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Contergan - der teuer bezahlte Schlaf (Podcast 161)

Die Geschichte des größten deutschen Arzneimittelskandals
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Tages-Sedativum auf Basis von Thalidomid

Eine Schachtel Contergan aus der Hirsch-Apotheke Ibbenbüren

Der Contergan-Skandal erschütterte die Bundesrepublik in den 1960er Jahren. 1957 war das als unbedenklich eingestufte Beruhigungs- und Schlafmittel Contergan rezepfrei auf den Markt gekommen. Mit furchtbaren Folgen. Denn das Thalidomid-Präparat war schädlich. Mehrere tausend Kinder werden mit schrecklichen Missbildungen geboren. Zunächst wurde der Zusammenhang zwischen Medikament und Fehlbildungen nicht gesehen, doch nachdem wissenschaftlich bewiesen war, dass Contergan für die Missbildungen verantwortlich zeichnete, begann 1968 ein Prozess, der das Land erschütterte. wissen.de-Autorin Susanne Böllert hat in ihrem Podcast "Contergan - der teuer bezahlte Schlaf" den Lauf der Dinge noch einmal zusammengefasst

 

Wie Contergan Leben zerstörte

Schwangere kennen das. Unruhe und Ängste sorgen oft lange vor den ersten Kindsbewegungen für einen schlechteren Schlaf. Das deutsche Unternehmen Grünenthal hatte dies bereits Ende der 50er Jahre erkannt. "Schlaflosigkeit, innere Unruhe und Abgespanntsein sind immer wiederkehrende Klagen. Die Verordnung eines Sedativums und Hypnoticums, das weder Mutter noch Kind schädigt, ist daher erforderlich.“ Mit diesen Worten warb der Konzern für den neuen Wirkstoff Thalidomid – und beging einen nicht wieder gut zu machenden Fehler. Denn Thalidomid war alles andere als ungefährlich. Bei den ungeborenen Kindern der Mütter, die einfach nur ein bisschen besser schlafen wollten, bewirkte das Pharmakon schwerste Fehlbildungen und Organschäden. Vier Jahre brauchte der Hersteller, um das angeblich "gefahrlose Medikament" vom Markt zu nehmen. Das war am 27. November 1961. Heute, 50 Jahre später, leiden noch um die 2700 Menschen in Deutschland an den Folgen von Thalidomid, besser bekannt als Contergan.

 

Thalidomid –  "besonders gut verträglich, für Selbstmord ungeeignet"

Der Beipackzettel eines Medikamentes, das ist jedem Kranken klar, sollte vor der Einnahme gründlich gelesen werden. Das gilt besonders für Risikogruppen, zu denen auch Schwangere gehören. Wie beruhigend mussten da die Worte "völlig ungiftig" und "absolut unschädlich" auf die werdenden Mütter gewirkt haben, die sich von dem brandneuen Thalidomid eine Linderung der typischen Schwangerschaftsübelkeit sowie ruhigere Nächte versprachen. Ebenso beruhigend schien auch das Ergebnis von zuvor durchgeführten Tierversuchen: Selbst eine starke Überdosis Thalidomid wirkte nicht tödlich. So etwas hatte es noch nie gegeben: Ein Schlafmittel, mit dem man sich nicht umbringen konnte.

Kein Wunder, dass die Contergantabletten mit dem erst 1954 zugelassenen Wirkstoff Thalidomid in Deutschland rezeptfrei erhältlich waren und schnell zum meist verkauften Schlafmittel avancierten. Wer hätte schon ahnen können, dass Grünenthal zu keinem Zeitpunkt geprüft hatte, ob Thalidomid die Plazentaschranke überwinden konnte? Auf einen Hinweis im Beipackzettel über die fehlenden Erfahrungswerte bei Schwangeren hatte der Hersteller verzichtet.

 

20 Millionen "Zuckerplätzchen"  im Monat sorgen für Umsatz

So harmlos wie Zuckerplätzchen seien die Contergantabletten, ließ der Konzern stattdessen verlauten. Buchautorin Beate Kirk vermutet, von dem Test über mögliche Thalidomid-Auswirkungen auf den Fötus habe man vor Markteinführung allein aus Kostengründen abgesehen. Auch das Gericht erkannte später: "Die Angeklagten haben wirtschaftliche Interessen über ärztliche Gesichtspunkte gestellt."

Die Gewinne, die der "Zuckerbäcker" Grünenthal mit dem ungeprüften Schlafmittel Contergan schon kurz nach der Markteinführung einfahren konnte, waren dagegen immens: Der Bundesverband Contergangeschädigter nennt für 1960 knapp 10 Mio. DM Gewinn durch Contergan und Contergan forte und für das Folgejahr, in dem das Thalidomid-haltige Schlafmittel erst Ende November vom Markt genommen wurde, sogar knapp 12 Mio. DM.

20 Millionen Tabletten seien zu Hochzeiten jeden Monat in den Handel gebracht worden, der Marktanteil in der Bundesrepublik habe bei etwa 20 % gelegen, erinnert sich auch ein Grünenthal-Mitarbeiter später.  Dass die Bereitschaft des Herstellers, ein so umsatzstarkes Produkt vom Markt zu nehmen, lange Zeit gen Null ging, mag unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nachvollziehbar sein, ethisch lässt sich dies – gerade aus der Rückschau – nicht entschuldigen. Ein verantwortungsvolleres Handeln hätte hunderten, vielleicht tausenden Kindern und Familien großes Leid erspart.

 

Die Verantwortung der Bundesregierung am Thalidomid-Skandal

Das Aachener Unternehmen, das 2010 einen Umsatz von 910 Mio. Euro auswies, ist seiner Verteidigungsstrategie immer treu geblieben und verweist nach wie vor darauf, dass zum Zeitpunkt der Markteinführung von Thalidomid eine Prüfung der Teratogenität, also der Gefahr von Fehlbildungen beim Embryo, nicht üblich gewesen sei. Wahr ist: 1961 gab es noch kein Arzneimittelgesetz, das klare Zulassungsbedingungen für Medikamente vorgegeben hätte. Dieses Versäumnis hat das Gericht in seinem Schlussbericht von 1970 scharf angeprangert: Die Bundesregierung habe die letzte Verantwortung dafür getragen, dass die gravierenden Probleme bei der Arzneimittelkontrolle nicht in Angriff genommen worden seien.

Dennoch sollten noch acht Jahre ins Land gehen, bevor die Bundesrepublik ein neues Arzneimittelgesetz erlassen würde, das endlich den Nachweis auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit eines Medikamentes forderte und Regeln für eine Risikoüberwachung des Arzneimittelmarktes einführte. Gefeiert wurde das Arzneimittelgesetz von 1978 als Beweis für die "herausragende gesellschaftliche Konsequenz aus der Contergan-Katastrophe". Den Müttern, die sich die Einnahme der Thalidomid-Tabletten ein Leben lang vorwarfen, hat das nicht mehr geholfen, und ihren Kindern erst recht nicht. 

 

"Zuckerplätzchen forte": Thalidomid verursacht schwere Nervenschäden

Das erste durch Thalidomid missgebildete Baby kam im Dezember 1956 auf die Welt. Ein Grünenthal-Mitarbeiter hatte ein Muster der Thalidomid-Tabletten mit nach Hause genommen und seiner schwangeren Frau gegeben. Dieser Hinweis findet sich in dem "Dossier Contergan", das der Bundesverband Contergangeschädigter im 50. Jahr nach Marktrücknahme des Medikamentes veröffentlicht hat.

Zweifel an der Harmlosigkeit der Zuckerplätzchen, die auch "von empfindlichen Patienten gut vertragen" würden, regten sich ab 1959 noch von anderer Seite: So hatten Mediziner festgestellt, dass vor allem ältere Thalidomid-Patienten unter massiven Nervenstörungen litten. Die Reaktion des Konzerns auf diesen Hinweis war – laut Firmenhomepage – vorbildlich: "Nach Prüfung und Verifizierung der Nebenwirkung änderte Grünenthal 1961 die Gebrauchsinformation und beantragte im Mai 1961 die Rezeptpflicht für Contergan."

Das Magazin Der Spiegel geht in seinem im August 1961 erschienen Artikel "Zuckerplätzchen forte" indes tiefer ins Detail: Der Neurologe, der den Zusammenhang zwischen der toxischen Polyneuritis und Thalidomid festgestellt hatte und veröffentlichen wollte, habe Besuch von Grünenthal-Wissenschaftlern erhalten, die ihm das Publikationsvorhaben auszureden suchten.

Dennoch: Grünenthal musste reagieren und verzichtete fortan auf den Vermerk "ungiftiges Beruhigungs- und Schlafmittel". Jetzt gab es die hochgefährlichen Tabletten nur noch auf Rezept.

 

Mütter entschließen sich nach Einnahme von Thalidomid zur Abtreibung

Kinder ohne Arme, ohne Beine, ohne Ohren; Kinder mit fehlgebildeten Geschlechtsorganen, mit Gesichtslähmungen; Kinder, denen zu wenige und zu kurz geratene Finger aus den Schultern und Füße direkt aus den Becken wuchsen. Kinder mit so schweren Fehlbildungen der inneren Organe, dass sie nur wenige Tage nach der Geburt sterben. Als ab 1960 immer mehr solch stark behinderten Kinder auf die Welt kommen, packt viele Mütter in Deutschland die Angst. Lag’s am Schlafmittel Contergan? Würden auch sie ein so schwer gezeichnetes Baby auf die Welt bringen? Viele Frauen entschließen sich zu einer Reise nach Schweden. Hier herrscht ein vergleichsweise liberales Abtreibungsrecht. Die Mütter verzichten auf ihre Kinder.

 

Thalidomid-Hersteller wehrt sich gegen  "Rufmord an einem Medikament"

Auch Grünenthal kann der Zusammenhang zwischen Thalidomid und den missgebildeten Kindern nicht verborgen geblieben sein, argumentierten und argumentieren die Kritiker des Pharmakonzerns. Immer wieder hätten sich Gynäkologen und Apotheker mit ihrem Verdacht, Thalidomid könne zu den gehäuften, schweren Fehlbildungen führen, an die Firma gewendet. Immer wieder habe der Aachener Konzern die Warnungen missachtet.

Der Hamburger Kinderarzt Widukind Lenz erfuhr mehr als Missachtung, die Firma drohte ihm mit rechtlichen Schritten  wegen "geschäftsschädigendem Verhaltens" und "Rufmords an einem Medikament". Der Humangenetiker war nach monatelanger Recherche zu der Gewissheit gelangt, das Thalidomid sei für die grausamen Fehlbildungen verantwortlich, die sich immer mehr häuften. Diese These würde Lenz auf einer Tagung von Kinderärzten vortragen, zuvor bot er Grünenthal ein Gespräch an. Die Firma lehnte ab.
Am 19. November 1961  erklärt Dr. Lenz vor den Tagungsteilnehmern in Düsseldorf: "Ein Zusammenhang ist denkbar! Als Mensch und Staatsbürger kann ich es daher nicht verantworten, meine Beobachtungen zu verschweigen. […] Die sofortige Zurückziehung des Mittels ist erforderlich. […] Jeder Monat Verzögerung bedeutet die Geburt von 50 bis 100 entsetzlich verstümmelten Kindern."

 

26. November: Thalidomid kommt endlich vom Markt

Am 26. November veröffentlicht die renommierte Welt am Sonntag die Warnung des Kinderarztes. Am 27. November nimmt Grünenthal Contergan vom Markt. In Deutschland kommen insgesamt 5000 "entsetzlich verstümmelte" Kinder auf die Welt, jedes dritte Baby stirbt direkt nach der Geburt.

Die Staatsanwaltschaft Aachen nimmt noch im Dezember die Ermittlungen gegen die Herstellerfirma auf. Das Unternehmen mauert, Akten verschwinden. Und noch ist nicht bewiesen, dass Thalidomid tatsächlich Missbildungen hervorruft. Es dauert 6,5 Jahre, bis der Prozess gegen Grünenthal-Inhaber Hermann Wirtz und acht leitende Angestellte eröffnet wird. Die contergangeschädigten Kinder sind da bereits im Grundschulalter, noch haben sie von Grünenthal keine müde Mark Unterstützung erhalten.

Am 27. Mai 1968 beginnt der Mammutprozess, die Anklageschrift umfasst 1000 Seiten. Im selben Jahr nimmt Grünenthal erste internationale Geschäftsaktivitäten auf. Am 18. September 1970 endet der längste Strafprozess der deutschen Rechtsgeschichte – mit Freisprüchen für alle neun Angeklagten. Eine persönliche Schuld konnte ihnen nicht nachgewiesen werden. 1974 erhält jedes der durch Thalidomid verstümmelten Kinder neben einer kleinen Rente im Schnitt 16.000 Mark aus einem Stiftungsfonds der Firma Grünenthal und der Bundesregierung.

2011 schreibt Grünenthal auf seiner Firmenseite: "Die Contergan-Tragödie ist und bleibt Teil der Firmengeschichte von Grünenthal." Heute wird Thalidomid als Mittel gegen Krebs, Aids und Lepra verschrieben.

 

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