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Zapp-Familie

Wir treffen uns in einem Appartmentblock in Kapstadt. Schon komisch für die Zapp-Familie. Denn ihr Zuhause ist eigentlich ihr Auto. Seit 13 Jahren reisen die Argentinier darin um die Welt. Anfangs waren es nur Calendaria und Herman, verliebte Eheleute, die ihren Traum wahr machen wollten. Heute sind sie zu sechst. Denn auf seinem Weg rund um den Erdball hat das Paar vier Kinder bekommen – jedes auf einem anderen Kontinent.

Eltern, deren Nachwuchs in einem Zelt auf dem Autodach schläft? Erwachsene Menschen, die ihren Beruf an den Nagel hängen, ihre komfortable Bleibe aufgeben, ihre Verwandten und Freunde zurücklassen für eine Tour durch fremde Länder und Kulturen, durch Wüsten, Regenwälder und Hochgebirge? Kinder, deren Spielzimmer der Rücksitz eines klapprigen Oldtimers ist? Eine Familie, die lieber bei anderen Familien übernachtet, als im Hotel oder Gasthaus? Tragen solche Leute überhaupt vernünftige Kleidung? Sind die noch zu retten?

Herman begrüßt mich mit einer Umarmung. ,,Komm rein, wir haben mal wieder Glück, ein Fan, der von uns gelesen hat, hat uns seine Wohnung überlassen.” Seine Stimme ist tief, wenn er spricht, rollt er das R. ,,Die Kinder lernen gerade mit meiner Frau, ich schnippel nur noch schnell’ die Tomaten zu Ende, mach’s Dir bequem.” Auf dem Fußboden liegen Legosteine und Buntstifte, ein hochgewachsener Junge reicht mir die Hand. ,,Ich bin Pampa, schön, dich kennenzulernen!” Während ich mich noch sortiere, reicht Paloma (6) mir ein Stück Papier, darauf zu sehen: Ein Mädchen mit Flügeln und vielen Herzen auf dem Bauch. ,,Habe ich für Dich gemalt.” Die Zapp-Welt, ich reibe mir die Augen: Sollte es wirklich so einfach sein?

 

Der schwerste Tag der Reise war der erste

Vieles ist nicht so kompliziert, wie es andere einem einreden wollen, sagt Calendaria später. Die drahtige Südamerikanerin, die lieber ,,Cande” genannt werden möchte, gerät ins Schwärmen, wenn sie von Ihrem Aufbruch erzählt. ,,Alle haben uns für verrückt erklärt, unsere Eltern, Freunde, Kollegen… Dass wir unser bequemes Leben aufgeben wollten für eine Gleichung voller Unbekannten? Das hat keiner verstanden.” Sie sind trotzdem gefahren, vor 13 Jahren, haben ihre Jobs als Krankenschwester und IT-Fachmann gekündigt, ihr Haus verkauft, ihr Erspartes zusammengeklaubt – und auf ging’s Richtung Norden. ,,Der schwerste Tag unserer Reise war der erste”, sagt Cande noch heute. ,,Aber wir hatten einen Traum. Nichts ist so stark wie ein gemeinsamer Traum.”

Dass Traum und Wirklichkeit manchmal auseinander klaffen, mussten die beiden schon nach zwei Monaten erfahren. ,,Wir schliefen auf dem Boden, es gab keine richtigen Toiletten, kein warmes Wasser zum Duschen – wir hatten schreckliches Heimweh.” Umkehren wäre aufgeben, habe Herman damals zu ihr gesagt. ,,Also sind wir weiter gefahren.” In sechs Monaten von Argentinien bis nach Alaska, so lautete der Plan – und dann zurück nach Hause und Kinder kriegen. Doch der Plan ging nicht auf. ,,Nach vier Monaten waren wir erst in Ecuador – und als unser Erspartes aufgebraucht war, waren wir nicht mal in den USA.” Wieder Niedergeschlagenheit. Was machen wir ohne Geld? Wir verdienen es, beschloss das Paar. Cande begann zu malen, Naturzeichnungen von Vögeln. ,,Ich dachte, das wird mir nie jemand abkaufen – aber die Leute haben die Bilder gekauft.” Ein Mann, bei dem sie Unterkunft fanden, schlug vor, Postkarten zu drucken. ,,Eine geniale Idee, wir druckten Postkarten mit einem Bild von uns und einer Weltkarte auf der Rückseite. Wer sich kein Bild leisten konnte, kaufte eine Postkarte. Wir haben den Leuten gesagt, wenn ihr uns helfen wollt, kauft eine Postkarte, davon können wir einen Liter Benzin bezahlen.” Als immer mehr Leute ihre Geschichte hören wollten, fingen Cande und Herman an zu schreiben. Erst in kleine Notizbücher, später in gedruckter Buchform und im Internet. Heute lebt die Familie von den Erlösen ihres Bestsellers.

Gerade in der ersten Zeit habe sie unglaublich viel gelernt, sagt Cande. Über andere Menschen: ,,Vor unserer Abreise haben uns die meisten gewarnt: Passt bloß auf, die Menschen sind gefährlich, ihr werdet ausgeraubt werden, man wird euch etwas antun. Aber die Menschen waren bisher das Beste an unserer Reise. Wenn das Auto kaputt war, wenn wir Unterkunft brauchten, immer war jemand zur Stelle. Wir haben so viel Freundlichkeit und Hilfe erfahren.” Und Cande lernte auch über sich selbst: ,,Ich hätte nicht gedacht, zu was ich alles fähig bin, wenn es drauf ankommt. Ich dachte nicht, dass ich einfach so malen kann, oder basteln, oder einen Motor reparieren.”

Als Cande und Herman nach zwei Jahren Alaska erreicht hatten, war für sie klar, dass sie weiter machen mussten. Mit Reisen. Und mit Kindern. Wieder so eine Sache, bei der alle anderen besser wussten, wie es zu tun sei. ,,Wenn ihr Kinder wollt, müsst ihr heim kommen”, sagten Familie und Freunde. Aber warum eigentlich? ,,Viele Leute meinen, unsere Kinder verbringen ihre Leben im Auto. Aber wir fahren ja gar nicht lange pro Tag. Kinder, die ständig zur Schule und zum Sport gefahren werden, verbringen mehr Zeit im Auto, als unsere Kinder”, sagt Cande. Die Zeit im Auto sei ,,Familienzeit. Da singen wir, wir lernen, wir spielen. Die Kinder haben ihre Bücher und ihr Spielzeug in Schubladen auf dem Rücksitz.” Wie ist es für dich, Pampa, dein Kinderzimmer auf dem Rücksitz? ,,Ich finde es super im Auto, das ist mein Zuhause – und sonst bin ich draußen und erlebe Abenteuer.”

Wenn Pampa (10) nicht gerade zur Schule geht. Bei Mama, genau wie sein achtjähriger Bruder Tehue und seine sechsjährige Schwester Paloma. Auch ein Moment des Zweifelns sei das gewesen, gesteht Mama Cande, ,,ob unsere Idee mit dem Reisen richtig ist”. Denn dass die Kinder lernen müssen, steht für das Paar außer Frage. ,,Ich habe mich dann im Internet über das argentinische Schulsystem informiert – und festgestellt, dass es fantastisches Material gibt für Eltern, die ihre Kinder nicht in einer regulären Schule in Argentinien beschulen können.” Cande lernte also lehren. Stellte Hausaufgaben, Arbeiten, Prüfungen. ,,Ich versuche, das Lernen dem Reisen anzupassen. Wenn wir am Strand sind, ist der Sand unsere Tafel. Im Regenwald lernen wir Vogelstimmen. In Korea haben wir eine Gongfabrik besucht. Bei der NASA haben wir den Start eines Space Shuttles miterlebt. Das habe ich in den Unterricht integriegt.”

In 13 Jahren ist die Familie Zapp 250 000 Kilometer gereist, sie durchquerte beide amerikanischen Kontinente, Australien und Asien und macht gerade ihren ersten Stopp in Afrika. Mit der Reise kamen ein Rhythmus und eine Philosophie: ,,Wir bleiben länger, wo es uns gefällt. Wir fahren weiter, wenn es sich richtig anfühlt. Wir sind keine Touristen. Wir müssen nicht zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein. Wir lassen uns treiben. Wir wollen Menschen und Dinge treffen.” Dass Kinder und Reisen sich ausschließen, über dieses Vorurteil können die Zapps nur lachen. ,,Wir müssen unsere Kinder nicht tagsüber betreuen lassen und abends gehetzt von der Arbeit kommen. Wir können zusammen die Welt erkunden.”

Inzwischen ist es Nachmittag geworden, wir sitzen um den geliehenen Tisch in der geliehenen Wohnung und essen Toast und Salat. Als gäbe es nichts Wichtigeres. Als sei die Zeit stehen geblieben. Irgendwann, ja, da wollen sie zurück nach Argentinien, die Zapps, ,,nach Hause”, nennt es Cande. Wann das sein wird? ,,Mal sehen.”

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