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wissen.de Artikel

Rechtschreibreform: Katastrofe - auf keinen Fall!

Gegen Maffia und andere Schosen

Ein Blick zurück: Als die Reform vor 15 Jahren beschlossen werden sollte, protestierten nicht nur Presse und Schriftsteller. Auch Hans Zehetmair, der Vorsitzende des Rechtschreibrates, übte Kritik. Er sprach von einer "Katastrofe". Auf keinen Fall sollte man bei diesem Wort auf das "ph" verzichten. Neben der Katastrofe lösten auch Wörter wie Apoteke oder Restorant Empörung aus. Dr. Sabine Krome ist Mitglied im "Rat für deutsche Rechtschreibung" und Leiterin der Wahrig-Redaktion in Gütersloh. An der Rechtschreibreform hat sie mitgebastelt und spricht im wissen.de-Interview über am häufigsten gestellte Fragen in der Rechtschreibung, über erbitterte Debatten, die lautesten Oppositionellen, die erwähnte Katastrofe - und sie verrät, welche Änderungen uns noch bevorstehen.

Dr. Sabine Krome Chefredaktion WAHRIG
wissen.de: Die Rechtschreibreform ist jetzt 15 Jahre alt. Es hagelte damals Proteste. Die Stimmung war mies. Hans Zehetmair, Vorsitzender des Rechtschreibrates und ehemaliger bayerischer Kultusminister, wollte vor sechs Jahren den "Rechtschreibfrieden" wiederherstellen. Wo ist ihm das gelungen?

Zu guter Letzt auf sehr breiter Front! Auf so breiter, dass er für die gerade begonnene zweite Amtsperiode vom Rechtschreibrat einstimmig als Vorsitzender wiedergewählt wurde. Und in der Öffentlichkeit hat man offensichtlich auch Frieden mit der Reform geschlossen. Dabei hätte man in der Anfangszeit des Rates, also 2005, tatsächlich von kriegsähnlichen Zuständen sprechen können. Das gilt sowohl für die verschiedenen Parteien im Rat – mit den Vertretern der unterschiedlichen Institutionen und der sechs verschiedenen Länder –, die sich erbittert bekämpft haben, als auch für die gegnerischen "Fraktionen" außerhalb wie der FAZ, die 2000 zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt ist. Solche Positionen stellen aber heute eine absolute Minderheit dar.

wissen.de: Diskussionen zur Rechtschreibung gab es schon vor 1996. Zehetmair sagte etwa,"es wäre eine Katastrophe, wenn es zu Katastrofe käme". Welche Katastrophe meinte er?

Die Kultusminister waren ziemlich entsetzt über manche Ergebnisse. So sollten zahlreiche im Schriftbild vertraute Wörter nicht mehr in der fremdsprachlichen Schreibung geschrieben, sondern eingedeutscht werden, so zum Beispiel Apoteke, Rytmus, Restorant oder Alfabet – und eben auch Katastrofe. Das war gerade für Zehetmair, ehemals auch Lehrer für Griechisch und Latein, wohl die absolute Katastrophe.

 

Stopp in letzter Minute

wissen.de: Er hat auch in letzter Minute durchgebracht, dass einige Änderungen nicht übernommen werden – zum Leidwesen des Duden. Der Heilige Vater sollte zum Beispiel weiterhin großgeschrieben werden…

Krome: Ja, vor allem die Getrennt- und Zusammenschreibung, aber auch die Groß- und Kleinschreibung waren sehr umstritten, man denke beispielsweise an die Großschreibung von Leid tun, die ja jahrelang durch die Presse geisterte. Beim Heiligen Vater konnten wohl viele nicht akzeptieren, dass diese zentrale Instanz als feste Fügung kleingeschrieben werden sollte, wie zum Beispiel "das schwarze Brett". Dies wurde dann in letzter Minute geändert: Großschreibung des Heiligen Vaters als Eigenname, analog etwa zum "Stillen Ozean". So gab es noch einige weitere Änderungen, ehe die Reform dann doch passieren konnte.

 

Und die Reform war fast gescheitert

wissen.de: Man sprach von der Reform der Reform. Woher kam der größte Gegenwind?

Krome: Definitiv aus der Presse und von den Schriftstellern, teilweise auch aus der Wissenschaft. Höhepunkt war ja dann das Ausscheren der FAZ aus der Reform und ihre Rückkehr zur alten Rechtschreibung. Andere Zeitungen überlegten sich anzuschließen, und die ganze Reform drohte nach mehr als fünf Jahren zu scheitern. Viele Schriftsteller im belletristischen Bereich, zum Beispiel Günter Grass oder Elfriede Jelinek, weigern sich bis heute, in der aktuellen Rechtschreibung gedruckt zu werden. Auch etliche Einzelkämpfer beteiligten sich am Aufstand gegen die Reform, so zum Beispiel der Lehrer Friedrich Denk oder Prof. Theodor Ickler, der bis heute ein "Rechtschreibtagebuch" gegen die Reform im Internet führt.

Den endgültigen Anstoß zur "Reform der Reform" kam dann aber von der "Akademie für Sprache und Dichtung" und seinem führenden Mitglied Prof. Peter Eisenberg. Nicht zuletzt sein Eingreifen führte 2004 zu einer Ablösung der verantwortlichen "Kommission für deutsche Rechtschreibung" und zur Einsetzung des "Rats für deutsche Rechtschreibung" mit Zehetmair an der Spitze.

wissen.de: Gott sein Dank, es gab ja wirklich dringend Änderungsbedarf.

Krome: Ja, etwa in der Getrennt- und Zusammenschreibung. Es hat sich herausgestellt, dass Schreibungen nicht nur nach formalen Kriterien willkürlich festgelegt werden können, sondern durch Orthografie auch Sinn und Bedeutung der Wörter und Sätze transportiert werden. In diesem Sinne haben wir im Rat dann auch die Neuregelung 2006 gestaltet. Insgesamt wurde durch die erbitterten Debatten um die Rechtschreibreform deutlich, wie emotional das Thema begriffen wurde: dass Rechtschreibung offenbar bei vielen Deutschen als Kultur- und Identitätsmerkmal begriffen wird. Das hat man sich mühsam angeeignet und will es nicht so schnell wieder hergeben.

 

Die größten Unklarheiten bis heute

wissen.de: Welche Fragen zur Rechtschreibung trudeln heute noch bei Ihnen ein?

Krome: Wir bekommen mehrere hundert pro Monat. Die meisten von ihnen betreffen die Getrennt- und Zusammenschreibung, sicher der komplexeste, um nicht zu sagen, komplizierteste Bereich. Neben unserer bewährten individuellen Sprachberatung per E-Mail bieten wir seit neuestem unter unserem BROCKHAUS-Portal aber auch einen Exklusiv-Sprachservice an, mit dem die Nutzer digital individuell recherchieren können. Dadurch tragen wir der Entwicklung Rechnung, dass die meisten Kunden bzw. Benutzer unserer Wörterbücher inzwischen mit der jetzt nicht mehr so ganz neuen Rechtschreibung vertraut sind und selbst die richtigen Fragen stellen und die passenden Antworten finden können. Natürlich gibt es auch Probleme, die wirklich total kniffelig sind und nur individuell beantwortet werden können. Auch ich persönlich erhalte manchmal solche Fragen, zum Beispiel aus Ministerien oder von Freunden im Beruf, die ganz schnell einen Zweifelsfall klären müssen.

wissen.de: Sind die Reformen nun endlich abgeschlossen oder müssen wir mit weiteren Änderungen rechnen?

Krome: Die grundlegende Reform ist auf jeden Fall abgeschlossen. Dafür wird der Rat für Rechtschreibung sorgen. Dessen Aufgabe ist es jetzt, mittel- und langfristig die Schreibentwicklung zu beobachten und dann ggf. einzelne Änderungen von Schreibungen, keine Regeländerungen vorzunehmen.

Wir beobachten den Schreibgebrauch mit Hilfe unseres digitalen Textkorpus mit rund zwei Milliarden Wortbelegen aus Zeitungen und Zeitschriften. Diese Ergebnisse gehen in die Beratungen des Rates ein und dann auch in die WAHRIG-Rechtschreibung. Im letzten Jahr haben wir zum Beispiel beschlossen, einige ungebräuchliche Variantenschreibungen zu streichen, etwa Maffia mit zwei ff, Scharm und Schose. Diese "verunstalteten Schreibungen" waren 1996 offenbar unerkannt geblieben.

 

Ziele der Rechtschreibreform

wissen.de: Ziel der Reform war es, die deutsche Rechtschreibung zu vereinfachen. Ist dieses Ziel Ihrer Meinung nach erreicht worden?

Krome: Ja, das war ein Ziel. Ein weiteres war es, die Regeln logischer, systematischer und besser nachvollziehbar zu machen. Das ist meines Erachtens in großen Teilen gelungen: Es gibt deutlich weniger Regeln als früher und weniger Ausnahmeschreibungen. Für Schüler ist die neue Rechtschreibung auf jeden Fall leichter zu erlernen. In der Schule zum Beispiel ist die neue Rechtschreibung längst selbstverständlich, und Eltern, die noch die alte Rechtschreibung verwenden, werden als rückständig und als absolut uncool klassifiziert.

wissen.de: Sie ziehen also ein positives Resümee?

Krome: Ja, auf jeden Fall, das ursprüngliche Anliegen der Reformer war gut, die Rechtschreibung, die sich über 100 Jahre lang überhaupt nicht verändert hatte, der heutigen Lebenswirklichkeit anzupassen. Die Diskussionen über die Rechtschreibreform haben außerdem zu einem verstärkten Bewusstsein in der Öffentlichkeit, zur Reflexion über Sprache, Schrift und Wortbedeutung geführt, die nur positiv sein kann und auch literarisch sehr produktiv ist. Im Rat für Rechtschreibung nutzen wir das für die Schreibbeobachtung.

Wenn man allerdings vorher gewusst hatte, wie schwierig der Weg zu dem jetzt erreichten Ergebnis sein würde, hätte man vermutlich noch mal 100 Jahre gewartet, bevor man sich an das Thema herangewagt hätte.

von Dorothea Schmidt, wissen.de
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Habe in vollem Umfange meine "alte" Schreibweise beibehalten und werde es auch weiterhin tun.


Ich schreibe so, wie ich es in der Schule gelernt habe. Die Reform dient doch nur, um bei den Dummen bessere Ergebnisse zu erzielen.