Total votes: 51
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
wissen.de Artikel

Self-Tracking

Self-Tracking: Wer bin ich eigentlich?

Immer öfter beobachtet man Menschen dabei, wie sie ihr Leben festhalten - aber nicht in Tagebüchern. Statt dessen messen sie Körperdaten und Alltagsverhalten über spezielle Self-Tracking Programme. Sie halten fest, wie viel sie gegessen haben, wie viele Kilometer sie gelaufen sind oder wie ihre Laune war. Technische Hilfsmittel sind Smartphones oder spezielle Sensoren, die Schlafrhythmus, Hirnströme oder Blutzucker messen. Die Ergebnisse teilen sie mit Freunden über soziale Netzwerke oder über Twitter. Quantified Self heißt diese noch sehr junge Bewegung aus den USA.

Was ist Self-Tracking?
Beim Self-Tracking geht es um das Vermessen des Alltags.

Jeder Mensch produziert täglich Unmengen an messbaren Informationen: Wie hoch sind Pulsschlag, Blutdruck und Blutzuckerwerte? Wie viele Kilometer bin ich gejoggt? Was habe ich gegessen? Wie viele Zigaretten habe ich geraucht? Wie war meine Laune? Der eigene Körper wird für Self-Tracker zur Datenquelle. Sie erheben ihre Werte in regelmäßigen Abständen, sammeln sie, werten sie aus und teilen die Ergebnisse in sozialen Netzwerken. Dabei helfen intelligente Mobiltelefone (Smartphones), eine Vielzahl von Apps und kleine technische Apparate (Gadgets). Mit ihren immensen Datenspeichern können die Hilfsmittel das ganze Leben erfassen. Das Motto der Selbstvermesser lautet „self knowledge through numbers“, also Selbsterkenntnis durch Zahlen. Der amerikanische Journalist Gary Wolf hat die Bewegung „The Quantified Self“ (Das gemessene Selbst) zusammen mit seinem Kollegen Kevin Kelly im Jahr 2007 ins Leben gerufen. Seitdem findet sie weltweit immer mehr Anhänger. Meist sind es junge, gesunde, technik-affine Männer, die sich für die Messungen begeistern.

 

Welche Ziele verfolgen die Self-Tracker?

Die Auswertung der Daten ermöglicht es, Gewohnheiten oder bisher unbeachtete Zusammenhänge zu erkennen. Die Ergebnisse können beispielsweise Auskunft geben über schlechte Angewohnheiten oder ungesunde Ernährungsweisen. Hintergrund ist, dass Menschen sich nur schwer selbst einschätzen können, Werte wie die Höhe des Cholesterinspiegels oder Hirnströme sind ohne spezielle Messungen gar nicht zu erfassen. Die Analyse der Self-Tracker soll eine Antwort auf die Frage „Wer bin ich eigentlich?“ geben. Ein Anspruch der Selbstvermesser ist Selbstoptimierung: Wer sein Verhalten kennt, kann es ändern und sich zu dem Menschen entwickeln, der er sein möchte. Ziele der Quantified-Self-Anhänger sind beispielsweise: Gewicht abzunehmen, einen Marathon zu laufen, weniger zu rauchen oder Stress zu reduzieren. Dahinter steht der Wunsch, die eigene Leistungsfähigkeit zu verbessern gesund zu Leben, fit und leistungsfähig zu sein.

 

Welche technischen Hilfsmittel gibt es?

Es gibt eine Reihe von technischen Spielereien, die dabei helfen sollen, die Körperdaten zu erheben und auszuwerten. Über spezielle Lauf-Apps kann man beispielsweise die tägliche Joggingrunde messen. Die Programme berechnen auch die Durchschnittsgeschwindigkeit oder den Kalorienverbrauch. Mit Apps und speziellen Messgeräten kann man seinen Schlaf überwachen und erhält detaillierte Angaben über Tiefschlaf- und Wachphasen. Es gibt Körperwaagen, die sich über WLAN mit dem Internet verbinden und die Körperfettwerte übermitteln. Kleine kabellose Geräte oder spezielle Armbänder können jeden Schritt und jede erklommene Treppenstufe aufzeichnen. Über Stimmungsbarometer wird die Tageslaune festgehalten. Selbst Geräte, die die Hirnströme messen, sind mittlerweile für den Hausgebrauch zu haben. Anwendung wie Forsquare ermöglichen es, die eigenen Bewegungsmuster aufzuzeichnen. In Sachen Ernährung kann man sich ebenfalls über das Mobiltelefon Hilfe holen: Das Essen wird abfotografiert und über eine App hochgeladen. Andere Nutzer können dann bewerten, wie gesund das Essen war. Wem das noch nicht ausreicht, der kann auch für wenige hundert Euro bei einem Onlinedienst seine Gene analysieren lassen. Ein bisschen Spucke sei alles, was man braucht. Die Messergebnisse werden meist in sozialen Netzwerken geteilt und verglichen.

 

Freiheit oder Überwachung?

Während die Anhänger der Bewegung die Freiheit schätzen, sich selbst zu analysieren, warnen Kritiker vor permanenter Überwachung. Datenschützer geben zu bedenken, dass die erhobenen Daten sensible Informationen enthalten und sie nicht genügend geschützt würden. Wenn die Ergebnisse beispielsweise in sozialen Netzwerken geteilt werden, erhalten die Anbieter der Plattform häufig Nutzungsrechte an den Daten. Diese Informationen interessieren vor allem Pharmafirmen, Krankenkassen oder Marketingchefs.

Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht könnten mit stetiger Selbstvermessung bekämpft werden, glauben die Anhänger von Quantified-Self. Außerdem könne das Gesundheitswesen demokratischer gestalten werden, wenn die Informations- und Deutungshoheit nicht mehr nur bei den Ärzten liegen. Jeder Einzelne kann mit den Messungen etwas über seinen Gesundheitszustand erfahren und damit auch ärztliche Diagnosen unterstützen. Kritiker bemängeln dagegen das blinde Vertrauen in die Zahlenkolonnen und statistischen Auswertungen und geben zu bedenken, dass meist viele verschiedene Faktoren bei einer Krankheit zusammenfließen, auch solche, die bei den Analysen nicht erfasst werden. 

Julia Räsch
Total votes: 51
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.