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Powernapping

Mittagsschläfer sind nicht faul, sondern leistungsstärker

Ein kurzes Schläfchen am Schreibtisch, das wünschen sich viele Beschäftigte – und verkneifen es sich. Völlig falsch, sagen Schlafforscher und fordern ein Umdenken. Denn Schlafpausen steigern die Konzentration und Leistungskraft.

Vechta hat eine ausgeschlafene Stadtverwaltung: Schon im Jahr 2000 erlaubte sie ihren Beschäftigten ein Mittagschläfchen am Arbeitsplatz. Das brachte der niedersächsischen Kreisstadt einigen Spott ein - "Hier dürfen Beamte im Dienst schlafen", schrieben Zeitungen damals. Doch es blieb bei der Siesta a la Vechta. Die Produktivität sei deutlich gestiegen, das Feedback der Mitarbeiter positiv, heißt es aus der Stadtverwaltung.

Woanders träumen Beschäftigte bloß von einer Schlafpause während der Arbeitzeit: Jeder fünfte wünscht sich ein Plätzchen für ein Nickerchen, ergab 2012 eine Umfrage des Businessnetzwerks Linkedin unter mehr als 7.000 Fach- und Führungskräften weltweit. Während der Mittagsschlaf in Südeuropa, den USA oder Japan einen festen Platz im Alltag hat, bieten in Deutschland erst wenige Unternehmen ihren Mitarbeitern Ruheräume für ein sogenanntes Power Nap an – darunter BASF, Opel, Lufthansa und Vailllant.

Der Grund: Büroschlaf verträgt sich hierzulande schlecht mit dem Selbstverständnis einer Leistungsgesellschaft und wird mit wenig Effizienz und Faulheit gleichgesetzt. Doch die Wortschöpfung "Powerpapping" macht deutlich, worum es tatsächlich geht. Der englische Ausdruck "nap" bedeutet Nickerchen, "power" heißt Kraft. Powernapping macht also fit für den Job. Das kann sich für Arbeitgeber auszahlen. Nach einem kurzen Mittagsschlaf steigt die Leistungsfähigkeit um bis zu 30 Prozent, zeigte eine Studie der Harvard-Universität. Für Piloten der US-Weltraumbehörde NASA ist Powernapping sogar vorgeschrieben. Eine Untersuchung hatte ergeben, dass Piloten, die zwischendurch kurz schlafen, um 16 Prozent schneller reagieren als ihre unausgeschlafenen Kollegen. Wer mittags schläft ist also nicht faul, sondern klug.

 

Kurzer Schlaf, lange Konzentration

Schlafforscher fordern seit langem, Arbeitnehmern einen kurzen Mittagsschlaf zu gönnen. Denn das Leistungstief in der Tagesmitte ist nicht nur auf das sogenannte Suppenkoma nach dem Mittagessen zurückzuführen, wenn die Hauptenergie des Körpers in die Verdauung fließt. Die Tendenz zur Mittagsruhe ist im menschlichen Biorhythmus angelegt. Unsere "innere Uhr" stellt die Zeiger mittags auf Leistungstief. Blutdruck und Körpertemperatur sinken, die Konzentration lässt nach. Das führt zu Fehlern und Unfällen. Ein übermüdeter Mensch büße bis zu 80 Prozent seiner Aufmerksamkeit und 70 Prozent seines Reaktionsvermögens ein, berichtet die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK). "Das Unfallrisiko steigt dadurch um das Siebenfache." Powernapping bringt dem Körper die Erholung, die er mittags braucht.

Doch ein Mittagsschlaf entspannt nicht nur, er erfrischt auch und erhöht die Leistungskraft "Wir reagieren anschließend schneller, sind aufmerksamer und unser Gedächtnis ist besser," sagt der Schlafforscher Jürgen Zulley von der Universität Regensburg zu wissen.de. Mehrere Studien bestätigen dies. Forscher der Universität Düsseldorf fanden 2007 sogar heraus, dass schon sechs Minuten Schlaf ausreichen, um das Gedächtnis zu verbessern. "Möglicherweise werden direkt zu Schlafbeginn Prozesse der aktiven Gedächtniskonsolidierung in Gang gesetzt, die selbst dann wirksam bleiben, wenn der Schlaf kurze Zeit später wieder abgebrochen wird", sagt Olaf Lahl vom Forscherteam.

Powernapping macht außerdem gute Laune, weil die Konzentration von Serotonin im Blut, einem Hormon, das die Stimmung hebt, im Schlaf steigt. Und ein Nickerchen regt die Kreativität an. Deshalb haben Beschäftigte beim Unternehmen Google die Wahl, wo sie dösen wollen – auf dem Sofa, in einer Hängematte oder auch in einer Badewanne voller Schaumstoffbälle. So sollen neue Ideen für die Internetsuchmaschine entstehen.

 

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von wissen.de-Autorin Martina Janning
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