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Das Ende der Wildnis

Spektakuläre Felsenlandschaften, wilde Pumas, staubige Pfade – das klingt nach einem wohligen Maß Wildwest-Abenteuer und Naturerleben, dachte sich unsere Autorin Dagmar Oberndorfer und buchte einen Flug an die Westküste der USA. Womit sie nicht gerechnet hatte: In der Kommerznation ist die Natur ein Freizeitpark.
von wissen.de-Autorin Dagmar Oberndorfer, Dezember 2013

Bryce Canyon
Kessler Medien, Saarbrücken
Staaten wie Utah und Arizona sind im Vergleich zu Deutschland spärlich besiedelt. Inmitten der einsamen Steppen jener Flächenstaaten liegen die sensationellen Felsenlandschaften, die ich besuchen will. Doch als ich in Los Angeles ankomme, sind die Nationalparks geschlossen, wegen eines Budgetstreits im weit entfernten Washington D. C..

Nun heißt es umdisponieren. An der sonnigen Westküste mangelt es wahrlich nicht an Unterhaltung und ich habe schnell einen spannenden Zeitvertreib ausgemacht: Nahe Los Angeles liegt ein Freizeitpark, der auf Achterbahnen spezialisiert ist. Als ob die Schrauben und Loopings nicht genügend Aufregung garantieren würden, hat sich die Parkleitung passend zum nahenden Halloween-Fest eine Sonderaktion ausgedacht: Nach Sonnenuntergang lauern grausig maskierte Erschrecker auf den Wegen und lehren die Gäste das Fürchten.

Der Haushaltsstreit hingegen verliert seinen Schrecken noch rechtzeitig, um meine Urlaubsplanung nicht zu sprengen, und der Trip in die Wildnis kann endlich beginnen. Drei Parks stehen auf der Liste: Grand Canyon, Zion Canyon und Bryce Canyon.

 

Grand Canyon: Der Bombast

Stellen Sie sich eine flache Ebene vor, bedeckt mit Steppengras und kleinen Sträuchern, dazwischen roter Sand und Steine; eine typische Wildwestkulisse. Vor Ihnen läuft die Straße schnurgerade bis zu zum Horizont. Sie haben gerade ein Dörfchen hinter sich gelassen, auf der linken Seite grasen Bisons – Zuchtvieh, keine Wildtiere.

Mehr als sieben Stunden Fahrt sind es von Mega-Moloch Los Angeles zum Grand Canyon. Am Grenzübergang von Kalifornien nach Arizona läuft der Colorado River, jener Fluss, dessen Wassermassen sich in den vergangenen sechs Millionen Jahren in die harten Felsschichten des Coloradoplateaus hineinfraßen und den Grand Canyon formten. Besonders während Flutzeiten reißt das Wasser Steine und Felsen mit, die das Flussbett abschleifen und vertiefen. Das trockene Klima tut sein Übriges: Nur wenige Pflanzen sichern das Ufer und vermindern die Erosion.

Grand Canyon
Dagmar Oberndorfer

Wo die Schlucht am tiefsten ist, liegt der Grand Canyon Nationalpark. Die meisten Touristen besuchen den südlichen Rand, der auch im Winter geöffnet ist, wenn die Geschäfte und Hotels auf der höherliegenden Nordseite wegen eisiger Witterung und Schneefällen schließen. Knapp fünf Millionen Menschen zieht es im Jahr in den weltberühmten Park. Für die Verpflegung und Unterbringung dieser Massen gibt es ein eigenes Dorf, das Grand Canyon Village. Dass es schwer werden würde, hier unberührte Natur zu erleben, hätte ich mir eigentlich denken können.

 

Vorsicht, Lebensgefahr!

Ähnlich wie in dem Freizeitpark, den ich in Los Angeles besuchte, gibt es mehr oder weniger nützliche Souvenirs, lauwarmes Essen und zahllose Warnschilder. Die eindrucksvollste Infotafel erzählt die Geschichte einer Langstreckenläuferin, die bei einer Wanderung in der Schlucht an Erschöpfung und Wassermangel starb. "Könnten Sie einen Marathon laufen?" steht mahnend drüber. "Könnte ich nicht", denke ich und plane trotzdem eine "schwierig" betitelte Wanderroute, die angeblich vier bis sechs Stunden dauert.

Der erste Teil ist einfach, es geht nur bergab. Ich bilde mir ein, dass am Himmel kein Rabe sondern der seltene Kalifornische Kondor kreist – ein kahlköpfiger Aasfresser, der eine Flügelspannweite von bis zu drei Metern erreicht. Dass man ihn heute im Grand Canyon beobachten kann, ist eine kleine Sensation, wie ich auf der Fahrt mit dem Canyon-Shuttlebus erfahren habe. Denn in den 1980ern war der Vogel so gut wie ausgerottet.

 

Tiere mit Nummernschild

Nur dank Nachzucht gibt es heute wieder etwa 400 dieser Tiere. Zur leichteren Überwachung trägt jedes von ihnen eine Nummer. "Vor den Felsplateaus müssen ihm die Wanderer wie Ameisen im Moos erscheinen", sinniere ich und überhole ein Rentnerehepaar – ich bin sicher nicht die einzige, die keinen Marathon laufen könnte und sich trotzdem auf diesen Weg gewagt hat. Eine Karawane Maulesel trottet unter der Leitung einer Park-Angestellten den Weg hinauf. Brav warte ich auf der Innenseite des Pfades, bis der Pulk vorbeigezogen ist.

 

Eichhörnchen-Attacke

Nach eineinhalb Stunden erreiche ich den Aussichtspunkt. Anders als in der Infobroschüre angekündigt, gibt es dort sogar einen Trinkbrunnen. Ich denke an die unglückliche Marathonläuferin. Vermutlich ist sie auf einem anderen Abschnitt des Weges verdurstet. Oder ein Eichhörnchen hat ihre Vorräte gestohlen, überlege ich und verscheuche einen vorwitzigen Nager, der meine Tüte mit belegten Broten ins Gebüsch zerren will.

Rechts und links des Plateaus türmen sich spröde Felswände, die Aussicht ist grandios. Trotzdem will sich das Gefühl von Freiheit und Abenteuer nicht recht einstellen. Ich mache mich an den Aufstieg. Die herbstlich-kühle Luft ist perfekt zum Wandern und ich erklimme den Rand der Schlucht, längst nicht so erschöpft, wie ich es nach einem Marathon sicher wäre.

 

Zion Canyon: Der Höhenflug

Zion Canyon
Dagmar Oberndorfer
Ich hoffe auf echten Nervenkitzel und begebe mich im Zion Canyon auf den "Angels Landing Trail". Der Zion Canyon liegt in Südwestutah und erhielt seinen Namen von den Mormonen, die dort siedelten. Die europäisch-amerikanischen Neubürger hatten es nicht leicht, denn der Virgin-River (engl. Jungfrauenfluss), der die Schlucht formte, neigt zu Ernte vernichtenden Springfluten. Davor warnen mich zahlreiche Infotafeln auf den perfekt gepflegten Wanderwegen.

Anders als im Grand Canyon betrete ich die Schlucht nicht vom Rand her, sondern wandere ins Tal hinein. Der Canyon verengt sich wie ein gewundener Trichter. An seinem nördlichen Ende wird er zur Felsspalte, den "Narrows". Wer weiter gehen möchte, muss im eisigen Wasser des Virgin-Flusses waten.

Ich habe es versäumt, mir beim örtlichen Narrows-Ausstatter professionelle Neoprenschuhe und –hosen samt Wanderstock zu leihen. Zum Glück ist für den Weg zum Angels Landing keine Spezialausrüstung nötig. Die Route gibt sich zunächst zahm: Geteerten Haarnadelkurven und Treppen führen fast bis zur Spitze eines roten Felsgiganten.

 

Wo Zombies vor Neid erblassen würden

Das letzte Stück jedoch hat es in sich: Auf schräg abfallenden Sandsteinplatten kraxeln Jung und Alt im Gänsemarsch die letzten 800 Meter zum Aussichtspunkt. An einigen Stellen hat die Parkverwaltung fürsorglich Eisenketten zum Festhalten angebracht, andere Abschnitte des Weges müssen die Bergwanderer ohne Hilfestellung meistern. Der Pfad führt über Felsennadeln aus Sandstein und schmale Bergkämme, rechts und links geht es fast senkrecht die 450 Meter hinunter ins Tal.

Zion Canyon - Angels Landing Trail
Dagmar Oberndorfer
Weil der Weg zu eng für zwei ist, gleicht er zur Mittagszeit einer einspurigen Baustellendurchfahrt: Immer wieder muss ich warten, um entgegenkommende Wanderer aller Altersstufen und Gewichtsklassen durchzulassen, bis der Menschenstrom abreißt und ich wieder ein Stück klettern kann.

Fazit: Der Adrenalinpegel kann sich sehen lassen – so sehr wie diese Abgründe putschten nicht mal die Erschrecker der Zombi-Zone und die Goliath-Achterbahn zusammen. Und die Landschaft ist atemberaubend schön – hier hätte man "Herr der Ringe" sicher auch drehen können. Aber es bleibt der Beigeschmack des Spektakels. Was ist nun mit der wilden Natur fernab von Frittenbude und Shuttlebus? Einen Versuch habe ich noch.

 

Bryce Canyon: Das einsame Tal

Der Bryce Canyon trifft seine Besucher ohne Vorwarnung. Gerade noch fuhr ich durch plattes Land und Nadelwälder. Dann, hinter dem Parkplatz, reißt das Hochplateau plötzlich ab, Talgrund und Unterkiefer fallen nach unten.

Bryce Canyon
Dagmar Oberndorfer
In dem halbmondförmigen Kessel liegt eine bunte Traumlandschaft: Aus rot-weißen Sandhügeln ragen verwitterte Felsnadeln – die "Hoodoos". Wind, Regen und Eis formten diese steinernen Armadas. Die meisten sind orangerot gefärbt, einige strahlen rosa, hellgelb und weiß. Klüger durch Erfahrung wähle ich einen weniger populären Wanderweg, den "Fairy Tale Trail" (engl. Märchenweg).

Der erste Teil der Strecke führt am Rand des Canyons entlang, dann geht es hinab ins Tal. Ein Schild markiert den Beginn der "wilderness" – ob das ein gutes Zeichen ist? Ich schlittere den schotterbedeckten Pfad hinab.

Von Nahem entpuppt sich die Landschaft fast als wüstenhaft: Sand und Geröll, abbröckelnde Felsen, einige tapfere Nadelbäume, die der Trockenheit trotzen – und sonst nichts. Keine Shuttlebusse, Burgerbuden oder Souvenirshops, keine Werbung für "umweltschonende" wiederbefüllbare Getränkeflaschen oder Lautsprecherdurchsagen. Ich wandere zwischen Hoodoos und Schotterbergen und habe endlich das Gefühl, dem Vergnügungspark entkommen zu sein. 

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