Ich wär’ so gern berühmt
In den 20er Jahren träumten die Backfische von Rudolph Valentino oder Greta Garbo. Später ließen James Dean, Marlon Brando oder Marilyn Monroe, die Herzen der Halbstarken höher schlagen. Heute sind die Teeniezimmer mit Postern von Britney Spears, Bro’Sis oder No Angels tapeziert. Stars und Sternchen, bewunderte Idole gab es zu jeder Zeit und in vielen Bereichen: Ob in der Musik, im Sport, im Film oder sogar in der Literatur. Der junge Werther erlangte mit seinem literarischen Freitod im 18. Jahrhundert ähnlich traurige Berühmtheit wie Kurt Cobain in den 1990er Jahren - und fand gleichsam viele Nachahmer.
Vorbild Eltern
Leitbilder braucht jeder und zwar in jedem Alter. Sie geben uns Orientierung, weisen uns eine Richtung, leiten uns durchs Leben. Unsere ersten Leitbilder sind die eigenen Eltern. Auch wenn wir uns heute nicht mehr daran erinnern können: Wir wollten einmal genau so sein wie sie. Mit drei Jahren antworteten wir auf die Frage: “Wie groß willst du denn einmal werden?“ mit: “So groß wie Papa.“ Später wollten wir so schön sein wie unsere ältere Schwester oder so stark wie unser großer Bruder. Und noch ein paar Jahre später hofften wir, einmal so “cool“ zu sein, wie der Junge aus der Klasse über uns. Im Laufe des Lebens wechseln wir unsere Idole häufiger aus. Die Übergänge dabei sind fließend.
Anders als die “Alten“
In der Pubertät bekommen Idole für uns einen ganz besonderen Stellenwert: Wir beginnen, für bestimmte Stars zu schwärmen, und diese Schwärmerei nimmt einen sehr großen Teil in unserem Leben ein. Wir sammeln alles über unseren Star: Poster, Sticker, Postkarten und T-Shirts, verlieren uns in Tagträumereien über ihn und basteln täglich an unserem ganz persönlichen Starkosmos. Warum ist das so? Warum nimmt der Starkult gerade in der Jugendzeit eine solche Wichtigkeit ein?
Auf dem Weg zum Erwachsenwerden müssen wir uns von den Eltern abnabeln. Wir müssen Grenzen zu dem bisher Dagewesenen ziehen, um uns frei entfalten zu können. Dabei helfen uns Idole. Sie bieten uns Orientierungsmöglichkeiten in einer Zeit, in der die Orientierung am Elternhaus wegfällt. Die Stars können so traurig sein wie James Dean, so rebellisch wie die Sex Pistols oder so makellos schön wie die Jungs von NSYNC. Vor allem aber sind sie eins: anders als unsere Eltern. Die Helden unserer Jugend sind Contra-Modelle und wir ahmen sie nach, weil wir anders sein wollen, anders sein müssen, als unsere Eltern. Wie eine zweite Haut stülpen wir uns die Identität des verehrten Idols über. Wir tragen Lederjacken wie Marlon Brando, reden in düsteren Bildern wie Jim Morrison oder färben uns die Haare blond, um so auszusehen wie Britney Spears. Und in unseren kühnsten Träumen wollen wir nicht nur aussehen wie sie - wir wollen auch die gleiche Aufmerksamkeit genießen. Einmal so begehrt und umschwärmt sein wie Jennifer Lopez. Oder einmal so viele Mädchen haben können wie Ricky Martin. Das wär’s! Und genau hier liegt eine Gefahr: Die Idolverehrung kann zwar mangelndes Selbstwertgefühl durch Identifikation mit dem Star steigern. Sie kann aber auch genau das Gegenteil bewirken: Dann, wenn wir uns ständig mit dem Idol vergleichen und bei diesem Vergleich schlechter abschneiden.
Totale Vermarktung
Alles schon da gewesen. Alles nichts Neues. Und doch hat sich etwas verändert. Aber was? Es ist die Vermarktung der Stars, die sich verändert hat. Damit uns der Star als Star überhaupt auffällt, muss er berühmt werden. Und berühmt wird er nur, wenn er uns über mindestens ein, im besten Fall aber über mehrere Medien erreicht. Im Vergleich etwa zu den 1950er Jahren hat sich die Medienlandschaft rasant gewandelt. Fernsehen, Video und Internet haben sich durchgesetzt und die Anzahl der Sender sowohl im Radio wie auch im Fernsehen ist um ein Vielfaches gestiegen. Die beste Voraussetzung also, Stars und Sternchen bis in den hintersten Winkel der Welt bekannt zu machen. Dem Star-Marketing und -Merchandising sind keine Grenzen mehr gesetzt. Britney singt auf der Bühne, Britney tanzt in sämtlichen Fernsehsendern, trällert aus Radios, Britney erzählt Homestories in Teeniezeitschriften, Britney auf Videos, CDs, DVDs, Stickern und Cola-Flaschen. Britney all over the world und jetzt auch noch im Kino!
Die Stars waren schon immer abhängig den von Medien. Aber diese Abhängigkeit ist wechselseitig geworden. Inzwischen leben ganze Medienzweige von dem Starkult, den sie immer wieder selbst produzieren - angefangen bei Teeniezeitschriften, über Musiksender, bis hin zu speziellen Soap-Zeitschriften. Die wenigsten Stars steigen heute noch von selbst in den Himmel - die meisten werden in Marketing-Abteilungen kreiert und als Promo-Rakete ins mediale Universum abgefeuert. Das hat uns der Privat-Sender RTL2 mit dem gut beworbenen Medienereignis Popstars und den daraus hervorgehenden Band No Angels und Bro’Sis erst jüngst bewiesen. Auf der offiziellen Homepage der No Angels liest man: „Die 17 Folgen von Popstars sahen durchschnittlich 1,7 Mio. Zuschauer. In der Gruppe der 14-29-Jährigen gab es Spitzenwerte von 32 Prozent Marktanteil.“
Und weil die Allianz von Stars, Medien und Werbung so gut funktioniert, kann heute eigentlich jeder zum Star gemacht werden. Serien wie Big Brother oder die nachmittäglichen Talkshows beweisen das immer wieder aufs Neue. Darstellungsdrang kombiniert mit Schamlosigkeit scheinen gegenwärtig das einzige Muss zu sein, um die Aufmerksamkeit von Millionen - insbesondere jungen - Fernsehzuschauern zu erlangen. Auf der einen Seite des Bildschirms sitzen die Voyeure - auf der anderen die Exhibitionisten.
Jeder ein Star?
Aber was für ein Vorbild steckt da für die Jugendlichen noch drin? Bei einer Umfrage, die im Jahr 2000 während der Olympiade in Sydney unter deutschen Jugendlichen gemacht wurde, gaben viele als Berufswunsch „Leichtathlet“ an. Dies jedoch nicht, weil sie selbst besonders sportlich waren oder die sportlichen Leistungen der Leichtathleten so bewunderten, sondern weil sie dachten, dass man auf diese Weise leicht berühmt wird und ins Fernsehen kommt. Man darf sich über solche Antworten nicht wundern. Sie geben nur das wieder, was uns die Medien tagtäglich vorgaukeln: Du kannst ins Fernsehen kommen, auch wenn Du nichts kannst.
Im Jugendalter sind wir besonders anfällig für solche Botschaften, weil unsere Identität noch nicht gefestigt ist - weil wir noch auf der Suche sind. Deswegen rekrutiert sich das Heer der Mitwirkenden bei Big Brother oder Bärbel Schäfer wohl hauptsächlich aus Jugendlichen. Hier finden sie die Bühne, auf der sie ihren Traum von einer Karriere ohne Anstrengung kurzfristig ausleben können. Dass es - langfristig gesehen - ein Traum bleibt, zeigen die Kurzkarrieren von Slatko & Co und die namenlose Masse der Talkshow-Exhibitionisten.
Ob diese medialen Botschaften bei Kindern bzw. Jugendlichen auf fruchtbaren Boden fallen oder nicht, haben Eltern zu einem großen Teil selbst in der Hand. Sie müssen verstehen, dass Vorbilder für den persönlichen Reifeprozess der Teenies wichtig sind. Wenn Erwachsene die Idole Jugendlicher nicht ins Lächerliche ziehen, sondern ihnen mit Respekt oder wenigstens Verständnis begegnen, ist so weiterhin die Grundlage für Gespräche und Meinungsaustausch gegeben.



