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Kreisch-Sumo

"Was sollen wir rufen? Egal, Hauptsache laut. Und dann kommt ihr schön nach vorne damit alle ihre Fotos machen können." Rätselhaftes Japan. Zwei Ringer und ein Ringrichter üben Kinder erschrecken. Und die Kinder werden feierlich ausstaffiert mit prächtig bestickten Schürzen, gerne auch mit Vogel oder Hundemotiv. Für ihre lieben Kleinen tun die Japaner nun mal alles. "Und weil wir auch für sein gesundes Wachstum beten wollen, sind wir hier und lassen ihn am Kreisch-Sumo teilnehmen."  Kreisch-Sumo: Eine Spielart des traditionellen Sumo-Ringens getreu der alten Weisheit, dass nur ein schreiendes Kind ein gesundes Kind ist. Gut hundert Einjährige sind angemeldet für dieses Turnier und am Shinto-Schrein mitten in Tokyo ist kaum noch ein Parkplatz frei. Bei allem, was nun folgt, muss man sich immer vor Augen halten, dass Japaner ihre Kinder abgöttisch lieben. Und tendenziell dem kleinen Sonnenscheinchen jeden Wunsch erfüllen.  Das verwöhnte Kind hat somit nicht oft Grund zum Weinen und das ist, sagt der Volksmund, nicht gut für die Gesundheit. Da muss man was machen. Nämlich erschrecken und zwar so lange bis der kleine Liebling aus vollem Hals brüllt. Lauter, lauter, sagt die Omi, und machts gleich mal vor. Kinder im heilsamen Heulkrampf, Mütter im Siegestaumel. Halt durch, mein Schatz. Es gibt übrigens nichts zu gewinnen und die Spielregeln sind schlicht. Wen die Sumo-Jünger in den Fingern haben, von dem wird nur noch erwartet, dass er aus Leibeskräften kreischt. Das Kreisch-Sumo ist übrigens keine Erfindung der Spaßgesellschaft, sondern hat eine Jahrhunderte lange Tradition und: Keine Sorge, von dauerhaft traumatisierten Teilnehmern hat man bislang nicht gehört. Ein großer Moment für die Eltern. Ach, wenn doch unser Kleiner der größte Brüller wäre. Das Schauspiel ist abscheulich, der Japaner kriminell, denkt betroffen der mitteleuropäische Babyflüsterer, steht aber mit seiner Meinung hier ziemlich alleine da. Denn alle haben einen Heidenspaß, mit Ausnahme freilich der Kinder.

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