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Leihomas (Podcast 209)

„Tausche Rollstuhl gegen Buggy!
alt und jung

Lebenserfahrung und Lebendigkeit

Zwei Mal die Woche holt Monika Wörner (66) ihren zweijährigen Enkel Martin (Name von der Redaktion geändert) im Kindergarten ab. Sie schiebt den Buggy, er sucht den Gehweg nach Schätzen ab. Eilig hat sie es nicht, und sie freut sich mit Martin, wenn er einen Knopf, eine Kupfermünze oder eine achtlos weggeworfene Blüte findet. Sie ist im Ruhestand, der so ruhig gar nicht ist, denn die pensionierte Lehrerin reist gerne, fährt Ski, trifft sich mit Freunden zum Spieleabend und montags geht sie zum Aktzeichnen. Die Nachmittage jedoch verbringt sie am liebsten mit ihrem Enkel, genauer: ihrem Leihenkel. Sie hat zwar eine Tochter, doch die macht im Ausland Karriere, und Nachwuchs ist vorerst nicht in Sicht.

Martin ist das Kind ihrer Nachbarn. Die müssen zwei Mal die Woche länger arbeiten, da springt Monika Wörner ein, holt Martin ab, spielt und isst mit ihm zu Abend. Die Eltern von Martin haben im Gegenzug versprochen, dass sie Monika im Rollstuhl durch die Nachbarschaft schieben werden, wenn die Zeit gekommen ist. Das ist Nachbarschaftshilfe im klassischen Sinn, die selten geworden ist. Und selbst wenn knapp 40 Prozent der bis 16-Jährigen weniger als eine Viertelstunde Fußweg vom nächsten Großelternteil entfernt leben, so die Kinderbetreuungsstudie des Deutschen Jugendinstituts, so ist es doch nicht selbstverständlich, dass man sich regelmäßig sieht, den Alltag teilt und sich gegenseitig bereichert. Die Alternative sind Leihgroßeltern, die man über die unterschiedlichsten Vermittlungsstellen finden kann.

 

Wo man nicht nur Leihomas, sondern auch Leihopas findet

Bundesweit gibt es über 300 Vermittlungsstellen für Leihgroßeltern. In größeren Städten sind es häufig Initiativen, die Leihomas an Familien vermitteln, im ländlichen Bereich engagieren sich viele Gemeinden selbst. Ansprechpartner sind die Jugendämter, der Deutsche Kinderschutzbund, Diakonie und Caritas, die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die Landratsämter sowie die Lokalen Bündnisse für Familie. Auch Universitäten haben die Vorzüge der generationenübergreifenden Tandems entdeckt und vermitteln zwischen engagierten Senioren und Studierenden mit Kind. Davon profitieren nicht nur Familien mit kleinen Kindern, die sich Entlastung im Alltag wünschen, sondern auch die Senioren, die Anteil nehmen können am Leben jüngerer Generationen. Im Idealfall entstehen ganz innige Beziehungen zwischen Leih-Großeltern und ihren Leih-Enkeln. Das Gefühl, gebraucht, respektiert und vielleicht sogar geliebt zu werden, ist unbezahlbar und für viele Grund genug, sich auf das Abenteuer einzulassen. Natürlich gibt es nicht nur Leihomas, sondern auch Leihopas. „Der Leihopa“ war sogar die Hauptfigur der gleichnamigen TV-Serie, die in den 80er Jahren ausgestrahlt wurde. Leihgroßeltern werden auch Paten-Großeltern, Nenn-Omas und -Opas genannt. Bei etwas jüngere Paten spricht man auch von Leih-Tanten und -Onkeln.

 

Wie sich die Richtigen finden

Bei der Auswahl sollten sich alle Beteiligten Zeit lassen, denn bis sich die Richtigen gefunden haben, kann es dauern. Der Prozess verläuft ähnlich wie bei einer Partnervermittlung, wobei die Kinder beim Matching die Hauptrolle spielen. Bevor man sich füreinander entscheidet, sollte man sich unverbindlich kennenlernen, denn abgebrochene Beziehungen und häufige Wechsel der Bezugspersonen sind nicht nur für die Kinder frustrierend. Gemeinsame Interessen sind von Vorteil: Senioren, die am liebsten vorlesen und Filigranes basteln, werden auf Dauer nicht glücklich mit Kindern, die lieber Baumhäuser bauen und durchs Gelände toben wollen.

Entscheidend ist jedoch der Faktor Sympathie. Wenn die Chemie zwischen Kindern und Leihgroßeltern nicht stimmt, nützt alles nichts. Was Eltern sich klar machen sollten: Leihomas sind kein billiger Ersatz für Babysitter, sie stehen nicht auf Abruf zur Verfügung und sind auch keine Dienstleister. Kochen, bügeln und Hausaufgabenbetreuung gehören nicht zu ihren Aufgaben, und nicht jede Leihoma ist begeisterte Adventsbäckerin. Umso ehrlicher sollte man bei den eigenen Vorstellungen sein und im Vorfeld möglichst konkret klären, was man voneinander erwartet und welche Regeln im Umgang miteinander gelten sollen.

 

Die Wünsche der Kinder sollten im Mittelpunkt stehen

Gegenseitige Wertschätzung und Respekt sind in jeder Beziehung von zentraler Bedeutung. Umso wichtiger sind diese Aspekte bei einer Patenschaft. Kinder brauchen verlässliche Beziehungen und zuverlässige Bezugspersonen, deshalb sollte die Patenschaft langfristig angelegt sein und nicht nach Gutdünken der Eltern abgebrochen werden. Falls man das Betreuungsverhältnis dennoch irgendwann einmal beenden möchte, etwa weil man wegzieht oder weil die Kinder ihre Zeit lieber mit Gleichaltrigen verbringen wollen, so sollte dies möglichst nicht abrupt geschehen, sondern allmählich ausklingen. Leihenkel und -großeltern sollten die Möglichkeit haben, Abschied zu nehmen. Auf alle Fälle jedoch sollten Eltern und Leihgroßeltern die Wünsche der Kinder respektieren.

 

Ehrenamt oder Minijob?

Ehrenamtlich tätige Leihgroßeltern, die über die Gemeinde oder eine gemeinnützige Organisation vermittelt werden, sind meist über die gesetzliche Unfallversicherung abgesichert. Zusätzlich sollte jeder Senior eine private Haftpflichtversicherung abschließen. Einzelheiten sind vorab mit dem jeweiligen Träger und der Versicherung zu klären. Die meisten Leihgroßeltern engagieren sich ehrenamtlich und erhalten dafür nur eine kleine Aufwandentschädigung. Außerdem werden in der Regel Fahrtkosten und andere Auslagen erstattet. Möglich ist jedoch auch die Beschäftigung auf Minijob-Basis, solange das monatliche Entgelt 400 Euro (ab Januar 2013: 450 Euro) nicht übersteigt. Die Familie des Leihenkels zahlt dann zusätzlich den gesetzlichen Anteil an die Versicherung. Dafür kann sie zwei Drittel der Ausgaben für die Kinderbetreuung – maximal 4.000 Euro pro Kind – als Sonderausgabe von der Steuer absetzen.

 

Wie wird man Leihoma bzw. Leihopa?

Man braucht nicht unbedingt eine Agentur, um Leihopa oder -oma zu werden, allerdings ist man dann im Zweifelsfall auf sich gestellt. Viele Vermittlungsstellen stehen Interessierten nicht nur bei der Anbahnung zur Seite, sondern bieten auch Fortbildungen zu Themen wie „Mediation“ oder „Erste Hilfe bei Kindern“ an. Außerdem fördern sie die Vernetzung von Leihgroßeltern untereinander. Eigene Enkelkinder sind kein Muss, auch braucht man kein Diplom, um Leihoma oder -opa zu werden. Wobei es durchaus Kurse gibt, deren Absolventen eine Urkunde erhalten, etwa beim Kurs „Starke Großeltern, starke Kinder“ des Deutschen Kinderschutzbunds. Mancherorts ist ein polizeiliches Führungszeugnis erforderlich, auf alle Fälle jedoch müssen Interessierte einen Fragebogen ausfüllen, damit die Vermittler passende Familien finden können.

Die Nachfrage von großelternlosen Familien übersteigt die Zahl der einsatzbereiten Leihgroßeltern bei Weitem. Neugierige, die sich erst einmal ausprobieren wollen in der neuen Rolle, könnten sich zunächst als Lese-Pate engagieren oder junge Auszubildende als Mentoren begleiten. Besonders Abenteuerlustige gehen als Au-pair-Oma oder -Opa ins Ausland und teilen dort den Alltag einer Familie. Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Menschen, denen man begegnet. Und vielleicht entsteht aus der einen oder anderen Patenschaft sogar eine Beziehung fürs Leben. Eine Beziehung, an deren Ende sich die Leihenkel im Idealfall auch um die Leihgroßeltern kümmern, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

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