22.02.2019
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Oscars 2019 - Mexikanische Favoriten und Männerüberschuss

Am Sonntag blickt die Welt wieder gespannt nach Hollywood: Es ist Oscar-Nacht. Der begehrte Filmpreis wird in diesem Jahr bereits zum 91. Mal verliehen. Wer gehört 2019 zu den Favoriten? Wie steht der deutsche Film im internationalen Vergleich dar? Und warum sind wieder einmal kaum Frauen in den wichtigen Kategorien nominiert? Die Filmwissenschaftlerin Annette Brauerhoch kommentiert.

Oscarverleihung
2019 steht die 91. Oscar-Verleihung an.
Die Verleihung der Oscars ist immer wieder ein großes Spektakel. Auch in diesem Jahr warten Filmfans aus aller Welt gespannt darauf, Stars und Sternchen über den roten Teppich schreiten zu sehen – und endlich das gut gehütete Geheimnis zu erfahren: Wer darf die 35 Zentimeter hohen, vier Kilogramm schweren und mit Gold überzogenen Trophäen in Empfang nehmen?

Die Entscheidung darüber treffen alljährlich die Mitglieder der amerikanischen Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Sie stimmen im Vorfeld per Stimmzettel über die Preisträger der Academy Awards ab. Ihr Urteil wird seit 2002 im Dolby Theatre in Hollywood verkündet. Was können wir von der 91. Oscar-Verleihung in diesem Jahr erwarten? Die Filmwissenschaftlerin Annette Brauerhoch von der Universität Paderborn blickt für uns auf die bevorstehende Zeremonie.

Frau Brauerhoch, wie beurteilen Sie das derzeitige Niveau des internationalen Films?

Brauerhoch: Um einen Eindruck vom internationalen Film zu bekommen, ist man mittlerweile auf Festivalbesuche angewiesen, wie zum Beispiel die Berlinale. Denn in die großen kommerziellen Kinos kommen die wenigsten Filme und was wir dort zu sehen bekommen ist diktiert von Verleihstrukturen – da haben die Kinos kaum Spielraum für eigene Entscheidungen. Eine Alternative bieten Programmkinos, aber viele Städte haben leider keines.

Die Frage lässt sich also nicht adäquat beantworten, da vom internationalen Filmschaffen sehr wenig in unseren Kinos vertreten ist. Filme aus Japan, Korea, China, den Philippinen oder aus dem Iran, der Türkei und Russland, um nur ein paar wenige Länder zu nennen, sind zum Beispiel in Cannes gut vertreten. Für eine Kinoauswertung verlassen sich die Verleiher allerdings nach wie vor lieber auf Hollywood. Es geht dabei weniger um Niveau, sondern mehr um Machtstrukturen.

Der Film "Roma" des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón gilt in diesem Jahr als einer der Oscar-Favoriten. Cuarón ist in der Kategorie "Beste Regie" nominiert, zwei Schauspielerinnen des Films in den Kategorien "Beste Haupt- und Nebendarstellerin". 2014, 2015, 2016 und 2018 erhielt ein Mexikaner den Oscar für "Beste Regie". Wie erklären Sie sich diesen Erfolg mexikanischer Filmschaffender?

In Zeiten der Migration ist dies tatsächlich aussagekräftig für eine Branche, die auf ein Gespür für die Sensibilitäten ihres Publikums angewiesen ist. Lateinamerikaner bilden in den USA die zweitgrößte ethnische Gruppe, fast 65 Prozent davon sind Mexikaner. Die Auszeichnungen und Nominierungen sprechen aber auch für die verbindende und produktive Kraft geteilter und gemeinsamer kultureller Erfahrungen: Die drei Oscar-prämierten Regisseure Alfonso Cuarón, Alejandro González Iñárritu und Guillermo del Toro sind miteinander befreundet, sie unterstützen sich gegenseitig.

Das Aufweichen der "weißen Oscars" haben zudem die schwarzen US-Amerikaner vorangetrieben – denken Sie an die berühmte Ansprache von Chris Rock als Moderator der Academy Awards 2016. Die Nominierung von "Roma" kann man als Ausdruck einer Form von versuchter "political correctness" sehen und als Ehrfurcht vor der Inszenierung des Films in schwarz-weiß, was sofort einen gewissen Automatismus auslöst, darin "Kunst" zu sehen.

Gemessen an anderen Oscar-Nominierungen wie "A Star is born" hat er aber wirklich eindrucksvolle ästhetische Qualitäten, die allerdings eigentlich die große Leinwand brauchen, um angemessen gewürdigt werden zu können. Mit "Roma" wird ja ein Film nominiert, der als Netflix-Produktion kaum eine Kinoauswertung erfährt und die Debatte über das Verhältnis von Streaming-Angeboten und Kinowahrnehmung weiter befeuert.

In den Königsdisziplinen "Beste Regie" und "Beste Kamera" sind wieder einmal ausschließlich Männer nominiert. Was sagt das über das derzeitige Filmbusiness aus?

Es ist ein klares Armutszeugnis. Auf einer alternativen Oscarliste werden so wichtige Namen und wunderbare Filme wie Debra Graniks "Leave no Trace", Lynne Ramsays "You Were Never Really Here" oder Claire Denis "Let the Sunshine In" genannt. Ich befürchte, dass auch "I Am Not a Witch" von Rungano Nyoni, der auf dem Internationalen Frauenfilmfestival in Dortmund und Köln lief, sowie "Madeline’s Madeline" von Josephine Decker, "Private Life" von Tamara Jenkins, "The Miseducation of Cameron Post" von Desiree Akhavan, "Nancy" von Christina Choe und "Oh, Lucy!" von Atsuko Hirayanagi eher unbekannt und ungesehen bleiben werden.

2010 war Kathryn Bigelow in der Geschichte der Academy Awards die erste Frau, die einen Oscar für die beste Regie bekam. Eine schwarze Regisseurin wurde noch nie nominiert. Die 91. Oscars werden die 86. sein, die ohne weibliche Nominierung für "Beste Regie" auskommen.

Florian Henckel von Donnersmarck ist mit seinem Film "Werk ohne Autor" in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" nominiert. Davon abgesehen: Wie steht der deutsche Film aktuell im internationalen Vergleich da?

Der deutsche Film hat durch den Nationalsozialismus einen so heftigen Einbruch erfahren, dass die deutsche Filmgeschichte und ihr "Versagen", milder ausgedrückt ihre Eigenheit, nicht ohne diesen Einschnitt zu denken ist. Hinzu kommt ein höchst komplexes und kompliziertes Filmförderverfahren und -abkommen, an das die Filme – unter Vernachlässigung des Publikums – angepasst werden.

Das radikale Abwerten von Film als "Unterhaltung" gegenüber einer sogenannten "ernsten Kultur" gibt es in anderen europäischen Ländern nicht, die ihre Cinematografien und Filmbildung stärker fördern und pflegen – allen voran Frankreich, aber auch Italien, Polen und andere osteuropäische Länder. Die Kinokultur, auch gemessen an Kinobesuchen, hinkt in Deutschland anderen europäischen Ländern hinterher.

Wie lautet Ihr persönlicher Filmtipp?

Mehr ins Kino gehen.

Universität Paderborn / DAL, 21.02.2019