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So macht man... Kirchenglocken

Ganz Freising lauschte andächtig dem Glockenklang des Domes, an dem Tag, als das älteste Renaissancegeläut der Welt nach einer Reparatur wieder ertönte. Vox-Pops "Ich finde, der Klang ist jetzt so wunderschön geworden, so weich, ich bin ganz begeistert." "Das bewegt mich wahnsinnig, dieses Geläut, das macht mich richtig ehrfürchtig." "Das gibt's sonst nirgendwo." - "Kann man stolz sein?" - "Aber wirklich!"Acht der Glocken mussten aufwendig restauriert werden, zwei wurden sogar ganz neu gegossen. Und das ist bei Glocken gar nicht so einfach. Zuerst muss der Ofen auf die richtige Temperatur gebracht werden, wie hier in der Passauer Gießerei. Durch diese Kanäle im Boden fließt der rotglühende Bronzeguss in die darunter liegende Glockenform. Doch der Reihe nach. Rudolf Perner, Glockengießer "Die Glockenform wird von innen nach außen gebaut, erst wird ein Ziegelrohling aufgestellt und auf diesen Ziegelrohling werden Lehmschichten aufgetragen, damit die so genannte Innenform der Glocke definiert ist. Das Metall fließt dann von oben in die Form und füllt von unten bis in die Kronenhenkel die ganze Glockenform."Die Glocke wird aus einem Bronzegemisch gegossen. Das wiederum besteht aus 78% Kupfer und 22% Zinn. Die Kupfer- und Zinnschmelze wird miteinander vermischt. Rudolf Perner weiß genau, wie die Materialien auf Hitze reagieren. Rudolf Perner, Glockengießer "Es handelt sich hier um Barren aus reinem Zinn. Das Zinn schmilzt ja schon bei 270 Grad , das heißt, bei 1100 Grad zergeht das Zinn da drin wie Butter."1100 Grad. Bei diesen schweißtreibenden Temperaturen ist die Arbeit für die Gießer besonders hart. Um das Feuer erst einmal auf diese Temperatur zu bringen wird Buchenholz verfeuert. Denn das wird besonders heiß. Die Passauer Gieß-Profis sind für Ihre Glocken in der ganzen Welt bekannt. Und die Herstellung einer neuen Glocke lockt immer eine ganze Menge Schaulustiger an. Mit ein paar Schlägen wird der Pfropfen im Kessel entfernt - und die glühende Schmelze fließt durch die Kanäle in die Glockenform. Der Meister ist angespannt, gibt knappe Befehle, denn Fehler bei der Herstellung würden den Klang der Glocke für immer zerstören. Rudolf Perner, Glockengießer Die Wahrscheinlichkeit, den Ton zu treffen, ist etwa so, dass wir, ja, die Hälfte bis zwei Drittel der Glocken korrigieren und ein Drittel nicht korrigieren, wobei wir hier aber sehr genaue Maßstäbe ansetzen.Mit 1140 Grad stürzt die feurige Masse in den Tiegel, um dann in die im Boden liegende Glockenform zu laufen. Rudolf Perner, Glockengießer "Der Guss der Glocken war sehr gut heute, alles schön gelaufen, wie am Schnürchen kann man sagen. Eine Glocke wurde voll, dann die nächste. Der Kanal ist nicht übermäßig übergelaufen, was auch ab und an passieren kann."Nach zwei Wochen sind die Glocken ausgekühlt und werden von ihrem Lehmmantel befreit. Beim Festumzug in Freising im Oktober konnten die neugierigen Bürger ihre neuen Glocken dann zum ersten - und wahrscheinlich letzten - Mal aus der Nähe bewundern und bestaunen, die acht Glocken von 1563 und die zwei neu gegossenen. Denn dann werden sie bis oben im Glockenturm verschwinden. Das allerdings ist gar nicht so einfach... "Das Problem ist dann die Logistik im Turm selber, wir haben begrenzte Platzverhältnisse und dann Teile vom Holz hoch bringen, dann wieder Glocken hoch bringen und den Stuhl dann zugleich aufzubauen, das ist das Problem."Bis zu drei Tonnen Gewicht muss hier der Autokran in bis zu 30 Meter Höhe hieven. Auch neue Eichenbalken für das Geläut werden hinauf manövriert. Günter Granz bleibt im ständigen Kontakt mit dem routinierten Kranführer - denn hier ist Zentimeterarbeit gefragt. Vor allem der Einbau durch das schmale Turmfenster ist ein echtes Wagnis. Schließlich aber ist die Arbeit geschafft. Und die Freisinger haben pünktlich zum Corbiniansfest Ihr ältestes Renaissance-Glockengeläut der Welt wieder.

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