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Nara - die vergessene Hauptstadt

Ost-Pagode des Yakushi-ji
Ost-Pagode des Yakushi-ji

Die 730 vollendete Ost-Pagode ist das einzig erhaltene Bauwerk des 8. Jh. auf dem Gelände des Yakushi-ji. Die 34 m hohe Pagode hat zwar nur drei Stockwerke, scheint aber wegen der Zwischendächer (mokoshi) sechs Stockwerke aufzuweisen.

Unter den historischen Hauptstädten Japans ziehen zwei die meiste Aufmerksamkeit auf sich: Edo, die heutige Hauptstadt Tokio, steht für das moderne, geschäftige Japan, während Kyoto das kulturelle Erbe Japans repräsentiert. Beide sind Millionenstädte mit starkem Tourismusverkehr. Nara wird von ausländischen Besuchern weniger beachtet, ist aber kaum weniger geschichtsträchtig als Kyoto.

Die älteste erhaltene Stadtanlage Japans wurde 710 von der Kaiserin Genmei gegründet. Zu dieser Zeit war es üblich, dass der Regierungssitz nach dem Tod eines Kaisers verlegt wurde. Dies geschah aus dem Aberglauben heraus, dass Orte des Todes beschmutzt seien.

Vorbild für die neugegründete Stadt war Chang'an (heute Xi'an), die chinesische Metropole der Tang-Zeit. Die gesamte Anlage hatte eine Nord-Süd-Ausdehnung von ungefähr 4,8 km, eine Ost-West-Ausdehnung von 4,3 km und eine Fläche von rund 20 qkm. Zum Vergleich: Köln, die größte Stadt des mittelalterlichen Deutschlands, hatte eine Fläche von "nur" 4 qkm. Bewohnt wurde die Stadt von 200.000 Menschen, unter ihnen rund 10.000 Regierungsangestellte.

Während der Nara-Zeit von 710 bis 784 war der Ort unter dem Namen Heijō-kyō die Hauptstadt Japans. Aus dieser Zeit, die sich mit der Regierungszeit Karls des Großen in Europa überschneidet, stammen die meisten der großen Tempelanlagen. Ihre Lage innerhalb der Stadt erwies sich als Planungsfehler: Sie erwarben rasch politischen Einfluss und Konflikte zwischen den Tempeln lähmten regelmäßig die Regierungsgeschäfte. Zwar verlor der Ort nach der Verlegung der Hauptstadt ins 40 km nördlich gelegene Kyōto an Bedeutung, die sogenannten Nanto Shichi Daiji, wörtlich "die sieben großen Tempel der südlichen Hauptstadt",  konnten ihren Einfluss aber teilweise bewahren und überlebten bis heute.

Wegen seiner zahlreichen alten und gut erhaltenen Tempel gehört Nara heute zu den attraktivsten touristischen Zielen in Japan. Die wichtigsten Monumente und Fundstätten in und um die Stadt sind Teil des UNESCO-Weltkulturerbes "Historisches Nara", darunter Tōdai-ji, Kōfuku-ji, Kasuga-Taisha, Gangō-ji, Yakushi-ji, Tōshōdai-ji und die Überreste des Heijō-Palastes. Das angehängte -ji kennzeichnet hier einen buddhistischen Tempel, -sha oder taisha einen Shintō-Schrein. Die Anlagen sind im Allgemeinen frei zugänglich, einige Gebäude und Museen sind aber nur gegen Eintrittsgebühr zugänglich.

Die Tempel und Schreine

Östliche Halle und Pagode des Kōfuku-ji
Östliche Halle und Pagode des Kōfuku-ji

Die Gojūnotō genannte fünfstöckige Pagode ist mit über 50 m Höhe die zweithöchste Pagode Japans. Die ursprüngliche Konstruktion wurde 725 im Auftrag der kaiserlichen Gemahlin Komyo errichtet.

Der 5 qkm große Nara-Park im Zentrum der Stadt umfasst einige der größten Attraktionen: Hier findet man die Tempel Kōfuku-ji und Tōdai-ji sowie den Kasuga-Schrein.

Der Kōfuku-ji am Eingang des Nara-Parks ist der größte Tempelkomplex der Innenstadt. Unter der Patronage der mächtigen Fujiwara-Familie soll die Anlage einst zehnmal größer als heute gewesen sein. Die 5-stöckige Pagode des Tempels ist mit über 50 m Höhe die zweithöchste Japans.

Daibutsu des Tōdai-ji
Daibutsu des Tōdai-ji

Die 751 vollendete Statue ist 16,2 m hoch und wiegt etwa 250 t. Diese Darstellung des Buddha Vairocana ist die größte ihrer Art.

Ebenso bemerkenswert ist der Tōdai-ji (dt: "östlicher großer Tempel"). Der buddhistische Tempel beherbergt in seiner Haupthalle die größte buddhistische Bronzestatue (Daibutsu) überhaupt. Der Guss war technisch ungemein anspruchsvoll und gelang erst nach mehreren Fehlschlägen. 752 konnte die Figur in einem gewaltigen Festakt mit 10.000 Teilnehmern geweiht werden. Das Projekt ruinierte beinahe den japanischen Staat und verbrauchte einen Großteil der verfügbaren Kupferreserven des Landes. Die Haupthalle Daibutsuden, die den großen Buddha beherbergt, ist mit einer Breite von 57 m, einer Tiefe von 50,5 m und einer Höhe von 48,7 m das größte rein aus Holz gebaute Gebäude der Welt. Die heutige Halle, die Anfang des 18. Jh. fertiggestellt wurde, ist deutlich kleiner als die Vorgängerbauten, dafür aber etwas höher. Leider nicht erhalten sind die beiden etwa 100 m hohen Pagoden, die die Halle flankierten. Sie waren zur Zeit ihrer Erbauung wohl die nach den Pyramiden von Gizeh höchsten Bauwerke der Erde.

Laternen des Kasuga-Taisho
Laternen des Kasuga-Taisho

Der Kasuaga-Schrein ist für seine etwa 3.000 Stein- und Bronzelaternen berühmt.

Der im Osten des Parks gelegene Kasuga-Taisha ist der berühmteste Shinto-Schrein Naras. Er wurde den Schutzgottheiten der Stadt geweiht und ist der Mutterschrein der 3.000 Kasuga-Schreine Japans. Im Gegensatz zu den meisten Tempeln der Stadt ist er auch heute ein aktives religiöses Zentrum. Der Schrein ist für seine 3.000 Stein- und Bronzelaternen berühmt, die nachts für Beleuchtung sorgen.

Der zum Schreingelände zählende Kasugayama-Urwald ist ein eigenständiger Teil des Weltkulturerbes.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fünfstöckige Pagode des Hōryū-ji
Fünfstöckige Pagode des Hōryū-ji

Die Pagode wurde in der der Nara-Zeit vorangehenden Asuka-Zeit erbaut und hat eine Höhe von 32,5 m. Sie ist die älteste fünfstöckige Pagode in Japan und eines der ältesten erhaltenen Holzbauwerke überhaupt.

Einen Abstecher wert ist auch der Nachbarort Ikaruga: Während die höchste Pagode Japans sich heutzutage in Kyoto befindet, steht hier die älteste Pagode auf dem Gelände des Hōryū-ji. Dendrochronologischen Untersuchungen zufolge wurde das Holz für den Zentralpfeiler im Jahre 594 gefällt. Ein weiteres Highlight ist der 739 erbaute Pavillon Yumedono, die Traumhalle oder Halle der Visionen, der zum Gedenken an den Stifter des Tempels, den Kronprinzen Shōtoku, errichtet wurde. Auch der Hōryū-ji ist Teil des japanischen UNESCO-Weltkulturerbes.

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