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Redewendung des Tages

Zwischen den Zeilen lesen

Zwischentöne und Nuancen

Das Spiel mit Andeutungen funktioniert deshalb so gut, weil Sprache von Natur aus eher mehrdeutig ist. Im Gespräch von Angesicht zu Angesicht gibt es deswegen weniger Missverständnisse als im Schriftverkehr: Gestik und Mimik helfen zu erkennen, was mit den Worten gemeint ist.

Der Theaterkritiker bemerkt: "Die Schauspieler setzten ihre ganze Anstrengung daran, den Intentionen des Regisseurs gerecht zu werden." Und der kundige Leser begreift: Hier umschreibt jemand höflich den Umstand, dass die guten Akteure die verfehlte Inszenierung auch nicht retten konnten. Die Kunst, zwischen den Zeilen zu lesen, also in einem scheinbar harmlosen Text verborgene Andeutungen und Nuancen zu erspüren, prägt eine Gesellschaft besonders stark, wenn es keine Meinungsfreiheit gibt. Um Zensur und Überwachung zu umgehen, werden in Briefen, Liedern und Romanen die verbotenen Aussagen zur vermeintlich harmlosen Andeutungen verkürzt.

In ihrem Ursprung ist die seit dem 19. Jahrhundert gebräuchliche Redewendung aber ganz wörtlich zu nehmen. Die Mönche in den mittelalterlichen Klöstern schrieben in einem Text über jedes (meist lateinische Fremdwort) die deutsche Übersetzung. So entstanden "Interlinearversionen": Das heißt, wer den Text wirklich verstehen wollte, musste auch zwischen den Zeilen lesen. Damals ging es ums blanke Begreifen, heute um die Zwischentöne.
 

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