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Was bringen Bildschirm-Brillen wirklich?

Wer den ganzen Tag auf Bildschirme starrt, klagt wahrscheinlich häufiger über trockene, müde Augen. Abhilfe versprechen sogenannte Blaulichtfilter in Brillengläsern, die das blaue Licht der Monitore abblocken und so die „Bildschirmmüdigkeit“ reduzieren. Laut Herstellern soll sich damit gleichzeitig auch die Schlafqualität verbessern. Doch halten die Brillen mit Blaulichtfilter auch, was sie versprechen?
AMA, 24.08.2023
Symbolbild Bildschirmbrille

© Wachiwit, GettyImages

Sogenannte Digital- oder Bildschirmbrillen mit integriertem Blaulichtfilter werden immer beliebter. Häufig sind es sogar die Optiker und Augenärzte, die zu ihnen raten – vor allem, wenn man täglich viele Stunden vor PC und Smartphone verbringt. Der versprochene Nutzen: Indem die Bildschirmbrillen das blaue Licht der Monitore herausfiltern, schützen sie unsere Augen angeblich vor Netzhautschäden und sorgen gleichzeitig dafür, dass sie nicht so schnell ermüden. Abends hingegen sollen die Blaulichtfilter uns von der wachmachenden Wirkung des blauen Lichts abschirmen und so unseren Schlaf erholsamer machen. 

Unsichere Studienlage

Doch diese Versprechen haben alle einen Haken: Wissenschaftlich betrachtet stehen sie auf sehr wackeligen Beinen. Das bestätigt auch ein Forschungsteam der Cochrane-Kollaboration, das gerade erst alle verfügbaren Studien zum Thema Bildschirmbrillen durchgeschaut hat. Die 17 qualitativ hochwertigsten von ihnen haben die Wissenschaftler um Sumeer Singh von der University of Melbourne nochmal gebündelt ausgewertet und so mehr über die tatsächliche Wirksamkeit von Blaulichtfiltern erfahren.

Der Aufbau der Studien war jeweils ähnlich: Die eine Hälfte der Teilnehmer sollte über einen bestimmten Zeitraum hinweg Digital-Gläser tragen, die andere nicht. Parallel untersuchten die Forschenden dann, wie sich der Blaulichtfilter beziehungsweise dessen Fehlen auf die Ermüdbarkeit der Augen und die Schlafqualität auswirkte.

Kein nachweisbarer Nutzen

Die Ergebnisse der Studien waren recht eindeutig, allerdings nicht zugunsten der Bildschirmbrillen. Denn in keiner einzigen Studie profitierten die Probanden merklich von dem Blaulichtfilter vor ihren Augen. Weder schliefen sie besser noch fühlten sich ihre Augen nach der Arbeitszeit vorm PC weniger ermüdet an.  Singh und seine Kollegen stufen die Hersteller-Versprechen daher als „nicht schlüssig und unsicher“ ein. „Unsere Ergebnisse sprechen nicht für die Verschreibung von Blaulichtfilterlinsen für die Allgemeinbevölkerung“, fasst Singhs Kollegin Laura Downie zusammen.

Gleichzeitig führten die Bildschirmbrillen aber auch nicht zu mehr Nebenwirkungen als normale Brillen. Wer also subjektiv das Gefühl hat, dass der Blaulichtfilter bei der Arbeit Linderung verschafft, kann ihn daher auch weiterhin täglich nutzen.

Warum der Filter nichts gebracht hat

Doch warum haben die Blaulichtfilter objektiv betrachtet so wenig geholfen? In der Theorie klingt die Art und Weise, wie sie unsere Augen unterstützen sollen, doch ziemlich schlüssig. Sie sollen die blauen, kurzwelligeren Lichtanteile herausfiltern, die besonders energiereich sind und die gleichzeitig unserem Gehirn als Wecksignal dienen. Ihr mangelnder Nutzen könnte unter anderem daran liegen, dass Bildschirmbrillen nicht das komplette blaue Licht, das von Bildschirmen ausgeht, herausfiltern, sondern lediglich zehn bis 25 Prozent. „Würde mehr blaues Licht herausgefiltert, müssten die Brillengläser eine deutliche Bernsteintönung aufweisen, was die Farbwahrnehmung erheblich beeinträchtigen würde“, erklärt Singh.

Darüber hinaus überschätzen wir oft die Menge an blauem Licht, die PC, Smartphone und Fernseher in unsere Augen schicken. Laut Singh macht das künstliche Licht von Computerbildschirmen und Co. im Vergleich zu natürlichem Tageslicht gerade einmal ein Tausendstel aus. Wir bekommen daher abseits des Bildschirms weit mehr blaues Licht als dieser erzeugt. Und selbst wenn wir mehr Kontakt zu blauem Licht hätten, ist immer noch nicht ganz klar, ob und wie es sich überhaupt negativ auf unsere Augen auswirkt.

Infos zu Langzeiteffekten fehlen

Wozu die Forschenden allerdings noch keine Aussagen machen können, sind die Langzeiteffekte von Blaulichtfiltern. Denn die längste der Studien lief gerade einmal über einen Zeitraum von fünf Wochen. Es bleibt also offen, ob Bildschirmbrillen unsere Augen vor Netzhautschäden schützen können, wenn man sie zum Beispiel über Jahre hinweg trägt.

Und auch sonst müssen aussagekräftigere Studien her, fordern Singh und sein Team. Ein weiterer Mangel der bisherigen Studien liegt nämlich darin, dass oft nur sehr wenige Menschen und dann auch nur solche mit ähnlichem Hintergrund daran teilnahmen. Ob die Filter also womöglich Menschen mit speziellen Vorerkrankungen helfen könnten, bleibt dadurch ebenfalls offen.

Quelle: Cochrane

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