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Hinduismus – Überwindung des Kreislaufs der Wiedergeburten

Der Hinduismus ging aus der vedischen Religion hervor, die sich zur Zeit der arischen Einwanderung nach Indien, im 2. Jahrtausend v. Chr., entwickelt hatte. Vier Veden (Sanskrit: Wissen) überlieferten heilige Formeln, Lieder und Verse, die später durch die philosophischen Betrachtungen der Upanischaden ergänzt wurden.

Dem Vedismus folgte, nach der Herausbildung der Kasten im 1. Jahrtausend v. Chr., die Blütezeit indoarischer Kultur – der Brahmanismus. Die Kenntnis der heiligen Opferformeln – brahman – verlieh den Priestern, den Brahmanen, die höchste Stellung in der Gesellschaftsordnung, dem Kastensystem. Der Begriff »Hinduismus« steht nicht nur für indische religiöse Traditionen – die Gesamtheit aller Riten, Gebräuche, und Mythen –, sondern auch für das soziale System, dem die Mehrheit der Inder anhängt.

Anders als Christentum, Buddhismus oder Islam ist der Hinduismus keine Stifterreligion. Wählt man das Bild eines Gartens, so sind die Stifterreligionen planmäßig angelegte Gärten, der Hinduismus dagegen ist ein wild gewachsener Urwald. Lediglich Schneisen und Pfade wurden in unterschiedlichen Epochen geschlagen. Vielfalt statt Dogmatik kennzeichnet die indische Religion. Der Glaube an einen einzigen, überweltlichen Gott spielt keine Rolle, vielmehr steht ein großes Heer von Göttern gleichberechtigt nebeneinander.

Einige Vorstellungen gelten für alle Gläubigen: Ein Hindu gehört von Geburt an einer Kaste an. Als Hindu wird man also geboren. Eine weitere Gemeinsamkeit ist der Glaube an den Kreislauf der Wiedergeburten. Jeder Gläubige strebt an, in einer höheren Daseinsform wiedergeboren zu werden, und bestimmt durch sein Handeln, das Karma, seinen Weg. Die Sehnsucht der Gläubigen gilt nicht dem ewigen Leben, sondern genau dem Gegenteil: der Weltüberwindung durch Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten.

Die Upanischaden: Basistext der hinduistischen Philosophie

Was sind die vedischen Upanischaden?

Die Upanischaden (Sanskrit »Geheimlehre«, genauer das »Nahe-beim-Lehrer-Sitzen«) sind eine Sammlung von philosophischen Schriften; die Mitte des 1. vorchristlichen Jahrtausends entstandenen Schriften bilden nach den Samhitas, Brahmanas und Aranyakas den letzten Teil der vedischen Überlieferung, also der heiligen Schriften des Hinduismus. Sie werden, ebenso wie die auf ihnen gründenden Philosophien, daher auch als »Ende des Veda« (Vedanta) bezeichnet.

Nahezu jede vedische Schule besaß in ihrer Textsammlung einen solchen Upanischaden-Abschnitt. Die Upanischaden markieren den Übergang vom Opferkult der vedischen, also vorhinduistischen, Religion zur indischen Philosophie. Zahlreiche Passagen auch der ältesten Upanischaden beinhalten spekulative, philosophische Abschnitte, die später im Verlauf der Entwicklung der indischen Philosophie eine Herauslösung dieser Texte aus der jeweiligen vedischen Sammlung rechtfertigte.

Warum stellen die Texte einen Wendepunkt dar?

Die Erkenntnis tritt gegenüber den rituellen Abläufen in den Vordergrund. Die Upanischaden handeln im Gegensatz zu den älteren Texten des Veda mehr vom erlösungswirksamen Wissen (jñana) als vom Ritual (karma). Mit der Trennung der Upanischaden vom Rest der vedischen Offenbarung entstand eine Zweiteilung in einerseits den Ritualteil des Veda und andererseits den Erkenntnisteil. Mit dieser grundlegenden Trennung ging auch eine Kritik an der Heilswirkung von Ritualen einher.

Wovon handeln die Upanischaden?

In den frühen Upanischaden begegnen wir gewissermaßen dem Ursprung des philosophischen Denkens in Indien. An die Stelle der Ausübung des vedischen Opfers tritt ein Wissen um die dem Kosmos zugrunde liegenden Vorgänge. Ausgehend von der Opfertheologie sowie der Beobachtung von Naturvorgängen, wie zum Beispiel dem Kreislauf des Wassers, aber auch den psychischen Zuständen des Tiefschlafes und Traumes, entwickelt sich hier die Frage nach der Bestimmung und Identität des Menschen im Kreislauf der Wiedergeburt (samsara) sowie den Möglichkeiten, Befreiung aus diesem zu erlangen.

Welchen Einfluss hatten die Upanischaden auf die indische Philosophie?

Die Grundkonstanten, die in den Texten der Upanischaden erörtert werden, sind für einen großen Teil der indischen Philosophie bestimmend geworden. Dazu gehört zum Beispiel die Lehre von den »Lebenshauchen« (prana), den Bewusstseinszuständen des Wachens, Traumes, Tiefschlafes und des jenseits von diesen liegenden »vierten« Zustandes der Erlöstheit.

Kernthemen der indischen Philosophie werden dort behandelt, so zum Beispiel die Frage nach dem Träger des Lebens. Je nach Lehrtradition hielt man verschiedene Elemente für Träger der Lebenskraft. Aber auch die Frage nach dem Schicksal der menschlichen Seele nach dem Tod und die Lehre von der Wiedergeburt sind zentrale Bestandteile dieser Untersuchungen.

Die vielleicht wirkungsvollste Lehre war aber die vom eigentlichen Selbst (atman) des Menschen, welches mit dem Absoluten (brahman) wesensgemäß identisch gedacht wurde. Diese Ansicht bildete den Grundstein für die philosophische Schule des Vedanta, die im »Leitfaden des Vedanta« (»Vedantasutra«) ihre erste Systematisierung erfuhr. In ihrer monistischen (advaita) Auslegung durch den Philosophen Shankara (788–820) wird sie heute häufig als die wichtigste Philosophie des Hinduismus angesehen.

Wie viele Upanischaden gibt es heute?

Mittlerweile sind es 150, zum Kanon gehören aber »nur« 108. Das bisher Gesagte gilt hierbei ausschließlich für die so genannten vedischen, also während der vedischen Zeit entstandenen, Upanischaden. In Anlehnung an diese wichtige Textgattung verfassten unterschiedliche Schulen des Hinduismus in späterer Zeit ihre eigenen »Geheimlehren«. Diese wurden durch eine Liste, die 108 Upanischaden umfasste, als Kanon festgeschrieben (also offiziell anerkannt), obwohl sich die Produktion solcher Texte auch anschließend noch fortsetzte. Hier finden wir neben den wenigen vedischen Upanischaden eine Vielzahl auch deutlich späterer Texte des Vishnuismus, Shivaismus und anderer hinduistischer Religionen.

Wann wurde der hinduistische Kanon festgelegt?

Die Festschreibung des Kanons fällt in die Zeit der Konstruktion eines orthodoxen Hinduismus in dem südindischen Königreich Vijayanagara. Dort sollte um 1400 in Anbetracht der militärischen und kulturellen Vormacht der muslimischen Herrscher Nordindiens durch eine intensive Exegese-Tätigkeit der Brüder Sayana und Madhava ein hinduistischer Schriftkanon hergestellt werden. Die jüngsten dort enthaltenen Texte dürften erst kurz vor der endgültigen Festschreibung des Kanons verfasst worden sein.

Wussten Sie, dass …

die Upanischaden auch auf die abendländische Philosophie einwirkten? Sie wurden über den Umweg des Persischen in Europa bekannt und beeinflussten dort beispielsweise die Philosophie Arthur Schopenhauers.

die Texte des Veda lange Zeit ausschließlich mündlich überliefert wurden? Noch heute gibt es Brahmanen, die den Veda auswendig kennen.

Klassischer Hinduismus: Der Weg zu endgültiger Befreiung

Wie wurde die vedische Religion weiterentwickelt?

Als die vedische Religion, also die auf den Veden – den heiligen Schriften – beruhenden religiösen Vorstellungen der vorhinduistischen Zeit, an Bedeutung verlor, entstanden einerseits religiöse Gemeinschaften, die – wie die Buddhisten und Jainas – die gesamte vedische Tradition ablehnten. Andererseits entstanden auch religiös-philosophische Schulen, die sich explizit auf diese Tradition beriefen. Sie propagierten ihr neues Welt-, Gottes- und Menschenbild in einer Gattung von Texten, die als »Upanischaden« bezeichnet wird. Ab etwa 200 v.Chr. entstanden verschiedene religiöse Schulrichtungen, die dem »klassischen« Hinduismus zugerechnet werden.

Mit dem Niedergang des alten Götterpantheons mit dem für die kosmische Ordnung zuständigen Varuna und Agni, dem Gott des Feuers, traten neue Gottheiten auf, wie der seit dem 4. Jahrhundert v.Chr. nachweisbare Krishna, der das Ergebnis einer Verschmelzung eines epischen Helden mit einem Kuhhirtengott war, oder die später miteinander identifizierten Götter Vashudeva und Narayana, die noch später mit Vishnu gleichgesetzt wurden. Zur neben Vishnu zweiten bedeutenden Gottheit des Hinduismus stieg der aus dem vedischen Gott Rudra hervorgegangene Shiva auf, der zum Weltenschöpfer und Weltenherr ausgestaltet wurde. Neben diesen zentralen göttlichen Gestalten verehrte man in der Volksreligion auch persönliche Schutzgötter und Geister.

Welche heiligen Schriften besitzen die Hindus?

Zum Text-Grundstock des klassischen Hinduismus gehören die Veden. So glaubte man, dass die Veden die ewige (sanatana) Wahrheit enthielten, die in der Urzeit den Sehern (rishis) offenbart worden war. Aufgezeichnet wurden sie nur, weil die Welt nach dem zyklischen Zeitverständnis (yuga) zu einer Periode des Verfalls und Zusammenbruchs (kaliyuga) gelangt war, in der die mündliche Übermittlung der Veden nicht mehr ausreichte. Die offenbarten Schriften wurden als shruti (»das Gehörte«) bezeichnet. Darüber hinaus rechneten viele auch die Puranas, die Erzählungen über die Weltschöpfung, Genealogien und Geschichten zu den im Vordergrund stehenden Gottheiten enthielten, zur Offenbarungsliteratur.

Von den meisten Hindus wird ganz besonders ein bestimmter Abschnitt des großen Epos »Mahabharata« verehrt, die so genannte Bhagavadgita (»Gesang des Erhabenen«). In der Bhagavadgita werden drei hinduistische Erlösungswege (der des Wissens, der des Handelns ohne Absicht und der der Hingabe an Gott) nebeneinander vorgestellt.

Als zweitwichtigste Quelle der Autorität gelten die Texte der smrti (»das Erinnerte«, die Tradition), die sich sehr viel stärker mit dem Ablauf des alltäglichen Lebens beschäftigen und bestimmte Rechtsnormen aufstellen. Von diesen Texten erfreut sich das »Gesetzbuch des Manu« besonders hoher Wertschätzung, weil sich in ihm viele Vorschriften über Sitten, Normen und Kasten finden, obgleich diese niemals von allen befolgt wurden.

Welche Verhaltensregeln gelten für Hindus?

Das richtige Verhalten hängt von der individuellen Lebenssituation ab. Zwar legen die heiligen Schriften Normen fest, eine Art religiöse Welt- und Lebensordnung, die in ihrer Gesamtheit als »Dharma« (»das, was stützt«) bezeichnet werden. Dharma hat jedoch viele Bedeutungen. Grundsätzlich kann man das Wort als »angemessenes Verhalten« wiedergeben, das aber für jede Kaste, Altersstufe oder auch geschlechtsspezifisch anders definiert ist. Die Art und Weise eines angemessenen Lebens kommt in der Aufteilung der Berufe und im damit zusammenhängenden Kastensystem zum Ausdruck.

Im Allgemeinen gelten für Hindus vier Lebensziele als legitim und erstrebenswert, wenn sie innerhalb des Dharma – das selbst als eines der vier Ziele gilt – verfolgt werden. Die drei anderen Ziele sind Erwerbssinn und Politik (artha), der Liebesgenuss (kama) sowie das Streben nach Erlösung (moksha). Jeder Beruf und jede Kaste hat ihr eigenes Dharma, das sich von dem anderer völlig unterscheiden kann. Der Hinduismus durchdringt alle Aspekte des Lebens, von der bescheidensten Hütte bis zur Politik des Staates. Nach der vedischen Tradition erhielten die jungen Männer der oberen Kasten vor der Gründung eines Hausstandes eine religiöse Ausbildung und wurden dann initiiert – »zum zweiten Mal geboren« –, weshalb man sie dann auch als dvija (»zweimalgeboren«) bezeichnete. Gewöhnlich wird erwartet, dass ein dvija vier Lebensstadien (ashrama) durchläuft, in denen er zunächst die Verantwortung und die Freuden des Lebens auf sich nimmt, um diese dann in Erwartung des Todes wieder loszulassen.

Wie sieht der Weg zur Erlösung aus?

Er verläuft über die Wiedergeburten. Die in einer irdischen Existenz angehäuften guten und schlechten Taten – welche Handlungen als gut oder schlecht gelten, bestimmt das jeweilige Dharma – bewirken eine entsprechende Wiedergeburt. Jede neue Existenz bedeutet auch eine neue Möglichkeit des Fortschritts auf dem Weg zur Erlösung, sie muss nicht zwangsläufig nur ein weiteres »Wandern« durch die vielen verschiedenen Ebenen der Unerlöstheit sein. Diese Reise durch unterschiedliche Leben spielt sich nicht nur auf der Erde ab, sondern sie findet auch in Himmeln und Höllen statt.

Warum gibt es so viele hinduistische Götter?

Die zuweilen verwirrende Vielfalt von Göttern und Göttinnen resultiert daraus, dass sich Hochgötter von zentralem Rang in vielen verschiedenen Formen offenbaren können. Solche Erscheinungsformen werden »Avatara« genannt. Es gab auch Versuche, diese Vielfalt in ein System zu bringen, von denen das bekannteste die shivaitische Konzeption einer Trimurti (dreifache Manifestation Gottes) ist. Gemäß dieser Vorstellung ist Brahma der Schöpfer, Vishnu der Erhalter und Shiva der Zerstörer der Welt. Es ist dabei immer Gott, der sich auf diese Weise manifestiert, und nur durch die besondere Macht Gottes nehmen die Dinge ihre äußere Erscheinungsform an.

In Indien überwiegt der Glaube an einen oder mehrere persönliche Götter zahlenmäßig die abstrakteren Lehren von einem unpersönlichen Urgrund des Seins. Im Grunde genommen hat wohl jede Region oder jedes Dorf, wahrscheinlich aber sogar jeder Einzelne einen besonderen Mittelpunkt der Verehrung, eine persönlich erwählte Gottheit (Istadevata). Diese ergänzt die größeren Götter, ersetzt sie aber nicht.

Wie kann der Kreislauf der Wiedergeburten durchbrochen werden?

Zur Erlösung (moksha) gibt es drei Wege (marga): den Karmamarga (der Weg der dharmagemäßen Werke), den Jñanamarga (der Weg des Wissens oder der philosophischen Wahrheit) und den Bhaktimarga (der Weg der Hingabe an Gott, die Gottesliebe). Das wohl bekannteste und am meisten verehrte Lehrgedicht des Hinduismus, die »Bhagavadgita«, unternimmt den Versuch, alle drei Wege miteinander in Einklang zu bringen, was mit ein Grund für seine Beliebtheit ist.

Den Weg zur Erlösung weisen auch die sechs klassischen philosophischen Systeme oder darshanas (»Anschauungen«), die traditionell paarweise zusammengefasst werden: Samkhya und Yoga, Nyaya und Vaishesika sowie Mimamsa und Vedanta.

Was sagt die philosophische Lehre des Samkhya?

Der Samkhya geht von einem grundsätzlichen Gegensatz zwischen einem bewussten, intelligenten Selbst (puruhsa, »Geist«) und einer ewigen, unbewussten Materie (prakrti, »Natur«) aus. Sie setzt sich aus drei Qualitäten (gunas) zusammen: sattva (dem feinstofflichen Prinzip des potenziellen Bewusstseins), rajas (dem Prinzip des Handelns) und tamas (dem Prinzip der Passivität). Die Entfaltung oder Evolution der Materie findet statt, wenn der puruhsa seine wahre Identität (das Selbst) vergisst und dadurch die Dualität von Subjekt und Objekt entsteht. Er sieht im Körper das wahre Selbst. Erlösung bedeutet das Lösen von dieser falschen Sichtweise. Es gilt zu erkennen, dass die Verquickung mit der prakrti nur scheinbar stattfand. Die eher praktische Seite mit ihren Übungen zur Umkehr der Verstrickung des Geistes in die Materie kommt im Yoga zum Ausdruck.

Welchen Ansatz hat die Philosophie des Nyaya?

Der Nyaya (»Argumentation«) ist die philosophische Methode, durch die der Geist zu einer Schlussfolgerung kommt. Hier gilt die logische Beweisführung oder Herleitung, gewissermaßen als drittes Mittel neben den Autoritäten der Shruti- und Smrti-Literatur. Dieses darshana verband sich mit dem ältesten der sechs Systeme, dem Vaishesika (»sich auf Unterscheidungen beziehend«), das von sechs Kategorien oder Erfahrungsobjekten ausgeht und diese analysiert, nämlich guna, die Qualität; dravya, die Substanz; karma, die Handlung; samanya, die Allgemeingültigkeit; vishesa, die unterscheidbaren Besonderheiten und samavaya, die einzigartige Beziehung zwischen Substanz und Qualität. Diesen wurde später eine siebte hinzugefügt: das Aufhören des Seins, die Nichtexistenz (abhava).

Um welches Thema kreist das philosophische System der Mimamsa?

Die Mimamsa (»Untersuchung«) ist eine Schule, die sich mit dem vedischen Ritual beschäftigt und die Unfehlbarkeit der vedischen Schriften durch eine logische Argumentationskette zu beweisen versucht. An diese Unfehlbarkeit der vedischen Schriften knüpft der Vedanta, die »Vollendung des Veda«, an, der sich insbesondere auf die Upanischaden und ihre Philosophie bezieht. Daher besteht seine Literatur hauptsächlich aus Kommentaren verschiedener Philosophen zur »Bhagavadgita«, dem Brahmasutra und den Upanischaden. Thematisiert wird vor allem das Verhältnis des Absoluten (brahman) zur Einzelseele (atman) und der Welt.

So vertritt Shankara im 6. beziehungsweise 7. Jahrhundert n.Chr. den Advaita-Vedanta, nach dem Brahman das Absolute und der Urgrund ist, auf dem die gesamte Welt der Erscheinungen beruht. Diejenigen, deren Augen durch das Wissen sehend geworden sind, können Brahman als das einzig Reale und Unveränderliche wahrnehmen, das in oder hinter den mannigfaltigen Erscheinungen liegt, die von den normal ausgebildeten Sinnen wahrgenommen werden. Daraus ergibt sich, dass es noch nicht einmal einen Unterschied oder eine Dualität (dvaita) zwischen dem menschlichen Subjekt oder Selbst und Brahman geben kann, weil Brahman genau dieses Selbst ist und allen Erscheinungen zugrunde liegt.

Was ist die Mahabharata?

Sie ist das mit 100 000 Doppelversen längste Gedicht der Weltliteratur, entstanden zwischen 400 v. Chr. und 300 n. Chr. Die Haupthandlung erzählt die Geschichte der verfeindeten Sippen der Pandavas und der Kauravas. Der bekannteste Einschub ist die Bhagavadgita. Neu ist, dass sie den Glauben an die Weiterexistenz der Einzelseele nach dem Tod neben die Vorstellung stellt, dass die Einzelseele am Ende des Kreislaufs der Wiedergeburten im unpersönlichen Weltgeist (Brahman) aufgeht, wie es die Upanischaden gelehrt hatten.

Was ist das Ziel des Yoga?

Yoga (»Anjochen«, »Konzentration«) ist eine Methode der Bewusstseinsveränderung, die zur Befreiung führen soll. Diejenigen, die Yoga praktizieren, führen ein asketisches Leben. Sie kontrollieren den Atem sowie Körper und Geist durch Meditation, um dadurch höhere Bewusstseinszustände bis hin zur Verwandlung des Körpers zu erreichen und so Alter und Tod zu bezwingen. Der Yoga verband sich später mit den großen theistischen Traditionen des Shivaismus und Vishnuismus sowie ihrem weiblichen Pendant, dem Shaktismus. Der Yoga ist bis heute ein integraler Bestandteil des Hinduismus und hat auch im 19. und 20. Jahrhundert bedeutende Vertreter (etwa Ramakrishna und Aurobindo) hervorgebracht.

Feste: Prächtige Feiern zur Ehre der Gottheiten

Wann wird das Frühlingsfest Holi gefeiert?

Es findet um den Vollmond im Monat Phalguna (Februar/März) statt. Der hinduistische Festkalender ist eng mit dem Lauf der Jahreszeiten verbunden. Überall im Land besiegelt das Holi-Fest das Ende des Winters. Der Tag vor dem eigentlichen Fest ist dem Gebet gewidmet. In Nordindien bringt man Kränze aus getrockneten Früchten und Lotussamen als Opfergaben dar. Am Abend entfacht man vielerorts große Reisigfeuer, in denen allerlei nutzlos gewordene Dinge verbrannt werden; dies symbolisiert die Verbrennung der bösen Dämonin Holika. In der Region um Mathura wird sie mit der von Krishna besiegten Dämonin Putana gleichgesetzt, die als Pappmachéfigur verbrannt wird. Die Gläubigen umwandeln siebenmal das Feuer, werfen eigens hergestellte Süßigkeiten hinein und werden so gereinigt. Der eigentliche Festtag beginnt mit einem lustigen Treiben, bei dem man sich gegenseitig mit farbigem Pulver bewirft; alle Feindschaft soll an Holi vergessen werden. Das an Blut erinnernde rote Farbpulver legt die Herkunft des Festes aus alten Fruchtbarkeitsriten nahe.

Was geschieht am Schlangenfest Naga-Pañcami?

Am fünften Tag (Pañcami) des Monats Shravana (Juli/August) werden die Kobra und verschiedene andere Schlangen (Naga) verehrt, die nun mit Beginn des Monsuns aus ihren Löchern in der Erde hervorkommen. Einerseits fürchtet man die Schlangen wegen ihrer Gefährlichkeit für Mensch und Vieh, anderseits werden sie als »Hüter der Schätze der Erde« geachtet. Für diesen Tag tüncht man ein Stück der Hauswand weiß und verziert es mit dem Bild einer Kobra. Frauen fasten und bieten den Schlangen eine Schale Milch an. Becken für diese Milchspenden sind seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. im Raum Mathura bezeugt. Das Fest stammt bereits aus der vorarischen Zeit und wurde vom frühen Hinduismus übernommen.

Zu welchem Fest ist ganz Indien auf den Beinen?

Zu Durgapuja kommen die Familien zusammen, man nimmt sich frei und reist ins Heimatdorf. Das öffentliche Leben kommt teilweise zum Erliegen, viele Läden und Büros schließen während des Festes. Durgapuja (»Verehrung der Durga«) heißt auch Navaratri (»neun Nächte«), da das Fest am Neumondtag des Monats Ashvina (September/Oktober) beginnt und neun Nächte und einen Tag dauert. Die Durgapuja wird überall in Indien begangen, doch ist Bengalen ihre Hochburg. Man gedenkt hier besonders des Sieges der Göttin Durga über den Büffeldämon Mahishasura. Monate vor dem Fest beginnt das Anfertigen großer Statuen der siegreichen Göttin aus Ton oder Pappmaché. Während der neun Nächte des Festes verehren die Gläubigen ihr Bild, das am »siegreichen zehnten Tag« in einer Prozession zu einem Fluss oder ans Meer gebracht und der Flut übergeben wird: Die Göttin kehrt nach dem Besuch bei ihren Anhängern zu ihrem Gatten Shiva zurück.

Welche Gottheit wird mit dem Fest Divali geehrt?

Lakshmi wird verehrt, die Göttin des Glücks, der Schönheit und des Wohlstandes. Einen schmutzigen Ort würde sie nicht besuchen, weshalb zu Divali am Beginn des Monats Karttika (Oktober/November) nach Ende der Regenzeit das gesamte Haus gesäubert und geweißelt wird. Und weil sie auch die Dunkelheit verschmäht, brennen in dieser finsteren Neumondnacht überall im Haus Reihen von Butterlampen (dipavali), von denen das Fest seinen Namen hat. Eigens angefertigte Tonfiguren der Lakshmi und des elefantenköpfigen Gottes Ganesha, des Herrn der Anfänge, werden auf dem Hausaltar verehrt. Am Tag nach Divali beginnt das neue Geschäftsjahr: Die alten Bücher werden geschlossen, Lakshmi soll dem Unternehmen ihren Segen spenden.

Wie wird das populärste Wallfahrtsfest begangen?

Sehr bekannt ist die alljährlich in Pushkar (Rajasthan) stattfindende mela, ein Wallfahrtsfest, dessen Hauptereignis eigentlich das rituelle Bad ist, das von Unreinheit befreit. Doch oft ist reges Markttreiben damit verbunden, das an die Kirmesfeste zu Kirchweih erinnert. Der Markt in Pushkar beginnt am Vollmondtag des Monats Karttika (Oktober/November) und dauert eine Woche. Der Kamelhandel zieht Hirten und Züchter aus ganz Rajasthan an. Gleichzeitig ist es ein Tempelfest zu Ehren des Gottes Brahma. Nach dem Bad im heiligen See von Pushkar begeben sich die Pilger zum Tempel des Gottes.

Nur wenige Tempel sind Brahma geweiht, denn einstmals wurde er von Shiva dazu verflucht, nicht mehr verehrt zu werden. Aber als man in Pushkar einen Tempel für Brahmas Frau Gayatri errichten wollte, verlangte sie der Legende nach, dass man zuvor einen Tempel für ihren Gatten erbauen solle. Und so geschah es. Pushkar zieht heutzutage auch Touristen aus dem Westen an – doch gibt es auch für sie an diesem heiligen Ort weder Fleischgerichte noch Eier zu essen.

Wie heißt das größte Fest der Welt?

Es handelt sich um die Kumbhamela, zur letzten 2001 kamen 25 Millionen Menschen nach Allahabad, wo die drei heiligen Flüsse – Ganges, Yamuna und die unterirdische, mythische Sarasvati – zusammenströmen. Als einst Götter und Dämonen um einen Topf (kumbha) Unsterblichkeitstrank stritten, wurden einige Tropfen verschüttet. Die Orte, an denen sie auftrafen – Allahabad, Hardwar, Ujjain und Nasik –, waren fortan besonders heilig.

Hier wird alle zwölf Jahre die Kumbhamela gefeiert, zur Erinnerung daran, dass ein Gott den Topf nach zwölf Tagen zum Himmel gebracht hat. In Hardwar ist das Fest für das Jahr 629 n.Chr. erstmalig bezeugt. Der Ablauf der rituellen Bäder ist streng geregelt. Nagasadhus (nackte Asketen) führen die Prozession an, danach folgen die anderen Gruppen religiöser Spezialisten. Schließlich nehmen auch die gewöhnlichen Gläubigen während der folgenden zwei Wochen ihr Bad.

Wussten Sie, dass …

beinahe täglich irgendwo auf dem indischen Subkontinent ein religiöses Fest zu Ehren einer Gottheit stattfindet? Neben den großen landesweiten Festen gibt es unzählige Feiertage von vorwiegend lokaler Bedeutung.

in Regionen Indiens, in denen der Muttergöttinnenkult weniger ausgeprägt ist, das Durgapuja-Fest Dashehra heißt? Es erinnert dann an den Sieg des Gottes Rama über den Dämon Ravana, der im hinduistischen Epos »Ramayana« beschrieben wird.

Die indische Kosmologie und ihre Götter: Eine vielschichtige Welt

Wie stellt sich der Hindu das Universum vor?

Die Theorien über die Entstehung des Universums sind sehr unterschiedlich. Einige gehen von einem aktiven Handeln einer Gottheit aus. So gilt etwa der Schöpfergott Brahma als Quelle des Universums und Herr der gesamten Schöpfung. Andere Schulen lehren eine Entwicklung aller Dinge aus einem Zustand der Präexistenz, des Vorhandenseins der Welt als Idee, der ohne Anfang und Ende ist. Aus einem kosmischen Ei (brahmanda) sollen alle Geschöpfe stammen.

Mit der Vorstellung, dass das Universum aus einem Uropfer entstanden sei, geht die Begründung der Vierständeordnung (varna) einher. Wird ein nicht materialistischer Ursprung des Universums vorausgesetzt, so gilt es als eine Ausströmung aus dem unpersönlichen Urgrund des Seins, der in späterer Zeit als der Brahman bezeichnet wird.

Es entstand darüber hinaus auch noch die Vorstellung, der Kosmos befinde sich in einem ständigen Prozess der Entwicklung und des Verfalls. Zunächst organisieren sich die Elemente zu einer Ordnung. Diese Ordnung zerfällt schließlich wieder während der Auflösung des Universums, die als »Schlaf des Brahma« bezeichnet wird. Aber schon im Rigveda wird auch der Möglichkeit Raum gegeben, dass man über die Entstehung des Kosmos keine gesicherte Aussage treffen und die Existenz der Götter nur konstatieren kann: »Er, der Aufseher dieser Welt im höchsten Himmel, er allein weiß es – oder vielleicht weiß er es auch nicht«.

Wie ist das Universum aufgebaut?

Über die Beschaffenheit des Universums und der Welt dagegen herrschte weitestgehend Übereinstimmung. Demnach besteht die Welt aus sieben Kontinenten (dvipa), die sich in konzentrischen Kreisen mit dazwischenliegenden Ozeanen um den zentralen Weltenberg Meru gruppieren, wobei Indien, der »Kontinent des Rosenapfelbaumes« (Jambudvipa), eine besondere Rolle spielt. Auch in der Vertikalen gruppieren sich in einer Reihe von übereinanderliegenden Schichten verschiedene Welten. Ganz oben befinden sich die Welten (loka) der Götter und derjenigen Wesen, die aufgrund ihres guten Karmas diese Sphären erreicht haben. Darunter folgen der Bereich der Planeten, der Himmel und die Erde, unter der sich die Unterwelten und schließlich die einundzwanzig Höllen (naraka) befinden. Zum Teil wird dieses mythische Weltbild auch mit der realen Geografie verquickt: So wird etwa der Berg Kailasa mit dem Weltberg Meru und dem Sitz der Götter, hauptsächlich von Indra und später Shiva, gleichgesetzt. Auch die Flussgöttin Ganga (der Ganges) kam ursprünglich aus dem Himmel.

Wie treten die Götter in Erscheinung?

In den theistischen Religionen des Hinduismus nehmen die großen Götter Shiva und Vishnu sowie in der Zeit vom 6. bis zum 13. Jahrhundert auch der Sonnengott Surya den Rang von allmächtigen Gottheiten ein. Nach den religiösen Vorstellungen der Hindus konnten sie in vielerlei unterschiedlichen Gestalten erscheinen. Shiva etwa nahm verschiedene Formen (murti) an, wie zum Beispiel die des Großen Gottes, des Yogin, des Asketen, des Bhairava (eine furchterregende Form) oder auch die des besonders im Süden Indiens beliebten Nataraja (»König des Tanzes«). Als Letzterer verkörpert er den Gott, der im kosmischen Tanz einen Dämonen in vernichtender Weise niedertrampelt. Obwohl er allgegenwärtig war, hatte er gemäß den mythologischen Vorstellungen im Himalaya seinen Wohnsitz. Ähnliches gilt auch für Vishnu, der sich in jedem Zeitalter – also in sehr großen Abständen – in immer verschiedenen Gestalten inkarniert, um die Ordnung des Dharma wiederherzustellen.

Diese Avataras waren ursprünglich selbständige Gottheiten oder Heroen, wie der seiner Herkunft nach iranische Kriegsgott Verethragna mit dem Eberkopf oder Rama. Unter den Avataras ist Krishna mit Sicherheit der populärste Gott.

Welche weiblichen Gottheiten gibt es?

Eine sehr wichtige Rolle nimmt die Verehrung der Shakti (»Kraft«, »Macht«) ein, die zwar, theistisch gesehen, als Gemahlin der großen Götter zu betrachten ist; als Göttin und große Mutter aber vereint sie alle Funktionen in sich, die Vishnu für die Vishnuiten und Shiva für die Shivaiten hat. Personifiziert wird sie als Durga (»die Unzugängliche«) oder als Kali (»die Schwarze«), den schrecklichen Aspekten von Shivas Gemahlin Parvati.

Welche Beziehungen bestehen zwischen den verschiedenen Gottheiten?

Im Bestreben nach einer Systematisierung werden die zahlreichen Gottheiten in Beziehung zu den großen Göttern gesetzt. So hat Shiva zwei Söhne, den elefantenköpfigen Ganesha (der Gott der Weisheit und Gelehrsamkeit) und den Kriegsgott Karttikeya. Der Liebesgott Kama wurde von Shiva zu Asche verbrannt, weil er ihn in seiner Askese gestört hatte und führt seither ein körperloses Dasein. Wie vielen anderen Gottheiten auch ist ihm kein besonderer Kult zugeordnet. Regionale Gottheiten mit überregionaler Bedeutung sind zum Beispiel Jagannatha (»Herr der Welt«) im Bundesstaat Orissa und Vithoba in Maharashtra, die mit Vishnu identifiziert werden. Die Götter werden in Tempeln und Badeplätzen kultisch verehrt, und zu bestimmten mythologischen Ereignissen im Verlauf des hinduistischen Kalenders finden große Feste statt, die häufig mit Prozessionen verbunden sind.

Wussten Sie, dass …

bereits die vedische Religion eine klare Vorstellung von einem geordneten Universum hatte, in dem rta (feststehende Ordnung, Regel) herrscht?

von dem hinduistischen Gott Vishnu zehn avataras (Erscheinungsformen) bekannt sind?

Das indische Kastensystem: Hierarchische Gesellschaftsstrukturen

Worauf gründet sich das Kastensystem?

Die Vielfalt und Rangordnung der Kasten, die von Region zu Region variieren kann, wird sowohl durch religiöse als auch weltliche Maximen begründet und gerechtfertigt. Grundsätzlich ist zwischen den Sanskritbegriffen varna (»Farbe«) und jati (»Geburt«) zu unterscheiden. Das Varna-System, das göttlichen Ursprungs sein soll, definiert nur die großen vier Stände der indischen Gesellschaft: Brahmanen (Priester, Berater, Gelehrte), Kshatriya (Krieger, Adel, politische Führer), Vaishya (ursprünglich die indoarischen Viehzüchter, dann Bauern, Händler, gehobene Handwerker) und Shudra (die dienende Schicht, unter die aber durchaus auch Handwerker fallen können).

Wie viele Kasten gibt es?

Es gibt viele tausend Kasten (und Unterkasten), die an das Varna-Schema angepasst wurden, obwohl ihr Ursprung zumeist später anzusetzen ist und in der Regel auf nichtreligiösen Kriterien beruht. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Jati entspricht dem Beruf, den ein Mensch ausübt. Darüber hinaus bestimmt auch die ethnische oder regionale Herkunft die Kastenzugehörigkeit. So steht zum Beispiel eine aus einem sozial gesehen deklassierten Stamm hervorgegangene Berufsgruppe in der Hierarchie niedriger als dieselbe Berufsgruppe, die nicht auf ein Stammesmilieu zurückgeht. Leichte Veränderungen in der Arbeitsweise beziehungsweise eine Spezialisierung kann zur Bildung einer neuen Unterkaste und damit zum Anwachsen der Gesamtzahl der Kasten führen.

Wodurch ist eine Kaste definiert?

Es gibt fünf Kriterien, die die Grenzen einer Kaste und somit das Gemeinsame ihrer Mitglieder festlegen: der religiös begründete Grad der kultischen Unreinheit der Mitglieder, die Kommensalität (mit wem sie gemeinsam speisen dürfen), Endogamie (Heirat innerhalb der Kaste), erbliche Berufe und wirtschaftliche Abhängigkeit. Die Kaste bildet eine exklusive Art der Berufsinnung und nur die Mitglieder einer Kaste üben in ihrer Region bestimmte Berufe, Arbeitsmethoden und Fertigkeiten aus. Nur sie besitzen eine bestimmte Kundschaftsbindung, die jajmani genannt wird. Das bedeutet, dass genau festgelegt ist, welche Kasten welche Dienstleistungen für andere Kasten ausüben. Im traditionellen Kastenwesen waren kastenspezifische Rituale und die soziale Stellung in der Gesellschaft unumstößlich festgeschrieben. Wer einmal in eine Kaste hineingeboren war, blieb in ihr ein Leben lang, es sei denn, er wurde wegen eines schwer wiegenden Vergehens zum Ausgestoßenen oder Kastenlosen (dalit).

Was sind Kastenlose?

Es handelt sich dabei um völlig verachtete, am Rande der indischen Gesellschaft lebende Gruppen, die meist aus Stammesvölkern bestehen. Sie existieren im Wesentlichen außerhalb der Kastenordnung und gehen solchen Berufen wie Weben, Flechten und Lederverarbeitung nach oder arbeiten als Straßenfeger oder Küchenhelfer. Die ganz auf das Varna-Schema eingeschworene Manu-Smrti, ein religiöses Rechtsbuch des 2. oder 3. Jahrhunderts n.Chr., erklärte die Entstehung dieser Schichten mit zurückliegenden unzulässigen Kastenvermischungen.

Inwiefern ist ein Aufstieg in eine andere Kaste möglich?

Eine Einzelperson kann ihren rituellen Status für sich allein nicht verändern, sondern nur im Gesamtverband einer Kaste oder Unterkaste, wenn diese ihre Stellung in der Hierarchie verändert. Das konnte geschehen, wenn sie sich an Bräuche einer höheren Kaste anglich, zum Beispiel indem sie das Verbot der Wiederverheiratung von Witwen übernahm, den Alkohol mied oder zum Vegetarismus überging. Bisweilen konnte dies auch durch Heiratsbeziehungen mit einer höheren Kaste geschehen, was jedoch im Allgemeinen unmöglich war, da man eigentlich nur innerhalb der eigenen Kaste heiraten konnte. Durch wirtschaftlichen Erfolg ließen sich solche Beschränkungen aufweichen. In unruhigen Zeiten kam es vor, dass viele Männer sich als Söldner verdingten und daher ihre angestammten Berufe und Kasten aufgaben.

Wussten Sie, dass …

das Kastenwesen zwar im praktischen Leben an Bedeutung verloren hat, aber großen Einfluss auf Partner- und Berufswahl ausübt?

1956 über 400000 Hindus unter Führung von Dr. Bhimrao Ambedkar ihre Kaste verließen, indem sie zum Buddhismus übertraten? Sie stammten, wie Ambedkar selbst auch, zumeist aus der niedrigen Kaste der Mahar.

der Begriff Kaste im 16. Jahrhundert von portugiesischen Kaufleuten geprägt wurde? Er geht zurück auf das portugiesische Wort »casto« (Herkunft, Gruppe).

Die Sikhs: Gotteskrieger mit Schwert und Turban

Wer gründete die Religion der Sikhs?

Gegründet wurde die Religionsgemeinschaft Anfang des 16. Jahrhunderts von Nanak (1469–1539), einem wohlhabenden Hindu. Beeinflusst von dem Dichter und Mystiker Kabir (1440–1518), der eine Verbindung zwischen Islam und Hinduismus geschaffen hatte, begann Nanak, die von Brahmanen, Mullahs und zoroastrischen Priestern verkündeten religiösen Lehren selbständig zu verarbeiten. Ähnlich wie Mohammed hatte Nanak im Alter von 50 Jahren der Überlieferung nach eine Vision. »Gott schenkte ihm einen Becher Nektar«, berichtet das »Japji«, eine Art Neues Testament der Sikhs, »und Gott befahl ihm, seinen Namen auszusprechen und auch andere Menschen dafür zu begeistern, es zu tun.«

Steht der Sikhismus dem Islam oder dem Hinduismus näher?

Ähnlich wie die Glaubensformel des Islams beginnt die Lehre der Sikhs mit den Worten: »Es ist nur ein Gott, dessen Name wahr ist: der Schöpfer!« Dieser Gott Nanaks ist jedoch mit dem hinduistischen Brahman enger verwandt als mit Allah. Nanaks zentrale Idee war die Einheit des Weltengottes, dessen einziger Name und Geist die Wahrheit und das Seiende ist. Durch diese Auffassung näherte sich Nanak ebenso der höchsten und abstraktesten Philosophie der Brahmanen wie dem feurigen Geist des Propheten Mohammed.

Da aber Nanak sowohl von der Richtigkeit des Glaubens an die automatische Wirksamkeit menschlicher Taten (Karma) als auch von der Erlösungslehre überzeugt war, blieben seine Vorstellungen mehr im religiösen Bereich des Hinduismus als in dem des Islams. Allerdings wandte sich Nanak ganz entschieden gegen die volkstümlichen Ausschmückungen des Hinduismus. So verbot er das Anbeten von Götterbildern, die der Zauberei verwandten hinduistischen Riten sowie die Pilgerfahrten zu heiligen Stätten. Die hinduistischen Gebetsformeln und Litaneien hielt Nanak für sinnentleert.

Welche sozialen Vorstellungen vertrat Nanak?

Nanak war nicht nur Religionsstifter, sondern auch Sozialreformer. Scharf griff er das undurchlässige hinduistische Kastenwesen an, das jeden Menschen von Geburt an in bestimmte Rollen presst. Den höheren Hindukasten gestand er kein Vorrecht der Geburt und der religiösen Bildung zu. Witwenverbrennungen nannte Nanak eine Barbarei und er verabscheute die Einmauerung untreuer Frauen.

Wie wurden die Sikhs in Indien zu einer bedeutenden Bewegung?

Begleitet von einem Saitenspieler, wanderte Nanak etwa ab dem Jahr 1500 durch Nordwestindien und verkündete die Existenz des einen Weltengottes. Der Legende nach sollen seine Reisen ihn bis nach Ceylon, Kaschmir und sogar Mekka geführt haben. Wie weitherzig Nanak seinen Gottesbegriff fasste, wurde deutlich, als er seine Lehre in Moscheen wie auch in Shiva-Tempeln verkündete. Nanak schuf keine hierarchische Organisation, aber er ernannte einen Nachfolger, einen Guru (Meister), der die Gemeinschaft der Sikhs führen sollte.

Waren es anfänglich nur die ärmsten Bauern, die sich zur Religion der Sikhs bekannten, so folgten doch bald Männer und Frauen aus allen Schichten. Die Glaubensgemeinschaft entwickelte sich allmählich zu einer ernst zu nehmenden politischen Kraft. Im Jahr 1604 stellte Arjun Mal, der fünfte Guru, den »Adi Granth« zusammen, das heilige Buch der Sikhs. Es enthält außer den Aussagen der Sikh-Gurus auch ausgewählte Texte hinduistischer und muslimischer Herkunft. Das umfangreiche Buch mit über 6000 Versen ist nicht nach inhaltlichen Gesichtspunkten, sondern nach ragas, den Takten klassischer indischer Musik geordnet, da diese Hymnen auch gesungen werden. Zwei Jahre später starb Arjun Mal den Märtyrertod, da die Mogulherrscher Nordindiens mittlerweile in der Ausbreitung der Sikhs eine Gefahr für ihr Reich sahen.

Was änderte sich nach dem Tod von Arjun Mal?

Der Charakter des Sikhismus änderte sich, die Sikhs fingen an, sich zu bewaffnen, um begangenes Unrecht zu rächen und neues zu verhindern. Vor allem der Mogulherrscher Aurangseb ging unnachgiebig gegen sie vor. Teg Bahadur, der neunte Guru, wurde ergriffen und 1675 in Delhi enthauptet. Sein Nachfolger Govind Singh formte die Glaubensgemeinschaft in einen kriegerischen Kampfbund um und bestimmte sich zum letzten Guru.

1699 führte Govind Singh das Ritual der Taufe ein. Ein Sikh wurde nunmehr mit gesüßtem Wasser getauft, das vorher mit einem Schwert umgerührt worden war. Die Getauften schworen, den Verhaltenskodex der »fünf K« einzuhalten: Die Vorschrift des kesa verbietet, sich zu rasieren und das Haupthaar zu schneiden. Die anderen vier Vorschriften gebieten, unter dem Turban einen Kamm (kangha) ins Haupthaar zu stecken, als Waffe ein Schwert (kripan) und als Schutz einen stählernen Armreif (kara) zu tragen.

Ferner muss ein Sikh stets in Unterhosen (kachh) gekleidet sein, die bis zum Knie reichen. Dies symbolisierte das Abweichen von den traditionellen Kleidungsregeln. Die getauften Sikhs gehörten damit der Khalsa (»rein«) an, der religiösen und militärischen Bruderschaft, die bald große Teile Nordwestindiens mit unauslöschlichem Hass gegen den Islam erfüllte.

Der Goldene Tempel in Amritsar

Ihr bedeutendstes Heiligtum nennen die Sikhs gewöhnlich Darbar Sahib. Im Westen wurde es unter der Bezeichnung »Goldener Tempel« bekannt. Es wurde unter Guru Arjun Mal in der Ortschaft Ramdaspur (heutiger Name Amritsar) angelegt. Der Guru ließ den Tempel auf einer Ebene bauen, die niedriger als das umliegende Land war, so dass die Besucher herunterkommen mussten, um ihn zu betreten. Dies stand im Gegensatz zum hinduistischen Brauch, ein Heiligtum auf einer hohen Sockelmauer zu errichten.

Wussten Sie, dass …

die Sikhs über ein zentrales Heiligtum verfügen? Es handelt sich um den Goldenen Tempel in Amritsar im indischen Bundesstaat Punjab.

der Guru Arjun Mal den Tempel auf einer Ebene bauen ließ, die niedriger als das umliegende Land war? So mussten die Besucher herunterkommen, um ihn zu betreten, was im Gegensatz zum hinduistischen Brauch stand, ein Heiligtum auf einer hohen Sockelmauer zu errichten.

radikale Sikhs 1984 im Goldenen Tempel einen unabhängigen Staat gründeten? Daraufhin wurde das Heiligtum von indischen Soldaten gestürmt.

Neohinduismus: Begegnung von Ost und West

Wodurch erhielt der Hinduismus neue Impulse?

Die Erforschung der altindischen Religion und Literatur und die begeisterte Aufnahme dieses religiösen Reichtums im Europa der Kolonialzeit bestärkte die gebildeten Oberschichten Nordindiens, ihre Reformbemühungen mit einem neuen Selbstbewusstsein voranzutreiben. Auf der religiösen Ebene führte diese Entwicklung dazu, dass die vielgestaltige Tradition des Hinduismus auf einen verbindlichen Textkanon verpflichtet werden sollte. Ähnlich wie in der europäischen Reformationszeit bedeutete auch in Indien die Einführung der Druckerpresse im 18. Jahrhundert eine weit reichende Demokratisierung und Beschleunigung des Reformprozesses, da religiöse Schriften und Pamphlete nun in den Regionalsprachen Verbreitung finden konnten, statt wie bisher, im elitären Sanskrit verfasst, nur wenigen zugänglich zu sein. Gleichzeitig zeichnete sich eine Orientierung an westlichen ethischen Kategorien ab, die Nächstenliebe und soziale Verantwortung sowie ein vernunftgeleitetes Handeln betonten.

Wie sahen die ersten Reformbewegungen aus?

Im Jahr 1828 gründete der Bengale Ram Mohan Roy (1772–1833) die Reformbewegung des Brahmo Samaj und 1875 rief Dayananda Sarasvati (1824–1883) den Arya Samaj ins Leben. Beide Bewegungen wandten sich mit Bezug auf die Upanischaden und die vedischen Schriften gegen die Auswüchse des Kastenwesens. In diesem Zusammenhang stehen auch die Reformbestrebungen von Mohandas K. Gandhi (1869–1948), der den sozialen und politischen Befreiungskampf Indiens mit den Idealen der »Bhagavadgita« und der Bergpredigt führte. Widerstand formierte sich seit 1900 aus den Reihen der bestehenden religiösen Eliten, die sich in den Sanatana-Dharma-Bewegungen organisierten und einen allzu starken Bruch mit den traditionellen Praktiken ablehnten.

Wer sah den Hinduismus als offene Religion?

Bereits im Arya Samaj wurde die universalreligiöse Öffnung des Hinduismus für alle Menschen ohne Rücksicht auf Kaste und Nationalität verbreitet. Dieses Anliegen trat in den nachfolgenden neovedantischen Bewegungen besonders deutlich hervor, die in der glühenden Gottesliebe des indischen Heiligen Ramakrishna (1834–1886) ihren Ausgangspunkt nahmen. Sein Schüler, Swami Vivekananda (1863–1902), verband die Mystik Ramakrishnas mit dem Vedanta und versuchte, die Lehren anderer Religionen einzubeziehen. Großen Anklang fand im Jahr 1893 seine Rede von der Liebe und Einheit aller Religionen vor dem Weltparlament der Religionen in Chicago. Ergebnis von Vivekanandas Bemühungen war nicht nur die Stiftung der Ramakrishna Mission, sondern auch die zahlreichen Vedanta-Gesellschaften in Europa und den USA.

Welche Gurus missionierten im Westen?

In den USA erregte seit 1966 die von Swami A. C. Bhaktivedanta (1896–1977) initiierte Hare-Krishna-Bewegung das Aufsehen der Öffentlichkeit. Diese Gemeinschaft praktiziert die liebende Hingabe an den Gott Krishna durch das Singen von Mantras in der bengalischen Tradition des Bhakti-Yoga. In den 1970er Jahren begann der Inder Rajneesh Chandra Mohan (1931–1990) – auch bekannt als Bhagwan beziehungsweise Osho – im indischen Poona gefühlsbetonte und moralisch befreiende Meditations- und Therapiepraktiken populär zu machen. Genauso wie in der auch nach Mohans Tod weiterhin aktiven Osho-Bewegung rekrutieren sich die Anhänger des Maharishi Mahesh Yogi (geb. 1917), der ab 1958 seine Bewegung der Transzendentalen Meditation aufbaute, vor allem aus westlichen Kulturen. Mit vermutlich über drei Millionen Anhängern genießt Sai Baba (geb. 1926) unter den gegenwärtigen hinduistischen Lehrern wohl die weltweit größte Popularität. Der umstrittene Guru predigt in seinem Selbstverständnis als Verkörperung Gottes die Ökumene aller Weltreligionen.

Wer verband östliche Weisheit mit westlichem Wissen?

Aurobindo Ghose (1872–1950) und der kaschmirische Pandit (Gelehrte) Gopi Krishna (1903–1984) vollzogen eine Verknüpfung zwischen hinduistischer Spiritualität und wissenschaftlichem Denken. Aurobindo führte westliche Evolutionslehren und östlichen Yoga zum so genannten Integralen Yoga zusammen, der alle Lebensbereiche umfassen soll, und begründete den Ashram (Kloster) im indischen Pondicherry. Währenddessen trat Gopi Krishna für die (natur-)wissenschaftliche Erforschung mystischer Erlebnisse ein und fand hierbei die Unterstützung des Philosophen und Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker (geb. 1912). Sowohl Aurobindo als auch Gopi Krishna setzten ihre Hoffnungen auf eine wechselseitige Ergänzung von »westlicher Wissenschaft und östlicher Weisheit« und formulierten damit treffend das Grundthema des Neohinduismus.

Wussten Sie, dass …

der Neohinduismus bereits im 19. Jahrhundert in den Westen ausstrahlte? 1875 wurde in New York die Theosophische Gesellschaft gegründet, die auch auf esoterische Bewegungen großen Einfluss ausübte.

die Frauenfrage ein zentrales Anliegen des Neohinduismus war? Ein 1872 erlassenes Gesetz führte die Zivilehe ein und erlaubte die Wiederverheiratung von Witwen.

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