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"Sanfte" Medizin - Heilpraktiker-Beruf im Zwielicht

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Ayurveda-Massage
Das aus Indien stammende Ayurveda gehört in den Bereich der traditionellen Alternativmedizin.

Gleichwertige Alternative?

Als Reaktion auf diesen Fall hatte die Bundesregierung bereits damals erklärt, die Zulassungsregeln für Heilpraktiker überprüfen zu wollen. Im Mai sprach sich der Deutsche Ärztetag dafür aus, dass Heilpraktiker keine invasiven Maßnahmen vornehmen und keine Krebserkrankungen behandeln sollen. Vor wenigen Wochen nun hat eine Expertengruppe um die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster die Diskussion um die Profession des Heilpraktikers erneut entfacht - und stellt den Beruf dabei sogar ganz grundsätzlich in Frage.

Die Experten warnen, dass das Etikett der staatlich geschützten Berufsbezeichnung bei Patienten den falschen Eindruck erwecken könne, es handle sich bei Ärzten und Heilpraktikern um gleichwertige Alternativen: "Gerade wegen der in Deutschland in nahezu allen Bereichen üblichen und erwartbar hohen Qualitätsstandards gehen Menschen hierzulande davon aus, dass solche Standards alle wichtigen Lebensbereiche regulieren - also auch die Gesundheitsversorgung durch Heilpraktiker."

Harsche Kritik

Umso größer sei die Gefährdung. Als zugespitzten Vergleich schreibt die Gruppe: "Es wäre undenkbar, jemandem die Steuerung eines Flugzeugs anzuvertrauen, dessen ganze Kompetenz in einem erfolgreich absolvierten Workshop über die Sage des Ikarus besteht." Zwar bringen auch die Kritiker Verständnis für Menschen auf, die sich an Heilpraktiker wenden und sich dort besser aufgehoben fühlen als in so mancher Praxis von Schulmedizinern: "Unbestritten schenken viele Heilpraktiker ihren Patienten wohltuende Aufmerksamkeit, die diese in der auf Effizienz getrimmten wissenschaftsorientierten Medizin sehr oft nicht finden."

Angesichts der niedrigen Anforderungen für die Berufszulassung kommen sie dennoch zu einem drastischen Schluss: Entweder sollen an Stelle des bisherigen Heilpraktikers verschiedene Fachheilpraktiker eingeführt werden. Diese Qualifizierungen kann dann nur erwerben, wer vorher bereits einen Heilberuf wie Ergotherapeut, Krankenpfleger oder Logopäde erlernt hat. Oder: Der Beruf des Heilpraktikers wird komplett abgeschafft.

"Vertrauen nicht zerstören"

Die Heilpraktiker selbst fühlen sich angesichts solcher Forderungen zur Gegenwehr verpflichtet. Der Bund Deutscher Heilpraktiker spricht in einer Erklärung von einer undifferenzierten Generalkritik. "Wir wehren uns gegen diese einseitige Meinungsäußerung sogenannter Experten. Wir lassen uns unser Vertrauensverhältnis zu Patienten nicht zerstören", konstatiert der Präsident des Bunds, Ulrich Sümper in einer Mitteilung.

Wie gut das gelingt, bleibt abzuwarten. Denn klar ist: Der Fall des Heilpraktikers Klaus Ross hat die vermeintlich sanft und natürlich agierende Heilpraktikerbranche so sehr ins Zwielicht gerückt wie kein Skandal zuvor. Doch er ist nicht der erste Fall. Im Jahr 2009 starben Patienten eines Arztes und seiner Frau, einer Heilpraktikerin, weil ihnen Drogen verabreicht worden waren. Und Ende 2015 vergiftete sich eine Gruppe Heilpraktiker lebensgefährlich bei einem Selbstversuch.

DAL, 11.09.2017
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