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Hans-Dietrich Genscher

Im Jahr 1989. In der DDR wird der Tag zur 40-jährigen Gründung des Staates gefeiert. Doch im Land stehen sie Zeichen auf Wandel. In ganz Osteuropa sind Reformen im Gange. Aber die DDR-Führung will davon nichts wissen. Die Führung der Sowjetunion beschließt, in den Wandel nicht einzugreifen. Ungarische Grenzsoldaten reißen die Grenzbefestigungen zum Nachbarn Österreich nieder. Tausende Flüchtlinge aus der DDR fliehen daraufhin über Ungarn nach Österreich.Ein Zwischenstopp auf dem Weg in die Freiheit ist für viele die Botschaft der Bundesrepublik in Prag. Der Ansturm ist gewaltig. Absperrungen werden durchbrochen, die Menschen klettern über den Zaun auf das Botschaftsgelände. Die tschechische Polizei kann nichts mehr ausrichtenUnter den Flüchtlingen sind auch viele junge Familien, die mit ihren Kindern in die Bundesrepublik möchten.Über 4000 Menschen befinden sich auf dem Botschaftsgelände. Es mangelt an allem. Und die humanitäre Lage spitzt sich zu. Bundesaußenminister Genscher, noch von einem schweren Herzinfarkt gezeichnet, knüpft international diplomatische Netze.Tragische Musik! Nun kam der Donnerstag, der 28. , und noch immer hatte ich keine abschließende Reaktion, da bin ich noch mal zu Schewardnadse gefahren, in New York, das war gar nicht einfach, aber dann, um ganz schnell hinzukommen, weil er nur ein kleines Zeitfenster hatte, habe ich dann einen Streifenwagen der New Yorker Polizei benutzt und bin mit einem Mitarbeiter mit Blaulicht durch die Rush Hour durchgerast zur sowjetischen Vertretung. Und Schewardnadse sagte dann, und das war bezeichnend für ihn. Sind da Kinder bei? Und da hab ich gesagt: Hunderte von Kindern sind dabei. Dann werden wir Euch helfen, sagte ich. Und wie konnten wir das tun? Ich rief unsere Freunde an, die tschechoslowakische Führung und bat sie, die Ausreise der DDR-Bürger nach Westdeutschland nicht zu behindern. Darin bestand meine Rolle. Aber einfach war es nicht. Unser Politbüro in Moskau war natürlich skeptisch. Ich sagte, dass die Hälfte der Menschen in der Botschaft Kinder seien und dass sie womöglich umkommen würden, in dieser unhaltbaren Situation. Dann würde es als schreckliche Geschichte zurückbleiben. Das war meine Strategie. Und die Mitglieder hatten schließlich ein Einsehen“Weil die Lage in der Botschaft immer prekärer wird, reist Genscher in die Deutsche Botschaft nach Prag. „Ich möchte zunächst mit den Deutschen aus der DDR sprechen können, die sich in der Botschaft befinden. Ich kam am Morgen in Bonn an, bin nach Hause gefahren, habe geduscht und gefrühstückt, um dann das Gespräch zu führen mit dem ständigen Vertreter der DDR. Ich bin dann nach Prag geflogen. Sie können sich vorstellen, welche Gedanken mich bewegt haben. Auf der einen Seite, ein unglaubliches Glücksgefühl, dass das jetzt möglich ist, auf der anderen Seite, was werden die Wirkungen sein, dann schließlich: Welche Worte muss ich finden?Dann der Augenblick, der in die Deutsche Geschichte eingeht: Um 18:58 Uhr tritt Genscher auf den Balkon der Deutschen Botschaft in Prag: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“. Als ich aufm Balkon stand, war ich froh, dass das eine Steinmauer war, an der man sich richtig festhalten konnte. Ich war doch in einer großen inneren Anspannung und Erregung. Zwischen Freude auf der einen Seite, aber natürlich auch der Frage: Werden sie jetzt mitgehen, oder sagen sie nein, wir trauen denen nicht, aber dann war ich überglücklich.Im Oktober sind bereits 55000 DDR Bürger in der Tschechoslowakei und in Ungarn auf dem Weg in den Westen. Die Behörden kapitulieren vor diesem Ansturm der Massen.Und dann, am ersten Oktober, fahren die ersten Sonderzüge mit über 7000 Flüchtlingen in Richtung Bundesrepublik. Überall, wo der Zug auf seinem Weg durch die DDR hält, kommen Menschen mit ihren Koffern, versuchen aufzuspringen und werden durch die Fenster in den Zug gezogen. Bis der Zug schließlich In Hof ankommt.Die erste Station in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Weg, der ihnen allen durch den diplomatischen Einsatz von Hans Dietrich Genscher ermöglicht wurde.

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