Dublin: die Stadt, die berauscht
Altehrwürdige Gemäuer und hypermoderne Bauten. Mittelalterliche Kirchen, deren Türme sich in den irischen Himmel recken, und Pubs, aus denen Musik und Lachen auf die Straße dringt. Dublin ist eine Stadt der Kontraste. Hier ist die Vergangenheit allgegenwärtig, die Epoche der Wikinger und die Zeit der Revolten prägen das Stadtbild gleichermaßen wie die Architektur von heute und all die Autos, Busse und Guinness-Lastwagen.
Irland gilt als die grüne Insel. Seine Hauptstadt aber ist kunterbunt. Und dies verdankt Dublin seinem maritimen Klima und den fehlenden extremen Temperaturschwankungen. Das herrschende Mikroklima beschert Dublins Einwohnern und Gästen ein paar Grad mehr als in den umliegenden Gebieten und obendrein viele blumige Farbtupfer entlang der Straßen, Gassen und Gebäudefronten. Auch im Oktober schmücken noch prachtvolle Blüten die schlanken Straßenlaternen und überquellende Blumenkästen die Eingangstüren der Pubs. Hier und da, in den Gärten der Vorstadt und vor dem Eingang eines Geschäftsgebäudes, lassen sich sogar Palmen eine frische irische Brise durch die kräftigen Blätter wehen. Über die eigentliche Bedeutung des Namens Dublin, "Schwarzer Tümpel", ist also längst nicht nur Gras gewachsen.
Straßennamen, Wegweiser, Bushaltestellen und Amtsbezeichnungen an öffentlichen Gebäuden – in welche Richtung auch immer der Blick wandert, liest man in zwei Versionen. Ein Glück für uns Reisende, die zwar meist ein ganz brauchbares Schulenglisch mit im Gepäck haben, denen diese Grundlage allerdings kaum etwas nützt, hätte man sich hier auf die offizielle Amtssprache beschränkt: Gaeilge oder auch Gaolainn, die irische Sprache keltischen Ursprungs, die im deutschen Sprachgebrauch etwas zu ungenau als Gälisch bezeichnet wird. In England und Schottland nämlich verbindet man das Gälische in erster Linie mit dem Schottisch-Gälischen.Dublins irischer Name Baile Átha Cliath, die "Stadt an der Hürdenfurt", gibt einen Vorgeschmack auf die linguistischen Lichtjahre, die zwischen dem Englischen und Irischen zu liegen scheinen. Aber wir sind nicht allein: Umfragen haben ergeben, dass nur ein Prozent der irischen Bevölkerung täglich Irisch spricht, und nur etwa 30 Prozent diese Sprache überhaupt beherrschen.
So manche Reise, ganz besonders Kurztripps in pulsierende Städte, erlebt man wie einen Film – und man selbst steckt mittendrin. Dann gleicht ein Kurztripp nach Dublin einem Film mit gutem Soundtrack! Denn Musik ist überall und hört der Reisende zu jedem Zeitpunkt. Auf der Straße, in den Pubs, während einer Bustour von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, in den Geschäften und sogar im Frühstückssaal des Hotels. Altes Liedgut ist fester Bestandteil der Tradition und Identität der Iren. Nicht selten spielt im Liedtext die Stadt Dublin selbst oder Persönlichkeiten, die hier lebten und wirkten, die Hauptrolle. Zu den bekanntesten und einflussreichsten Bands der Irish Folk Music gehören zweifellos die Pogues und die Dubliners, die die traditionelle irische Musik bis weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht haben. Der traditionelle Titelsong unserer Reise erzählt von einer schönen jungen Frau, die einst mit ihrem Karren durch Dublins Gassen zog, um Herzmuscheln und Miesmuscheln feilzubieten: In Dublin´s fair city, where the girls are so pretty, I first set my eyes on sweet Molly Malone...
Eine der schönsten und berühmtesten der zahlreichen Brücken, die über den Fluss Liffey führen, hat – wie so viele Wahrzeichen Dublins – einen Spitznamen: Ha´penny Bridge. Sie war einst in Privatbesitzt, und es kostete einen halben Penny, die bis Ende der 1990er Jahre einzige Liffey-Fußgängerbrücke zu passieren. Dieser Spitzname hat sich derart durchgesetzt, dass viele Dubliner ratlos die Schultern hochziehen, wenn man sich nach der Liffey Bridge erkundigt – so nämlich lautet der offizielle Name.
Auch in der Woche, vor allem aber an den Wochenenden füllen sich die Straßen, füllen sich die heimeligen Bars und die "pints" (sprich "peints") - 0,47 Liter oder eine achtel Gallone, um es genau zu sagen, ein schönes Glas Bier, um es treffend zu sagen.In fast allen Pubs wird Live-Musik gespielt: einzelne Künstler, die die Gäste allein mit Gitarre und Gesang den ganzen Abend bei bester Laune halten, oder kleine Bands, die mit traditionellen Instrumenten der irischen Musik wie Geige oder Akkordeon und durch die kaum zu fassende Geschwindigkeit ihrer Finger auch alle Herzen schneller schlagen lassen.
Dehnten wir unsere Reise aus, liefen wir Gefahr eines schönen Abends festzustellen, dass es kein Blut ist, das durch unsere Adern fließt, sondern "schwarzes Gold": Half a pint of Guinness, please! Das dunkle Bier gehört zu Dublin wie seine Lieder, seine tausend Pubs und seine mitreißende Geselligkeit. Die Guinness-Brauerei samt Museum, Panorama-Bar und Souvenirshop ist eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt - und ein echtes Erlebnis!
Liffey – ein flüssiger Raumteiler: Die wachsende Stadt hat ihren 125 Meter langen Fluss Liffey durch rege Bautätigkeit auf ein Viertel seiner einstigen Breite zusammen gedrückt. Er schneidet Dublin in zwei Hälften und mündet in die an der Ostküste der Insel Irland liegende Dublin Bay.
Ein beliebtes Foto- und Postkartenmotiv sind die so genannten "dublin doors": lackierte Türen in allen Farben und jede für sich ein Blickfang, während man durch Dublins Straßen schlendert.
Die irische Stadtarchitektur hat seine Eigenheiten: Um ein Plus an Höhe vorzutäuschen, werden die Fenster mit jedem höheren Stockwerk eines Wohnhauses etwas kleiner. Eine optische Täuschung der "dublin windows", die man erst bei genauerem Hinsehen entlarvt.