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Was unsere Stimme verrät

Der Ton macht die Musik: Wenn wir uns unterhalten, können wir unsere wahren Gefühle meist nur schwer verbergen. Denn mit jedem gesprochenen Wort vermittelt unsere Stimme unwillkürlich unsere Emotionen. Aber warum ist das so? Und wie gut können andere lesen, was unsere Stimme verrät?

Geschäftsbesprechung
Sei es im Gespräch oder bei einem Vortrag - die Stimme ist hinsichtlich der Wirkung auf andere Menschen ein entscheidender Faktor.
Sie klingt fröhlich, wenn wir gut gestimmt sind, kann aber auch tiefe Trauer vermitteln – und das alles sogar ohne Worte. Unsere Stimmlage und die Melodie des Gesprochenen verraten unserem Gegenüber relativ gut, wie es uns gerade geht. Sind wir deprimiert, sprechen wir eher flach und ohne große Betonung. Regen wir uns auf oder sind wir richtig wütend, brüllen wir und spucken die Worte gerade heraus. Kein Wunder also, dass unsere Stimme vielleicht das wichtigste Transportmittel für unsere Emotionen ist. Und: Sie lässt sich nur schwer manipulieren.

Smartphone und Emoticons
Emoticons statt Stimme, Mimik und Gestik - da sind die kleine Symbole oft überfordert.
Gefühle nonverbal vermittelt

Wie wichtig die Stimme als Emotionsträger ist, zeigt sich in Chatprogrammen: Weil Worte allein einfach nicht ausdrücken können, was wir gerade fühlen, haben Emoticons diese Aufgabe der Stimme übernommen. "Sie sind in der Schriftsprache Stellvertreter für unsere Gefühle", sagt Sabine Hammer von der Hochschule Fresenius. "Da wir beim Lesen von Nachrichten oft nicht erkennen können, welche eigentliche 'Sprechabsicht' der Absender verfolgt, verwenden wir Bilder, um zum Beispiel Freude, Ärger, Trauer oder Ironie zu vermitteln."

Wenn wir direkt miteinander reden, ist das dagegen viel leichter: "In der Kommunikationswissenschaft wird angenommen, dass wir beim Sprechen 60 bis 80 Prozent der Information nonverbal vermitteln, das heißt über Mimik, Gestik, Körperhaltung und nicht zuletzt auch über unsere Stimme und deren Klang", erklärt Hammer.

Widersprüche fallen auf

Inwiefern die Stimme variiert, hängt von verschiedenen physischen und psychischen Faktoren ab. Sind wir gestresst, fühlen wir uns müde und erschöpft oder sind wir gerade vollständig mit uns selbst im Reinen? All das spiegelt sich in unserer Stimme wider. "Wenn die Gesprächsabsicht mit Inhalt und Tonalität übereinstimmt, wirken wir authentisch", sagt Hammer. Teilen wir jemandem beispielsweise etwas Trauriges mit, dann drückt sich unsere Betroffenheit auch in unserer Stimme aus.

"Problematisch ist es, wenn diese Übereinstimmung fehlt und das, was wir sagen oder sagen wollen, nicht mit der Stimme im 'Einklang' ist", erklärt die Expertin. Klassisch ist beispielsweise die Antwort  "Mir geht es super!" auf die Frage nach der Stimmung. Sind wir in Wirklichkeit niedergedrückt und kämpfen mit Problemen, dann verrät dies unsere Stimme, selbst wenn wir uns bemühen, dies zu kaschieren. Gerade jemand, der uns gut kennt, nimmt uns dann das "Mir geht es gut" nicht ab.

Warum versagt unsere Stimme?

Wieso können wir das nicht besser kontrollieren? Bei Mimik und Gestik funktioniert das doch. "Es liegt daran, dass die Stimme an das autonome oder vegetative Nervensystem gekoppelt ist. Sie ist unserer aktiven Kontrolle weitgehend entzogen", klärt Hammer auf. Eine entscheidende Rolle kommt dem Kehlkopf zu. Dieses "Stimmorgan" reagiert, ohne dass wir es beeinflussen könnten, auf bestimmte Situationen.

Das ist auch grundsätzlich so gedacht: Die Emotion "Angst" löst Reaktionen aus, die Leib und Leben schützen sollen. "Im Lauf der Evolution haben sich die Situationen geändert, die bei uns Emotionen hervorrufen", erklärt Hammer. "Daher versagt uns heute just im falschen Moment die Stimme."

Haben wir in einem Vortrag oder in einer Prüfung Angst, stellt sich der Körper auf Flucht ein, neben anderen körperlichen Veränderungen wird in der Vorbereitung zu dieser "Flucht" die Atmung intensiviert. Wenn wir dann gleichzeitig sprechen müssen, verändert sich auch die Stimmfunktion. Zuhörer sind dadurch sehr schnell über unsere wahre Gefühlslage im Bilde, bemerken die Schwäche, gerade wenn wir stark und selbstsicher wirken möchten. „Die Kontrolle über die Stimme können wir nur bedingt trainieren. Eher müssen wir an der Situation oder unserer Reaktion darauf arbeiten.“

Bewerbungsgespräch
Bewerbungsgespräche könnte schon bald von Expertenprogrammen ausgewertet werden.
Die Persönlichkeit im Klang der Stimme?

Diese schwer kontrollierbare Aussagekraft der Stimme könnten sich in Zukunft auch Personalchefs bei der Bewerberauswahl zu Nutze machen. So existieren bereits Computerprogramme, die über die Stimme ein umfassendes Persönlichkeitsprofil erstellen sollen. Statt einer herkömmlichen schriftlichen Bewerbung könnte dann eine 15-minütige Stimmprobe die erste Hürde für den neuen Job darstellen.

Dabei ist es unwichtig, was der Bewerber erzählt. Entscheidend ist, wie er spricht. Die Algorithmen zeichnen Variationen in Lautstärke und Tonhöhe auf, sowie die durchschnittlichen Satzlängen, Sprechpausen und-geschwindigkeit. Aus dem Abgleich mit einer Datenbank wird dann ein Persönlichkeitsprofil erstellt. Dieses soll einen ersten tieferen Eindruck von dem Bewerber vermitteln.

Für das "Stimmenlesen" im Alltag brauchen wir allerdings meist keinen Computer: Ein persönliches Gespräch genügt meist und unser Gegenüber weiß allein aufgrund der Tonalität unserer Stimme Bescheid, wie wir uns wirklich fühlen. Besser, wir messen diesem feinen Instrument die Bedeutung bei, die ihm zusteht.

CLU, 15.06.2017
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