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LEXIKON

Nationlsozialismus

Wesen und Ziele

Wesen und Ziele des Nationalsozialismus sowie die Mittel und Methoden ihrer Verwirklichung haben im Parteiprogramm von 1920, in Hitlers „Mein Kampf“, in A. Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ und in zahlreichen anderen Parteischriften ihren Niederschlag gefunden. Doch lebte der Nationalsozialismus vor allem aus emotionalen Kräften, nicht aus einem klar durchdachten Programm oder System. Daher auch sein dauernder Appell an Instinkt und Gefühl („Blut und Boden“) und seine betonte Verachtung des Intellekts und der Intellektuellen. Höchstwerte des Nationalsozialismus waren Volk und Rasse, vorwiegend das eigene Volk „arischer“ Abstammung. Alle „nicht arischen“, besonders jüdischen Bestandteile wurden grundsätzlich und mit erbarmungsloser Konsequenz durch Massenmord „ausgemerzt“ (Juden); „rassisch Minderwertige“ wurden durch Unfruchtbarmachung ausgeschaltet und planmäßig ermordet (Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses; Euthanasie). Die „Volksgesundheit“ sollte durch eugenische, hygienische und soziale Maßnahmen geschützt und gesichert werden („Hilfswerk Mutter und Kind“, Kinderlandverschickung, Ehestandsdarlehen u. a.). Der „Volksgemeinschaft“ wurde alles andere nach- und untergeordnet („Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, „Recht ist, was dem Volke nützt“); „Staatsfeinde“ wurden daher ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz verfolgt. Alle anderen Parteien und die Gewerkschaften wurden verboten und unterdrückt. Die Rechtsordnung wurde durch die Ausrichtung der Justiz auf den unbeschränkt Rechtsnormen setzenden Führerwillen zum Unrechtssystem. Auch im außenpolitischen Handeln heiligte der Zweck die Mittel. Die Repräsentation des „gesunden Volksempfindens“ war die NSDAP und in ihr letztlich die Parteiführung, schließlich der „Führer“ selbst, dessen Entscheidungen als unfehlbar und unanfechtbar durchgeführt wurden. Der Staat war somit nur Organ des in der NSDAP verkörperten angeblichen „Volkswillens“ („Die Partei befiehlt dem Staat“). Er und seine Einrichtungen wurden daher nach der Machtergreifung „gleichgeschaltet“, häufig ausgeschaltet. Im Interesse einer möglichst straffen Konzentration und Steigerung der so gelenkten staatlichen Macht wurde das Reich als zentralistischer Einheitsstaat durchorganisiert, wobei alle eigenständigen Organisationen fielen (Beseitigung der Länderparlamente, der Selbstverwaltung der Gemeinden). Die NSDAP durchdrang aber nicht nur den Staatsapparat, sondern alle Gebiete des öffentlichen, wirtschaftlichen, geistigen und privaten Lebens durch ein System von oben gesteuerter Organisationen (NS-Frauenschaft, NS-Dozentenbund u. Ä.). Ihr besonderes Augenmerk widmete die NSDAP der Gewinnung der Jugend, die in der Hitler-Jugend (Abkürzung HJ, mit dem Bund Deutscher Mädel, Abkürzung BDM) zusammengefasst und geschult wurde. Sie war die einzige staatlich anerkannte Jugendorganisation. Der Anspruch der NSDAP war totalitär bis zur letzten Konsequenz. Sie bekämpfte daher alle individualistischen und liberalen Bestrebungen. An die Stelle der Meinungsbildung durch öffentliche Diskussion trat die Meinungsformung durch einen gewaltigen Propagandaapparat. Die Pressefreiheit wurde völlig unterdrückt, oppositionelle Zeitungen verboten oder gleichgeschaltet, das gesamte Pressewesen vom Reichspropagandaministerium (Reichspressekammer; Schriftleitergesetz) uniformiert. Auch wissenschaftliche Lehre und Forschung wurden kontrolliert.
Auschwitz: Gefangene
Auschwitz: Gefangene
Kinder hinter Stacheldraht im NS-Konzentrationslager Auschwitz (Polen). Während der NS-Diktatur starben hier mehr als eine Million Menschen.
Der Nationalsozialismus geriet auf diese Weise in notwendigen Konflikt mit allen Strömungen, die sich seinem geistigen Herrschaftsanspruch nicht unterwarfen, so besonders mit den Kirchen aller Konfessionen, zumal er auf alle christlichen und humanitären Ordnungsprinzipien glaubte verzichten zu können. Sie sollten durch das Ethos der „Volksgemeinschaft“ ersetzt werden, und von hier aus sollten alle konfessionellen und sozialen Gegensätze beseitigt, besonders auch die Lehre vom Klassenkampf überwunden werden. Das soziale Gefüge des nationalsozialistischen Staates war daher nicht klassenmäßig, sondern stark ständisch bestimmt (Arbeitsfront, Reichsnährstand, berufsständische Kammern u. a.), ohne dass aber diesen Organen ein echtes korporatives Dasein eingeräumt wurde. Die Wirtschaft wurde mehr und mehr in den Dienst der Wiederaufrüstung und der kriegswirtschaftlichen Maßnahmen gestellt und durch planwirtschaftliche Regelung (Vierjahresplan), Devisenkontrolle, Ein- und Ausfuhrsteuern u. Ä. gelenkt. Das freie Spiel der gesellschaftlichen Kräfte innerhalb der Wirtschaft wurde durch die autoritäre Organisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) unterbunden, so dass 19331945 jede nennenswerte Lohnsteigerung unterblieb. Erholung und zugleich politische Ablenkung der Arbeiter übernahm die Organisation Kraft durch Freude (KdF). Den Zwecken der staatlichen Wirtschaftspolitik und zugleich auch der Wiederaufrüstung diente besonders auch der Reichsarbeitsdienst (RAD), der nach und nach zu einer paramilitärischen Organisation wurde. Seine Einrichtung war der Auftakt zur Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht, in der der Nationalsozialismus von Anfang an eines seiner Hauptziele gesehen hatte. Auch die Wehrmacht geriet mehr und mehr in den Sog des Nationalsozialismus; sie wurde trotz innerer Widerstände, besonders mit ihrem schnell fortschreitenden Ausbau, geistig und personell immer mehr vom Nationalsozialismus durchsetzt und ihm seit den Ereignissen vom 30. Juni 1934 (dem sog. „Röhm-Putsch“), vom Februar 1938 (Entlassung von Generaloberst W. von Fritsch) und vom 20. Juli 1944 (Attentat auf Hitler) vollständig unterworfen.
Der Aufrichtung und Erhaltung dieses Systems im Innern diente die völlige Durchdringung des Staatsapparats mit unbedingt zuverlässigen Parteibeamten, mit denen auch sonst alle Kommandostellen im geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Leben besetzt wurden. Beherrschender und bezeichnender Faktor des nationalsozialistischen Staates wurden immer mehr die SS und die von ihr durchsetzten und beherrschten Organe (Sicherheitsdienst [SD] und Gestapo), vor deren Zugriff und Spitzelsystem schließlich niemand mehr sicher war und die durch willkürliche Verhaftungen und jede Art von Terror bei Untersuchungen und Vernehmungen einen lähmenden Schrecken verbreiteten. Solange die vom Nationalsozialismus hoch gepeitschten und straff organisierten Energien der Nation zur Erreichung von Forderungen eingesetzt wurden, die dem Wunsch und Wahn großer Teile des Volkes entsprachen, erreichte er außenpolitisch eine Reihe von Erfolgen, die manche Zweifel erstickten und ihm neue Anhänger gewannen, zumal auch innenpolitisch mit der Beseitigung der Arbeitslosigkeit eine Leistung erzielt wurde, die viele beeindruckte, und die Gräuel der Konzentrationslager und andere Ausschreitungen infolge der scharfen Kontrolle von Rundfunk und Presse nicht in vollem Umfang an die Öffentlichkeit drangen. Doch verstärkten gerade diese Erfolge die Maßlosigkeiten und die Selbstüberschätzung des Nationalsozialismus. Sie bestärkten ihn in seiner ursprünglich angelegten Verachtung von rechtsstaatlichen und völkerrechtlichen Normen. Mit der Besetzung der Tschechoslowakei im Frühjahr 1939 wurde der Weg einer imperialistischen Expansionspolitik beschritten, der schließlich 1945 zum Zusammenbruch Deutschlands führte.
Gegen das Fortleben oder Wiederaufleben der Ideologien und Organisationen des Nationalsozialismus wurden seitens der Siegermächte und im GG der Bundesrepublik Deutschland viele Vorbeugungsmaßnahmen getroffen, und die Verbreitung nationalsozialistischer Ideen und die Wiederaufrichtung von der NSDAP ähnlichen Organisationen sind unter Strafe gestellt. Die überlebenden Führer des nationalsozialistischen Systems wurden in den Nürnberger Prozessen zum Tod oder zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt, ein Teil seiner Anhänger durch die Entnazifizierung aus Ämtern und Stellungen entfernt und wirtschaftlich entmachtet. Neonazistische Bestrebungen fanden in der Bundesrepublik Deutschland trotzdem, obwohl auch zahlreiche KZ-Prozesse das ungeheure Ausmaß der Schuld des Nationalsozialismus vor allem an den Juden deutlich gemacht hatten, in einer Reihe, meist allerdings kleiner Parteien der Nachkriegszeit wieder einen Boden (Neofaschismus, Neonazismus).
  1. Einleitung
  2. Allgemeine Voraussetzungen
  3. Parteipolitische Entwicklung
  4. Wesen und Ziele
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Rassismus - Gefahr für die Gesellschaft

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