Astrid Lindgren: Aus der Perspektive der Kinder
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Astrid Lindgren: Aus der Perspektive der Kinder

Foto: Foto: Pearson Scott Foresman, Public domain, via Wikimedia Commons

"Pippi Langstrumpf" hieß das rothaarige Mädchen, das Astrid Lindgren zu Weltruhm verhalf. Mit ihren abstehenden Zöpfen, den vielen Sommersprossen im Gesicht und einem unkonventionellen Kleidungsstil fiel Pippi nicht nur äußerlich aus dem Rahmen. Auch in ihrer Art war sie anders, als man es 1944 - in dem…

"Pippi Langstrumpf" hieß das rothaarige Mädchen, das Astrid Lindgren zu Weltruhm verhalf. Mit ihren abstehenden Zöpfen, den vielen Sommersprossen im Gesicht und einem unkonventionellen Kleidungsstil fiel Pippi nicht nur äußerlich aus dem Rahmen. Auch in ihrer Art war sie anders, als man es 1944 - in dem Jahr, in dem Pippi auf dem Papier entstand - von einem normalen Mädchen erwartet hätte. Denn sie war ganz und gar unangepasst, sagte immer, was sie dachte und wollte sich von niemandem etwas vorschreiben lassen - nicht einmal von einem Erwachsenen. Außerdem war Pippi so stark, dass sie Pferde stemmen konnte.

Mit ihrer rebellischen und gegen sämtliche Normen verstoßenden Protagonisten etablierte die Autorin einen völlig neuen Ton in der Kinder- und Jugendliteratur. Vehement plädierte sie darin für die freie Entfaltung von Kindern. Ihren Erfolg, so glaubte Lindgren selbst, hatte sie dabei ihrer eigenen Kindheit zu verdanken. Viele glückliche wie traurige Erfahrungen und ihre eigene Aufmüpfigkeit aus dieser Zeit flossen später in ihre Bücher ein.

Kindheit wie in Bullerbü

Tatsächlich lesen sich Astrid Lindgrens frühe Jahre wie ein Auszug aus ihren Bullerbü-Geschichten: Am 14. November 1907 wird sie als zweites von vier Kindern auf einem Bauernhof am Rande der kleinen schwedischen Stadt Vimmerby geboren. Dort wächst sie in der liebevollen Geborgenheit ihrer Familie auf - umgeben von Wiesen, Wäldern, Hainen und Scheunen, die zum Spielen mit den Geschwistern und den anderen Kindern aus dem Dorf einladen.

Astrid liebt das Spielen und mag es deshalb gar nicht, als sie älter wird und eines Tages fast schon erwachsen ist: "Ich weiß noch wie schrecklich es war, festzustellen, dass man nicht mehr spielen konnte. Immer, wenn die Enkelin des Pfarrers in den Ferien kam, spielten wir mit ihr. Aber als sie eines Tages ankam und wir wie immer anfangen wollten zu spielen, stellten wir plötzlich fest, dass wir nicht mehr spielen konnten", beschrieb sie einmal dieses Gefühl. "Wir kamen uns albern vor und waren gleichzeitig traurig, denn was sollten wir jetzt tun? Damit war die Kindheit zu Ende."

Jung, schwanger und einsam

Mit dem Ende der Kindheit ist die idyllische Zeit für Astrid vorbei. Als Jugendliche beginnt sie ein Volontariat bei der örtlichen Lokalzeitung und entdeckt ihr Talent fürs Schreiben. Doch dann wird sie durch eine Affäre mit einem älteren Mann ungeplant schwanger. Sie steht ohne abgeschlossene Ausbildung dar und erregt Aufsehen in ihrem Dorf. Denn zur damaligen Zeit gilt ein uneheliches Kind noch als Skandal.

Um der gesellschaftlichen Ächtung auf dem Land zu entgehen, zieht die werdende Mutter nach Stockholm. Ihren Sohn, Lasse, bringt sie am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1926 heimlich in Kopenhagen zur Welt. Weil sie nicht für ihn sorgen kann, gibt sie ihn zunächst in die Obhut einer dänischen Pflegefamilie. Die kommende Zeit ist für sie von großer Einsamkeit und Armut geprägt.

Pippi wird geboren

Aber das Blatt wendet sich: Astrid schließt eine Ausbildung als Sekretärin ab und lernt schließlich Sture Lindgren kennen - jenen Mann, von dem sie ihren heute so berühmten Nachnamen hat. Die beiden heiraten 1931, holen Lasse zu seiner Mutter zurück und bekommen 1934 eine gemeinsame Tochter: Karin. Sie ist es auch, die für Astrid Lindgrens ersten großen schriftstellerischen Erfolg verantwortlich ist. Denn die Figur der Pippi Langstrumpf erfindet Lindgren eines Tages für ihre kranke, gelangweilte Tochter. Karin schließt die aufmüpfige Göre sofort in ihr Herz. Auch nachdem sie schon längst wieder gesund ist, will sie immer neue Geschichten hören.

Lange Zeit lebt Pippi nur in mündlichen Erzählungen, bis ihre Erfinderin im Jahr 1944 auf Glatteis ausrutscht, sich den Fuß verstaucht und eine Woche im Bett liegen muss. Glück im Unglück: Astrid Lindgren nutzt die Zeit, um all die Geschichten von Pippi Langstrumpf aufzuschreiben. Es soll ein Geschenk zu Karins zehntem Geburtstag werden. Eine Kopie des Manuskripts schickt sie jedoch auch an mehrere Verlage - und eines Tages wird "Pippi Langstrumpf" tatsächlich veröffentlicht.

Dauerbrenner im Kinderzimmer

Obwohl die Figur der Pippi anfangs durchaus umstritten ist, wird Lindgrens erstes Buch ein großer Erfolg: der erste von vielen. Auf "Pippi Langstrumpf" folgen so bekannte Geschichten wie "Die Kinder aus Bullerbü", "Die Kinder aus der Krachmacherstraße", "Ronja Räubertochter" oder "Michel aus Lönneberga". Sie stehen heute in Millionen Kinderzimmern auf der ganzen Welt und begeistern die Kleinen wie die Erwachsenen auch noch Jahre nach ihrem Erscheinen.

Doch woran liegt es, dass Michel, Lotta und Co solche Dauerbrenner sind? Ganz einfach: Die Schriftstellerin hat es geschafft, die Welt aus der Perspektive der Kinder zu sehen und Figuren zu schaffen, die niemals altern. Dabei vermittelt sie den Kindern eine wunderbare Botschaft: Sie ermutigt, sich nicht unterkriegen zu lassen, frech und immer man selbst zu sein. Auch für traurige Zeiten finden sich in Astrid Lindgrens Geschichten die richtigen Worte. Denn Bücher wie "Mio mein Mio", "Die Brüder Löwenherz" oder "Karlsson vom Dach" widmen sich Themen wie Einsamkeit, Isolation, Tod und Abschied - in einer tröstenden, Mut spendenden Weise.

"Es wird wieder schön"

Aber Astrid Lindgren hat sich in ihrem Leben längst nicht nur der Schriftstellerei verschrieben. Ihren Erfolg nutzte sie in späteren Jahren auch, um sich für die Rechte von Menschen und Tieren einzusetzen. So protestierte sie unter anderem gegen die Nutzung der Atomkraft und erhob ihre Stimme gegen die Massentierhaltung. Dank ihres Mitwirkens trat 1988 in Schweden ein verbessertes Tierschutzgesetz in Kraft. Für ihr Engagement bekam sie 1978 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und 1994 den Ehrenpreis des oft als alternativen Nobelpreis bezeichneten "Right Livelihood Awards".

Bis ins hohe Alter hinein war Astrid Lindgren aktiv. Sie reiste, diskutierte, spielte mit ihren Urenkeln - und kletterte auf Bäume. Denn den Spieltrieb aus ihrer Kindheit hatte sie sich als Erwachsene erhalten: "Als ich Kinder bekam, merkte ich, wie viel Spielfreude immer noch in mir war", sagte Lindgren einmal. "Und das ist genau das, was man in den traurigen Zeiten seiner Jugend wissen muss: Es wird wieder schön." 2002 starb sie im Alter von 94 Jahren im Kreise ihrer Familie. In ihren Büchern und Geschichten aber lebt Astrid Lindgren bis heute weiter.

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