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Botox

Zwei Freundinnen vor einem wichtigen Termin.Eigentlich sind sie mit ihrem Aussehen zufrieden. Nur die Lachfältchen um die Augen und die Stirnfalten stören sie immens. Sie sind dankbar, dass es Botox gibt. Auch wenn es auf einem Nervengift basiert. "Ja, warum Botox. Man braucht ja nur den Fernseher einzuschalten oder eine Zeitschrift aufklappen und man sieht 16-jährige Models, die irgendwelche Sachen bewerben und ja, dann ist es natürlich schwer mit seinem eigenen Gesicht so rum zu laufen.“" Berlin, Kurfürstendamm. Die beiden sind auf dem Weg in eine Spezialklinik, und das nicht zum ersten Mal. Marina Atax hat eine Botox-Flatrate. Für 600 Euro kann sie sich ein Jahr lang, so oft sie möchte, behandeln lassen. Doch heute ist sie nur Begleitung. Dr. Krueger erklärt ihrer Freundin Anna, wie er einen Teil ihrer Gesichtsmuskeln gezielt lähmt. Muss sie sich Sorgen machen? Dr. Krueger: "„Botox ist selbstverständlich kein Gift. Botox ist ein Medikament. Denn die Dosis macht letztendlich das Gift. An einer Botulinumtoxin-Vergiftung kann man sterben. An einer Botox-Injektion ist noch kein Mensch gestorben.“" Doch diesen Unterschied verstehen viele nicht. Immer wieder sorgen Schlagzeilen für Verwirrung. Weltweit, so heißt es, nehmen Todesfälle durch Botulinumtoxine zu. Das ist der Wirkstoff, der stark verdünnt, im Produkt Botox enthalten ist. Millionen von Frauen lassen es sich spritzen. Wie gefährlich ist das Mittel wirklich? Diese Frage stellt sich auch der Neurologe Matteo Caleo. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Botulinumtoxinen auch mit der Variante, die bei kosmetischen Botox-Behandlungen benutzt wird. Caleo hat großen Zweifel an der Harmlosigkeit der Schönheitsspritze. In seinem Forschungslabor in Pisa untersucht Caleo die Wirkung von Botox auf Mäuse und Ratten. Ärzte, die Botox anwenden, gehen davon aus, dass es nur direkt an der Injektionsstelle wirkt. Caleo möchte das verifizieren. Nachdem den Tieren Botox gespritzt worden ist, kontrollieren Caleo und seine Kolleginnen, ob das Gift nicht doch Wege findet, sich auszubreiten. Und tatsächlich: Im Gehirn der Tiere finden sie Reste eines Proteins, das von Botox zerlegt wird. Dr. Matteo Caleo„: "Der Stoff wirkt an der Injektionsstelle. Aber Fragmente des Giftes finden sich auch im Gehirn. Nicht überall sondern in ganz spezifischen Regionen, die mit der Injektionsstelle in Verbindung stehen."“ Eine beunruhigende Erkenntnis, auch für die kosmetische Anwendung. Offenbar verteilt sich der Stoff doch anders als bisher bekannt. Das Nervengift Botulinumtoxin gilt als sehr gefährlich. In der Schönheitsindustrie ist es allerdings extrem verdünnt. Viele Ärzte und Patienten sind daher überzeugt, Botox ist harmlos und wirkt nur lokal. Auch Dr. Krueger lässt sich nicht beirren. Er ist sicher, korrekt angewendet ist das Gift ungefährlich. Dr. Krueger„: "Für den Gesamtkörper besteht überhaupt kein Risiko. Die Risiken liegen im lokalen Bereich. Das heißt, wenn ich etwas injiziere kann ich kleine Blutergüsse erzeugen. Das ist etwas, was ärgerlich sein kann, aber ziemlich harmlos ist.“" Andere Experten sehen das kritischer. Wolfgang Becker-Brüser ist Arzt, Apotheker und bekannter Pharmakritiker. Er vermutet, die über 20 Opfer von Botulinumtoxin-Anwendungen in Europa sind nur die Spitze des Eisbergs. Becker-Brüser„: "Die Folgeschäden sind ja nicht sofort sichtbar, sondern sie entwickeln sich im Laufe von Tagen und Wochen. Wenn dann eine bedrohliche Situation entsteht, beispielsweise eine Lungenentzündung auf der Basis einer Schluckstörung entstanden ist, dann wird es nicht mehr dem Botox, der kosmetischen Anwendung angerechnet, sondern der Infektion. Und dadurch muss man davon ausgehen, dass viel mehr schwere Reaktionen und vielleicht auch viel mehr tödliche Reaktionen auftreten als bekannt sind."“ Auch sein italienischer Kollege nimmt die Risiken des umstrittenen Stoffes ernst. Allerdings sieht er auch gute Seiten. An epileptischen Mäusen erforscht er neue Behandlungsmöglichkeiten.Botulinumtoxin, aus Bakterien hergestellt, wird bereits heute als krampflösendes Mittel in die Muskeln gespritzt. Besonders bei spastischen Lähmungen.Caleo möchte einen Schritt weiter gehen. Das Botulinumtoxin soll direkt in dem Gehirnbereich wirken, der für eine spezielle Form der Epilepsie verantwortlich ist. Die Ergebnisse der ersten Tierversuche sind vielversprechend. Matteo Caleo: "„Die einzige Behandlungsmethode bei diesen Epileptikern ist bis heute einen Teil des Gehirns zu entfernen. Wenn wir ein Wirkmittel hätten, dass für lange Zeit die Überaktivität blockiert, dann könnte dies zu weniger Anfällen führen und eine große Verbesserung von Patienten bedeuten für die es bis heute noch keine Heilung gibt.“" Ein Hoffnungsschimmer für Menschen mit schweren Bewegungsstörungen. Doch die Wirkung von Botulinumtoxin ist noch nicht vollständig ergründet. Es gilt die Risiken sorgfältig zu erforschen. Die neuen Erkenntnisse aus Pisa werfen auch ein neues Licht auf die kosmetische Anwendung des Giftes. Selbst wenn es professionell gespritzt wird: Die Harmlosigkeit ist durch Caleos Forschung in Frage gestellt. Eine Nebenwirkung ist auf jeden Fall schon jetzt zu diagnostizieren: Suchtgefahr. "„Man wird nicht süchtig nach Botox sondern man wird süchtig nach dem Ergebnis was es erzielt. Also auf jeden Fall würde ich sagen." Ein Stoff, der vielleicht noch viele Einsatzmöglichkeiten eröffnet. Und noch viele Fragen. Medikament oder Nervengift? Es bleibt ein schmaler Grat.

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