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Trading per App: So handelt man Aktien am Handy

Aktien, ETFs oder andere Wertanlagen bequem auf dem Handy kaufen, verkaufen und damit quasi nebenbei ein ordentliches Extra-Einkommen generieren. Mit diesem verheißungsvollen Versprechen werben Trading-Apps fürs Handy wie JustTrade, Etoro oder TradeRepublic. Mit Erfolg: Die mobilen Börsen-Anwendungen werden immer beliebter. Doch was macht die sogenannten Neo-Broker besser als klassische Anbieter? Welche Risiken bergen die Apps? Und wie sieht die Zukunft der Trading-Apps aus?
THE, 18.06.2024
Smartphonescreen mit TradingView-App

© Daniel Balakov, iStock

Wer vor zehn Jahren für 100 Euro Bitcoins erworben hätte, wäre mittlerweile mehr als 6000 Euro reicher. Zwischendurch stürzte die Kryptowährung allerdings mehrfach drastisch ab. Auch, wer vor einigen Jahren in Tesla-Aktien investiert hätte, wäre mittlerweile wohlhabender. Im Nachhinein ist man zwar immer schlauer, doch das Kaufen und Verkaufen von Wertanlagen – auch Trading genannt – gewinnt besonders in den letzten Jahren immer mehr an Popularität. Sogenannte Trading-Apps ermöglichen es, den Kauf von Wertpapieren, Aktien oder Währungen in wenigen Klicks per Handy abzuwickeln. „Der Online-Handel wird immer beliebter. Durch die Apps ist die Teilnahme am Handel jederzeit und nahezu weltweit möglich“, erklärt auch Finanzexperte Matthias Pelster von der Universität Duisburg-Essen.

Informative Apps mit guter Nutzeroberfläche

Die Nutzung der Apps ist denkbar einfach: Bei der App TradeRepublic beispielsweise muss man nur kurz seine Identität per Ausweisfoto und Selfie verifizieren, einen Euro auf ein Bankkonto überweisen und dann kann man direkt mit dem Handeln beginnen. Für jede Anlage wie Apple-Aktien, Gold oder Kryptowährungen zeigt die App die wichtigsten Informationen, wie den aktuellen Marktwert oder die Kurse des vergangenen Jahres, an. Dank der in die Apps integrierten Tutorials, die die User über mögliche Handelsstrategien informieren, fühlt man sich innerhalb kürzester Zeit wie ein Trading-Profi.

Was die Apps dann noch besonders attraktiv macht: Während der Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers bei klassischen Anbietern mit zehn, 20 oder sogar 50 Euro Ausgabeaufschlag zu Buche schlägt, sind die sogenannten Orders auf Trading-Apps oft kostenfrei. Alternativ werden symbolische Preise von einem Euro pro Order gefordert. Auch die Nutzung der App selbst kostet nichts, was wohl viele Trading-Einsteiger bewegen könnte, die Sache einfach mal auszuprobieren.

Rasanter Erfolg der Trading-Apps

Vermutlich sind dies auch die Gründe für den Erfolg, den solche sogenannten Neo-Broker in den letzten Jahren verzeichneten. „Große Online-Broker berichten, dass über 20 Prozent aller jährlichen Geschäfte von Privatanlegern über mobile Geräte abgewickelt werden. Sie schätzen, dass sich dieser Prozentsatz in den nächsten Jahren verdoppeln wird“, berichtet etwa ein Forschungsteam der Universität Frankfurt um den Ökonomen Andreas Hackethal.

Beispielsweise steigerte der Marktführer TradeRepublic seine Erlöse 2019/20 innerhalb eines Jahres von 0,7 auf 26,8 Millionen Euro. Und nicht nur das: „In den letzten fünf Jahren haben vier Millionen Menschen bei uns begonnen, ihr Geld für sich arbeiten zu lassen. Sie verwalten bei TradeRepublic 35 Milliarden Euro. Damit sind wir eine der wichtigsten Banken im Leben für eine neue Generation von jungen Sparern”, wirbt Christian Hecker ein Mitgründer von TradeRepublic, für seine App.

Coole App verführt zum Zocken

Besonders junge Leute nutzen gerne die Finanz-Apps: Laut einer Studie des Deutschen Aktieninstituts leuchtet mittlerweile bei rund 1,5 Millionen jungen Menschen unter 30 Jahren das Logo von TradeRepublic, Etoro oder Scalable Capital auf dem Handybildschirm auf. Doch genau dieser Trend birgt auch Risiken, warnen Experten. Denn Anleger investieren am Handy unüberlegter und damit meist riskanter als etwa am Computer. „Vergleicht man die Geschäfte, die ein und derselbe Anleger auf verschiedenen Plattformen im selben Monat getätigt hat, zeigt sich, dass Händler auf Smartphones Vermögenswerte mit höherer Volatilität kaufen, weniger diversifizieren und den Gewinnen und Verlusten der Vergangenheit hinterherlaufen“, berichten Hacketal und sein Team.

Der Grund für die riskanten Anlagestrategien ist unter anderem das Design der Apps. Durch verschiedene psychologische Tricks animieren sie immer wieder dazu, Börsengeschäfte impulsiv und spontan statt gut überlegt zu tätigen. Etwa indem sie Push-Nachrichten senden, wenn eine Aktie im Kurs sinkt oder steigt oder Vorschläge für neue Käufe machen. Wer nicht aufpasst, handelt auf einmal mit Bitcoin, ohne dies je geplant zu haben.

Provisionen wie ein Versicherungsvertreter

Zudem haben Trading-Apps noch einen versteckten Preis. „Auch wenn viele Neo-Broker mit niedrigen Gebühren oder gar kostenlosen Angeboten locken: Umsonst gibt es nichts. Durch Transaktionen entstehen Kosten, die auch indirekt weitergegeben werden können. Online-Broker bekommen Provisionen, auch Rückvergütungen genannt, von den Handelsplätzen, beziehungsweise von den Dienstleistern, die an den jeweiligen Handelsplätzen ihre Kaufaufträge entgegennehmen“, berichtet die Verbraucherzentrale auf ihrer Webseite. Deshalb sorgen sich einige Leute, dass Neo-Broker vor allem solche Wertpapiere empfehlen, die ihnen höhere Rückerstattungen einbringen, statt ihren Kunden Gewinn. 

Deshalb wird die Europäische Union die Provisionen für die exklusive Orderweitergabe an die Broker ab dem Jahr 2026 verbieten. Doch damit verlieren die Trading-Apps eine ihrer Haupteinnahmequellen. Wie wollen sie dies abfedern? "Ein Aspekt ist, unsere Einnahmequellen zu diversifizieren. Das heißt, noch mehr zu verdienen über einen Monatsmitgliedsbeitrag, über Zinsmargen, also das Geschäft zu diversifizieren, um so weiterhin einen sehr konkurrenzfähigen Preis anzubieten,“ erklärt Erik Podzuweit von Scalable Capital der Tagesschau. Kurz gesagt: Die Kosten der Apps, der Orders oder der Zinsen werden steigen.

Zukunft der Trading-Apps

Hacketal ist trotzdem zuversichtlich, dass Finanz-Apps beliebt bleiben. „Vielleicht wird jeder Trade am Ende etwas teurer als heute – das ändert aber nichts an der grundsätzlichen Attraktivität des Geschäftsmodells für die Kunden“, so der Forscher zur Tagesschau. Das wäre nicht das Schlechteste. Denn: Auch wenn es risikoreich ist, mit Aktien zu spekulieren, sind sich viele Finanzexperten einig, dass ein langfristiger Vermögensaufbau mit relativ risikoarmen Aktienanlagen gerade für junge Leute empfehlenswert ist.

Doch das allein reicht nicht. „Wir brauchen dringend mehr Finanzmarktbildung in Deutschland. Auch, weil Bereiche wie die private Altersvorsorge immer wichtiger werden, sie sich aber in der Finanzplanung vieler junger Menschen häufig nicht wiederfinden“, so Alexandra Niessen-Ruenzi von der Universität Mannheim. Aus diesem Grund hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2023 begonnen, eine nationale Strategie zur Finanzbildung für Deutschland zu entwickeln. Wie diese konkret aussehen soll und wie das Aktien- und Börsenwissen dann vor allem an junge Menschen vermittelt wird, ist aber noch offen.

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