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Zähmung unterirdischer Kräfte

Eisige Kälte am Bohrturm. Mit dem Flammenwerfer kämpfen die Arbeiter gegen den Frost. Tief unter der gefrorenen Erde Islands könnte der Schlüssel zur Energie der Zukunft liegen. Der Geologe Ásgrímur Gudmundsson betreut die Extrembohrung. Fünf Kilometer tief wollen die Männer ins Erdinnere vordringen. Hier im vulkanisch aktiven Gebiet bei Krafla ein riskantes Vorhaben. Doch es geht um einen wertvollen Schatz:  Tiefenwasser, heißer als heiß, um die 500 Grad Celsius. Ungeahnte Energien soll es bergen und unter enormem Druck stehen: Vermutlich liegt es als hochaggressives Fluid vor, das praktisch alles auflöst, mit dem es in Berührung kommt. Aber sicher weiß das niemand, denn noch nie ist es gelungen, das Höllenwasser an die Erdoberfläche zu holen.  Die Bedingungen für den waghalsigen Vorstoß sind gerade auf Island günstig. Die Insel liegt genau über dem Mittelatlantischen Rücken. Die Amerikanische und die Eurasische Platte driften auseinander. Dazwischen drückt sich das glühendheiße Erdinnere nach oben, bis nahe unter die Erdoberfläche. Risiko und zugleich auch Chance. In 5 km Tiefe vermuten die Forscher das Fluid: „Superkritisch“ nennt man Wasser mit einer Temperatur ab 374 Grad Celsius und einem Druck von über 221 bar, weder gasförmig noch flüssig. Die Forscher glauben: Dieser Stoff könnte zehnmal mehr Energie liefern als herkömmliche Erdwärme. Denn unter der dünnen Erdkruste kocht und brodelt es. Jederzeit könnte einer der vielen Vulkane ausbrechen. Die Isländer haben gelernt, mit diesem Risiko zu leben – und die unterirdische Hitze zu nutzen. Mehr als die Hälfte ihrer Energie produzieren sie bereits mit Geothermie. Wärme, die aus dem Erdinneren kommt und im Überfluss zur Verfügung steht. Auf der Baustelle steigt die Spannung. Der Bohrer steht still. In der Nacht haben die Männer jede einzelne Bohrstange aus der Tiefe geholt und abmontiert. Jetzt wird das Bohrloch mit Rohren stabilisiert. Dabei stellt sich ein weiteres Problem: Werden die Rohre das hochaggressive Fluid aushalten? "Wir machen uns Sorgen über die chemischen Reaktionen, die das superkritische Fluid auslösen könnte. Wir wissen nicht, auf welche Gase wir stoßen werden, - wir wissen so einiges noch nicht. Wir sind zum Mond geflogen, aber in eine Tiefe von 5 km haben wir hier noch nie gebohrt.“„" "What we are worrying about, is the chemistry that may be connected to the supercritical fluid. We don’t know what gases we may expect, we don’t know about other things either. We travelled to the moon, but we never drilled down to 5 km.“" Superkritisches Fluid ist vermutlich ein starkes Lösungsmittel. Gudmundsson nimmt an, dass es Salze und Mineralien enthält. Die wirken – so die Befürchtung – ätzend und könnten die Rohre angreifen. Oder die gelösten Stoffe verstopfen das Bohrloch. Das wäre gefährlich, dann könnte alles in die Luft fliegen. Welche Kraft hier in der Erde steckt, zeigt ein herkömmliches Bohrloch. Gerade hat man es geöffnet. Mit enormem Druck quillt die angestaute Hitze heraus aus 2,5 Kilometern Tiefe. Das energiereichste Bohrloch der Insel - bis jetzt. Viele Probleme müssen noch gelöst werden, bis das superkritische Fluid tatsächlich aus der Erde geholt werden kann. Die Zähmung der unterirdischen Kräfte zur Energiegewinnung ist nicht ungefährlich. Oktober 2004, unweit von Bremen. Ein Erdbeben der Stärke 4,5.Der Fachmann Torsten Dahm von der Uni Hamburg ist irritiert. Eine zu heftige Erschütterung für das platte Land. Deshalb will er die Sache näher untersuchen. Dazu benötigt er genauere Werte.In 500 m Tiefe. Fern von allen störenden Einflüssen, steht das Messgerät, das die Sache aufklären soll. Eines von rund 15.000, die weltweit auch die kleinsten Erschütterungen messen. Ein Ingenieur überprüft, ob das Seismometer exakt justiert ist. Denn es muss absolut gerade stehen, sonst könnten die Messungen verfälscht werden. Henger:„ "Diese Instrumente sind extrem empfindlich. Sie sind in der Lage, im Nanometerbereich zu registrieren und wenn sie sich vorstellen, dass der kleinste Virus 20 Nanometer hat, dann können Sie sich vorstellen, wie extrem klein die Bodenbewegungen sind, die wir hier aufzeichnen können.“" Die Daten reichen, um die Koordinaten des Bebens und die Stärke genau zu bestimmen. Der Tiefenwert kommt aus einer anderen Quelle: Seismische Wellen laufen durch den Erdkern hindurch und erreichen die gegenüberliegende Seite. Deshalb wurde ein „Echo“ des Bebens in Amerika registriert. Diese Aufzeichnung vom anderen Ende der Welt ermöglicht eine Berechnung der Tiefe und der Ursache des Bebens. Dahm:„ "Wir haben mit unseren seismologischen Untersuchungen klar gefunden, dass es in einem Tiefenbereich nach unseren Daten von 5-7 km liegt und es möglich ist, dass es einen Zusammenhang gibt mit der Gasförderung von den benachbarten Feldern."“ Erdbeben durch Erdgasförderung! An den Lagerstätten unweit von Bremen wurde 5 Kilometer tief gebohrt. Das Resultat: Das Erdgas strömt zur Bohrstelle und steigt dort nach oben. Wenn das Gas aus dem porösen Sediment geleitet wird, verändert sich die Stabilität. Die Gesteinsschichten darüber drücken es mit ihrem Gewicht wie einen Schwamm zusammen. Dadurch können sich Spannungen im Untergrund ändern. Und die Erde bebt.Im Erdinnern schlummert viel Energie. Die Nutzung bringt völlig neue Perspektiven, aber auch Gefahren mit sich.

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