und das muslimische Pakistan durch. Im Verlauf des Teilungsprozesses kam es zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Millionen Menschen wurden aus ihrer alten Heimat vertrieben, Hunderttausende von religiösen Extremisten umgebracht.

Abschied von der "großen Seele"

Gandhi versuchte bis zuletzt, ein friedliches Zusammenleben beider Religionsgemeinschaften zu vermitteln. Schließlich hatte er Gewalt immer abgelehnt und zeit seines Lebens die Botschaft von Gottes Liebe gepredigt. In den Augen seines Mörders war es jedoch Gandhi, der mit seiner Politik die Gräueltaten provoziert und das Land in Unglück gestürzt hatte. Am 30. Januar 1948 schoss Nathuram Godse Gandhi zweimal in den Bauch und ein drittes Mal in die Brust. Anderthalb Jahre später wurde der Attentäter zum Tode verurteilt und erhängt.

Indien verehrt seine "große Seele" Mahatma Gandhi bis heute. Das Gedenken an seinen Tod ist fest im Kalender verankert: Am "Martyrs' Day" verfällt die Nation alljährlich für zwei Minuten in Schweigen, um sich an den Menschen zu erinnern, der mit seinem gewaltlosen Kampf für Frieden und Freiheit zum Vorbild für viele große Persönlichkeiten nach ihm wurde - von Martin Luther King, über Nelson Mandela, bis hin zum Dalai Lama.

DAL, 29.01.2018