Unterschiede von Anfang an
Immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass es tatsächlich neurologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Und offensichtlich beginnt die Geschlechtsidentität denkbar früh.
Schon als Neugeborene unterscheiden sich Jungen und Mädchen: Männliche Babys sind aktiver und wollen alles berühren. Dagegen reagieren weibliche Babys intensiver auf die Stimme ihrer Mutter und lassen sich durch Trostworte eher beruhigen.
Dieses Verhalten setzt sich fort: Im Kindergartenalter spielen Mädchen mehr Rollenspiele, sprechen über Freundschaft oder bewundern das neue Kleid der Freundin. Jungen sind häufig damit beschäftigt, um ihren Platz in der Rangordnung zu kämpfen. Oft auch "handfest" mit körperlichen Angriffen.
Im Schulalter haben Mädchen häufig größere sprachliche Fähigkeiten. Jungen sind oft besonders gut bei Tätigkeiten, die räumliches Denken erfordern. Deshalb beschäftigen sie sich meist gern mit Konstruktionsspielzeug.
Das alte Vorurteil vom schwachen weiblichen Geschlecht lässt sich bei Kindern dagegen nicht nachweisen. Im Gegenteil: Im Durchschnitt haben kleine Jungen mehr gesundheitliche Probleme. Dagegen erreichen Mädchen bestimmte Meilensteine der Entwicklung wie Laufen, Sprechen oder Sauberkeit meist früher. Für dieses Phänomen gibt es bisher noch keine eindeutige wissenschaftliche Erklärung.
Innere Bilderwelt
Gerade bei älteren Kindern kann man davon ausgehen, dass Rollenverhalten nicht rein genetisch bedingt ist. Kinder beobachten ihre Umwelt sehr genau und ahmen bestimmte Verhaltensmuster nach.
Unsere Gesellschaft aber ist von (traditionellen) Männer- und Frauenrollen geprägt. Ein Kind begegnet den verschiedensten Eindrücken, die es verarbeiten muss: Titelbilder von Zeitschriften, zufällig aufgeschnappte Fernsehsequenzen, Nachbarn, Eltern von Freunden, Erzieher etc. beeinflussen seine innere Bilderwelt.
Und selbst aufgeklärte Eltern verhalten sich manchmal unbewusst unterschiedlich gegenüber ihren Kindern. Studien haben ergeben, dass Eltern mit kleinen Mädchen mehr kuscheln und flüstern. Dafür spielen sie mit Jungen umso wilder.
Im Spiel deuten Kinder die Welt, in der sie leben. Pädagogen sind der Ansicht, dass es bestimmte Phasen gibt, in denen sich Kinder besonders intensiv mit ihrer Geschlechtsrolle auseinandersetzen. Machen Sie sich also keine allzu großen Sorgen, wenn Ihre Tochter den ganzen Winter über nur Röcke anziehen will. Im Sommer ist sie vielleicht wieder soweit, lange Hosen zu tragen.
Tipps für Eltern
Und das können Sie als Eltern dafür tun, dass sich Ihr Kind später in seiner Rolle wohl fühlt:
- Die beste Erziehung ist das Vorbild. Kinder, die erleben, wie Papa den Abwasch macht und Mama das kaputte Rad flickt, werden auch in ihrer eigenen Partnerschaft flexibel sein.
- Mütter und Väter sollten sich genügend Zeit für Ihre Kinder nehmen. Nur wenn Kinder mit beiden Elternteilen kuscheln, reden oder Quatsch machen können, lernen sie das jeweilige Geschlecht aus eigener Erfahrung kennen. „Wochenendväter“ vermitteln nur ein halbes Bild von sich.
- Sprechen Sie mit Ihrem Kind über Geschlechterrollen. Kinder machen oft ganz erstaunliche Beobachtungen. Wenn Ihre Tochter beim Einkaufen sagt: „Männer dürfen keine Taschen tragen, nicht wahr?“, hat sie vermutlich bemerkt, dass im Geschäft nur Frauen anwesend waren. Machen Sie Ihrem Kind begreiflich, dass Familien Aufgaben verteilen. Stellen Sie klar, dass es mehr als eine Art der Rollenverteilung gibt und dass sich Ihr Kind aussuchen kann, was es am liebsten tun will.
- Achten Sie darauf, dass sich in Ihren Umgang mit Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter keine unbewussten Geschlechtsstereotype einschleichen. Selbst wenn sich Ihr Sohn gern als ganzer Kerl gibt, braucht er Ihre Nähe. Sprechen Sie mit Ihrem Sohn über Gefühle. Ermutigen Sie Ihre Tochter, ihre Interessen durchzusetzen und Dinge zu tun, die sie sich vielleicht auf Anhieb nicht zutraut.
- Zeigen Sie Ihrem Kind, welche Seiten das Mann- bzw. Frausein hat. Lassen Sie keine Ängste entstehen, indem Sie körperliche Veränderungen und geistige Entwicklungen gemeinsam mit den heranwachsenden Jungen und Mädchen besprechen.
Buch-Tipps
Steve Biddulp
Jungen. Wie sie glücklich heranwachsen.
Heyne Mai 2002
253 Seiten
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Sylvia Schneider
Lauter starke Mädchen
Rowohlt April 2003
208 Seiten
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