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Religionen und Mythen in früher Zeit – die Erfindung der Götter

Fragen nach dem Sinn des Daseins, dem Leben nach dem Tod oder dem Wirken von Mächten, die sich dem Verstand nicht erschließen, waren immer untrennbar mit der menschlichen Existenz verbunden. Beantwortet werden sie von Religion und Mythos. So führen die ersten Zeugnisse von Religiosität und Mythenbildung zurück in die Altsteinzeit.

Doch liegen für die geistige Welt der Alt- und Jungsteinzeit nur indirekte und oft auch mehrdeutige archäologische Hinweise vor. Das ändert sich mit den ersten schriftlichen Überlieferungen, die uns die Kulte, Götter und Mythen der ältesten Hochkulturen von Mesopotamien und Ägypten offenbaren. Sie beeinflussten auch die Entwicklung der griechischen Religion und behielten so ihre Ausstrahlungskraft bis in die hellenistisch-römische Zeit, in der Mysterienkulte ägyptisch-orientalischer Herkunft noch einmal eine Blüte erlebten.

Die Religion und die Mythen der antiken Griechen mit ihrem eindrucksvollen Götterhimmel beruhten auf einer Synthese aus indoeuropäischen, altmediterranen und vorderasiatischen Elementen. Die Römer übernahmen die griechische Mythologie in vielen Aspekten fast unverändert, so war etwa ihre Götterwelt praktisch identisch mit der griechischen. Dennoch hatte die römische Religion Eigenheiten, die auf altitalische und etruskische Auffassungen zurückzuführen sind.

Während die antiken Religionen des Mittelmeerraumes, Chinas und Indiens recht gut erforscht sind, stehen über die religiösen Vorstellungen im vor- und frühgeschichtlichen Europa nur wenig konkrete Hinweise zur Verfügung. Was über Kelten, Germanen und Slawen bekannt ist, beruht auf archäologischen Funden, schriftlichen Zeugnissen ihrer Nachbarn oder mündlichen Überlieferungen, die erst später schriftlich festgehalten wurden. Ähnlich verhält es sich mit den altamerikanischen Kulturen, deren Hinterlassenschaft durch die europäische Eroberung größtenteils zerstört wurde.

Altsteinzeitliche Religion: Bestattungskulte und Jenseitsglaube

Wann entwickelten sich erste religiöse Vorstellungen?

Das lässt sich nicht ganz genau datieren. Die mit Phantasie und Intelligenz ausgestatteten Menschen der Altsteinzeit entwickelten mit hoher Wahrscheinlichkeit schon früh eine religiöse Gedankenwelt, deren Inhalte uns jedoch verborgen bleiben. Für eine Religion des Homo erectus und des Homo präsapiens gibt es bislang keine eindeutigen Beweise, doch schon beim Neandertaler mehren sich die Anzeichen hierfür. Spätestens aus der Mittleren Altsteinzeit datieren Funde, die so etwas wie ein religiöses Weltbild des Menschen erahnen lassen, obwohl der religiöse Charakter dieser Funde noch von manchen Wissenschaftlern stark angezweifelt wird.

Worin bestand ein solch früher »Glaube«?

In der Hauptsache ging es um Vorstellungen vom Weiterleben nach dem Tod. Die Gräber dieser Zeit lassen erkennen, dass es wahrscheinlich bereits früh eine intensive Beschäftigung mit dieser Thematik gab.

Der Brauch, die Toten zu bestatten, ihnen Beigaben in Form von Werkzeugen und Fleischstücken mitzugeben und gelegentlich die Gräber mit rötlichem Ocker (einem Symbol für Blut und damit für Lebenskraft) auszumalen oder Stücke von Ocker beizulegen, macht deutlich, dass der Tod nicht als etwas Endgültiges aufgefasst wurde. Verstärkt wurde diese Vorstellung möglicherweise durch Träume, in denen verstorbene Angehörige erschienen. In diesen Rahmen gehören auch gesonderte Bestattungen von Schädeln, die von Menschen oder auch Tieren – meist von Höhlenbären – stammten. Die Deutung dieser Vorgehensweisen als Ausdruck eines »Kultes« ist allerdings sehr umstritten.

Welche Rolle spielte die Jagd bei solchen Riten?

Eine sehr große. Mit Beginn der Jüngeren Altsteinzeit wird unser Bild der vorgeschichtlichen Kulte etwas klarer, da aus dieser Zeit wesentlich mehr Funde vorliegen, deren religiöser Charakter eindeutiger ist. In erster Linie handelt es sich hierbei um so genannte Opferfunde. Es sind dies bewusste Niederlegungen meist der besten Stücke des Jagdwildes oder ganzer Tiere, die auch mit Steinen beschwert in Gewässern versenkt wurden. Die besondere Anordnung mancher dieser Tiere auf einer Unterlage von roter Erde sowie das Beigeben von Steinwerkzeugen und Elfenbeinperlen lassen auf eine kultische Bestattung des Tieres schließen.

Eine gedankliche Nähe zum »Bärenzeremoniell« nordasiatischer Jägervölker, durch das der Geist des getöteten Tieres versöhnt werden soll, lässt sich dabei nicht völlig ausschließen. Diese, wie auch andere religiöse Äußerungen, gehören in den Bereich der »Jagdmagie«. Da die Menschen der Altsteinzeit zur Deckung ihres Lebensunterhaltes hauptsächlich von der Jagd abhängig waren, lebten sie in enger Symbiose mit der Tierwelt.

Daher ist es nicht erstaunlich, dass auch die zahlreichen Malereien in den Höhlen zu einem großen Teil Tiere darstellen. Die Tatsache, dass sich alle diese Malereien tief im Inneren oft weit verzweigter Höhlensysteme und somit weit entfernt vom Wohnbereich befinden, verweist auf ihren kultischen Gehalt. Man nimmt an, dass diese Abbildungen der Abhaltung von Jagdzeremonien dienten, die das Wild vor die Waffen der Jäger zwingen sollten. Aber auch die Verbindung mit Initiationsriten, bei denen Heranwachsende in die Erwachsenengesellschaft aufgenommen wurden, scheint in diesem Zusammenhang nicht ausgeschlossen.

Gab es damals schon so etwas wie Priester?

Ja. Bereits in dieser frühen Zeit scheint die Durchführung von religiösen Zeremonien zumindest teilweise »Spezialisten« vorbehalten gewesen zu sein. Die Darstellung von Schamanen oder Zauberern, die mit tierischen Attributen (Geweih oder Tierfell) ausgestattet sind, legen die Vermutung nahe, dass die Ursprünge des Schamanismus in den vorgeschichtlichen Jägerkulturen liegen. Diese »Vermittler« zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Menschen und überirdischen Mächten, lassen den Schluss zu, dass bereits in der Altsteinzeit Schöpfungsmythen existierten, die den Ursprung des Menschen, der Welt und der Götter zum Thema hatten.

In diesen Zusammenhang gehören auch Skulpturen von Mischwesen – halb Mensch, halb Tier –, die den fließenden Übergang zwischen Mensch und Tier im altsteinzeitlichen Weltbild deutlich machen. Von da war es nur ein kleiner Schritt zum Auftreten der ersten Venusstatuetten, wo zum ersten Mal der Aspekt der Fruchtbarkeit zum Ausdruck gebracht wird. Die Fülle der weiblichen Form symbolisierte Reichtum an Kindern und Nahrung in einer Zeit, in der selten Überfluss herrschte.

Wussten Sie, dass …

die Steinzeit die längste Epoche der Menschheitsgeschichte war? Sie begann mit dem Auftreten der ersten Menschen vor etwa zwei Millionen Jahren und endete um 7000 bis 2000 v.Chr.

die Steinzeit nicht nur durch den Gebrauch von steineren Werkzeugen definiert ist, sondern der Mensch in dieser Epoche auch lernte, das Feuer zu nutzen?

die Altsteinzeit (Paläolithikum) vor 130000 bis 120000 Jahren durch die Mittelsteinzeit (Mesolithikum) abgelöst wurde? Entscheidender Fortschritt war, dass der bis dahin benutzte Faustkeil asymmetrisch zu einer Art Messer verformt wurde, das man besser handhaben konnte.

Wie lassen sich frühe Glaubensformen nachweisen?

Nur sehr schwer. Bei der Bestimmung religiöser Vorstellungen der Altsteinzeit sind wir ausschließlich auf die Archäologie angewiesen. Schriftliche Belege gibt es natürlich noch keine. Funde mit einem eindeutig religiösen Bezug sind selten und ihre Deutung erweist sich oft als sehr komplex.

Mutter- und Fruchtbarkeitsgottheiten: Leben spendende Natur

Ab wann spielen Fruchtbarkeitsriten in der menschlichen Geschichte eine Rolle?

Von frühester Zeit an waren Fortpflanzung und Fruchtbarkeit zentrale Themen des menschlichen Lebens. Schon für die Jäger- und Sammlervölker der Altsteinzeit spielte der Begriff der Fruchtbarkeit eine große Rolle. Er bezog sich hauptsächlich auf die in der jeweiligen Gruppe lebenden Frauen, von deren Fruchtbarkeit das Überleben des Stammes abhing. Diese Wertschätzung drückt sich in den Darstellungen besonders üppiger Frauen schon in der Kunst der jüngeren Altsteinzeit aus. Ob es sich hierbei allerdings um Gottheiten handelte oder ob sich an diese Figuren eine Art Fruchtbarkeitsritus knüpfte, ist leider unbekannt.

Mit dem Übergang der menschlichen Wirtschaftsweise von der Jagd und dem Sammeln hin zu Ackerbau und Viehzucht wurden die für das Überleben notwendigen Vorstellungen von Fruchtbarkeit dann auf den Pflanzenanbau und die Tierzucht übertragen. Die damit verbundene Symbolik wurde zu einem wichtigen Merkmal jungsteinzeitlicher Religionen.

Wie wurde die Fruchtbarkeit dargestellt?

Zunächst durch weibliche Körper. Die bildliche Darstellung abstrakter Begriffe wie »Fruchtbarkeit« ist nicht einfach, und so setzte man Fruchtbarkeit mit dem Körper der Frau gleich, der auf diese Weise mit einem großen Symbolgehalt versehen wurde. Vor allem in den jungsteinzeitlichen Kulturen Südosteuropas und des mediterranen-vorderasiatischen Raumes entstanden zahlreiche Tonskulpturen von Frauen mit ausgeprägten Geschlechtsmerkmalen.

Von da war es nur ein kleiner Schritt zur »Vergöttlichung« der Fruchtbarkeit. Sie manifestiert sich in der Gestalt der »Großen Göttin«, die mit der »Mutter Erde« identifiziert wird. Aus ihr sprießen die Pflanzen, die für das Leben der menschlichen Gemeinschaft von größter Wichtigkeit sind.

Gab es auch männliche Fruchtbarkeitssymbole?

Ja. Das männliche Prinzip, das sich um die Befruchtung dreht, war bildlich aber noch schwieriger darzustellen. Im Bereich der oben genannten Kulturen symbolisieren daher Widder und Stier – oft nur symbolisch durch die Hörner dargestellt – das männliche Prinzip.

Der Stier symbolisierte in den Kulturen Vorderasiens und des östlichen Mittelmeerraumes seit der Jungsteinzeit das männliche Pendant zur »Großen Göttin«. Sein enger Bezug zum Himmel und zum Leben spendenden Regen wird auch durch seine Darstellung als Symboltier des Wettergottes deutlich. Gelegentlich wurden männliche Fruchtbarkeitsgottheiten auch durch ein Phallussymbol (der Linga in Indien) oder, wie der Gott Min in Ägypten, mit einem erigiertem Penis dargestellt. Der Regen befruchtet die Erde, und dies ist die symbolische Vereinigung des Himmels (in der Form des Regens) mit der Mutter Erde, die als eine Art heilige Hochzeit aufgefasst wird. Später spiegelte sich diese Vorstellung in den Kulten Vorderasiens wider, in denen der König die heilige Hochzeit mit einer Priesterin symbolisch im Tempel vollzog.

Aufgrund dieser Beobachtungen ist es abwegig, von einem jungsteinzeitlichen Matriarchat zu sprechen, wie es einige Forscher tun, da im Zusammenhang mit der Fruchtbarkeit dem männlichen Prinzip, wenn es bildlich auch nur in Chiffren dargestellt wurde, mindestens eine ebenso große Bedeutung zukam wie dem weiblichen.

Gab es in der Frühzeit schon einen Totenkult?

Ja. Ein weiterer Aspekt von Fruchtbarkeitskulten zeigt sich in den Mythen, in denen eine Gottheit stirbt, nach dem Tod aber in periodischen Abständen wieder auf der Erde erscheint. Hier wird das Aufwachsen, Leben und Sterben der Pflanzen mit dem Leben und Sterben des Menschen in Verbindung gebracht und gleichzeitig der Hoffnung auf Wiedergeburt Ausdruck verliehen.

Somit wird ein zyklischer Zeitbegriff – Geburt, Leben, Tod, Wiedergeburt – geprägt, in dem übergeordnete kosmische Vorgänge (z. B. der Jahreslauf) mit dem menschlichen Leben in Verbindung gebracht werden.

Fruchtbarkeitsriten und -mythen spielen bei allen Bauern- und Pflanzervölkern eine große Rolle. Auch in den Hochkulturen stehen zahlreiche Riten (Sä-, Pflug- und Ernteriten), die oft vom König durchgeführt wurden, im Zusammenhang mit alten Fruchtbarkeitskulten, wie zum Beispiel der oben erwähnten heiligen Hochzeit.

Wussten Sie, dass …

man den Übergang von der mittleren Steinzeit in die Jungsteinzeit (Neolithikum) vor etwa 40 000 Jahren als »neolithische Revolution« bezeichnet? Mit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht machte die Menschheit einen entscheidenden Schritt nach vorn.

Gehörten auch Opferriten zum Fruchtbarkeitskult?

Allerdings. Zahlreiche Mythen von Pflanzervölkern erzählten vom Ursprung des Getreide- oder Knollenanbaus. Danach waren die Pflanzen göttlichen Ursprungs und wuchsen erstmals aus dem Leib eines getöteten Gottes oder Halbgottes. Andere Versionen berichteten vom Diebstahl der Pflanzensamen aus der göttlichen Sphäre durch einen Kulturheros.

Besonders der erste Fall stand in engem Zusammenhang mit dem Menschenopfer, das zwar von vielen Völkern aus den unterschiedlichsten Gründen praktiziert wurde, aber doch auch eine Art Nachvollziehen dieses »Urmords« sein kann. Das dabei vergossene Blut eines Menschen ist Symbol seiner Lebenskraft, die wie der Regen auf den Boden fällt, um dessen Fruchtbarkeit zu gewährleisten.

Schamanen und Medizinmänner: Mittler zwischen den Welten

Wo gibt es Schamanen?

Das Ursprungsgebiet des Schamanismus ist Nord- und Zentralasien. Das Phänomen des Schamanismus ist jedoch nicht auf diese Gebiete begrenzt. Man findet es vielmehr auch in Südostasien, Australien, Ozeanien sowie Nord- und Südamerika. Auch die Religionen der Germanen, Skythen, Alt-Irans, Indiens, Chinas und Japans weisen zahlreiche Phänomene auf, die zumindest in enger Beziehung zum Schamanismus stehen. Obwohl es auch in Afrika Medizinmänner, Heiler und andere Personen gibt, die in Trancezuständen agieren, gehen die Meinungen darüber auseinander, ob es sich hierbei ebenfalls um echten Schamanismus mit den im Folgenden genannten Eigenschaften handelt.

Was ist Schamanismus?

Schamanismus ist nicht, wie vielfach angenommen, eine »Religion«, sondern ist Teil vielgestaltiger religiöser Systeme. Der Schamane nimmt darin unter anderem den Rang eines Heilers, Priesters, Wahrsagers und Seelenbegleiters der Toten ein. Dieser Teilbereich von Religionen ist besonders eng mit den Religionen Sibiriens, Zentralasiens, Koreas und Tibets verbunden.

Der Schamane kann männlichen oder weiblichen Geschlechts sein. Sein wichtigstes Merkmal ist die Fähigkeit, einen ekstatischen Zustand zu erreichen, den er durch Gesänge, Tanz und Schlagen einer Trommel und in manchen Fällen auch durch die Einnahme von Drogen herbeiführt. In diesem tranceartigen Zustand verlässt die Seele des Schamanen zeitweilig den Körper und tritt eine mystische Reise in den Himmel – den so genannten Himmelsflug – oder in die Unterwelt an. Auf diesen Reisen bekommt sie von Geistern und Dämonen Hinweise auf Ursachen von Erkrankungen oder Todesfällen im Stamm und erhält Informationen über die Zukunft. Menschen, die zu solch ekstatischen Zuständen fähig sind, sind oft hochsensibel.

Wie wird man Schamane?

Die Berufung zum Schamanen wird in den meisten Fällen durch ein Berufungserlebnis erlangt, bei dem Träume und Visionen den Auserwählten heimsuchen. Dies geschieht meist gegen den Willen des Betroffenen, doch kann er sich gegen seine Bestimmung nicht zur Wehr setzen. Darauf folgt die Ausbildung durch einen erfahrenen Schamanen, der Unterweisungen für den richtigen Umgang mit Göttern und Geistern gibt, in die religiösen Überlieferungen einführt und die bewusst geplante Versetzung in Ekstase lehren kann.

Das wichtigste Ereignis ist die Initiation des künftigen Schamanen. Hierbei zieht er sich für einen längeren Zeitraum in absolute Einsamkeit zurück. Dies ist eine Zeit der Prüfungen, in der der Initiand von körperlichen Leiden und Krankheiten heimgesucht wird. Zudem plagen ihn Visionen, in denen er von furchtbaren Dämonen zerstückelt, gekocht und wieder zusammengesetzt wird, was die Änderung seiner Lebenssituation, seine Neugeburt, drastisch veranschaulicht. Bei diesen mystischen Reisen unterstützen den künftigen Schamanen meist tiergestaltige Hilfsgeister, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten werden.

Die Kleidung des Schamanen, die er bei seinen zukünftigen Séancen tragen wird, steckt voller Symbolik und gibt die erwähnten Geschehnisse in zeichenhafter Form wieder. Dabei handelt es sich um an der Kleidung angebrachte Tierfedern, Geweihe, aufgestickte Skelette, Eisengegenstände, die Trommel und vieles mehr, das auf die Art der Tiergeister und die übernatürlichen Kräfte des Schamanen hinweist.

Wo gibt es Medizinmänner?

Obwohl sich der Begriff des Medizinmanns eigentlich auf die Kultur der nordamerikanischen Indianer beschränkt, so gibt es doch weltweit in verschiedenen anderen Kulturen Personen, die eine vergleichbare Tätigkeit ausüben. Der Beruf des Medizinmannes, der ebenso von Frauen ausgeübt werden kann, ist dem des Schamanen nahe verwandt und oft handelt es sich hierbei um ein und dieselbe Person. Allerdings gibt es auch Medizinmänner, die nicht über schamanistische Fähigkeiten verfügen, und nicht jeder Zauberer oder Magier darf als Schamane bezeichnet werden.

Welche Aufgaben hat ein Medizinmann?

Die Fähigkeiten des Medizinmannes sind fast ausschließlich auf die Heilung kranker Personen ausgerichtet. Dies geschieht durch Kräuter, Heilpflanzen, Beschwörungen, Maskentänze und gelegentlich chirurgische Eingriffe. In Nordamerika gab es in den Indianerkulturen sogar richtige Gesellschaften von Medizinmännern, die gut organisiert und hierarchisch strukturiert waren. Diese Vereinigungen hatten bisweilen einen großen Einfluss, der sich in einigen Fällen sogar auf die Stammesführung ausdehnen konnte.

Welche Funktion hat die Figur des »Trickster«?

In zahlreichen Mythen der ganzen Welt tritt eine Figur auf, die man gemeinhin als »Trickster«, also als Schelm oder Betrüger, bezeichnet. Er tritt oft als gewitzter und allerlei Schabernack treibender Gegenspieler großer Gottheiten auf. Durch seine Taten gelangen das Übel und die Unvollkommenheit in die eigentlich vollkommene Welt. So werden die bis dahin reibungslosen Beziehungen zwischen Göttern und Menschen zerstört.

Wussten Sie, dass …

sich der Begriff »Schamane« wahrscheinlich von dem tungusischen Wort »shaman« ableitet? Dessen Bedeutung ist allerdings nicht genau geklärt. Möglicherweise hängt es mit den Ausdrücken für »Wissen« oder »der außer Fassung ist« zusammen. Die tungusische Sprachfamilie ist in Nordchina, Ostsibirien und Teilen der Mongolei beheimatet.

Die Religionen der Megalithkulturen: Kultorte aus Riesensteinen

Wo entwickelten sich Megalithkulturen?

In Europa reichte das Verbreitungsgebiet von Malta über die Iberische Halbinsel, Westfrankreich und die Britischen Inseln bis nach Südschweden. Die Megalithkulturen sind, wie der Name schon sagt, gekennzeichnet durch Großsteinbauten. Diese Großsteinbauten umfassen einzeln stehende Menhire (bretonisch »langer Stein«), Steingräber oder – »Tische« (bretonisch »Dolmen«) und Gruppen von Menhiren (bretonisch »Cromlech«), wie zum Beispiel die in Stonehenge oder Carnac. Ebenfalls zu diesem Kulturkomplex gehören die gewaltigen Steintempel und unterirdischen Grabanlagen auf Malta. Die weite Verbreitung und relativ einheitliche Erscheinungsform der Megalithen ist eng verflochten mit der jungsteinzeitlichen Wirtschaftsform und dem aufkommenden kupferzeitlichen Metallhandel.

Gab es eine einheitliche »Megalithreligion«?

Die Vermutung liegt nahe, dass sich hinter den sich gleichenden baulichen Hinterlassenschaften auch miteinander verwandte religiöse Vorstellungen verbergen. Die Zeitspanne, in der sich die Ausbreitung der Megalithkulturen vollzog, umfasst ungefähr den Zeitraum von 5000 bis 2000 v. Chr. Die mit der Errichtung dieser Steindenkmäler verbundenen religiösen Vorstellungen haben sich in ihren Grundzügen sicher geähnelt, doch wird es bei diesem mehr als 3000 Jahre dauernden Phänomen bedeutende Unterschiede in den lokalen Ausprägungen gegeben haben. Überdies erfolgte die Verbreitung der religiösen Vorstellungen durch Völkerwanderungen und Handelsfahrten, so dass es vermutlich zwangsläufig zu einer Vermischung mit älteren lokalen Bräuchen und Kulten kam.

Welchem Zweck dienten die Großsteinbauten?

Die aus gewaltigen Steinen errichteten Bauten stehen alle im Zusammenhang mit dem Totenkult oder der Verehrung überirdischer Mächte. Für die sesshaften Menschen der Jungsteinzeit waren die Aussaat, das Wachsen und die Ernte des Getreides sichtbarer Ausdruck des Kreislaufs von Leben und Tod. In Verbindung damit stand wohl auch der vor allem im Mittelmeerraum zu beobachtende Fruchtbarkeitskult der »Großen Mutter«.

Man empfand auch das Dasein des Menschen als Kreislauf, in dem der Tod nichts Endgültiges, sondern nur eine Station auf dem Weg in ein anderes Leben war. Daher errichtete man als Zeichen der Unvergänglichkeit unzerstörbare Grabanlagen aus Stein, die feste Punkte in einer unsicheren Welt und eine sichtbare Verbindung zu den Ahnen darstellten, die sozusagen in der »Nachbarschaft« der Lebenden weiterexistierten.

Was symbolisieren die Grabanlagen?

Viele der Gräber sind höhlenartig angelegt und wurden wie auf Malta sogar zu künstlichen unterirdischen Höhlensystemen ausgebaut. Dahinter stand die Vorstellung, den Toten wie ein Getreidekorn in den Bauch der »Mutter Erde« zu betten, auf dass er – analog zum Wachsen des Getreides – einer Art Wiedergeburt in einer anderen Welt teilhaftig würde. Viele der in den Megalithgräbern dargestellten spiralförmigen Motive scheinen diese Vorstellung von Ewigkeit sichtbar zu machen und weisen auf ein zyklisches Weltbild ohne Anfang und Ende hin.

Welche Funktion hatten die Menhire?

Die einzeln stehenden Menhire werden heute einerseits als eine Art Weltachse gedeutet, in der die Verbindung von Himmel und Erde und somit die Abhängigkeit des Menschen von kosmischen Vorgängen sichtbar wird. Die andere Auslegung bezieht sich auf den Ahnenkult, bei dem der Menhir als neuer und unzerstörbarer Sitz der Seele eines Verstorbenen gesehen wird und somit der vergängliche menschliche Körper gegen einen neuen, »ewig währenden« getauscht wird. So war zugleich die Beziehung zu den Ahnen hergestellt, die als Mitglieder der Gemeinschaft an dieser weiterhin teilhatten und für ihren Schutz sorgten.

Was wussten die Megalithkulturen über kosmische Zyklen?

Die Beobachtung kosmischer Phänomene scheint ein wichtiger Bestandteil des Weltbildes der Megalithkulturen gewesen zu sein. Im Megalithgrab von New Grange in Irland scheint am Tag der Wintersonnenwende durch eine exakt berechnete Öffnung die Sonne kurz nach Sonnenaufgang direkt in die Grabkammer. Auf diese Weise symbolisierte der Beginn eines neuen Jahreskreislaufs die Wiedergeburt der Verstorbenen.

Wussten Sie, dass …

von den Großsteinbauten der Megalithkulturen europaweit noch ungefähr 50 000 existieren?

die Namen der Götter sowie religiöse Kulte und Mythen der jungsteinzeitlichen Religionen uns leider nicht überliefert sind? Einige Erkenntnisse konnten aber aus der Untersuchung der Megalithen abgeleitet werden.

Die sumerische Religion: Götter und Mythen an Euphrat und Tigris

Gab es eine einheitliche sumerische Religion?

Nein, sie besaß viele regionale Ausprägungen, was sich schon daran zeigt, dass jede Stadt im Alten Orient einem Stadtgott unterstand, der dort besonders verehrt wurde, aber bereits in der Nachbarstadt eine eher untergeordnete Bedeutung haben konnte. Auch die vor allem im frühen 2. Jahrtausend v. Chr. niedergeschriebenen Mythen weisen unterschiedliche Themen und Vorstellungen auf. Mögen auch einzelne kultische Themen und Gottheiten aufgegeben worden und andere hinzugefügt worden sein, so blieb die sumerische Religion im Wesentlichen doch bis in die nachchristliche Zeit erhalten und wirkt zum Teil sogar noch bis heute nach.

Welche religiösen Vorstellungen existierten?

Als im frühen 3. Jahrtausend v. Chr. die alten lokalen Kulte zu überregionalen Einheiten zusammenwuchsen, kristallisierten sich zwei große Götterkreise heraus, deren Vorstellungen von der Entstehung und dem Wesen der Welt sich stark voneinander unterschieden: im Norden der Götterkreis um den Windgott Enlil von Nippur, der zu dieser Zeit bereits den eigentlichen Göttervater An als Chef des Pantheons verdrängt hatte, und im Süden der Götterkreis um Enlils Bruder Enki, den Stadtgott von Eridu. Von Anfang an scheint der Kult Enkis, des gutmütigen Gottes der Weisheit, der Magie und des Kunsthandwerks, die Vorherrschaft Enlils anerkannt zu haben.

Wie erklärte man sich im Norden des Reiches die Entstehung der Welt?

In Nippur herrschte die Vorstellung einer Autogenese der Schöpfung; die Welt sei am Anfang in einem embryonischen Zustand im duku, dem heiligen Hügel, vorgeformt gewesen. Der männliche Himmel und die weibliche Erde seien in einem gewaltigen Koitus vereint gewesen und erst nach der gewaltsamen Trennung der beiden durch Enlil sei der für das Leben nötige Raum entstanden. Doch es kommt immer wieder zur Kopulation von Himmel und Erde: Diesen sekundären Schöpfungen entspringen dann jedes Mal Dämonen, die den Göttern ihre Erstgeburtsrechte neiden und gegen sie Krieg führen.

Welchen Mythos gab es im Süden?

In Eridu glaubte man, dass die Welt so, wie sie den Alten bekannt war, von Enki eingerichtet und geschaffen worden sei. Dies ging oft mit zuweilen komischen Zwischenfällen einher, durch die man sich die Existenz von Krankheit, Leiden und Unordnung erklärte: Enki wird dabei in der Mythologie meist seine übermäßige Trunksucht und sein gewaltiger Geschlechtstrieb zum Verhängnis. Die Zwischenfälle gehörten zum späteren Geschehen und konnten somit problemlos in die Schöpfungsgeschichte integriert werden. Eine wichtige Rolle im Götterkreis um Enki spielen die me, überirdische Kräfte, ohne die die menschliche Zivilisation nicht denkbar wäre und denen selbst die Götter unterliegen.

Welche Gottheiten spielten eine Rolle?

Zahlreich sind im sumerischen Pantheon die Mutter- und Unterweltsgöttinnen. Die große Mutter tritt unter vielen Namen auf. Oft ist nicht klar, ob es sich bei den Bezeichnungen um verschiedene Gottheiten oder nur um einzelne Aspekte derselben Gottheit handelt. Ninchursanga, die Herrin des Berglandes, Ninmach, die erhabene Herrin, oder Aruru und Mama sind nur einige wenige Namen. Sie sind die machtvollen, großen Frauengestalten, deren Fluch selbst Enki nichts entgegenzusetzen hat. Aber sie zürnen nicht lange und helfen, den von ihnen angerichteten Schaden zu beheben. Ein Teil der ihnen zugeschriebenen Macht mag mit jenen den Männern unzugänglichen Bereichen von Mutterschaft und Geburt zusammenhängen.

Wer regierte in der Unterwelt?

Ein großer Teil der verschiedenen Heilsgottheiten, die mit der Unterwelt assoziiert wurden, ist ebenfalls weiblich. Hier sind zu nennen die Göttin Gula, Nintin'ugga (»Herrin, die die Toten belebt«) und Ninkarrak. Die wichtigste Göttin des Alten Orients ist im Sumerischen unter dem Namen Inanna, im Akkadischen als Ischtar bekannt. Im Unterschied zu den anderen Göttinnen war sie allerdings keine mütterliche Göttin. Zu ihrem Kult gehörten auch Prostitution und sexuelle Abweichung. Mit ihr verband man Streit, Konflikte und Unordnung, aber auch Fruchtbarkeit.

Wie ist die sumerische Religion überliefert worden?

Einen großen Teil unserer Kenntnisse der Religion des alten Mesopotamien verdanken wir den auf Sumerisch verfassten religiösen Texten, die noch lange Zeit entstanden, als das Sumerische schon nicht mehr gesprochen wurde. Daneben geben über die Religion dieses Kulturraumes auch Götterlisten, Königsinschriften und nicht zuletzt zahllose Wirtschaftsurkunden in Keilschrift Auskunft über das, was für die literarischen Texte eher zweitrangig war, nämlich Art und Umfang von Opfern und die Termine der kultischen Feste.

Wussten Sie, dass …

der türkische Monatsname »Temmuz« für den August an das Fest des sumerischen Gottes Dumuzi erinnert? Während der gesamten altorientalischen Zeit feierte man alljährlich Dumuzis Rückkehr aus der Unterwelt auf die Erde und betrauerte seine Rückkehr ins Jenseits.

die sumerische Sprache eine der ersten, wenn nicht sogar die erste war, für die eine Schrift entwickelt wurde?

Mythen des alten Mesopotamien: Götter- und Heldenepen

Welches Volk prägte die mesopotamische Kultur?

Viele verschiedene Völker prägten diese Kultur. Mesopotamien, das Land zwischen den beiden Strömen Euphrat und Tigris, ist uraltes Kulturland. Seine Mythenwelt war geprägt von bis weit in die Jungsteinzeit zurückreichenden Traditionen und gleichzeitig von all den Völkern, die im Lauf der Jahrhunderte aus den unterschiedlichsten Regionen in dieses fruchtbare Land einwanderten und ihre eigenen religiösen Vorstellungen mitbrachten.

So wurden in diesem Schmelztiegel der Kulturen die vorsumerischen Traditionen von denen der Sumerer und Hurriter überlagert, dann von den Überlieferungen der semitischen Akkader und Amurriter sowie schließlich von denen der Babylonier und Assyrer.

Warum wissen wir so viel über diese Kultur?

Weil schriftliche Aufzeichnungen vorliegen. Von besonderer Bedeutung für unser heutiges Wissen über das Zweistromland sind die mythischen Vorstellungen der Sumerer und später der Babylonier und Assyrer. Diese frühen Hochkulturen verfügten bereits über eine Schrift und haben ihre Mythen niedergeschrieben. Schriftliche Quellen stellen für die moderne Wissenschaft eine wesentlich breitere Forschungsbasis dar, als wenn sie ausschließlich auf archäologische Funde wie etwa Kultgegenstände oder Ruinen von Kultstätten angewiesen ist.

Wie wir heute wissen, wurde die ursprünglich sumerische Götterwelt später durch eine semitisch geprägte erweitert und umgestaltet. Die alten sumerischen Götter wurden an die neuen semitischen angeglichen und erhielten zum Teil andere Namen. Da die schriftlichen Überlieferungen der mesopotamischen Mythen überwiegend aus dem 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. stammen, sind sie, gemessen am Alter der mesopotamischen Zivilisationen, relativ jung. Sie trennen nicht zwischen alten sumerischen Motiven und neueren semitischen, sondern stellen ihre jeweils gültigen Vorstellungen dar. Für die früheren Perioden aus der Zeit der Vorherrschaft der sumerischen Kultur sind dagegen nur Bruchstücke vorhanden.

Gibt es einen sumerischen Schöpfungsmythos?

Ein einheitlicher Schöpfungsmythos aus sumerischer Zeit ist nicht überliefert. Um sich zumindest ein ungefähres Bild zu machen, ist man auf Andeutungen in jüngeren Texten angewiesen, die sich teilweise widersprechen. Einmal heißt es, Himmel und Erde haben sich in einer kosmischen »heiligen Hochzeit« vereint und so die Erde fruchtbar gemacht. An anderer Stelle steht, dass die Göttin Nammu Himmel und Erde geboren hat.

Ein weiterer Hymnus preist den Weisheitsgott Enki (akkadisch: Ea), der der Welt ihre Ordnung verleiht, den Flüssen das Wasser gibt, für den Regen sorgt und den Menschen die Ackerbaugeräte bringt.

Auch das Motiv der Erschaffung des Menschen erscheint bereits zu sumerischer Zeit. Nach einer Version klagen die Götter darüber, dass sie niemanden haben, der für sie arbeitet und sie mit Nahrung versorgt. Daraufhin erschafft Enki zusammen mit der Muttergöttin Ninmach, auch Ninchursag genannt, den Menschen aus Schlamm. An anderer Stelle heißt es, dass der Göttervater Enlil nach der Trennung von Himmel und Erde mit der Hacke, die er erschuf, ein Loch in die Erde grub, aus dem die Menschen herauswuchsen.

Welche Mythen haben sich gehalten?

Mehrere sumerische Mythen gingen in spätere Religionen ein. Einer der berühmtesten war Vorlage für die spätere biblische Erzählung von Paradies und Sündenfall: der »Mythos von Dilmun«, auch Paradiesmythos genannt. Er handelt von dem glücklichen Land Dilmun, das vollständig von Krankheiten und Raubtieren verschont ist. Doch es fehlt das Wasser. Als Enki danach verlangt, lässt der Sonnengott Utu Wasser aus der Erde hervorsprudeln.

So wird Dilmun zu einem fruchtbaren Garten mit reicher Vegetation, in dem die Göttin Ninchursag acht besondere Pflanzen wachsen lässt. Trotz ihres Verbots isst Enki alle auf. Die zornige Göttin verflucht ihn, worauf er an acht verschiedenen Organen erkrankt. Als die anderen Götter für Enki bitten, erschafft Ninchursag zu seiner Heilung acht Heilgötter.

Wie haben sich die sumerischen Schöpfungsmythen weiterentwickelt?

Zu einem Mythos über Sterben und Auferstehung. Die ursprünglich sumerischen Götter Inanna und Dumuzi wurden von den Semiten Ischtar und Tammuz genannt. Die Liebesgöttin Inanna verliebt sich in den Hirten Dumuzi und heiratet ihn, wodurch der einfache Mann unvermittelt zum Herrscher von Uruk wird. In der Folge nimmt ein unheilvolles Schicksal seinen Lauf, als Inanna beschließt, in die Unterwelt hinabzusteigen, um dort die Göttin Ereschkigal zu verdrängen. Auf ihrem Weg durchschreitet sie die Sieben Tore und muss an jedem ein Kleidungs- und ein Schmuckstück ablegen, so dass sie schließlich völlig nackt – und das heißt: ihrer ganzen Macht entblößt – vor der Göttin Ereschkigal erscheint. Diese richtet den »Blick des Todes« auf sie und Inanna stirbt.

Der Götterkönig Enlil erschafft daraufhin zwei Boten, die er mit »der Speise und dem Wasser des Lebens« in die Unterwelt schickt. Damit gelingt es auch wirklich, Inanna wieder ins Leben zurückzuholen. Doch als sie dann im Begriff ist, die Unterwelt zu verlassen, versperren ihr die Sieben Richter der Unterwelt den Weg und verlangen, dass sie einen Ersatz für sich stellt. Begleitet von den Galla-Dämonen, die den Auftrag haben, sie bei Nichterfüllung dieser Pflicht zurückzubringen, kehrt Inanna auf die Erde zurück.

Nach einigen Umwegen erreicht sie schließlich Uruk und findet dort ihren Gemahl Dumuzi, der das Leben ohne seine Frau in vollen Zügen genießt. Voller Zorn weist Inanna die Dämonen an, Dumuzi entsprechend den Vorgaben der Richter an ihrer Stelle in die Unterwelt mitzunehmen. Doch die Totengöttin Ereschkigal erlaubt ihm, jeweils die Hälfte eines Jahres auf der Erde zu verbringen.

Was symbolisiert der Mythos?

Dieser Mythos des Sterbens und Wiederauferstehens im jahreszeitlichen Rhythmus steht als Symbol für den Zyklus von Aussaat und Ernte, in dem sich Leben und Tod der Menschen spiegeln. Er stellt ein zentrales Thema der altorientalischen und altmediterranen Religionen dar; seine Wurzeln reichen bis in die Jungsteinzeit zurück.

Wie wurde der Mensch erschaffen?

Die Erschaffung des Menschen wird in dem wohl im 17. Jahrhundert v.Chr. niedergelegten Atramchasis-Mythos geschildert. Danach gab es zwei Arten von Göttern, wobei die niedrigeren den höher gestellten alle lebensnotwendigen Arbeiten abnehmen mussten. Doch die niedrigen Götter waren eines Tages nicht mehr dazu bereit, und so erschuf der schlaue Gott Ea, der bei den Sumerern ursprünglich Enki hieß, den Menschen aus Lehm und göttlichem Blut.

Die Menschen vermehrten sich rasch, und der von ihnen erzeugte Lärm störte den obersten Gott Enlil in seiner Ruhe, so dass er beschloss, die Zahl der Menschen zu verringern. Er schickte Seuchen, Dürre und Hungersnöte, doch Ea schützte seine Geschöpfe durch klugen Rat. Dann wollte Enlil die Menschen durch eine Sintflut vernichten. Wieder half Ea, so dass es Atramchasis gelang, sich selbst und somit das Menschengeschlecht zu retten. Doch von nun an beschränkte Ea die Lebenszeit der Menschen. Darüber hinaus verhinderte er durch Kindersterblichkeit und Unfruchtbarkeit auch, dass sie sich unbegrenzt vermehrten.

Wer ging bei den Götterkämpfen als Sieger hervor?

Der Gott Marduk. In dem um 1200 v. Chr. zusammengestellten Schöpfungsepos »Enuma Elisch«, wird die Vorherrschaft des babylonischen Gottes Marduk legitimiert: Am Anfang der Zeit existierte nichts außer dem weiblichen Salzwasserozean Tiamat und dem männlichen Süßwasserozean Apsû. Als die beiden Ozeane sich vereinigten, gingen daraus mehrere Götter hervor, unter anderen auch der Schöpfergott An/Anu und der Weisheitsgott Ea.

Doch zwischen den Göttern und Apsû kam es zum Streit. Ea siegte und baute auf Apsû das Heiligtum in Eridu, wo dann auch sein Sohn Marduk geboren wurde. Damit war Ea Herr über das Süßwasser.

Aus Rache ging Tiamat zum Angriff über und brachte elf gewaltige Ungeheuer hervor, an deren Spitze der Gott Kingu stand, der auf seiner Brust die »Schicksalstafeln« trug. Die Götter wichen vor dem Ansturm zurück, doch Marduk erklärte sich zum Kampf bereit, wenn er in Zukunft als Herrscher der Götter anerkannt würde. Die Götter stimmten zu und Marduk nahm den Kampf auf. Er tötete Tiamat mit einem Pfeil, überwand die Ungeheuer samt Kingu und bemächtigte sich der Schicksalstafeln. Dann spaltete er Tiamats Körper in zwei Hälften: die eine bildete das Himmelsgewölbe, aus der anderen entstand die Erde.

Am Himmel ordnete Marduk die Sternbilder und auf der Erde schuf er Pflanzen und Lebewesen. Auch Menschen brauchte er, damit sie den Göttern dienstbar wären. So machte sich sein Vater Ea daran, aus dem Blut des Gottes Kingu den Menschen zu erschaffen. Anschließend wurde in Babylon der Esagila genannte Tempel des Marduk gebaut und die Götter trafen sich zur Siegesfeier.

Wussten Sie, dass …

in Mesopotamien bereits im 5. Jahrtausend v.Chr. eine hochentwickelte Ackerbaukultur existierte? Menschen lebten dort seit etwa 70 000 Jahren.

bereits um 4000 v. Chr. erste Schriftformen in Mesopotamien auftauchten, die sich dann später zur berühmten Keilschrift entwickelten?

die fantasievolle mesopotamische Mythenwelt über die Jahrtausende hinweg lebendig geblieben ist? Die Geschichten von der Erschaffung des Menschen aus Lehm, von der Sintflut oder vom Paradies sind in die biblische Überlieferung eingeflossen und daher bis heute Allgemeingut der abendländischen Geistesgeschichte.

das Epos von Gilgamesch als ältestes erhaltenes literarisches Dokument der Menschheit gilt? Das Werk beschreibt die Taten des gleichnamigen Königs von Uruk, der ca. 2652–2602 v. Chr. gelebt haben soll.

Wie stellten sich die Mesopotamier die Erde vor?

Als geteilte Hohlkugel. Das Weltbild im alten Mesopotamien beruhte auf der Vorstellung, dass der gesamte Kosmos aus einer in zwei gleiche Hälften geteilten Kugel besteht. Die obere Halbkugel bildete das Himmelsgewölbe mit den Sternen, die untere stellte die Unterwelt dar.

Zwischen den beiden Halbkugeln verlief entlang der äußeren Kreiswand ein Gebirgszug. Innerhalb dieses Gebirgsringes erstreckte sich der kreisrunde Salzwasserozean Tiamat, in dessen Mitte sich die Erde wie eine Insel erhob. Direkt unter der Erde lag der Süßwasserozean Apsû. Das Zentrum der Erdscheibe bildete Mesopotamien, um das sich die anderen Länder gruppierten.

Dieses altorientalische Weltbild wurde dann von den frühen Griechen übernommen, später jedoch von neuen Vorstellungen abgelöst, die nicht zuletzt auf geografischen Entdeckungen und naturwissenschaftlichen Beobachtungen beruhten.

Können einzelne Mythen bestimmten Orten zugeordnet werden?

Ja. Die nahe am Persischen Golf gelegene Stadt Eridu beispielsweise galt, obwohl sie politisch eher unbedeutend war, als älteste Stadt des Landes und stand in enger Verbindung mit den Weltschöpfungsmythen.

Man erzählte sich, dass nach der Erschaffung der Welt, lange vor der Sintflut, das Königtum hier vom Himmel herabgestiegen sei und erstmals ausgeübt wurde. Der Stadtgott Enki (akkadisch: Ea) war der Gott der Weisheit und der Künste und auch Herr über den Süßwasserozean Apsû, auf dem die Erde schwamm.

Wussten Sie, dass …

der Mythos von der Sintflut bereits bei den Sumerern auftaucht? Die Götter beschließen – aus welchen Gründen, ist nicht bekannt –, die Menschen durch eine Sintflut zu vernichten. Nur der fromme Ziusudra wird gewarnt. Er erbaut ein Boot und übersteht so die sieben Tage und sieben Nächte währende Flut. Danach bringt er dem Sonnengott Utu ein Opfer dar und erhält »ein Leben als Gott«, das er im Land des Sonnenaufgangs verbringen darf. Dieser Stoff ging dann später in das babylonische Gilgamesch-Epos ein.

Der Garten Eden: Ein Paradies mit verbotenen Früchten

Was erzählt die Bibel über den Garten Eden?

Der Bibel zufolge war der Garten Eden der Wohnort des ersten Menschenpaares Adam und Eva. Hier waren Not und Elend unbekannt und Mensch und Tier lebten in völliger Harmonie. In der Mitte des Gartens befanden sich der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, von dem beide, trotz des göttlichen Verbots, aßen. Die daraufhin folgende Erkenntnis führte zur Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies.

Gibt es ein historisches Vorbild für das Paradies?

Es gibt ein Vorbild für den Garten Eden, allerdings deutet vieles darauf hin, dass dieses im Reich der Mythologie liegt. Einige Passagen aus dem Buch Genesis, die die Schöpfungsgeschichte zum Thema haben, zeigen eine enge Verbindung zu den Schöpfungsmythen Mesopotamiens. So findet man zum Beispiel dort den Paradiesmythos der Sumerer, der auch »Mythos vom Lande Dilmun« genannt wird.

Das Dilmun der Sumerer ist ein im Osten liegendes, mythisches Land, das starke Ähnlichkeit mit dem Eden der Bibel aufweist. Es ist eine glückliche Gegend, in der weder Krankheiten grassieren noch Raubtiere ihr Unwesen treiben. Es muss jedoch von dem aus historischen Quellen bekannten Dilmun unterschieden werden, das auf der heutigen Insel Bahrain lag und als Basis für den Handel mit Südostarabien diente. Im Gegensatz zu dem mythischen Dilmun befand es sich südlich von Mesopotamien. Hier stellt sich die Frage, ob bei der Ähnlichkeit des Bibelberichts mit dem Mythos der Sumerer nicht doch ein realer Ort Vorbild für dieses irdische Paradies gewesen sein könnte.

Worin unterscheiden sich der biblische und der sumerische Mythos?

Während in der Version der Bibel die grundlegende Frage nach dem Ursprung des Übels in der Welt beantwortet wird, dient der Mythos in Mesopotamien zur Erklärung der Erschaffung von Krankheit und Heilung. Allerdings sind die Ähnlichkeiten des sumerischen Mythos mit dem der Bibel offensichtlich. Ein durch Bewässerung erschaffener paradiesischer Garten enthält verbotene Früchte, die trotz des göttlichen Verbots gegessen werden.

Anfangs fehlt es dem mesopotamischen Paradies an Wasser, bis der Sonnengott dieses aus Quellen hervorsprudeln lässt, so dass Dilmun zu einem reichen Garten mit üppiger Vegetation werden kann. Hier lässt die Göttin Ninchursag, die Mutter aller Lebewesen, acht Pflanzen wachsen, die trotz des Verbots, sie zu essen, von dem Gott Enki verspeist werden. Die Göttin verflucht Enki, der daraufhin an acht Organen erkrankt. Schließlich gelingt es den Göttern, Ninchursag davon zu überzeugen, Enki zu helfen, woraufhin diese acht Heilgottheiten erschafft.

Wofür steht die Vorstellung vom Paradies?

Dahinter verbirgt sich vermutlich ein uralter Wunschtraum der Menschheit, denn ob die Sumerer bei einer ihrer Handelsunternehmungen im Osten wirklich auf eine auf sie paradiesisch wirkende Landschaft gestoßen sind, die als Anregung für die Geschichte vom Garten Eden gedient haben könnte, darüber kann nur spekuliert werden. Vielleicht handelt es sich bei dem Paradiesmythos auch um mythisch verbrämte, dunkle Erinnerungen an die Verhältnisse der ausgehenden Altsteinzeit, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren und ein relativ freies und ungebundenes, wenngleich gewiss nicht paradiesisches Leben führten – ohne die Zwänge, die Ackerbau und andere Arbeitstätigkeiten seitdem ausübten.

Wahrscheinlicher ist aber, dass die Menschen von jeher von einem Ort träumen, der völlig ihren Vorstellungen von Frieden und Harmonie entspricht, der aber auf dieser Welt nicht zu finden sein wird. Auch alle großen Utopien der Neuzeit münden letztendlich in der Schaffung eines paradiesischen Zustands.

Wussten Sie, dass …

es neben dem Paradiesmythos noch andere Anleihen aus den wesentlich älteren Schöpfungsmythen Mesopotamiens in der Bibel gibt? So findet man zum Beispiel auch dort die Schaffung des Menschen aus Lehm und die Geschichte der Sintflut mit Utnapischtim, dem »babylonischen Noah«.

Warum wird das Paradies als üppiger Garten dargestellt?

Der Begriff Paradies entstand aus dem griechischen Wort paradeisos und ist selbst wiederum eine Entlehnung aus dem Altpersischen. Das altpersische Wort paridaida bedeutet soviel wie »Lustgarten« oder »Wildpark«. Die Trockenheit des Vorderen Orients ist dafür ausschlaggebend, dass man sich den schönsten Platz der Erde als üppigen Garten vorstellte. Wichtigste Voraussetzung dafür war das Vorhandensein von ausreichend Wasser, das in den frühen Hochkulturen Mesopotamiens eines der wertvollsten und rarsten Güter war.

Sintflut und Arche Noah: Die mysteriöse Katastrophe

Gab es wirklich eine Sintflut?

Das weiß man nicht. Kaum ein Mythos ist so alt wie der von der urzeitlichen Sintflut, die im Alten Testament ausführlich beschrieben ist. Danach war dem Schöpfergott das sündige Treiben der Menschheit ein Gräuel. Mithilfe einer Überschwemmung des Planeten ließ er alles Leben vernichten – nur Noah, seine Familie und eine begrenzte Zahl von Tieren überlebten. Nicht nur die Bibel kennt die Sintflut, auch in anderen Kulturen in der ganzen Welt gibt es Überlieferungen von einer großen Überschwemmung.

Glaubt man den Angaben in der Genesis 6,5–9,17, so dauerte die Flut 40 Tage. Das Wasser schwoll in den folgenden 150 Tagen an und bedeckte schließlich sogar alle hohen Berge. Erst am 17. Tag des siebten Monats setzte die von Noah gebaute Arche im Gebirge Ararat auf.

Ist dieses grausame Ereignis – wie so viele andere in der Heiligen Schrift – nur symbolisch zu verstehen? Oder hat die Sintflut einen historischen Hintergrund? Ist am Ende wirklich eine Arche auf dem Berg Ararat gestrandet? Forscher und Abenteurer haben versucht, das uralte Rätsel zu lösen. Doch selbst der Einsatz von modernster Technik hat bis heute keinen eindeutigen Beweis erbracht.

Wo wird zum ersten Mal von der Flut berichtet?

In einem altorientalischen Text. Ein sensationeller Fund belegt, dass es ein Epos aus dem alten Orient gleichen Inhalts gibt, das viel älter als die Heilige Schrift ist.

1872 gelang die Übersetzung einer Keilschrift auf Tontäfelchen, die bei Ausgrabungen in der assyrischen Hauptstadt Ninive gefunden worden waren. Die Dokumente stammen aus der Zeit um 650 v. Chr. und erzählen die Legende vom sumerischen Helden Gilgamesch. In diesem ersten großen Epos der Weltliteratur ist auch von einem Mann die Rede, der mitsamt seiner Familie eine Flutkatastrophe überlebte. Der Stoff geht auf die Zeit des 3. Jahrtausends v. Chr. zurück und ist damit weitaus älter als der Bericht von Sintflut und Noahs Arche aus dem Alten Testament.

Wie soll sich die Katastrophe abgespielt haben?

Unter den zahlreichen Erklärungsversuchen ist eines der möglichen Szenarien dies: Vor einigen Jahren fanden Forscher heraus, dass sich im Gebiet des Schwarzen Meers einmal ein kleiner Binnensee befunden hatte. Nach der letzten Eiszeit vor mehr als 100 000 Jahren setzte eine gewaltige Gletscherschmelze ein, die den Meeresspiegel der Ozeane ansteigen ließ. Ein schmaler Damm am Bosporus schützte den etwa 150 Meter tiefer gelegenen See und sein fruchtbares Umland, brach aber vor etwa 7800 Jahren zusammen. Mit einer ungeheuren Wucht brachen wahrscheinlich etwa 50 Milliarden Kubikmeter Meerwasser in die Schlucht des Bosporus ein und überschwemmten das Gebiet. Vielleicht bildete dieses Naturschauspiel den Hintergrund für die Entstehung der Sage von der Sintflut.

Wie sah die Arche aus?

Bis heute gibt es dazu keine Angaben, aber kein Schiff hat so sehr die Fantasie der Menschheit beflügelt wie jener »Kasten« (lateinisch: arca), der Noah und die Seinen überleben ließ. Laut Bibel gab Gott persönlich den Bauplan vor. Als Holz sollte gopher benutzt werden, eine botanisch nicht bestimmbare Baumart, die als Zypresse, Buchsbaum, Zeder oder Tanne gedeutet wird. Die Länge des Schiffs war mit 300 Ellen, etwa 150 Metern, die Breite mit 50 Ellen, etwa 25 Metern und die Höhe mit 30 Ellen, um die 15 Meter, vorgeschrieben. Im Inneren war die Unterteilung in drei Stockwerke und viele Kammern vorgesehen, wohl zur Stabilisierung des Schiffes und zur zweckmäßigen Unterbringung der Tiere.

Wo wird der Landeplatz der Arche vermutet?

Obwohl in der Bibel konkret genannt, hat man bis heute den Landeplatz der Arche in den schneebedeckten Weiten des Berges Ararat im Osten der Türkei nicht gefunden. Trotzdem haben schon viele Archäologen und Bergsteiger behauptet, im Boden oder unter Gletschereis Umrisse, Schatten oder sonstige Spuren der Arche entdeckt zu haben.

Wie könnte die Sintflut ausgelöst worden sein?

Der Wiener Geologieprofessor Alexander Tollmann macht den Einschlag eines gewaltigen Himmelskörpers für die Sintflut verantwortlich. Nach seinen erstaunlich genauen Berechnungen soll am 23. September 9545 vor unserer Zeitrechnung gegen 3.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit ein gewaltiger Komet auf die Erde zugerast und im Meer eingeschlagen sein. Die Folge, so Tollmann, waren sintflutartige Regenfälle und so genannte Impaktbeben, die gewöhnliche Erdbeben an Intensität um ein Vielfaches übertreffen.

Wussten Sie, dass …

der Bericht der Bibel über die große Flut keine Einzelerscheinung ist? Ähnliche Flutsagen fanden in Ozeanien oder auf dem amerikanischen Kontinent Verbreitung.

Holzstücke mit Teerspuren aus dem Gebiet des Ararat als angebliche Reste der Arche wie kostbare Reliquien gehandelt werden?

Der Babylonische Turm: Wahre Begebenheit oder Legende?

Was kam bei der Ausgrabung Babylons ans Licht?

Bei den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mesopotamien durchgeführten Ausgrabungen, die sich seit 1899 auch auf das antike Babylon erstreckten, wurden neben Tempeln und Palästen im Zweistromland auch zahlreiche Archive mit Keilschrifttafeln entdeckt. Die Entzifferung dieser Tafeln förderte für die damalige Zeit Erstaunliches zu Tage. Hier waren unter anderem Mythen und Geschichten verzeichnet, die man bisher nur aus der Bibel kannte, wie zum Beispiel die von Hiob oder Noah.

Worum geht es im »Babel-Bibel-Streit«?

Der Streit drehte sich um die Frage, wo der Ursprung dieser Mythen zu suchen sei. Für viele Theologen und Wissenschaftler war es mit ihrem Weltbild nicht vereinbar, dass das »böse« Babylon mit Geschichten aufwarten konnte, die doch eigentlich der »göttlichen Offenbarung« vorbehalten waren. Jedoch war bald klar, dass die besseren Argumente aufseiten derer lagen, die den Ursprung der Mythen in Mesopotamien vermuteten und nachweisen konnten, dass die biblische Überlieferung, zumindest zum Teil, auf ältere babylonische Quellen zurückgegriffen hatte.

Woher kannten die Israeliten die Mythen?

Während der Babylonischen Gefangenschaft, die sich an die Eroberung Jerusalems durch den babylonischen König Nebukadnezar II. im Jahr 597 v. Chr. anschloss, dürften die Israeliten die Mythen kennen gelernt haben. Dort – und vielleicht auch schon lange vorher – kamen die Israeliten mit den Traditionen der vorderasiatischen Welt in Kontakt, zu der sie ja letztendlich auch selbst gehörten. Ganz besonders beeindruckt waren die aus der »Provinz« stammenden Neuankömmlinge von den Ausmaßen der Weltstadt Babylon und den zahlreichen Menschen unterschiedlichster Herkunft, die in ihr lebten.

Wie wirkte das antike Babylon auf die Israeliten?

Die Architektur Babylons muss zu der damaligen Zeit einen überwältigenden Anblick geboten haben. Das Zentrum der Stadt bildete der 90 Meter hohe Tempelturm (Zikkurat) des Stadtgottes Marduk, der mit seinen weitläufigen Vorratskammern und Priesterbehausungen eine Stadt in der Stadt bildete. Dieser mehrstufig angelegte Tempelturm bildete das Vorbild für den »Turm von Babel«. Solche Tempeltürme hatten in Mesopotamien bereits eine lange Tradition. Ihre Anfänge lassen sich bis ins 5. vorchristliche Jahrtausend zurückführen. In der sumerischen Stadt Ur ist ein aus dem Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. stammendes und restauriertes Exemplar noch heute zu bewundern.

Der Turm von Babel ist im biblischen Bericht ein Musterbeispiel für die menschliche Vermessenheit und deren Folgen. Diese Bibelgeschichte dürfte die Reaktion auf die Weltstadt Babylon und ihre aus aller Herren Länder stammenden Bewohner sein, die die Israeliten wohl gleichzeitig faszinierte und befremdete.

Wie sah der historische Turm in Babylon aus?

Der im antiken Babylon stehende Turm, der alle anderen Zikkurate an Größe übertraf, entstand während der Regentschaft König Nebukadnezars II. Dank der in Babylon durchgeführten Ausgrabungen und der Berichte antiker Autoren, darunter Herodot und der Babylonier Anu-bel-sunu, der um 230 v.Chr. lebte, sind wir über das Erscheinungsbild des Tempelturms relativ gut unterrichtet. Auf einer Grundfläche von ungefähr 90x90 Metern erhob sich der aus Lehmziegeln erbaute siebenstufige Turm. Auf der letzten Stufe stand der Tempel des Stadtgottes Marduk, der hier neben anderen Göttern verehrt wurde. Die Babylonier nannten den Turm Etemenanki, was »Haus des Grundsteins von Himmel und Erde« heißt und die Bedeutung des Bauwerks veranschaulicht.

Im Gegensatz zu anderen Tempeln des Altertums ist wegen des vergänglichen Baumaterials nichts von diesem Wunderwerk übrig geblieben. In Babylon ist zwar die Stelle, an der der Turm einmal stand, noch zu erkennen, doch konnte dieses mächtige Bauwerk der Zeit nicht trotzen.

Wie beschrieb Herodot den Turm?

Der griechische Historiker Herodot (um 485 bis um 425 v. Chr.) schrieb in den »Historien« (Bd. 1) über den Turmbau:

»In der Mitte des Heiligtums ist ein Turm gebaut, ohne Innenraum, … und auf diesen Turm ist ein weiterer Turm gekommen und dann immer noch einer drauf, bis es acht sind. Der Aufstieg ist außen rings um alle Türme herum geführt … Auf dem letzten Turm aber steht ein großes Gotteshaus ...«

Wussten Sie, dass …

der Turm zu Babylon zusammen mit den hängenden Gärten der Semiramis und den Stadtmauern Babylons eines der sieben Weltwunder bildete?

Giuseppe Verdi mit seiner Oper »Nabucco« (= Nebukadnezar) aus dem Jahr 1841 dem Freiheitsstreben des jüdischen Volkes in der Gefangenschaft ein Denkmal gesetzt hat?

Sodom und Gomorrha: Grausame Bestrafung

Was verbindet man heute mit Sodom und Gomorrha?

In erster Linie sündhafte sexuelle Praktiken. Die Namen der beiden Städte symbolisieren im alltäglichen Sprachgebrauch Lasterhaftigkeit, Überheblichkeit oder Ausschweifung. Sodom und Gomorrha waren zwei vorchristliche Ortschaften, deren Bewohner aufgrund verfehlter Lebensweise dem göttlichen Strafgericht unterworfen wurden. Entsprechend dem Ausmaß der Sünde lautete das himmlische Urteil auf vollständige Zerstörung der beiden Städte bei Sonnenaufgang, bewirkt durch Feuer und Schwefel. Dies soll um 1900 v. Chr. geschehen sein.

Wo soll sich die Katastrophe zugetragen haben?

Die genaue Lage der beiden biblischen Städte ist nicht geklärt. Das Alte Testament gibt an mehreren Stellen Hinweise auf die geografische Lage von Sodom und Gomorrha, doch trotz aller Hinweise ist es den Forschern bislang nicht gelungen, die beiden Städte exakt zu orten, Überreste zu finden oder gar die Geschehnisse naturwissenschaftlich zu erklären. Der Überlieferung nach lagen die beiden Orte der Sünde am südlichen Ende des Toten Meeres.

Selbst die Bezeichnung Sodom ist mit Fragezeichen behaftet. So soll der Name schon in den Ebla-Texten (bei der Stadt Ebla in Syrien gefundene Keilschrifttafeln) Erwähnung gefunden haben, unter Umständen ist er arabischer Herkunft und erlaubt die Ableitung »Stadt« oder »Befestigung«. Ein »Hügel namens Sodom« erstreckt sich am südwestlichen Ende des Toten Meeres.

Die Rätsel um Sodom und Gomorrha beschäftigten schon diverse Geschichtsschreiber der Römerzeit, über die Jahrhunderte hinweg entwickelten sich dann die unterschiedlichsten »realen« Untergangsszenarien. Der Schauplatz des göttlichen Gerichts wanderte dabei um das Tote Meer herum, streifte Masada oder im Norden den Jordan. Die meisten Versuche, den Mythos von Sodom und Gomorrha an einem konkreten Ort festzumachen, ergaben aber eine südwest- oder südöstliche Lage am salzhaltigsten Gewässer der Welt.

Wie könnten Sodom und Gomorrha untergegangen sein?

Verschiedene naturwissenschaftlich basierte Theorien versuchen, den Untergang von Sodom und Gomorrha zu erklären. Das Vernichtungsprozedere könnte beispielsweise nach dem Geysir-Prinzip abgelaufen sein: Unterirdisch gelagertes Bitumen (Asphalt) wird durch ein starkes Erdbeben mit großem Druck bis an die Erdoberfläche gepresst, entzündet sich anschließend und stürzt dann wie ein riesiger Feuerregen auf Menschen und Häuser nieder.

Eine zweite Variante des Untergangsszenarios besagt, dass auseinander driftende Erdplatten die Region am Toten Meer instabil machten. Das unausweichliche Erdbeben entzündete am Tag der Tage unterirdische Gasvorkommen. Deren enorme Zerstörungskraft verwandelte dann den Boden in eine treibsandartige Masse. Der auf diese Ereignisse folgende Erdrutsch ließ Sodom und Gomorrha im Toten Meer versinken.

Eine weitere Theorie geht davon aus, dass ein Erdbeben allein ausreichte, um das Ende auszulösen. Der instabile, schlickähnliche Untergrund sackte durch die Erdbewegung in sich zusammen, Sodom und Gomorrha versanken in den Tiefen des Toten Meeres.

Welches Erklärungsmuster auch immer plausibel erscheint, eines darf bei der Beurteilung nicht vergessen werden. Der ultimative Beweis steht bislang aus, denn experimentelle Untersuchungen erschlossen nur Möglichkeiten und gaben Anreiz für weitere Überlegungen.

Welche theologischen Schlussfolgerungen legt die Geschichte nahe?

Dass das Christentum einen strafenden Gott kennt. Die Zerstörung von Sodom und Gomorrha resultierte unmittelbar aus dem Vorhaben der Einwohner Sodoms, die Gesandten Gottes sexuell zu missbrauchen, wie das Erste Buch Mose im Alten Testament berichtet. Einzig Lot, Neffe Abrahams, hatte die Prinzipien der Sittlichkeit und Gastfreundschaft befolgt und wurde gerettet.

Abseits der Frage, wo und wie das Katastrophenszenario in der Realität stattgefunden haben mag, erlaubt zumindest das Sinnbildliche der Darstellung nur ein Erklärungsmuster: Beim Untergang der verderbten Städte Sodom und Gomorrha ging es um das Aufzeigen von Schuld und Vergehen, ein »Sündenfall«, der gemäß des menschlichen Gerechtigkeitsempfindens auch der angemessenen Strafe bedurfte. Dieser Zusammenhang von Verfehlung, Unbußfertigkeit und Bestrafung wurde zusätzlich durch den Ort des Geschehens sowie den Handlungsablauf unterstrichen. Wüstenlandschaften galten als Regionen der menschlichen Schuld, Schwefel und Salz wurden als göttliche Zeichen des Fluches angesehen.

Die Bibel steckt voller Überraschungen und Wendungen, ist versehen mit surrealen Gegebenheiten, die den neuzeitlichen Drang zur wissenschaftlichen Erkenntnis immer wieder herausfordern.

Was sagt die Bibel über Sodom und Gomorrha?

Es werden keine Details genannt. So heißt es nur: »Lot zog mit seinen Zelten bis nach Sodom. Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den Herrn.« (1. Mose 13; 11–13). Das Strafgericht wird von Boten angekündigt: »Und die Männer sprachen zu Lot: … Denn wir werden diese Stätte verderben, weil das Geschrei über sie groß ist vor dem Herrn ... Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war … Abraham aber machte sich früh am Morgen auf an den Ort, wo er vor dem Herrn gestanden hatte, und wandte sein Angesicht gegen Sodom und Gomorrha und alles Land dieser Gegend und schaute, und siehe, da ging ein Rauch auf vom Lande wie der Rauch von einem Ofen.« (1. Mose 19; 12–2)

Wussten Sie, dass …

die Städte Sodom und Gomorrha nach einigen Theorien schon in der frühen Bronzezeit existierten? Möglicherweise sind sie durch den Handel mit dem an der Küste des Toten Meeres schürfbaren Bitumen zu großem Wohlstand gekommen. Dieser Reichtum könnte zu einem dekadent-sündhaften Image der Städte bei den ärmeren Nachbarn geführt haben.

Die Religion der Hethiter: Götter und Helden

Was waren die Hethiter für ein Volk?

Die Hethiter waren indoeuropäischer Herkunft und errichteten im 2. Jahrtausend v. Chr. ein Großreich im heutigen Anatolien (Osttürkei). Ab etwa 1500 v. Chr. waren die Hethiter die großen Widersacher des mächtigen ägyptischen Reiches. Berühmt geworden ist die Schlacht von Kadesch (im Jahr 1299 v. Chr.), in der die Hethiter dem ägyptischen Pharao Ramses II. schwer zu schaffen machten.

Obwohl die Hethiter indoeuropäische Wurzeln hatten, spielte das indoeuropäische Element in ihrer Religion nur eine untergeordnete Rolle. Die hethitische Religion war vielmehr ein Konglomerat aus religiösen Vorstellungen der anatolischen Urbevölkerung (Hattier), nordmesopotamisch-syrischen Einflüssen (Hurriter) und nicht zuletzt sumerisch-akkadischen Glaubensinhalten. So kam der Gott Anu aus dem akkadischen Gebiet, während der Gott Kumarbi hurritischer Herkunft war und die Göttin Inara aus der Mythologie der Hattier stammte. In ihrem Aussehen glichen die hethitischen Götter deshalb stark den sumerisch-akkadischen und syrischen Gottheiten.

Welche Gottheit war besonders bedeutend?

Die Muttergöttin nahm – wie dies häufig im kleinasiatischen Raum der Fall war – eine besonders wichtige Stellung ein. Als »Königin des Landes« oder »Königin der Erde und des Himmels« war sie die Hauptgöttin des hethitischen Götterhimmels und stand möglicherweise sogar über ihrem Gemahl Teschup, dem König des Himmels. Während die Hattier sie Wurushemu nannten, bezeichneten sie die Hurriter als Hepat. Als Sonnengöttin von Arinna war sie die Schutzherrin des hethitischen Reiches.

Was hat es mit dem Mythos vom verschwundenen Gott auf sich?

Den hattischen Vegetationsgott Telipinu nannte man auch den »Gott, der verschwindet«. Er war der Sohn von Hepat und Teschup. Um ihn rankt sich eine der bekanntesten Geschichten der hethitischen Mythologie, der Telipinu-Mythos.

Da alle Aufzeichnungen über den Beginn des Mythos verloren sind, weiß man nicht, warum der Gott beschloss zu verschwinden. Doch man weiß, was dann geschah: Nachdem der Gott verschwunden war, erloschen alle Feuer, versiegten alle Quellen, das ganze Land verödete und die Menschen und Tiere verloren ihren Lebenswillen. Da aufgrund dieser umfassenden Lähmung des öffentlichen Lebens selbst die Götter in Gefahr gerieten, zugrunde zu gehen, schickte der Sonnengott einen Adler aus, um Telipinu zu suchen – doch vergeblich, man fand ihn nicht.

Schließlich sandte die Große Muttergöttin gegen den Willen ihres resignierten Gatten eine Biene aus, die um die ganze Welt flog. Mit Erfolg! Die Biene fand ihn schlafend und weckte ihn auf, indem sie ihn in die Hände und Füße stach.

Doch als Telipinu erwachte, geriet er in einen solch großen Zorn, dass er begann, alles Leben auf der Welt zu töten. Die Götter bekamen Angst und konnten ihn nur mit magischen Zaubersprüchen von seiner Raserei befreien. Als sein Zorn sich gelegt hatte, bestieg er den Rücken eines Adlers und kehrte zu den Göttern zurück. So war die Welt wieder in Ordnung und das Leben konnte weitergehen.

Warum gab es unter den Göttern so viele Kämpfe?

Es ging dabei um Macht. Wie in der griechischen Mythologie kämpften auch hethitische Gottheiten oft miteinander. So etwa der Gemahl der Muttergöttin, der hurritische Wettergott Teschup, den die Hattier Taru nannten. Teschup entmachtete seinen Vater Kumarbi, und nachdem ihn dieser mit Hilfe des Steinwesens Ullikumi wieder vom Thron gestoßen hatte, erlangte er mit Unterstützung des akkadischen Gottes Ea endgültig die Macht und wurde der vierte Götterkönig. Vor diesem herrschten der hurritische Alalu, der akkadische Anu und der erwähnte hurritische Kumarbi, die ihre Vorgänger jeweils vom Thron verstoßen hatten.

Wer mischte noch bei diesen Kämpfen mit?

Oft beteiligten sich auch Sterbliche daran. Ein Sohn von Hepat und Teschup war der hurritische Berggott Sharruma, den der Hethiterkönig Tutchalijash zum Schutzgott auserkor. Seine Schwester wiederum war die hattische Göttin Inara, die ihrem Vater half, den Schlangendämon Illujanka zu besiegen. Da sie den sterblichen Helden Hupaschija um Hilfe bat, musste sie mit ihm schlafen und ihn heiraten. Später wurde der Held von ihr getötet, da er ihre Anweisungen missachtet hatte.

Wussten Sie, dass …

in der hethitischen Religion das Praktizieren von schwarzer Magie verboten war? Die Ausübung von weißer Magie gestattete man dagegen, da sie als Mittel dazu diente, Übel von den Menschen und dem Gemeinwesen fernzuhalten.

die Erzählungen von untereinander kämpfenden Göttern ihren Ursprung möglicherweise in den Auseinandersetzungen verschiedener Priestergruppen oder Prinzen um die politische und religiöse Vorherrschaft haben? Solche Machtkämpfe waren in den antiken Kulturen Kleinasiens an der Tagesordnung.

Wie waren hethitische Götter in das Staatswesen eingebunden?

Auf vielfältige Weise. So hatte, ähnlich wie in Mesopotamien, jede Stadt eine eigene Stadtgottheit, die in ihrem jeweiligen Tempel wohnte und von den Priestern und dem Kultpersonal gekleidet, ernährt und unterhalten wurde. Ein Unglück erklärte man mit dem Umstand, dass die betreffende Gottheit gerade außer Haus sei und sich auf Reisen befinde.

Auch die hethitischen Könige hatten einen ganz engen Bezug zu ihren Göttern. Im Gegensatz zu den alltäglichen Riten der Bevölkerung ist uns die Rolle der Könige in der Kultausübung durch Inschriften und Keilschrifttexte sehr gut bekannt. Sie betrachteten ihre Herrschaft als ein Geschenk der Götter, und als Hohepriester waren sie die Vertreter der Götter auf Erden. Im Gegensatz zu anderen Kulturen leiteten sie ihre Abstammung aber nicht von den Göttern ab, sondern wurden erst mit ihrem Tod zu Göttern erhoben.

Religion im alten Ägypten: Totenkult und gottgleicher Pharao

Was war das Kennzeichen ägyptischer Religion?

Vor allem der Totenkult. Wie sich am Beispiel der berühmtesten Bauwerke Ägyptens, der Pyramiden, zeigt, nahm er einen hohen Stellenwert im religiösen Leben ein. Daher wurde auf den Bau von Grabmälern und Tempeln große Sorgfalt verwendet. Da sie für die Ewigkeit bestimmt waren, baute man sie – im Gegensatz zu den Wohnbauten der Lebenden – aus Stein. Fast unser ganzes Wissen über die ägyptische Religion stammt aus den Reliefs, Hieroglyphentexten und Wandmalereien der Gräber und Tempel.

Wie hat man sich den Totenkult vorzustellen?

Die mit dem Totenkult verbundenen Vorstellungen und die ägyptische Seelenlehre erscheinen uns oft recht widersprüchlich. So liegt das Reich der Toten im Westen, wird aber auch in die Unterwelt verlegt, die der Sonnengott in der Nacht mit seiner Barke durchquert und so erleuchtet. Diese Nachtfahrt der Sonne erklärt, warum es nachts dunkel ist.

Wichtig für das Weiterleben im Jenseits war die Unversehrtheit des menschlichen Körpers. Diesem Ziel diente die sorgfältige Mumifizierung und nicht zuletzt die aufwändige Gestaltung der Grabanlagen, etwa der Pyramiden und Felsgräber. In diesen Zusammenhang gehört auch die Auffassung vom Wesen des Menschen, das nicht nur die körperliche Gestalt umfasst, sondern zu dem auch verschiedene seelische Aspekte wie der Ka (Lebenskraft) und der Ba (Erscheinungsbild) gehören, die in Verbindung mit dem mumifizierten Körper das Weiterleben im Jenseits garantierten.

Welche Gottheiten kannten die Ägypter?

Eine enorme Anzahl. Viele Götter Ägyptens waren als Schutzherren einer bestimmten Stadt nur von regionaler Bedeutung. Ihnen gegenüber standen die im ganzen Land verehrten Gottheiten. Seit dem Alten Reich kam dem falkenköpfigen Gott Horus, dessen Augen als Sonne und Mond galten, als Himmelsgott eine besondere Stellung zu. In enger Verbindung zu ihm stand der Sonnengott Re, der mit Horus zu Re-Harachte (»Horus im Horizont«) verschmolz. Der Hauptkultort des Re war Heliopolis und im Alten Reich erlangte die Sonnenverehrung einen hohen Stellenwert; zahlreiche Sonnenheiligtümer wurden errichtet.

Ein ausgesprochen rätselhafter Gott ist Seth, der in der Gestalt eines nicht definierbaren, vielleicht eselartigen, Tieres dargestellt wurde. Er war ein Gott der Wüste, des Sturms und des Unwetters und der Widersacher und Bruder des Horus. Eine zentrale Rolle spielt er im Mythos von Tod und Wiedergeburt des Osiris. Dieser war der Gott des Totenreiches und der Vegetation. Seine mythische Ermordung durch Seth und die anschließende Wiederauferstehung (siehe nächste Doppelseite) waren zentrales Thema der ägyptischen Religion und symbolisierten den Kreislauf der Natur sowie die Wiedergeburt der Toten im Jenseits. Dort wird jeder Tote (sofern die richtigen Vorbereitungen getroffen wurden) wiedergeboren und damit wesensgleich mit Osiris.

Ein weiterer Gott mit starker Beziehung zum Totenreich war der schakalköpfige Anubis, der Herr der Totenstadt. Ebenfalls einen Bezug zum Jenseits, nämlich zum Totengericht, hatte der in Hermopolis verehrte Gott Thot mit der Gestalt eines Ibis oder eines Pavians. Er galt als weiser Gott, als Bringer von Wissenschaft und Schrift und als ihr Schutzherr.

Unter den weiblichen Gottheiten ragt Isis, die Gattin des Osiris und Mutter des Horus, hervor. Sie war sowohl Himmelsgöttin als auch Schutzherrin der Begräbniszeremonie. Daneben galt sie als Beschützerin der Ehe und der Kinder und darüber hinaus als zauberkundig. Sie war die (göttliche) Mutter eines jeden Pharaos, galten diese doch als Verkörperung des Horus. Ihr nahezu gleichgestellt war Hathor, die »Himmelskuh«, die in Kuhgestalt oder mit Kuhhörnern dargestellt wurde. Sie beschützte König und Königin, aber auch alle weiblichen Tätigkeiten. In ihrem Kult spielten Musik und Tanz eine große Rolle.

Warum gab es in Ägypten tierähnliche Götter?

Weil Menschen der Vorzeit in Tieren oft göttliche Eigenschaften bewunderten. Da die Religion Ägyptens tief in der Vorgeschichte wurzelte, verweisen viele ihrer Merkmale auf diese Tradition. So war der Falke das Symbol des Himmels und der Sonne, im Löwen spiegelte sich die Wildheit wider und die Kuh symbolisierte die gebärende Muttergöttin. Später nahmen dann Göttergestalten neben anderen Eigenschaften auch Merkmale bestimmter Tiere an.

Welche Rolle spielte der Pharao?

Er war der oberste Priester und besaß einen göttergleichen Status. Seit dem Alten Reich wurde der Pharao mit Horus identifiziert, ab der 4. Dynastie galt er gleichzeitig als Sohn des Re, später Amun-Re. In dieser göttlichen Stellung herrschte er über das Land und war der Garant der kosmischen Ordnung (Ma'at). Somit war er auch religiöses Oberhaupt des Landes und sorgte für die Einhaltung der den Göttern geschuldeten Riten und Opfer. Im architektonischen Aufbau der dafür vorgesehenen Tempel spiegelt sich die ganze Symbolik der ägyptischen Weltordnung wider. So symbolisiert die mit Sternen bemalte Decke das Himmelsgewölbe und die großen Säulensäle – etwa in Abydos – die mit Osiris verbundene Vegetation, das Papyrusdickicht. Der außerhalb des Tempels angelegte künstliche Teich steht für den Ur-Ozean.

Wie wirkten Ägyptens Kulte in der Geschichte nach?

Die religiösen Vorstellungen der Ägypter wirkten in hohem Maße auf die griechische und die römische Welt ein, was besonders in den Jenseitsvorstellungen der griechischen Orphiker und der Verbreitung des Isis-Kultes über das ganze Römische Reich deutlich wird.

Die altägyptische Ikonografie blieb sogar bis ins Christentum erhalten: In den frühen koptischen Darstellungen der Jungfrau Maria mit dem Kind erkennen Kunsthistoriker viele Merkmale der Darstellung der Isis mit dem Horusknaben.

Wussten Sie, dass …

man die ägyptische Frühgeschichte in drei Phasen einteilt? Dem Alten Reich (2755 bis 2255 v. Chr.) folgte das Mittlere Reich (2134 bis 1784 v. Chr.) und diesem das Neue Reich (1570–1070 v. Chr.).

eine besonders kämpferische Gottheit weiblich war? Die löwenköpfige Göttin Sachmet (»die Mächtige«) war wild und gefährlich und unterstützte den Pharao im Kampf gegen seine Feinde. Ihr friedlicheres Pendant bildet die Katzengöttin Bastet.

Die Mythen der Ägypter: Atum, Ptah, Osiris

Was kennzeichnet den ägyptischen Schöpfungsmythos?

Es gibt ihn in verschiedenen Varianten. Den altägyptischen Schöpfungsmythos kennt man in drei Hauptversionen, die jeweils mit einer bestimmten Stadt – Heliopolis, Memphis und Hermopolis/Theben – und der dort herrschenden Gottheit verbunden sind.

Als Urgott von Heliopolis galt Atum oder Chepre; beide wurden auch mit dem Sonnengott Re gleichgesetzt. Die Entstehung der Welt erklärte man sich in Heliopolis so: Aus dem Urozean, der Nun genannt wurde, erhob sich das erste Land, der Urhügel. Diesen Urhügel betrachtete man entweder als identisch mit dem aus sich selbst entstandenen Urgott Atum oder als den Ort, an dem er zuerst erschien. Jedenfalls erschuf Atum in Heliopolis den Gott Schu, die Luft, und die Göttin Tefnut, die Feuchtigkeit, und zwar durch Masturbation oder Ausspeien. Die wiederum zeugten durch ihre Vereinigung weitere Götter, nämlich den männlichen Geb, der für die Erde stand, und die weibliche Nut, die den Himmel symbolisierte. Anfänglich vereint, wurden Erde und Himmel durch Schu getrennt. Dieser Vorgang wurde oft bildlich dargestellt, wobei Schu auf Geb steht und mit beiden Händen die sich darüberbeugende Nut stützt. Geb und Nut zeugten ihrerseits vier Kinder, die Götterpaare Osiris und Isis sowie Seth und Nephthys. Damit war die so genannte Götterneunheit von Heliopolis vollständig.

Worin unterschieden sich die anderen Schöpfungsmythen?

In Memphis wurde der Gott Ptah ins Zentrum des Geschehens gerückt. Er erschuf den Gott Atum, der seinen Willen auszuführen hatte. Als Gott der Schöpfung brachte Ptah auch die Kultur zu den Menschen; er galt als Schutzherr der Künstler.

Völlig neu in der memphitischen Theologie war das gedankliche Konzept zum Ablauf des Schöpfungsprozesses. Der Schöpfungsgedanke entstand nach dieser Vorstellung im Herzen des Gottes Ptah, und die Schöpfung manifestierte sich allein durch das Aussprechen dieses Gedankens. Somit wurde die Erschaffung des Kosmos ausschließlich durch die schöpferische Kraft der Worte und der Gedanken eines einzigen Gottes vollzogen.

Die dritte Hauptrichtung der Kosmogonie ist die von Hermopolis/Theben. Sie ist zwar durch Texte aus Theben überliefert, aber wohl schon früher in Hermopolis ausgeformt worden. Danach erschufen vier Götterpaare, von denen die männlichen Gottheiten mit Fröschen, die weiblichen mit Schlangen identifiziert werden, die Sonne, die auf einer Lotosblüte aus dem Urmeer auftaucht. Die Namen der vier Götterpaare, je ein männlicher und ein weiblicher, stehen für abstrakte Begriffe: Nun und Naunet für den Urozean, Huh und Hauhet für die Unendlichkeit, Kuk und Kauket für die Finsternis oder Lichtlosigkeit, Niau und Niaut für das Nichts. Das letzte Paar wird auch durch Amun und Amaunet, das Unsichtbare oder die Luft, ersetzt.

Was erzählt der Osiris-Mythos?

Der wichtigste altägyptische Mythos ist der des Gottes Osiris. Danach war Osiris von seinem Bruder Seth, dem Gott der Wüste, angegriffen worden und starb in der Nähe der Stadt Abydos. Seine Gattin Isis und Seths Gattin Nephthys fanden die Leiche. Durch die Abhaltung der magischen Totenriten erwachte Osiris teilweise zum Leben und Isis wurde schwanger. Dann wurde Osiris begraben.

Seth verfolgte Isis, die sich aber in den Papyrussümpfen des Nildeltas vor ihm verbergen und das Kind Horus gebären konnte. Isis musste sich ihren Lebensunterhalt als Spinnerin verdienen. Seth bedrohte das Kind mit allen Mitteln, setzte dabei auch Giftschlangen und Skorpione ein, denen Horus aber dank der magischen Fähigkeiten seiner Mutter entging.

Als er erwachsen war, sprach ihm die Götterneunheit die Rechte seines Vaters zu und er bestieg den Thron. Da Seth den Spruch der Götter nicht hinnehmen wollte, kam es zum Kampf zwischen ihm und Horus. Im Kampf gewann Seth zunächst die Oberhand und riss Horus ein Auge heraus. Doch schließlich siegte Horus, nahm sein Auge an sich und gab es Osiris, der dadurch wiedererweckt wurde. Allerdings trat er seine Königsherrschaft nicht wieder an, sondern wurde zum Herrn des Totenreichs. Der besiegte Seth wurde von den Göttern seiner Bestrafung zugeführt.

Wie wurde Seth bestraft?

Dazu gibt es unterschiedliche Quellen. Einmal wird Seth in die Barke verwandelt, mit der Osiris den Nil befährt, was seine Unterwerfung symbolisiert. In einer anderen Fassung übergibt man ihn dem Henker, der ihn regelrecht zerstückelt. Trotzdem kommt es nicht zur endgültigen Vernichtung des Seth, da auch er und die Macht, für die er steht, einen festen Platz im ägyptischen Universum einnehmen.

Was verrät uns die Bauweise der ägyptischen Tempel?

Das Bauschema der Tempel ist eine symbolhafte Umsetzung mythischer Traditionen in Stein. Das Tempeltor war von zwei Pylontürmen gesäumt. Dahinter befand sich ein von einem Säulenumgang umschlossener Hof. Daran schloss sich ein von Säulen getragener Saal an, hinter dem sich das Allerheiligste befand. Die Säulen symbolisierten den Papyrus des Ursumpfs der Weltentstehung oder das Papyrusdickicht, in dem Horus geboren wurde. Das mit Sternen geschmückte Dach symbolisiert das Himmelsgewölbe, das Allerheiligste den Urhügel und der künstliche Tempelteich den Urozean Nun.

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Amun nach einem weiteren Mythos aus einem »Urei« geschlüpft ist? Dieses hatte die Himmelsgans, der »große Schnatterer«, fallen gelassen.

nach einer anderen Version die Menschen aus den Tränen des Sonnengottes hervorgegangen oder vom Gott Chnum auf der Töpferscheibe geformt worden sind?

die meisten ägyptischen Mythen nur bruchstückhaft oder durch Anspielungen in anderen Texten überliefert sind?

Die Religion der Kanaanäer: Von El zu Jahwe

Welchen Gott verehrten die Kanaanäer?

Sie verehrten mehrere Götter. Das Volk der Kanaanäer war von semitischer Herkunft und siedelte seit dem 3. vorchristlichen Jahrtausend im heutigen Palästina. Als Teil des phönizisch-syrischen Kulturgebietes verehrten sie dieselben Götter wie die Menschen im phönizischen Tyros, im syrischen Emesa oder im nordafrikanischen Karthago.

Die religiösen Vorstellungen sind uns leider nur fragmentarisch überliefert. Neben dem Alten Testament und einigen phönizischen Inschriften zählen die im Jahr 1929 entdeckten mythologischen Texte aus Ugarit zu den wichtigsten Quellen, die uns interessante Einblicke in die Religion der Kanaanäer gestatten.

Obwohl die Bibel viele Geschichten erzählt, in denen sich die Juden der heidnischen Vielgötterei erwehren mussten, finden sich auch in der Religion der Israeliten immer wieder Aspekte – in diesem Fall die Vielgötterei –, die sich auf Einflüsse ihrer vorgeblichen Widersacher zurückführen lassen.

Welcher Gott hatte für die Kanaanäer die größte Bedeutung?

Für die polytheistischen Kanaanäer gab es eine göttliche Vaterfigur – den Schöpfergott El. »El« ist das westsemitische Wort für »Gott« und bezeichnete bei den Kanaanäern den Vater aller Götter und Menschen. Man verehrte ihn als »Schöpfer der Erde«, als »Oberhaupt des Götterhimmels« und als »Stier, der das Universum erschaffen hatte«. Er galt als gutmütig und barmherzig, zugleich aber auch als schwach und zaudernd. Deshalb wurde er schließlich durch Baal vom Himmelsthron gestoßen.

El hatte zwei Gattinnen. Die Göttin Ascherat, die mit Astarte oder Tanit gleichgesetzt wird, war die »Mutter der Götter«, und man verehrte sie auch als Shahar (»Morgenstern«). Als besonderes Attribut hielt sie zwei Kultbäume oder Pfähle in den Händen. Möglicherweise sind die Kultpfähle, die später in der Bibel erwähnt werden (2. Kön 21,7; 23,6), ein Hinweis auf Ascherat und damit auf die Tatsache, dass ihr Kult auch noch im Jahwetempel ausgeübt wurde. Els zweite Gattin und zugleich seine Tochter war die blutrünstige Anat, Göttin der Liebe und des Krieges. Man verehrte sie auch als Shalim (»Abendstern«).

Wie wurde El schließlich entmachtet?

Durch Baal. Baal bedeutet »Herr« und war als einziger der Götter kein Sohn Els, sondern ein Sohn des Wettergottes Dagan, dem späteren Nationalgott der Philister. Nachdem er El vom Himmelsthron verdrängt hatte, nahm er Anat zu seiner Gefährtin. Seitdem wurde er als »Fürst und Herr der Erde« angebetet. Der Gott Jamm war als Gott des Meeres der Erstgeborene Els und machte deshalb Baal seine Herrschaft streitig. Nach einem Zweikampf wurde er von Baal getötet.

Der Gott Mot war der große Widersacher Baals und Herrscher der Unterwelt. Baal forderte Mot heraus und stieg in die Unterwelt, wo er starb. Aus Rache tötete Anat Mot und zerstückelte seinen Leichnam. Nach sieben Jahren wurden beide wiedererweckt und Mot musste Baals Herrschaft anerkennen.

Wann kam es in Kanaan zum Monotheismus?

Ab 1200 v. Chr. Mit der Besiedlung Kanaans durch die Israeliten kam es zu einer Gleichsetzung des israelitischen Stammesgottes Jahwe mit dem kanaanitischen Gott El. Seit dieser Zeit bezeichnet man Jahwe beispielsweise auch als El Olam (»Gott der Ewigkeit«). Selbst zwischen Jahwe und der Gottheit Baal gab es ursprünglich eine Verbindung, und gottergebene Israeliten wie Gideon (Ri 6,32) nannten sich Jerubbaal (»Baal kämpft«). Erst später wurde Baal zum verhassten Symbol für Heidentum und Götzenkult.

Wie lebte die alte Religion im Judentum fort?

Besonders ein Beispiel verdeutlicht den Einfluss des kanaanitischen Kultes auf das Judentum: Im Tempel des Salomo stand bis ins 7. vorchristliche Jahrhundert wahrscheinlich ein Kultbild der Göttin Ascherat, die man möglicherweise als Gemahlin oder weiblichen Aspekt Jahwes verehrte. Doch auch die Anlage von Heiligtümern und die Abhaltung von bestimmten Opferriten, wie beispielsweise Brandopfern, kann man auf Einflüsse aus dem phönizisch-syrischen Bereich zurückführen. Selbst die israelischen nabi (Propheten) haben wahrscheinlich ihre Vorbilder bei den asketischen nabiim des Baalkultes.

Wie weit ging der Opferkult im phönizischen Kulturkreis?

Das ist unterschiedlich. Während man bei den Kanaanäern wohl nur Tiere opferte, ging man in Karthago weiter. Im 1. Jahrhundert v. Chr. berichtete der griechische Schriftsteller Diodor, dass die Karthager in Krisenzeiten ihren Göttern Kinder opferten, um sie gnädig zu stimmen. Später beschrieb der in Karthago ansässige Kirchenschriftsteller Tertullian Ähnliches. Als man dann in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts einen Obelisken fand, auf dem ein Priester ein Kind in den Armen trug, verdichteten sich die Gerüchte zu einer grausigen Vermutung. Eine Inschrift, die unter Opfergaben 200 Kinder auflistete, erhärtete die Spekulation. Schließlich fand man bei archäologischen Grabungen Tausende von Urnen und es stellte sich heraus, dass die Bestatteten nicht älter als zwölf Jahre waren. Die Begräbnisstelen trugen das Symbol der Stadtgöttin Tanit von Karthago, der man die Kinder wahrscheinlich als Opfer dargebracht hatte.

Wussten Sie, dass …

zum Pantheon der kanaanäischen Götter auch Reshef und Moloch gehörten? Reshef galt als Gott von Seuchen und Unheil. Hinter Moloch verbirgt sich der hebräische Molech, von dem in der Bibel berichtet wird, dass ihm Kinderopfer auf einem großen Herd dargebracht wurden (2. Kön 16,3; 2 Chr. 33,6). Im phönikisch-syrischen Bereich war er jedoch ein Begriff für »Ersatzopfer«: Statt eines Kindes opferte man ihm ein Tier.

Das religiöse Leben der Griechen: Opfer und Orakel

Welcher griechische Gott hatte welchen Einflussbereich?
Zeus Blitz und Donner, Gewitter
Poseidon Meer, Erdbeben
Hera Ehe
Hephaistos Feuer, Metall, Schmiedekunst
Hades Totenreich
Demeter Fruchtbarkeit, Wachstum, Landwirtschaft
Athene Wissenschaft, Tapferkeit
Hestia Herdfeuer
Aphrodite Liebe
Ares Krieg
Apoll Kunst
Artemis Jagd
Dionysos Rausch, Wein
Helios Sonne
Gaia Erde
Uranos Himmel
Kronos Zeit
Selene Mond
Okeanos Gewässer

Warum hatten die Griechen so viele Götter?

Wegen der Vielzahl der Naturerscheinungen. Wie viele andere Religionen hat auch die griechische ihren Ursprung darin, dass die Menschen versuchten, sich ihre Umwelt zu erklären und sie zu domestizieren. Phänomene wie Blitz und Donner, das Wachstum der Pflanzen, das Beben der Erde waren den Menschen unerklärlich. Man vermutete höhere Gewalten als Ursache. Diese waren zunächst abstrakt und unpersönlich. Doch durch das menschliche Bestreben, mit ihnen umgehen, sie beeinflussen zu können, gewannen sie an Persönlichkeit. So wurde Zeus der Gott, der die Blitze warf. Diesen personalen Göttern wurde in ihren Kultbildern ein menschliches Erscheinungsbild gegeben.

Wann bekamen die Götter menschliche Wesenszüge?

Zwischen 1200 und 900 v. Chr. Mit der Entwicklung hierarchisch geordneter Stadtstaaten entstand die so genannte homerische Religion, in der die Götter nicht nur eine menschliche Gestalt, sondern auch menschliche Wesenszüge erhielten und wie die Menschen in einer strengen Hierarchie lebten. Sie waren Gefühlen und Leidenschaften unterworfen, liebten, hassten, waren voll Neid oder Mitleid. Sie waren wie die Menschen und verkehrten mit ihnen, mit dem Unterschied, dass sie mächtige und unsterbliche Götter waren.

Die Götter pflegten auch untereinander Beziehungen, lebten in Familien, zeugten Kinder, betrogen, bekämpften und unterstützten einander. Die Götter spannten den ganzen Kosmos auf. Apoll war für die Kunst zuständig. Athene förderte die Wissenschaft. Hera schützte die Ehe. Poseidon beherrschte das Meer. Hades regierte das Totenreich. Die Welt bestand aus göttlichen Wirkungen und das Leben der Menschen orientierte sich an den Göttern. Nach griechischer Überzeugung hatten sich die Götter den Gipfel des Berges Olymp als ihren Sitz auserwählt.

Wie wurden die Götter verehrt?

Durch Opfer und Gebete. Die Götter waren von diesen Opfern abhängig und wetteiferten darum. Vernachlässigten die Menschen ihre Huldigung, zürnten die Götter und brachten Leid und Unglück über die Welt. Die Einhaltung der Regeln zur Verehrung der Götter war von größter Wichtigkeit. An bestimmten Orten waren sie besonders gegenwärtig und den Menschen zugänglich. Solche Orte konnten Quellen, Haine oder Blitzmale sein. Hier entstanden die großen Heiligtümer.

Mächtige Priesterschaften entwickelten sich, die wegen ihrer besonderen Nähe und Vertrautheit mit den Göttern großen sozialen und politischen Einfluss genossen. Alle Bereiche des Lebens wurden in den Kult integriert. Für alle Situationen gab es einen Gott und einen Kult.

Jede Stadt hatte ihr Heiligtum, in dem die Gottheit verehrt wurde, der sich die Stadt besonders verpflichtet fühlte. Der Kult dieser Gottheit gehörte zu den Bürgerpflichten. Von Staats wegen wurden aufwändige Gottesdienste begangen.

Welche Funktion erfüllten die Orakel?

Sie sollten dabei helfen, den Willen der Götter zu enthüllen und Handlungsanweisungen für Fragen aller Art zu geben. Die Priester wussten, wie ein heiliger Bezirk eingegrenzt werden musste, den auch die Götter respektierten, wie ein Opfer darzubringen war, damit es das Wohlgefallen der Götter fand, und welche Zeichen die Götter an den Eingeweiden der Opfertiere anbrachten, wenn sie vor Unheil warnen wollten. Im Vogelflug offenbarten die Götter ihren Willen, und ausersehene Priester wie die Pythia von Delphi konnten diesen Willen in ekstatischen Zuständen erfassen.

Die Priesterschaft von Delphi bestand aus gebildeten Personen, die in ihren Ratschlägen beträchtliche Kenntnisse der jeweiligen politischen Situation unter Beweis stellten, ohne sich dabei eindeutig festzulegen. Gerne hielten sie ihre Orakelsprüche zweideutig. Als der König Krösus fragte, ob es klug wäre, seine Nachbarn anzugreifen, prophezeite das Orakel, wenn er den Grenzfluss Halys überschreite, würde er ein Reich zerstören – gemeint war sein eigenes, wie sich dann herausstellte. Das Orakel von Delphi wurde in allen Fragen privater und öffentlicher Art zu Rate gezogen. Es stellte eines der Elemente dar, die die gesamte griechische Staatenwelt einte und verband.

War die Olympiade auch ein religiöses Ereignis?

Ja. Die Spiele fanden alle vier Jahre in Olympia, einem Heiligtum des Zeus, statt. Diese Wettkämpfe aller Griechen waren weit mehr als nur ein sportlicher Wettbewerb, sondern hatten eine konkrete religiöse Funktion. Die Olympischen Spiele waren dem Zeus geweiht, und die erbrachten Leistungen stellten ein Opfer dar.

Welche weiteren Götterkulte gab es?

Allgemein galten Gesang, Dichtung, Tanz und Schauspiel als Gottesdienst. In Athen waren auch die Dramenwettbewerbe eine religiöse Aufgabe. Man wollte jeden Bereich des Kosmos positiv beeinflussen. Die Götter mussten am Glück der Menschen beteiligt werden, damit sie dann auch Unheil von ihnen fernhielten.

So erzählt Herodot die Geschichte vom Ring des Polykrates. Polykrates, der erfolgreiche und weithin anerkannte Herrscher von Samos, opferte einen besonders kostbaren Ring, den er ins Meer warf, damit die Götter nicht auf sein Glück neidisch würden. Als einige Zeit später der Ring in einem Fisch gefunden wurde, den man für Polykrates gefangen und zubereitet hatte, war die Betroffenheit groß. Die Götter hatten diesen Tribut nicht angenommen und Polykrates stürzte folgerichtig ins Unglück.

Worauf gründete sich das Rechtsempfinden?

Die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens wurden durch göttliche Autorität bekräftigt. Damit war die griechische Religion nicht allein. Auch die zehn Gebote des alten Testamentes enthielten die Bestimmungen zum Erhalt des sozialen Zusammenlebens und waren genauso Gottes Auftrag wie das göttliche Recht der Griechen.

Die griechische Mythologie liefert zahlreiche Beispiele für das göttliche Recht und die Folgen seiner Missachtung. Medea, die Tochter des Königs von Kolchis, half ihrem Geliebten Jason, das Goldene Vlies zu stehlen. Darin lag ein Frevel. Medea wurde vom Schicksal dafür bestraft. Jason heiratete sie, wandte sich aber einer anderen zu, und Medea tötete aus Verzweiflung und Eifersucht die gemeinsamen Söhne. Die Griechen sahen darin die Strafe für Jasons Frevel und Verrat.

Konnte man das Schicksal beeinflussen?

Nein. Das Schicksal war in der Vorstellung der Griechen eine allmächtige Instanz, der man nicht entrinnen konnte. Der Sagenzyklus um die Familie des Agamemnon führt dies besonders eindrucksvoll vor Augen.

Agamemnon, der König von Mykene, war der Anführer der Expedition gegen Troja. Weil die Götter durch widrige Winde die Abfahrt verhinderten, beschloss Agamemnon, seine Tochter Iphigenie der Göttin Artemis zu opfern. Seine Frau Klytämnestra wusste nicht, dass das Mädchen gerettet worden war und tötete mit ihrem Geliebten Aigystos den Gemahl nach dessen Rückkehr aus Troja. Ihre Tochter Elektra brachte ihren Bruder Orestes dazu, den Mord am Vater zu rächen und die Mutter und ihren Liebhaber zu töten. Keiner der Beteiligten konnte sich den Verstrickungen und der Schuld entziehen.

Wen traf das Schicksal besonders hart?

Außerordentlich eindrucksvoll ist das Schicksal des Ödipus. Seinen Eltern war prophezeit worden, dass ihr Kind seinen Vater töten und seine Mutter heiraten würde. Die Eltern ließen das Kind aussetzen, es wurde gefunden und aufgezogen. Der junge Mann erhielt später das gleiche Orakel wie seine Eltern und verließ sie erschrocken, um dieses Schicksal abzuwenden. Auf seiner Wanderung traf er seinen leiblichen Vater, ohne ihn zu erkennen, und erschlug ihn im Streit.

Er kam in seine Heimatstadt und wurde als Belohnung für die Hilfe, die er der Stadt gegen die Sphinx leistete, mit seiner Mutter, der Witwe des Königs, verheiratet und zum König gemacht. Zwar war dies vom Schicksal so vorgesehen, doch blieb das unwillentlich geschehene Unrecht bestehen. Das Paar hatte zwei Söhne und zwei Töchter. Ödipus und seine Mutter erfuhren von den Orakeln und Nachforschungen enthüllten die Wahrheit. Ödipus blendete sich und seine Mutter beging Selbstmord. Die Söhne töteten einander im Bruderkrieg.

War das Schicksal damit erfüllt?

Noch nicht. Antigone, eine der Töchter, wurde zum Tode verurteilt, weil sie dem abtrünnigen Bruder das Begräbnis nicht verweigern wollte – auch darin hätte ein Frevel gelegen. Der Fluch wirkte selbst eine Generation später noch.

Diese Beispiele sind charakteristisch für die Überzeugung der Griechen, einem mächtigen Schicksal unterworfen zu sein, dem auch die Götter nicht entgehen konnten. Die in der Mythologie beschriebenen Fälle stellen allesamt psychologische Grundsituationen dar. Sie illustrieren die menschlichen Triebe und Leidenschaften, denen sich niemand entziehen kann und die unausweichliches Unheil und Schuld über jeden Einzelnen bringen können.

Wussten Sie, dass …

Frevel an der Gottheit und ihren Heiligtümern ein Staatsverbrechen war? Das war nur logisch, denn eine zürnende Gottheit entzog der Stadt ihr Wohlwollen, und so war deren Bestand gefährdet.

zur Verehrung der Götter auch die Einhaltung des göttlichen Rechtes, Gastfreundschaft, die Achtung des Herdfeuers und Respekt vor den Eltern gehörte?

Wussten Sie, dass …

in Olympia nicht nur sportliche, sondern auch künstlerische Wettbewerbe stattfanden?

die Unausweichlichkeit, Schuld auf sich zu laden, wenn das Schicksal es so beschlossen hat, das zentrale Thema der griechischen Tragödie ist? Immer wieder tritt dort ein grausames Schicksal auf den Plan, das den Menschen in schuldhafte Taten verstrickt, ohne dass er sich dagegen wehren kann.

Wie setzte sich die Philosophie mit dem Schicksal auseinander?

Indem sie die Götter entthronte. Die Entwicklung der griechischen Philosophie, die richtungsweisend für die abendländische Philosophie und das wissenschaftliche Denken überhaupt wurde, wurzelte wesentlich in der Auseinandersetzung mit der Frage, wie der Mensch gut handeln und glücklich werden, also seinem bedrohlichen Schicksal entgegenwirken könne. Dies ist die letzte, späte Reaktion der Griechen auf das Bewusstsein, widrigen Mächten ausgeliefert zu sein.

Am Anfang dieser Entwicklung steht die Verehrung der Naturgewalten, die sich der menschlichen Beeinflussung entzogen. Mit Gebeten und Opfern sollten die Götter milde gestimmt werden. Die griechischen Naturphilosophen versuchten dann, die verschiedenen Erscheinungen der Welt zu ergründen und zu verstehen. Mit der anthropozentrischen Wende der Philosophie stellte sich der Mensch selbst in den Mittelpunkt seiner Suche und fand sich mit den gleichen Fragen und Problemen konfrontiert, die er schon den Göttern gestellt hatte. Damit war die antike Religion an ihren Schlusspunkt gelangt.

Die Mythen der Griechen: Von Gäa zu Prometheus

Wie vollzieht sich in der griechischen Mythologie die Schöpfung?

Anders als in den meisten Religionen ist in der griechischen Mythologie kein Schöpfergott an der Erschaffung der Welt beteiligt. Den griechischen Vorstellungen zufolge herrschte am Anfang der Zeiten das Chaos, ein Abgrund, aus dem sich schließlich die Erdmutter Gäa erhob. Gäa gebar aus sich selbst den gestirnten Himmel Uranos, die Gebirge und das Meer. Ihre anschließende Vereinigung mit Uranos bildete eine »heilige Hochzeit«, als deren Ergebnis die zweite Generation von Göttern, die Uraniden, galten. Zu ihnen gehörten die Titanen, von denen jeweils sechs männlicher und weiblicher Natur waren. Zu den männlichen Titanen zählten unter anderem Okeanos und Kronos, zu den weiblichen Tethys und Rhea. Außerdem gingen aus dieser Verbindung die drei einäugigen Kyklopen und die drei »Hundertarmigen« hervor. Uranos verfolgte seine Kinder mit Hass und verbarg sie im Bauch der Erde.

Damit sie sich am Vater rächen konnten, stellte Gäa ihren Kindern eine große Sichel zur Verfügung. Aber nur Kronos brachte den Mut zu Kampf und Rache auf. Er entmannte den Vater mit der Sichel. Aus dem Blut des Uranos, das auf Gäa herabströmte, gingen die Giganten und die drei Erinnyen, die wir als Rachegöttinnen kennen, hervor. Seine Geschlechtsteile wurden ins Meer geschleudert, wo ihnen, von weißem Schaum umgeben, die Liebesgöttin Aphrodite entsprang – »die Schaumgeborene«.

An Stelle des Vaters Uranos übernahm Kronos die Herrschaft. Er heiratete seine Schwester Rhea und zeugte mit ihr fünf Kinder: Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon. Als Kronos jedoch durch eine Weissagung erfuhr, dass er eines Tages ebenfalls von seinem Sohn entmachtet werden sollte, verschlang er seine Kinder.

Wann tritt »Göttervater« Zeus auf den Plan?

Zeus ist direkter Nachfahre des Kronos. Dessen Gemahlin Rhea brachte mit Zeus ihr sechstes Kind zur Welt, begab sich dann nach Kreta und versteckte dort das Neugeborene vor den Nachstellungen des misstrauischen Vaters in einer Grotte. Um Kronos zu täuschen, reichte sie ihm statt des Kindes einen in Windeln gehüllten Felsen, den er sofort verschlang.

Als Zeus zum jungen Mann herangereift war, zwang er Kronos, die Geschwister wieder auszuspeien. Damit begann der zehnjährige Kampf zwischen Zeus und den Titanen. Auf Gäas Rat hin befreite er die Kyklopen und die »Hundertarmigen« und schuf sich damit wichtige Verbündete. Die jüngere Göttergeneration gewann den Kampf, die Titanen wurden in den Tartaros gestürzt und dort von den »Hundertarmigen« bewacht.

War Zeus' Herrschaft damit gesichert?

Noch lange nicht. Es kam zu zwei weiteren Versuchen, ihm die Macht zu entreißen:

Das Riesengeschlecht der Giganten, aus der Verbindung des Blutes von Uranos mit Gäa hervorgegangen, erhob sich gegen Zeus und seine Geschwister. Die gewaltige Schlacht zwischen Göttern und Giganten, Gigantomachie genannt, konnten die Götter nur mithilfe des Helden Herakles, Sohn des Zeus und der sterblichen Alkmene, gewinnen.

Der andere Angriff auf Zeus ging von Typhon aus, einem von Gäa und Tartaros gezeugten Ungeheuer, aus dessen Schultern 100 Schlangen und Drachenköpfe wuchsen. Aber Zeus setzte seine mächtigen Blitze als Waffe ein. Das Ungeheuer wurde in die Tiefen des Tartaros gestürzt, wo es sich allerdings nach wie vor im Toben furchtbarer Stürme und in Vulkanausbrüchen bemerkbar macht.

Erst jetzt war die Macht der neuen Göttergeneration endgültig gesichert und Zeus erlangte die Oberherrschaft über die drei kosmischen Zonen. Der Himmel war sein unmittelbarer Herrschaftsbereich, während seinem Bruder Poseidon das Meer und seinem Bruder Hades die Unterwelt zugesprochen wurden.

Von wem wurden die Menschen erschaffen?

Dazu gibt es mehrere Mythen. Nach dem einen ist die Entstehung des ersten Menschengeschlechts noch in die Herrschaftszeit des Kronos gefallen: Ein »goldenes Geschlecht« wurde, ebenso wie die Götter, aus Gäa geboren. Andere Überlieferungen berichten von der Erschaffung des Menschen aus Ton durch Prometheus.

Auch von der Neuerschaffung der Menschen, die durch eine von Zeus geschickte Sintflut vernichtet wurden, wird erzählt: Nur Deukalion, der Sohn des Prometheus, und seine Frau Pyrrha überlebten das Strafgericht in einer Arche. Als das Wasser zurückging, opferten sie dem Zeus und folgten der Aufforderung des Orakels, die »Gebeine ihrer Mutter« hinter sich zu werfen. Es handelte sich dabei um Mutter Erde und die auf ihr liegenden Steine. Die Steine, die Deukalion hinter sich warf, wurden zu Männern, bei Pyrrha wurden sie zu Frauen.

Welche Vorstellungen hatten die Griechen vom »Paradies«?

Das erfahren wir aus der »Theogonie« des Hesiod. Danach lebte das erste, rein männliche Menschengeschlecht unter der Herrschaft des Kronos noch als »Brüder« der Götter. Alles Lebensnotwendige erhielten sie ohne Arbeit und Mühe von der Erde. Unsterblich waren sie zwar nicht, aber ihr von Krankheit und Alter verschontes Leben verbrachten sie mit Feiern und Tanz.

Auf dieses »goldene Zeitalter« folgte das »silberne« mit einem Geschlecht, das schon in weniger paradiesischen Umständen lebte. Zeus erwartete Opfer von den Menschen. Als sie das versäumten, beschloss er ihre Vernichtung und erschuf das dritte, das »eherne« Menschengeschlecht, eine wilde, kriegslüsterne Horde, die sich selbst ausrottete. Danach erschien das Geschlecht der Heroen, von denen einige starben, andere auf den Inseln der Seligen am Rande der Erde angesiedelt wurden. Auf sie folgte das fünfte Geschlecht, als das sich die Griechen selbst verstanden.

Wer brachte die Kunst zu den Menschen?

Hier verweist die griechische Mythologie auf Prometheus, einen der Titanen, der sich aus den Kämpfen gegen Zeus herausgehalten hatte und nicht in den Tartaros verbannt wurde. Prometheus gilt als Kulturheros schlechthin. Er brachte den Menschen alle Kulturgüter, die Schrift, die Heilkunst, die Baukunst, die Förderung von Metallen und vieles mehr.

Allerdings griff er auch in die Beziehungen zwischen Göttern und Menschen ein. So betrog er Zeus bei einem Stieropfer, indem er ihm nur die Knochen überließ, während den Menschen das Fleisch und die Eingeweide blieben. Der erzürnte Zeus entzog den Menschen als Strafe den Gebrauch des Feuers. Doch der listige Prometheus entzündete einen Span am Feuer des Schmiedegottes Hephaistos, am Sonnenwagen oder gar am Blitz des Zeus – darüber sind sich die Quellen nicht einig – und brachte das Feuer in einem hohlen Pflanzenstängel zurück zu den Menschen.

Wurde Prometheus bestraft?

Nicht nur er, sondern auch die Menschen wurden fürchterlich bestraft. Zeus raste vor Zorn. Prometheus wurde an den Kaukasus geschmiedet, und jeden Tag flog ein Adler vorbei, der an seiner immer wieder nachwachsenden Leber fraß. Dem – noch immer rein männlichen – Menschengeschlecht schickte Zeus die erste Frau, Pandora, die eine Büchse mit sich trug, die alles Leid und Übel barg. Gegen den Rat seines Bruders Prometheus nahm Epimetheus Pandora zur Frau. Sie öffnete ihre Büchse und alles Unheil strömte heraus, nur die Hoffnung blieb zurück. Damit kommt Prometheus eine ambivalente Rolle zu, denn durch seine Taten kamen letztendlich sowohl die Segnungen der Kultur als auch das Unglück in die Welt.

Welchen Bezug hatten diese Mythen zur Realität?

Wie die Mythen aller Völker sollen auch die griechischen Mythen das Werden und Wesen der Götter und der Welt erklären. Im Wechsel der Göttergenerationen bildet sich auch die historische Situation ab, als die einwandernden Griechen und ihre Religion auf die altmediterrane Vorbevölkerung und ihre Religion trafen. Die Verschmelzung der alten und neuen religiösen Vorstellungen wird in den zahlreichen Ehen symbolisiert, die der griechische Göttervater Zeus mit Göttinnen einging, die einen Bezug zu Erde und Fruchtbarkeit hatten und somit für die vorgriechischen Erdgöttinnen standen.

Trotz des Siegs des griechischen Zeus verschwanden die alten Gottheiten und Kulte nicht ganz, sondern wurden in die griechische Mythenwelt integriert. So versteckte Rhea ihren neugeborenen Sohn Zeus vor dem Kinder verschlingenden Vater in einer Grotte im Berg Ida auf Kreta. Der Ort ging zweifellos zurück auf die heiligen Grotten in den altägäischen, nicht zuletzt kretischen Fruchtbarkeitskulten. Diese Grotten hatten dort als Orte von geheimen Mysterien-Initiationsriten eine wichtige Rolle gespielt.

Wussten Sie, dass …

der blutige Vorgang der Entmannung des Uranos die Trennung des Himmels von der Erde symbolisiert? Der Schöpfergott tritt damit den Rückzug in den Himmel an, von wo aus er nicht mehr in das Weltgeschehen eingreift.

dass die Kyklopen aus Dank für ihre Befreiung Zeus Donner und Blitz übergaben? Mit diesen mächtigen Waffen, mit denen Zeus fortan dargestellt wurde, gelang der Sieg über die Titanen.

Wie wurden uns die griechischen Mythen überliefert?

Dazu gibt es mehrere Quellen. Das älteste und bedeutendste Werk zu diesem Thema ist die um 700 v. Chr. entstandene »Theogonie« des Hesiod. Neben Homer ist Hesiod der erste namentlich bekannte Dichter der griechischen Geschichte. Über sein Leben ist nur das bekannt, was sich aus seinen Epen herauslesen lässt. So geht man davon aus, dass sein Vater aus Ionien, den von Griechen besiedelten Küsten Kleinasiens, stammte und sich im mittelgriechischen Böotien niederließ. Hesiods Herkunft aus dem kleinasiatischen Griechentum mag seine Vertrautheit mit den altorientalischen Mythenkreisen erklären, die sich in seinen Gedichten deutlich zeigt.

In der »Theogonie« beschrieb Hesiod den Ursprung der Götter, die verschiedenen Göttergenerationen, die Entstehung des Kosmos und des Menschengeschlechts. Daneben wird ihm auch eine Sammlung von landwirtschaftlichen Lehrgedichten, »Werke und Tage«, zugeschrieben, die ebenfalls Mythenstoffe beinhalten.

Welche älteren Mythen gingen in der griechischen Mythologie auf?

In den frühen Mythen der Griechen finden sich einige Motive aus der Mythologie des Alten Orients, die wohl über das griechisch besiedelte Kleinasien und den Handelsaustausch mit den Phöniziern in die griechische Welt gelangten. Ein anschauliches Beispiel liefert der hurritisch-hethitische Gott Kumarbi, der – wie der griechische Kronos – den Himmelsgott Anu entmachtet und kastriert, aber dann seinerseits die Herrschaft an den Wettergott Teschup verliert. Aus Rache zeugt Kumarbi mit der Tochter des Meergottes ein Schlangenwesen, das unschwer als Vorbild für Typhon zu erkennen ist. Beide Ungeheuer werden schließlich von den Göttern vernichtet.

Wussten Sie, dass …

auch der Titan Atlas nicht in den Tartaros verbannt wurde? Er musste als Strafe fortan das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern tragen.

Prometheus viel später von Herakles befreit wurde, der den Adler, der ihm an der Leber fraß, mit einem Pfeil tötete?

Zeus zwar eine Gemahlin, Hera, hatte, aber daneben andere Verbindungen einging? So wurde er zum Vater zahlreicher Götter und Göttinnen, etwa von Apollon und Athene.

Prometheus: Auflehnung gegen die Götter

Welche Rolle spielte Prometheus in der griechischen Sage?

In der altgriechischen Sage hatte Prometheus die Aufgabe, aus Lehm Menschen zu formen und ihnen alle für das Überleben nötigen Gaben zu verschaffen. Prometheus, der Sohn des Titanen Iapetos und der Klymene, stahl dann das Feuer vom Himmel und brachte es auf die Erde. Für diesen Frevel ließ ihn der Göttervater Zeus grausam büßen: Prometheus wurde an einen Felsen geschmiedet, wo ein Adler täglich seine über Nacht immer wieder nachwachsende Leber aushackte. Herakles befreite Prometheus schließlich, indem er den Greifvogel mit einem Pfeil tötete.

Wie griff die Literatur das Thema auf?

Mit unterschiedlichen Gewichtungen. Der Dichter Äschylus (525/24–456/55 v. Chr.) griff in seiner Tragödie »Der gefesselte Prometheus« auf die Überlieferung in der Sage zurück, setzte aber entschieden andere Akzente. Die Vorgeschichte des Feuerraubs interessierte ihn nur noch am Rande. Im Mittelpunkt des Dramas steht der bereits gefesselte Prometheus. Er leidet zwar, aber er fügt sich nicht. Äschylus' Prometheus verkörpert zum ersten Mal das Widerstehen gegen Tyrannengewalt. In einer Art Rechenschaftsbericht verkündet er trotzig, wie er das Leben der Menschen erleichtert habe, indem er sie alle Fähigkeiten lehrte, auf die sich ihre Zivilisation gründet. Auflehnung gegen die Götter und kultureller Fortschritt sind hier die zwei Seiten einer Medaille.

Im 18. und 19. Jahrhundert traten genau die »fortschrittlichen« Facetten der Figur wieder in den Vordergrund. Während der Zeit der Aufklärung, des Sturm und Drangs und der Romantik geriet Prometheus zum Prototyp des selbstbewussten Bürgers, der sich von jeder Bevormundung befreite.

Wie verarbeitete Johann Wolfgang von Goethe den Prometheus-Mythos?

In der Ode »Prometheus« von 1774 zeigt Goethe (1749–1832), wie sich die beiden skizzierten Triebfedern – die zornige Abkehr von der unterdrückenden Macht und das selbstbestimmte Handeln – gegenseitig bedingen. Der Menschenschöpfer Prometheus aus der griechischen Mythologie verwandelt sich jedoch bei Goethe in den Typus des Künstlers. In einer Art zweitem Schöpfungsakt lehrt und erzieht er seine Figuren:

Hier sitz ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde

Ein Geschlecht, das mir gleich sei

Zu leiden, weinen

Genießen und zu freuen sich

Und dein nicht zu achten

Wie ich.

Zu einer Zeit, als die deutschen Territorien noch absolutistisch regiert wurden, war die von vielen ersehnte Autonomie des Individuums nur in einem eng gesteckten Rahmen denkbar: als Selbstverwirklichung des Künstlers. Die oben zitierte Schlussstrophe des Gedichts kann daher als Bild für eine unabhängige Existenz des Künstlers gedeutet werden, in der die politische Freiheit vorweggenommen scheint.

Welche anderen Aspekte spiegeln sich in der Figur des Prometheus?

Im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts gerieten auch die Schattenseiten des freien Künstlerlebens deutlicher in den Blick. Mal wurde das Getriebensein des Künstlers von seinen inneren Bildern als Gefahr gesehen, mal seine mangelnde soziale Absicherung und Einbindung. In seinem Drama »Der entfesselte Prometheus« (1820) setzte beispielsweise Percy Bysshe Shelley (1792–1822) der drohenden Vereinzelung des Individuums das Prinzip der Liebe entgegen. Prometheus wird hier mit so edlen Zügen ausgestattet, dass er am Ende sogar zum Retter der gesamten Menschheit wird.

André Gide (1869–1951) behandelte die Frage nach der Legitimation des Künstlers auf satirische Weise. In seinem Stück »Der schlecht gefesselte Prometheus« (1899) muss sich der Held die Unabhängigkeit nicht mehr erkämpfen. Ohne größere Anstrengung verlässt er seinen Felsen und schlendert über einen Pariser Boulevard.

Doch auch Gide will den Prometheus-Mythos nicht ad absurdum führen, sondern erneuern. Denn am Ende, so teilt uns der Erzähler mit, will sein moderner Göttersohn ein neues Buch schreiben.

Welche Bedeutung hatte Prometheus für Goethe?

Er identifizierte sich mit dem Titanen. Im 15. Buch von »Dichtung und Wahrheit« bezeichnet Goethe sein »produktives Talent« als seine eigentliche Lebensbestimmung: »Wie ich nun über diese Naturgabe nachdachte und fand, dass sie mir ganz eigen angehöre und durch nichts Fremdes weder begünstigt noch gehindert werden könne, so mochte ich gern hierauf mein ganzes Dasein in Gedanken gründen. Diese Vorstellung verwandelte sich in ein Bild, die alte mythologische Figur des Prometheus fiel mir auf, der, abgesondert von den Göttern, von seiner Werkstätte aus die Welt bevölkerte. Ich fühlte recht gut, dass sich etwas Bedeutendes nur produzieren lasse, wenn man sich isoliere.«

Wussten Sie, dass …

auch Franz Kafka (1883 bis 1924) den Prometheus-Stoff verarbeitet hat? In seinem kurzen Prosastück »Der Geier« (um 1920) wird der Erzähler von den Füßen aufwärts langsam zerhackt und erlebt schließlich seinen Tod als Befreiung.

Prometheus, als er einmal einen besonders schönen Menschen aus Lehm modelliert hatte, diesen nicht wie seine anderen Exemplare zu Zeus zur Begutachtung schickte? Er kannte die Vorliebe des Göttervaters auch für schöne Knaben ...

Der Minotauros: Grausame Menschenopfer

Wer oder was war der Minotauros?

Ein Ungeheuer, halb Mensch, halb Stier. Der Minotauros war das Ergebnis einer Verbindung zwischen Pasiphae, der Frau des kretischen Königs Minos, und dem Stier, den der Gott Poseidon dem Minos zur Bestätigung seiner Herrschaft gesandt hatte. Minos, über diesen Seitensprung alles andere als erbaut, beauftragte den attischen Baumeister und Erfinder Daidalos mit der Errichtung eines Bauwerks, dessen Inneres so verwirrend angelegt war, dass niemand es wieder verlassen konnte. In dieses Gebäude, das die Bezeichnung »Labyrinth« trug, verbannte Minos den Minotauros.

Worin bestand die Grausamkeit des Minotauros?

In der Tatsache, dass ihm Menschenopfer dargebracht wurden. Athen, das dem Herrscher Kretas tributpflichtig war, musste alle neun Jahre sieben junge Männer und Frauen zu König Minos schicken, die von diesem dem Minotauros zum Fraß vorgeworfen wurden.

Wie wurde er besiegt?

Durch List und Tapferkeit. Als der Tribut zum dritten Mal fällig war, erbot sich Theseus, der Sohn des Athener Königs Ägeus, mit nach Kreta zu reisen und dort den Minotauros zu töten. In Kreta angekommen, verliebte sich Theseus in Ariadne, die Tochter des Minos. Diese übergab ihm heimlich ein geweihtes Schwert sowie ein Wollknäuel, dessen Ende er am Eingang des Labyrinths befestigen sollte, damit er den Weg zurückfände.

Theseus folgte den Anweisungen Ariadnes, tötete den Minotauros und konnte sich danach tatsächlich aus dem Labyrinth befreien. Zusammen mit seinen Gefährten und Ariadne floh er von der Insel, nicht ohne jedoch vorher die kretischen Schiffe zu zerstören und so eine Verfolgung zu verhindern. Auf der Insel Naxos mussten sie jedoch Ariadne auf Geheiß des Gottes Dionysos zurücklassen, da dieser sie für sich erwählt hatte.

Bei der Weiterfahrt nach Athen vergaßen die Griechen das schwarze Segel der Trauer gegen eine weißes auszutauschen, wie es vor der Abfahrt aus Athen für den Fall des Erfolges verabredet worden war. Als der König aus der Ferne das schwarze Segel erblickte, nahm er deshalb an, dass sein Sohn Theseus tot sei und stürzte sich ins Meer, das seither nach König Ägeus »Ägais« heißt.

Hat die Minotauros-Sage einen realen Hintergrund?

Das wird allgemein vermutet. Der im Jahr 1899 von dem britischen Archäologen Arthur Evans (1851–1941) in Knossos entdeckte Palast erinnert mit seinen zahlreichen verwirrend angelegten Räumen an das Labyrinth des Königs Minos, der hier einst geherrscht haben soll. Die Ähnlichkeit mit dem aus der Überlieferung bekannten Gebäude war so verblüffend, dass der Entdecker die bislang unbekannte Kultur mit dem Begriff »minoisch« belegte.

Hinter der Sage rund um den kretischen König und den Helden Theseus scheinen sich, ähnlich wie bei dem Sagenkreis um Troja, tatsächliche Vorkommnisse zu verbergen, die man in groben Zügen umreißen kann. So ist etwa die Vorherrschaft Kretas im östlichen Mittelmeerraum, die sich auch auf Teile des griechischen Festlandes ausdehnte, von ungefähr 2000 bis 1500 v. Chr. erwiesen.

Auch die in der Sage beschriebene Zerstörung der kretischen Schiffe gibt einen deutlichen Hinweis auf die damalige Vorherrschaft der Seemacht Kreta und den Verlust eben dieser Macht, die ohne Schiffe nicht zu halten war. Dies mag indirekt ein Hinweis auf den Untergang der kretischen Hegemonie um 1500 v. Chr. sein, als ein Vulkanausbruch auf der Insel Thera Erdbeben und Flutwellen auslöste, die die nördliche Küste Kretas völlig verwüsteten. Schließlich symbolisiert der Sieg des Theseus die auf diese Katastrophe folgende Invasion der mykenischen Griechen nach Kreta und deren sich daran anschließende Herrschaft über die Insel.

Gab es auf Kreta tatsächlich Menschenopfer?

Möglicherweise. Die Existenz eines Ungeheuers wie des Minotauros gehört zwar in die Welt der Sagen, aber es ist offensichtlich, dass in der Kultur des minoischen Kreta der Stier eine große Rolle spielte. Dies beweisen die zahlreichen Stierdarstellungen in der minoischen Kunst. Aber wie auf in Knossos gefundenen Wandmalereien zu erkennen ist, waren die Kulthandlungen, in die die Stiere eingebunden waren, meist nicht blutiger Natur, sondern es handelte sich hierbei um ein von jungen Männern durchgeführtes akrobatisches Spiel.

Allerdings zeigen neuere Funde aus Kreta auch eine andere Seite der minoischen Religion, der Menschenopfer nicht fremd waren. Wenn diese auch bisher nicht in direktem Zusammenhang mit dem Stierkult nachgewiesen werden konnten, scheinen sie doch ausgeübt worden zu sein.

Wussten Sie, dass …

König Minos gemäß der griechischen Sage ein Sohn von Zeus und Europa ist?

die tatsächliche Existenz eines kretischen Königs Minos historisch bislang nicht nachweisbar ist? Trotzdem trägt eine ganze geschichtliche Epoche der Antike den Namen »minoisch«.

Woher stammt der Begriff Labyrinth?

Der Begriff Labyrinth leitet sich wahrscheinlich von dem vorgriechischen Wort »labrys« ab, was so viel wie Doppelaxt bedeutet. Diese Doppeläxte waren in der minoischen Kultur Kretas von hoher symbolischer Bedeutung und wurden in religiösen Kunstwerken häufig dargestellt. Ihre Symbolik entzieht sich weitgehend unserer Kenntnis, wahrscheinlich stellten sie unter anderem ein Attribut der »Großen Göttin« dar.

Die Doppelaxt war übrigens Attribut zahlreicher kleinasiatischer Gottheiten und Waffe der berühmten Amazonen. Sie stand als heiliges Zeichen somit in enger Verbindung mit dem auch als Tempel dienenden Palast von Knossos, was ihm die Bezeichnung »Haus der Doppelaxt« eintrug. Die verschachtelten Räume imitieren wohl zum Teil die labyrinthischen Höhlensysteme Kretas.

Das Trojanische Pferd: Ein Geschenk, das es in sich hat

Wie gelang es Odysseus, Troja einzunehmen?

Der Überlieferung des griechischen Dichters Homer zufolge eroberten die Griechen nach einer zehn Jahre dauernden vergeblichen Belagerung das an den Dardanellen gelegene Troja mithilfe einer kühnen List. Der für seine außerordentliche Klugheit bekannte griechische Heerführer Odysseus ersann demzufolge ein gewaltiges hölzernes Pferd, in dessen Körper griechische Krieger versteckt werden sollten. Nach dem vorgetäuschten Abzug der Griechen sollten diese dann aus dem in die Stadt gebrachten Pferd herauskommen und den in der Zwischenzeit heimlich zurückgekehrten Belagerern die Tore der Stadt öffnen. Es geschah wie geplant. Troja wurde erobert und niedergebrannt. Dieses Ereignis bildete den Höhepunkt und zugleich das Ende des Trojanischen Krieges.

Der Wahrheitsgehalt dieser Episode sowie der ganzen Erzählung vom Trojanischen Krieg ist seit gut 200 Jahren ebenso wie der durch keinerlei zeitgenössische Dokumente belegte Homer Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen und Auseinandersetzungen.

Hat der Trojanische Krieg tatsächlich stattgefunden?

Sicher nicht so, wie ihn Homer schildert. Im Lauf der Zeit gelang es durch textkritische, historische und archäologische Forschungen, ein einigermaßen stimmiges Bild von den Vorgängen rund um den Trojanischen Krieg zu zeichnen. Einen Meilenstein in der Erforschung dieser Ereignisse stellt das von Heinrich Schliemann entdeckte und ab 1870 zum Teil ausgegrabene Troja dar. Bis heute wurden mehr als zehn Siedlungsschichten entdeckt (Troja I–Troja X), die wiederum in über 40 Feinschichten unterteilt wurden.

Was ist der geschichtliche Hintergrund?

Der um 800 v. Chr. lebende Homer verarbeitete neben älteren Heldenepen auch historische Überlieferungen aus der mykenischen Bronzezeit. Wir wissen heute, dass in dieser Zeit vom mykenischen Griechenland aus eine rege Handels- und Kolonisationstätigkeit an der kleinasiatischen Westküste stattfand, die sowohl durch archäologische Funde als auch durch Berichte der kleinasiatischen Hethiter belegt ist. Die Griechen werden in diesen Texten Achijawa genannt, was den Achäern in der Ilias entspricht.

Weiterhin wird eine in der Nähe der Dardanellen gelegene Stadt Wilusa erwähnt, bei der es sich wohl um das Ilion (= Troja) der Ilias handelt. Es ist gut vorstellbar, dass die über die Dardanellen ins Schwarze Meer vorstoßenden Griechen in eine Auseinandersetzung mit der in dieser Region vorherrschenden Stadt geraten sind. Möglicherweise hängt die Zerstörung der Stadt der Schicht VIIa nicht mit den mykenischen Griechen, sondern mit den Wanderungen der sogenannten Seevölker zusammen. Es ist also nicht eindeutig erwiesen, ob die Schicht VIIa (um 1200 v. Chr.) in dem seit Schliemann ausgegrabenen Hügel wirklich die Stadt des Trojanischen Krieges darstellt.

Hat es das Trojanische Pferd wirklich gegeben?

Es gilt als ziemlich sicher, dass die Geschichte vom Trojanischen Pferd ein Mythos ist. Kriegslisten gehörten zwar im Altertum zur gängigen Praxis, doch dürfte bei der Entstehung dieser Fiktion vielleicht sogar eine ägyptische Erzählung (siehe Kasten) Pate gestanden haben. In diesem Zusammenhang vermuteten einige Experten, dass es sich bei dem Holzpferd um einen verschlüsselten Hinweis auf ein Seebeben handele, das die Stadt zerstört hatte. Die Kraft des Meergottes Poseidon, der im Epos auf der Seite der Griechen stand, würde demnach durch sein Symboltier – das Pferd – sichtbar gemacht.

Diese Auslegung könnte sich allerdings nur auf den Untergang der Stadt der Schicht VI beziehen, die tatsächlich durch ein Erdbeben zerstört wurde. Die am ehesten in Frage kommende Stadt der Schicht VIIa wurde allerdings nicht durch ein Seebeben, sondern durch Menschen vernichtet. Die historische Wahrheit wird noch längere Zeit ein Geheimnis bleiben.

Welche Vorbilder hatte Odysseus?

Aus der Zeit des Neuen Reiches ist aus Ägypten ein Märchen überliefert, das eine starke Ähnlichkeit zur Geschichte vom Trojanischen Pferd der Griechen aufweist. Dieser Legende nach eroberte ein General des ägyptischen Pharaos Thutmosis III. (1490–um 1436 v. Chr.) die in Palästina gelegene Stadt Joppe mithilfe einer List. Er versteckte in 200 Körben bewaffnete Soldaten und ließ sie als Tribut getarnt in die Stadt bringen. Dort kamen die Soldaten aus ihren Körben heraus und nahmen die Stadt unblutig in Besitz.

Wussten Sie, dass …

auf heimliche Weise in fremde Computersysteme eingeschleuste Spionageprogramme bezeichnenderweise »Trojaner« genannt werden?

die Ereignisse um das Trojanische Pferd bereits seit der Antike sprichwörtlich sind? Schon damals galt das Wort »Timeo danaos, sed dona ferentes« (»Ich fürchte die Danaer [Griechen], auch wenn sie Geschenke bringen«). Bei einem Präsent mit unangenehmer Nebenwirkung für den Beschenkten spricht man daher noch heute von einem »Danaergeschenk«.

Odysseus: Kriegsheimkehrer mit zehnjähriger Verspätung

Was erlebt der Held von Troja auf seiner Heimfahrt?

Auf seiner zehnjährigen Irrfahrt trifft Odysseus mit seinen Gefährten auf eine Vielzahl von gefährlichen Gestalten, eigenartigen Völkern und Ungeheuern. Zunächst stößt er auf das Volk der Lotophagen, die sich von Lotos ernähren. Dessen Genuss nimmt den Gefährten den Willen zur Weiterfahrt. Auf der Insel der Kyklopen traf er auf den einäugigen Riesen Polyphem, der einige von Odysseus' Begleitern auffraß und die übrigen mitsamt Odysseus in seiner Höhle einsperrte. Odysseus blendet den schlafenden Riesen und entkommt. Der tobende Kyklop ruft seinen Vater, den Meeresgott Poseidon, zu Hilfe. Von nun an verfolgt dieser Odysseus mit seiner Rache. Weitere Stationen sind ein kurzer Aufenthalt bei den Laistrygonen, Menschen fressenden Riesen, und die Insel der Zauberin Kirke, die seine Gefährten in Schweine verwandelt und ihn ein Jahr bei sich behält. Von hier aus dringt er in die Unterwelt vor, in der er vielen der vor Troja gefallenen Helden begegnet.

Welchen weiteren Gefahren trotzt der Held?

Seine Reise führt ihn zu den Sirenen, deren verführerischem Gesang er lauscht, ohne ins Verderben gezogen zu werden, da er sich an den Mast des Schiffes binden und den Gefährten die Ohren mit Wachs zustopfen lässt. Eine weitere Gefahr lauert in Gestalt des Strudels Charybdis und des sechsköpfigen Seeungeheuers Skylla, zwischen denen Odysseus sein Schiff hindurch manövriert. Bei der Rast auf einer Insel schlachten seine Gefährten die Rinder des Sonnengottes Helios, was Sturm und Schiffbruch zur Folge hat. Als einziger Überlebender strandet Odysseus auf der Insel der Nymphe Kalypso, wo er sieben Jahre bleibt. Dann verschlägt es ihn auf die Insel der Phäaken, und trotz der Liebe zur Königstochter Nausikaa bricht Odysseus nach Ithaka auf, wo heiratswillige Fürsten seine ihm treue Frau Penelope zu einer Wiederverheiratung drängen. Er kehrt unerkannt als Bettler heim und tötet mithilfe seines Sohns Telemach die Freier.

Ist Odysseus strahlender Held oder Schurke?

Bei Odysseus handelt es sich um einen fiktiven Helden, der mehr oder weniger fantastische Abenteuer zu bestehen hat. Homer macht Odysseus zum »guten« Helden, der zwar lügt und betrügt, doch nicht aus Selbstzweck, sondern aus Notwendigkeit. Spätere Historiker teilten diese Auffassung nur zum Teil. Sie bewerteten sein Handeln als ehrlos und verschlagen. Dennoch war er einer der populärsten Helden der Antike und wurde an mehreren Orten kultisch verehrt.

Hinter seinen Reisen und Taten verbirgt sich wohl auch eine Symbolik, die es zu entschlüsseln gilt. Die Gefahrenbewältigung demonstriert Können wie Geschicklichkeit und zeigt ihn als Führungspersönlichkeit, die neben körperlicher Kraft auch ihre Intelligenz zu nutzen weiß. Gerade die Konfrontation mit dem Kyklopen Polyphem stellt anschaulich die Grenzen der menschlichen Physis und den Sieg durch die Waffe des Geistes dar.

Welchen geschichtlichen Bezug hat die Irrfahrt?

Vieles, was in die »Odyssee« eingeflossen ist, spiegelt die Verhältnisse der Mittelmeerwelt in der Zeit von 1250 bis 800/750 v. Chr. wider. Obwohl auf den Untergang der mykenischen Paläste im 12. Jahrhundert v. Chr. die so genannten Dunklen Jahrhunderte folgten, hielt sich neben der Erinnerung an diese Kultur auch die an mykenische Handelsfahrten, die sich im Osten bis zur Küste Kleinasiens und im Westen bis nach Sizilien und Sardinien erstreckten. An diese Fahrten knüpften die kolonialen Unternehmungen der Griechen an, die im späten 9. Jahrhundert v. Chr. ihren Anfang nahmen. In der »Odyssee« erscheinen neben mythologisch verbrämten Völkern wie den Lotophagen oder den Phäaken auch historisch fassbare Völker. So erkennen wir in den in der »Odyssee« erwähnten Phöniziern die Konkurrenten der Griechen um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum.

Wann hat Homer gelebt?

Obwohl Geburtsort und Lebensdaten des blinden Dichters unbekannt sind, weshalb man auch schon an seiner Existenz gezweifelt hat, geht man davon aus, dass er im 8. Jahrhundert v. Chr. gelebt hat. Die Zeit Homers scheint zwar noch von Erinnerungen an die glanzvolle Epoche der mykenischen Paläste geprägt, wie man aus einigen Details und Beschreibungen in der »Ilias« ersehen kann. Doch die in der »Ilias« und »Odyssee« dargestellten Lebensumstände zeigen größtenteils die griechische Welt des 9. und 8. Jahrhunderts v. Chr., obwohl die in den Epen geschilderten (historischen) Ereignisse um 1200 v. Chr. angesiedelt sind.

Wussten Sie, dass …

die Homer zugeschriebenen Epen »Odyssee« und »Ilias« die ältesten Zeugnisse der europäischen Literatur darstellen?

die Gestalt des Odysseus nicht nur in der Antike von großem Interesse war? Der Held erscheint in Dantes »Inferno«, und auch James Joyce thematisiert die »Odyssee« in seinem 1922 erschienenen Roman »Ulysses«.

König Ödipus: Unausweichliches Schicksal

Worin besteht die Tragik des Ödipus?

Er ermordet seinen Vater und heiratet seine Mutter. Das tragische Schicksal des Königs Ödipus, der sich schuldlos – weil unwissend – mit den frevelhaftesten Verbrechen belädt, zählt heute zu den bekanntesten Mythen des antiken Griechenlands. Seit Jahrtausenden ist Thebens legendärer Herrscher Inspiration für Künstler, findet Widerhall in Philosophie und Psychologie.

Warum war Ödipus' Schicksal unabwendbar?

Das Schicksal war für die alten Griechen eine allmächtige Instanz, die das Leben unabänderlich vorherbestimmte. Ein Orakelspruch prophezeite König Laios von Theben, dass sein Sohn ihn töten und seine Gattin Iokaste – die eigene Mutter – heiraten werde. Als Iokaste einen Sohn zur Welt brachte, ließ Laios, um das Unheil zu verhindern, den Neugeborenen mit durchstochenen Füßen auf dem Berg Kithairon aussetzen. Dort wurde er jedoch von einem Hirten gefunden und entging so dem Tod. Der Hirte brachte den kleinen Ödipus (Schwellfuß) nach Korinth, wo ihn das Königspaar an Kindes Statt annahm.

Als das Delphische Orakel dem herangewachsenen Jüngling Ödipus weissagte, dass er seinen Vater ermorden und seine Mutter heiraten werde, verließ er eilig Korinth, um seine vermeintlich leiblichen Eltern nicht zu gefährden. Auf dem Weg nach Theben stieß er an einer Wegenge auf Laios und dessen Dienerschaft. Ödipus geriet in Streit mit seinem ihm unbekannten Vater und erschlug ihn – ein Teil der Prophezeiungen hatte sich somit erfüllt, trotz aller Anstrengungen, der Vorbestimmung zu entrinnen. In Theben angekommen, gelang es Ödipus, das Rätsel der Sphinx zu lösen und so die Stadt von dem grausamen Mischwesen zu befreien. Zur Belohnung wurde er zum König erhoben und bekam Iokaste – seine ihm unbekannte Mutter – zur Frau.

Wann kam der Frevel ans Licht?

Erst viel später. Ödipus und Iokaste verlebten eine glückliche Zeit, wurden Eltern jeweils zweier Söhne und Töchter. Aber dann kamen Pest und Hungersnot über die Stadt. Das Orakel von Delphi verkündete, dass die Ursache des Unheils der ungesühnte Mord an König Laios sei. Der Mörder müsse gefunden, die Bluttat gerächt werden. Ödipus ließ nach dem Mörder suchen, bis ihm der Seher Teiresias und der Sklave, der ihn einst aussetzte, die Wahrheit sagten. Voller Entsetzen nahm sich Iokaste das Leben und Ödipus stach sich die Augen aus, um sein Verbrechen zu sühnen. Aus Theben verbannt, zog er jahrelang mit seiner Tochter Antigone als Bettler durch die Fremde, bis er im heiligen Hain auf dem Hügel Kolonos Zuflucht fand und starb.

Zwei starke gesellschaftliche Tabus – Vatermord und Inzest – stehen im Zentrum der Sage. Wer sie bricht, wird aus der Gesellschaft ausgestoßen! Doch der Ödipus-Mythos birgt weitere Schichten: die Tragödie der schuldlosen Verstrickung in Schuld; die trotz aller Anstrengung vergebliche Flucht vor dem auferlegten Schicksal; die Verleugnung des eigenen Selbst. »Erkenne dich selbst!« stand am Tor zum Orakel von Delphi. Doch als Ödipus diesem Rat endlich folgt und sich selbst erkennt, ist das Unheil bereits geschehen. Es bleiben ihm nur noch die eigene Blendung und das Leben des Ausgestoßenen.

Wie war die Wirkung der Sage auf die Kunst?

Es gibt wohl kaum einen Stoff, der in der Kunst so häufig aufgegriffen wurde. Durch zusätzliche Elemente ausgeschmückt, wurde die Sage von dem griechischen Dramatiker Sophokles in dem Meisterwerk »König Ödipus« (vor 425 v. Chr.) verarbeitet. Aristoteles hat das Drama in seiner »Poetik« als Musterbeispiel der Tragödie angeführt. Weitere antike Dichter, Äschylos etwa, Euripides und der Römer Seneca, haben sich des Stoffs angenommen.

In der Neuzeit wurde das Thema immer wieder adaptiert, so im 17. Jahrhundert von Pierre Corneille und John Dryden, im 18. Jahrhundert von Voltaire. Besondere Faszination übte der Ödipus-Mythos im 20. Jahrhundert aus, inspirierte Igor Strawinsky zu seiner Oper »Oedipus Rex«, André Gide zu seinem Drama »Oedipe« und Jean Cocteau zu »La Machine infernale« (Die Höllenmaschine).

Was ist der Ödipuskomplex?

Nach dem Sagenkönig, der seinen Vater ermordet und die Mutter zur Geliebten nimmt, benannte Sigmund Freud ein wichtiges Stadium in der kindlichen Entwicklung: die ödipale Phase und den entsprechenden ödipalen Konflikt. Der psychoanalytischen Theorie zufolge trifft das Kind etwa im 4./5. Lebensjahr eine »inzestuöse Objektwahl« und rivalisiert mit dem gleichgeschlechtlichen um die Liebe des gegengeschlechtlichen Elternteils. Kinder drücken das bekanntermaßen so aus: »Wenn ich groß bin, heirate ich Mama/Papa«. Den Abschluss der ödipalen Phase bildet die kränkende Erkenntnis des Kindes, dass es im Wettbewerb mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil unterlegen ist. Indem es sich nun mit diesem identifiziert, macht es sich die Erkenntnis erträglicher.

Wussten Sie, dass …

die Ödipus-Adaptionen von Äschylos, Euripides und Seneca nicht erhalten sind? Der »Ödipus« des Sophokles sowie seine Dramen »Antigone« und »Ödipus auf Kolonos« sind also die zentralen Quellen für neuere Bearbeitungen.

auch Carl Orff ein Trauerspiel »Ödipus der Tyrann« komponiert hat? Es basiert auf einer sehr freien Übersetzung des Sophokles-Dramas durch Friedrich Hölderlin.

Das antike Rom: Staatstragender Glaube mit Integrationskraft

Woraus entwickelte sich die römische Religion?

In ihren Anfängen war die römische Religion noch recht archaisch. Jede Gottheit stand für einen bestimmten Lebensbereich – Vesta für das Haus, Ceres für Wachstum, Flora für die Blüte – und wurde niemals bildlich dargestellt. Man verehrte die Götter in heiligen Hainen oder Bezirken und brachte vor Altären Pflanzen- oder Tieropfer dar. Menschenopfer waren dagegen kein gängiger Bestandteil der römischen Religion. Dennoch wurden in den Katastrophenjahren 228 und 216 v. Chr., als das Römische Reich von Illyrern und von Hannibal bedroht war, jeweils Gallier und Griechen auf dem Forum Boarium lebendig begraben.

Welche neuen Elemente wurden aufgenommen?

Durch die Berührung mit der griechischen Kultur seit der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. änderte sich auch das Wesen der römischen Religion allmählich und die Gottheiten bekamen ein »Gesicht«. Mit der Schaffung von Götterbildern hielten die Götter Einzug in Tempel und die Gottheiten bekamen in zunehmendem Maße menschliche Züge, die man aus der griechischen Mythologie übernahm. Seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. hielten zudem auch orientalische Mysterienkulte Einzug in das Römische Reich.

Wie wurde die römische Religion reformiert?

Unter Kaiser Augustus erlebte sie eine Erneuerung, nachdem es während der Bürgerkriege des 1. Jahrhunderts v. Chr. zu einem rapiden Verfall der Staatsreligion gekommen war. Durch Reformen und Baumaßnahmen wurde der Staatskult wieder belebt und verfallene Tempel restauriert. Zugleich übernahmen alle Kaiser seit Augustus das höchste Priesteramt (Pontifex maximus) und der Kaiser selbst wurde im ganzen Reich zum Gegenstand religiöser Verehrung. Durch die »interpretatio romana« erhielt die römische Religion während der Kaiserzeit einen weiteren wichtigen Impuls. Fremden Gottheiten mit ähnlicher Funktion wie die eigenen Götter gab man den Namen der römischen Götter oder fügte diesen hinzu. So wurde aus dem keltischen Gott Taranis »Jupiter« oder aus dem keltischen Gott Grannus »Apollo-Grannus«.

Als im 3. Jahrhundert n. Chr. Krisen fast zum Zusammenbruch des Reiches führten, wandten sich die Menschen verstärkt östlichen Mysterienkulten zu. Hierbei gewann das Christentum trotz starker Verfolgung unter den Kaisern Decius, Valerian und Diokletian immer mehr an Bedeutung und entwickelte sich unter Kaiser Konstantin und seinen Nachfolgern zur Staatsreligion.

Wie war die römische Götterwelt strukturiert?

Die altrömischen Götter standen gleichberechtigt nebeneinander und waren das Abbild einer auf Ackerbau und Viehzucht gegründeten Gesellschaft. Neben Gottheiten wie Faunus (Wald) oder den Laren (Felder und Häuser) verehrte man Volturnus (Flüsse), Saturnus (Aussaat), Volcanus (Feuer) oder Mars (Krieg). Auch für Männer und Frauen gab es eine entsprechende Schutzgottheit (einen persönlichen Genius und Juno). Nur Jupiter kam als Himmelsgott eine herausragende Bedeutung zu, da er das Gemeinwesen schützte. Zusammen mit Juno und Minerva bildete er seit dem Beginn der Republik die »kapitolinische Trias« und ihr Tempel auf dem Kapitol in Rom war das religiöse Zentrum der Stadt.

Welche Gottheiten wurden importiert?

Mit der Ausweitung der römischen Macht in Italien übernahm man seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. auch Gottheiten, die von den Nachbarn der Römer verehrt wurden – so etwa die Gottheiten Minerva (Gewerbe), Diana (Jagd), Venus (Schönheit), Neptun (Meer) oder Fortuna (Glück). Durch die Berührung mit der griechischen Kultur kamen im 3. Jahrhundert v. Chr. Apollo (Heilung, Künste), Merkur (Reichtum, Gewinn) und Hercules (Verkehr) nach Rom.

Im Zuge der verheerenden Niederlagen gegen Hannibal bildete man im Jahr 217 v. Chr. eine Gemeinschaft aus sechs Götterpaaren, die seitdem als die zwölf großen Götter Roms verehrt wurden (Jupiter als oberster Gott und seine Gemahlin Juno, Neptun und Minerva, Mars und Venus, Apollo und Diana, Vulkan und Vesta, Merkur und Ceres). Als Vorbilder für ihre Statuen dienten die hochwertigen Schöpfungen der griechischen Bildhauerkunst. Während der Kaiserzeit betete man in den Nordprovinzen auch Gottheiten der Kelten und Germanen an.

Was versteht man unter Mysterienkulten?

Dabei handelt es sich um Kulte, denen etwas Geheimnisvolles und Fremdartiges anhaftet. Durch die römische Expansion im östlichen Mittelmeerraum kamen die Römer mit Gottheiten in Berührung, deren Verehrung ein Weiterleben der Seele im Jenseits versprach. Der Staat sah sich immer wieder gezwungen, die Ausübung dieser Mysterienkulte einzuschränken oder gar zu verbieten. Dem klassischen und traditionsverhafteten Römer waren diese Götter suspekt, dennoch nahm die Zahl der Gläubigen seit der ausgehenden Republik und in der Kaiserzeit rapide zu. Mit der Reichskrise im 3. Jahrhundert n. Chr. erlebten die Mysterienkulte ihre Blütezeit und wurden erst durch das Christentum verdrängt.

Welche Mysterienkulte gab es in Rom?

Der Kult der Kybele und des Attis war der erste Mysterienkult, der zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. aus Kleinasien nach Rom gelangte. In diesem Kult spiegelte sich der ewige Kreislauf von Tod und Wiedergeburt; er wurde begleitet von wilden Tänzen und lärmender Musik. Auch der Isis-Kult aus Ägypten beinhaltete den Kampf zwischen Tod und Leben, da Isis der Sage nach ihren Gatten Osiris aus der Unterwelt erweckt hatte. Ihre Anhänger sollten durch Beten und Fasten ein süßes Leben nach dem Tod erhalten. Der Mithras-Kult kam aus Persien und wurde seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. vor allem von Soldaten praktiziert. Vorherrschendes Thema war der Kampf des Guten gegen das Böse; am Ende des Lebens nahm Mithras seine Anhänger in der Ewigkeit auf. Der Kult enthielt verschiedene Weihegrade und eine Vielzahl von geheimnisvollen Riten formte seine Anhänger zu einer elitären Gruppe. Der Dionysos-Kult kam ebenfalls aus Kleinasien. Als »Schenker des Reichtums« versprach Dionysos seinen Anhängern im Jenseits ein Leben im Überfluss. Hierbei spielte der Weinkonsum eine zentrale Rolle, da er als das Blut des Dionysos galt. Weitere Mysterienkulte waren der Kult des Sabazius aus Thrakien oder der Kult des Sol Invictus (Baal) aus Syrien, die in der Kaiserzeit in Rom ihren Einzug hielten.

Wann entwickelte sich der Kaiserkult?

Er entstand mit dem Wechsel von der republikanischen Staatsform zum Kaisertum unter dem Kaiser Augustus. Nach der Ermordung Caesars wurde erstmals ein Römer unter die Götter erhoben und im Jahr 29 v. Chr. weihte sein Neffe Octavian-Augustus den Tempel für den »Divus Julius« (vergöttlichter Caesar) ein. Außerdem gestattete er griechischen Städten, zu Ehren seines eigenen Genius (göttliche Verkörperung) spezielle Tempel zu errichten und eigene Priester zu bestellen. Allerdings war er peinlich darauf bedacht, die Gefühle der Römer nicht zu verletzen, die äußerst empfindlich auf diese griechischen Bräuche reagierten, und verband zu diesem Zweck die Kaiserverehrung mit der Verehrung Roms als Gottheit (Roma). Zudem durften während seiner Regierungszeit in der Stadt Rom selbst keine Tempel für den Kaiserkult errichtet werden und er untersagte den römischen Bürgern zusätzlich die Kultausübung. Nach seinem Tod erhob man auch den Kaiser Augustus unter die Götter. Dies wurde zur gängigen Praxis für alle nachfolgenden Kaiser.

Welche Ausprägung nahm der Kaiserkult an?

Der Kaiserkult entwickelte sich im ganzen Reich zunehmend zur Staatsreligion und durch die Stiftung von Tempeln und die Bestellung von Priestern bekundeten die einzelnen Provinzen ihre Loyalität gegenüber dem Kaiserhaus und damit gegenüber dem Imperium. Dort entstanden an zentralen Orten große Altarbezirke für den Kaiserkult, die zugleich als Versammlungsorte für die dort lebenden Stämme dienten. So war in Lyon das Zentralheiligtum für die drei gallischen Provinzen, und man nimmt an, dass Köln dieselbe Funktion für die Provinz Germanien jenseits des Rheins erfüllen sollte (diese Pläne wurden aber nach der Varus-Niederlage aufgegeben). Gerade dieser Aspekt der römischen Religion brachte die Juden und Christen in Konflikt zum römischen Staat. Die Weigerung, dem Genius des Kaisers zu opfern, ließ sie den übrigen Reichsbewohnern und den staatlichen Behörden suspekt erscheinen.

Welche Stellung hatten die Priester?

Die römischen Priester waren Teil der staatlichen Verwaltung. Während in der altrömischen Zeit einzelne Familiengeschlechter ein bestimmtes Priesteramt innehatten, übernahmen später priesterliche Genossenschaften (collegia) diese Funktion. Zu den Voraussetzungen für das Priesteramt gehörten freie Geburt, körperliche Unversehrtheit und ein unbescholtener Lebenswandel. Während die Priester ursprünglich vom König und später von den Priesterkollegien selbst ausgewählt wurden, übernahmen seit dem Jahr 104 v. Chr. die Volksversammlungen das Auswahlverfahren.

Wie war die Priesterschaft gegliedert?

Der Pontifex maximus war der oberste Priester der römischen Religion und leitete das wichtigste Priesterkollegium Roms, welches aus 15 Priestern bestand. Diese führten die Aufsicht über den staatlichen und privaten Kult. Die sechs Vestalinnen hüteten das heilige Herdfeuer im Tempel der Vesta, das immer brennen musste, da von ihm das Schicksal des Staates abhing. Die Priesterinnen unterstanden direkt dem Pontifex maximus, waren der Keuschheit verpflichtet und genossen ein sehr hohes Ansehen im Staat. Die viri sacris faciundis (Männer zur Durchführung von Opfern) führten die Aufsicht über die fremden Kulte und befragten auf Anordnung des Senates die Sibyllinischen Bücher über das Schicksal des Staates, während die Auguren spezielle Vorzeichen wie zum Beispiel Vogelflug oder Blitzschläge deuteten.

Welche weiteren Aufgaben übernahmen die Priester?

Weitere bedeutende Priesterschaften waren die epulones, welche den obersten Staatstempel auf dem Kapitol betreuten und die sodales augustales, die mit der Abhaltung des Kaiserkultes betraut waren. Die berühmten haruspices (Opfer-, Eingeweideschauer) stammten aus der etruskischen Religion und erkundeten die öffentliche und private Zukunft durch die Deutung von Wunderzeichen.

Wussten Sie, dass …

die Römer ihren Göttern Opfer darbrachten, um sie zu besänftigen oder um etwas zu erbitten? Neben pflanzlichen Opfergaben wie Getreide, Wein, Bohnen, Früchten, Milch oder Honig opferte man zu besonderen Anlässen auch Stiere, Kühe, Schweine, Schafe oder Ziegen.

im Shintoismus und Hinduismus heute noch aus ähnlichen Gründen den Göttern Opfer dargebracht werden?

das lateinische Wort für Opfertier, hostia, heute noch in der katholischen Kommunion verwendet wird?

Wie entstand der römische Kalender?

Als Vorläufer unseres heutigen Kalenders beinhaltete der römische Kalender bereits alle wichtigen Bestandteile der heutigen Jahresrechnung. Seit der frührömischen Zeit teilte man das Jahr in zwölf Monate ein, deren Namen sich bis heute überliefert haben. Seit Julius Caesar hatte das Jahr 365 Tage, wobei alle vier Jahre ein Schaltjahr mit 366 Tagen einsetzte. Die Monatstage zählte man rückwärtig zu den Stichtagen an den Kalenden (1. Tag im Monat), Nonen (5. oder 7. Tag) und Iden (13. oder 15. Tag). So ist der 24. Dezember der 9. Tag vor den Kalenden des Januar. Im 3. Jahrhundert n. Chr. wurde die siebentägige Planetenwoche eingeführt, die wir noch heute benutzen. Seit Kaiser Konstantin feiern wir den Sonntag als wöchentlichen Feiertag. Des Weiteren gab es zahlreiche »feriae« (Festtage), von denen wir unser Wort Ferien herleiten und die heutigen Feiertagen ähnelten. So beschenkte man sich an den Saturnalien am 17. Dezember mit Kerzen und Puppen.

Wussten Sie, dass …

im Staatskult im Laufe der Zeit die Tieropfer an Bedeutung gewannen? Dabei opferte man den männlichen Göttern männliche Tiere und den weiblichen Göttern weibliche Tiere. Jede Gottheit bekam dabei ein bestimmtes Opfertier – Jupiter einen weißen Stier, Juno eine Kuh oder Merkur einen Ziegenbock.

der römische Kaiserkult im Zuge der Christianisierung des Reichs im 4. nachchristlichen Jahrhundert nicht mehr praktiziert wurde? Die göttliche Legitimierung des Kaisers blieb jedoch bis in die Neuzeit erhalten. Der Gottkönig wurde zum Kaiser »von Gottes Gnaden«.

Die Mythen der Römer: Fremde Traditionen und Heldengestalten

Hatten die Römer eine eigene Religion?

Ja, aber die war sehr durchsetzt von fremden Mythen. Die Römer beteten ohne Vorbehalte auch fremde Götter an, so dass ihre ursprünglichen Glaubensvorstellungen im Lauf der Zeit verschüttet wurden. Römische Autoren des 1. Jahrhunderts v. Chr. kannten die Wurzeln der eigenen Mythen schon nicht mehr.

Welchen Einflüssen war die Religion ausgesetzt?

In der Hauptsache griechischen Einflüssen. Der Süden der italienischen Halbinsel war seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. durch griechische Kolonisten besiedelt worden. In den letzten vorchristlichen Jahrhunderten verstärkte sich deren Einwirkung noch, was durch die Gleichsetzung der griechischen mit den römischen Göttern und die Übernahme der griechischen Mythologie deutlich wird. In hellenistischer Zeit, beginnend mit Alexander dem Großen, dominierte die griechische Kultur, die als überlegen angesehen wurde, den gesamten Mittelmeerraum sowie den Orient.

Welche Mythen pflegten die Römer?

Meist solche, die mit ihrer Staatsgründung zu tun hatten. So wurden uralte Überlieferungen, die eine eigene römische Mythologie vermuten lassen, in ein historisches Gewand gekleidet und zu »Geschichte«. Zentrale Gestalten in der Gründungsgeschichte der Stadt Rom entstammen dem Reich der Mythen. So sollen sich die nach der Zerstörung ihrer Stadt geflohenen Trojaner unter Führung des halbgöttlichen Sagenhelden Äneas mit der einheimischen italischen Bevölkerung vermischt und so die römischen Geschlechter begründet haben.

Auch die Aussetzung der Zwillinge Romulus und Remus, das Säugen durch die Wölfin und das Aufwachsen bei Menschen niedrigster Herkunft sind Mythos und nicht Geschichte. Der Wolf galt bei den Römern als heiliges Tier des Kriegsgottes Mars: Die Assoziation zwischen Raubtier und kriegerischer Aggression ist uraltes Gedankengut. Der Tod des Remus, der eine Art »Opfertod« darstellt, steht mit dem »Uropfer« in Verbindung, das in den Weltschöpfungsmythen einer Vielzahl von Kulturen belegt ist. Dieses »Opfer« fand an dem Ort statt, an dem Rom errichtet werden sollte, und sicherte so das Gedeihen der Stadt und des römischen Volkes. Häufig greifen in römischen Sagen die Götter ein, um den Lauf des Geschehens zu beeinflussen – auch das ist eine Anlehnung an die Mythologie.

Wie ging es nach der Stadtgründung weiter?

Zunächst mit einer Massenentführung. Der Überlieferung zufolge wurde Rom nach einem Aufruf von König Romulus zunächst von Verbannten, Abenteurern und Heimatlosen besiedelt. Da sie keine Frauen hatten, lockten sie die Frauen des benachbarten Volkes der Sabiner während eines Festes nach Rom und entführten sie. Es kam zum Kampf zwischen Römern und Sabinern, der durch die »neuen« Ehefrauen der Römer beendet und schließlich von einer Versöhnung beider Völker gekrönt wurde.

Auch das Thema der beiden konträren Gruppen – eine kriegerisch, aber arm und ohne Chance auf Nachkommen, die andere reich und fruchtbar – ist mythologischer Natur. Durch die Versöhnung und Vermischung der beiden Elemente wird schließlich die Vollständigkeit der Gesellschaft versinnbildlicht.

Welchen Status hatten die frühen römischen Herrscher?

Sie wurden Göttern gleichgesetzt. Bestes Beispiel dafür ist Romulus, der sich die Herrschaft mit dem Sabiner Titus Tatius teilte und die politische Struktur Roms schuf. Während eines heftigen Gewittersturms verschwand Romulus, der Gründer, Gesetzgeber, Krieger und Priester in einer Person war, und wurde in einer Sturmwolke zu den Göttern erhoben.

Was waren die heiligen Bücher der Sibylle?

Eine Sammlung von Prophezeiungen, aus der sich der römische Senat vor wichtigen Entscheidungen Rat holte. Die Sibylle war eine sagenhafte, hochbetagte Seherin, die in der Antike an verschiedenen Orten verehrt wurde. Deshalb glaubte man, es habe mehrere Sibyllen gegeben, und nahm den Eigennamen schließlich als Bezeichnung für Prophetinnen.

Der römischen Sage zufolge verkaufte die Sibylle von Cumae ihre in Versen niedergeschriebenen Prophezeiungen an den König Tarquinius Priscus, der sie im kapitolinischen Tempel niederlegte. 83 v. Chr. wurden die Bücher während eines Brandes im Tempel zerstört. Als Ersatz legte man nach einer im ganzen östlichen Mittelmeerraum durchgeführten Suche nach »sibyllischen« Weissagungen eine neue Sammlung an.

Wussten Sie, dass …

auch die auf Romulus folgenden sechs Könige eher mythische als historische Gestalten sind? Ihre Namen waren Numa Pompilius, Tullus Hostilius, Ancus Marcius, Tarquinius Priscus, Servius Tullius und Tarquinius Superbus.

man den frühen Königen die Gestaltung der römischen Gesellschaft zuschrieb, die sich in Wirklichkeit über Jahrhunderte hinweg entwickelte? Von Numa Pompilius etwa wird berichtet, er habe Priesterkollegien eingeführt und den Kalender reformiert. Servius Tullius soll die Verwaltung aufgebaut haben.

Romulus und Remus: Mythische Gründer der Stadt Rom

Von wem wurde die Stadt Rom gegründet?

Der Legende nach wurde Rom im Jahr 753 v. Chr. von König Romulus gegründet. Er und sein Zwillingsbruder Remus waren die Söhne des Kriegsgottes Mars und der Vestalin Rhea Sylvia, die eine direkte Nachfahrin des trojanischen Helden Äneas war, der sich nach seiner Flucht aus dem brennenden Troja und langer Irrfahrt in Italien niedergelassen hatte. Da die Vestalinnen Jungfräulichkeit gelobt hatten und der unrechtmäßige König Amulius die Herrschaftsansprüche der Kinder fürchtete, wurde Rhea Sylvia in den Tiber gestoßen, aber vom Flussgott gerettet.

Was passierte nach der Geburt der Zwillinge?

Der König ließ die Zwillinge in einem Korb auf dem Fluss aussetzen, der aber an Land gespült wurde. Dort wurden sie von einer Wölfin aufgelesen, die sie säugte. Später nahm sich ein Hirte der Kinder an. Als sie erwachsen waren, gaben sie sich zu erkennen und halfen ihrem Großvater, dem rechtmäßigen König, seinen Anspruch auf den Thron wahrzunehmen. Dann machten sie sich zu dem Ort ihrer frühen Kindheit auf, um dort selbst eine Stadt zu gründen. Es war die Stelle, an der sich später auf den sieben Hügeln Rom erstrecken sollte.

Warum entzweiten sich die Brüder?

Auf einem der Hügel, dem Palatin, wollte Romulus die Götter befragen, während Remus den Aventin auswählte. Remus erblickte als erster sechs Geier, die er als göttliches Zeichen auffasste, Romulus aber sah zwölf, woraus er seinen Anspruch als wahrer Stadtgründer ableitete. Es kam zum Streit zwischen den Brüdern, doch Romulus zog unbeirrt mit dem Pflug eine Furche um den Palatin, wobei die entstandene Vertiefung den Stadtgraben und die aufgeworfene Erde die Stadtmauer symbolisieren sollten. Remus verhöhnte den Bruder, indem er mit einem Satz über die »Stadtmauer« sprang. Daraufhin erschlug ihn Romulus mit den Worten »So möge untergehen, wer auch immer in Zukunft meine Mauern durchbrechen wird«. Die Legende spiegelt viele Motive der frührömischen Kultur wider. So war es üblich, den göttliche Willen aus dem Flug der Vögel abzulesen.

Wie entwickelte sich das frühe Rom weiter?

Die Geschichte Roms ist auch nach ihrer Gründung von Legenden umgeben, die das Wachsen des unbedeutenden Stadtstaats symbolisch darstellen. Auf Romulus folgen die Könige Numa Pompilius, Tullus Hostilius, Ancus Marcius, Tarquinius Priscus, Servius Tullius und schließlich Tarquinius Superbus. Jedem von ihnen wurde die Einrichtung bestimmter politischer und religiöser Institutionen zugeschrieben. Erst mit dem Sturz des tyrannischen letzten Königs und der Ausrufung der Republik um 500 v. Chr. verlassen wir langsam die Welt der Legenden, die von nun an durch eine einigermaßen zuverlässige historische Überlieferung ersetzt wurde.

Wie sah Roms frühe Geschichte tatsächlich aus?

Archäologische Ausgrabungen haben in Rom Besiedlungsspuren hervorgebracht, die bis um 900 v. Chr. zurückreichen. Die hier entstandene Siedlung aus einfachen Holzhütten der Latiner bildete sich erst langsam zur Stadt aus. Beigetragen haben hierzu griechische und besonders etruskische Einflüsse. Während der Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. bis zur Einführung der Republik hatte Rom sogar etruskische Könige, bis es die etruskische Herrschaft abschüttelte. Durch Kämpfe gegen die Etrusker und benachbarte italische Stämme bildete sich die Keimzelle, aus der später das Römische Weltreich entstehen sollte.

Wie wirkte das Erbe Roms weiter?

Die Stadt Rom bildete das Zentrum eines Reichs, dessen Anfänge etwa im 9. Jahrhundert v. Chr. liegen. Mit dem Ende des Weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert n. Chr. hörte es zwar auf, als politisches Gebilde zu bestehen, doch die germanischen Staaten des Mittelalters bewahrten einen Teil des kulturellen Erbes. Das Oströmische Reich führte die römische Tradition sogar noch bis in das Jahr 1453 fort, bis schließlich mit der Eroberung von Konstantinopel auch das Ende des Byzantinischen Reiches eingeläutet wurde.

Wussten Sie, dass …

die um 430 v. Chr. entstandene Bronzeskulptur der Kapitolinischen Wölfin möglicherweise diejenige war, die antiken Zeugnissen zufolge auf dem Kapitol in Rom stand? Nach dem Bericht Ciceros wurde sie im Jahr 65 v. Chr. vom Blitz getroffen. Die Beschädigung der Skulptur wollte man auf diesen Blitzeinschlag zurückführen, was aber eher unwahrscheinlich ist.

die Zwillinge der Skulptur, die von der Wölfin genährt werden, nachweislich erst während der Renaissance hinzugefügt wurden?

Religion der Germanen: Wehrhafte Götter mit irdischem Schicksal

Gibt es schriftliche Überlieferungen der germanischen Mythen?

Ja, aber diese sind erst relativ spät entstanden. Die Germanen, eine Vielzahl von Stämmen im Ostseeraum, in Norddeutschland und in Südskandinavien, hatten zwar verwandte Sprachen und ein gemeinsames Weltbild, aber keine hochstehende Schriftkultur wie etwa Römer und Griechen. Neben einer Vielzahl archäologischer Funde unterrichten uns vor allem antike Autoren wie Caesar, Tacitus, Jordanes und Prokop über die germanische Religion. Daneben gibt es aus dem frühen Mittelalter Berichte von christlichen Missionaren und Historikern sowie einige Runentexte und in der frühmittelalterlichen Zeit aufgezeichnete Zaubersprüche wie zum Beispiel die »Merseburger Zaubersprüche« und die Heldenepen.

Die Hauptquelle germanischer Mythologie und Religion sind jedoch die isländischen Sagas, vor allem die Edda (»Poetik«) des isländischen Dichters Snorri Sturluson (1178 bis 1241) sowie die so genannte »Lieder-Edda«, die um die gleiche Zeit von einem anderen Autor aufgezeichnet wurde. In der Religion der Germanen sind auch zahlreiche Fremdeinflüsse zu finden. Neben einem Substrat aus vorindoeuropäischen und starken indoeuropäischen Elementen sind Aspekte römischer, christlicher, orientalischer und zentralasiatischer Herkunft anzutreffen.

Welche Vorstellung hatte man von den Göttern?

Die verschiedenen germanischen Götter teilten sich in zwei Gruppen, die Asen und Vanen genannt wurden und deren beider Wohnsitz die Götterburg Asgard war. Die wichtigsten Götter der Asen waren Odin/Wotan, Thor/Donar und Tyr/Ziu. Der einäugige Odin war der Gott der Schlachten und des Krieges, aber auch der Weisheit. Er ritt auf seinem achtfüßigen Ross Sleipnir und auf seinen Schultern saßen die Raben Hugin (»Gedanke«) und Munin (»Gedächtnis«). Der in seinem von Böcken gezogenen Wagen fahrende und den Hammer Mjölnir schleudernde Thor trug dagegen bäuerlich-derbe Züge. Als Gott des Gewitters und des Regens verband sich mit ihm auch ein Fruchtbarkeitsaspekt. Neben diesen beiden Göttern nahm der Kriegsgott Tyr eher eine untergeordnete Rolle ein.

Die Vanen hingegen, die durch einen starken Bezug zu Reichtum und Fruchtbarkeit charakterisiert waren, wurden unter anderem von den Göttern Njörd, seinem Sohn Freyr und dessen Schwester Freya repräsentiert. Letztere wurde oftmals mit der Gemahlin Odins, Frigg/Frija, identifiziert, die die Göttin der Ehe und der häuslichen Arbeit war. Neben zahlreichen anderen Gottheiten sind vor allem noch der verschlagene Loki und der Lichtgott Baldur zu nennen. Ersterer zeugte die Unterweltsgöttin Hel sowie den Fenriswolf und die Midgardschlange. Durch Lokis Machenschaften kam Baldur ums Leben, der fortan sein Dasein in der Unterwelt fristete.

Waren die Germanen schicksalsgläubig?

Ja. Ähnlich wie bei Griechen und Römern trugen die germanischen Götter menschliche Züge, und ebenso wie die Menschen waren sie ihrem unabänderlichen Schicksal unterworfen, dessen Fäden von den drei Nornen an den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil gesponnen werden. Bei dieser handelte es sich um die kosmische Weltachse, die den unterirdischen, irdischen und überirdischen Bereich miteinander verband. Auch die Götter waren sterblich – am Tage der Götterdämmerung.

Was ist die Götterdämmerung?

Es handelt sich dabei um eine Art Apokalypse. Die Menschen gelangten nach ihrem Tod in das unterirdische Reich der Hel, in dem sie ein tristes Dasein führen müssen. Die im Kampf gefallenen Krieger hingegen zogen in Walhall ein, erfreuten sich dort eines Lebens im Überfluss und übten ihr Waffenhandwerk. Dies sollte erst mit der Götterdämmerung (Ragnarök) enden, wenn sie zusammen mit den Göttern in der entsetzlichen letzten Entscheidungsschlacht gegen die Riesen kämpfen. In dieser Schlacht würden schließlich die ganze Welt und auch die Götter untergehen. Auf diesen Untergang sollte jedoch die Neuentstehung der Welt und der Anbruch eines goldenen Zeitalters folgen.

Wie beschrieben die Germanen die Götterdämmerung?

In der Völuspa, dem Eröffnungsgedicht der Edda, wird der Anbruch der Götterdämmerung mit einer großen Schlacht verbunden:

Brüder kämpfen

und bringen sich Tod,

Brudersöhne

brechen die Sippe;

arg ist die Welt,

Ehbruch furchtbar,

Schwertzeit, Beilzeit,

Schilde bersten,

Windzeit, Wolfzeit

bis die Welt vergeht –

nicht einer will

des andern schonen.

Wussten Sie, dass …

neben den Hauptgöttern eine große Zahl von Zwergen, Riesen, Geistern und Elfen eine Rolle im Glaubenssystem spielte?

die Verehrung der germanischen Götter zumeist im Freien, an heiligen Plätzen und Hainen erfolgte? Erst in späterer Zeit wurden vereinzelt Kultbauten errichtet, wie etwa der wikingerzeitliche Tempel von Uppsala in Schweden. Heilige Bäume (Donareiche, Irminsul) galten wohl als Symbol der Weltachse Yggdrasil.

Mythen der Germanen: Von den Riesen zur Götterdämmerung

Wie sind die germanischen Mythen überliefert?

Nur sehr lückenhaft. Wer sich den Mythen der germanischen Völker und Stämme nähern will, ist auf sehr unterschiedliche Quellen angewiesen, von denen die wenigsten als authentisch zu bezeichnen sind. Zwar können wir auf archäologische Funde zurückgreifen, etwa bronzezeitliche Felsritzungen oder mittelalterliche Amulette aus dem nordischen Raum, die von den Germanen selbst zu kultischen Zwecken gefertigt wurden. Schriftliche Quellen aus der germanischen oder altnordischen Kultur sind dagegen ausgesprochen dünn gesät, da die Schriftlichkeit erst mit der christlichen Missionierung Einzug hielt, die ihrerseits die alten Mythen unterdrückte.

Weitgehend ist man bei der Rekonstruktion der ursprünglichen germanischen Mythenwelt auf nichtgermanische Zeugnisse angewiesen. Eine herausragende Rolle spielt dabei die um 98 n. Chr. verfasste »Germania« des römischen Schriftstellers Tacitus. Über 1000 Jahre jünger sind die isländischen Liedersammlungen des Dichters Snorri Sturluson und die dem Saemund zugeschriebene »Lieder-Edda«. Sie entstanden zwar im ehemals altnordischen Kulturraum, sind aber bereits stark von fremdem, das heißt christlichem Gedankengut beeinflusst.

Welche Wesen standen am Anfang der Welt?

Die Riesen. Nach den isländischen Überlieferungen herrschte am Anfang der Zeiten nur ein gewaltiger Abgrund, der als Ginnungagap bezeichnet wird. Dann erschienen die Länder Niflheim (Nebelheim) und Muspelheim. Das eisig kalte Niflheim (es wurde später mit der Welt der Toten gleichgesetzt) befand sich im Norden, während das brennend heiße Muspelheim im Süden lag. In Niflheim gab es eine Quelle, aus der sich elf kalte Ströme speisten, die zu Eis erstarrten und über die sich giftige Nebel legten. Auf dieses Eis fielen aus Muspelheim hergewehte Funken. Aus der Vereinigung von Eis und Feuer entstand ein Zwitterwesen, der Riese Ymir. Als Ymir schlief, schuf er durch seinen Schweiß einen Mann und eine Frau, die jeweils aus einer seiner Achselhöhlen hervorgingen, und seine Füße zeugten miteinander einen Sohn. So entstand das erste Geschlecht der Riesen.

Wann kamen die Götter hinzu?

Erst mit der Kuh Audhumbla, die aus dem schmelzenden Eis Niflheims hervorkam und Ymir mit ihrer Milch ernährte. Gleichzeitig leckte sie so lange an den salzigen Eisblöcken, bis nach drei Tagen ein göttliches Wesen namens Buri in Gestalt eines Mannes hervorkam. Buri wiederum brachte aus sich selbst einen Sohn hervor, Borr oder Burr, der mit der Riesin Bestla drei Söhne zeugte: die Götter Odin, Vili und Ve.

Eine ähnliche Version liefert Tacitus in seiner »Germania«: Der aus der Erde geborene, ebenfalls zwitterhaft gedachte Gott Tuisto hat einen Sohn namens Mannus. Auch dieser hat drei Söhne, Yng, Ermin und Ist, auf die sich die germanischen Stämme der Ingävonen, Hermionen und Istävonen zurückführen.

Welche Tat vollbrachten diese Götter?

Sie erschufen die Welt. Odin, Vili und Ve kamen überein, den Riesen Ymir zu töten. In seinem Blut ertranken alle Riesen, nur ein Riese namens Bergelmir konnte sich mit seiner Frau retten und zum Stammvater eines neuen Riesengeschlechts werden. Diese Frost- oder Reifriesen werden am Ende der Welt, am Tag der Götterdämmerung, wieder hervorkommen und die Götter bekämpfen.

Aus dem zerstückelten Ymir erschufen die drei Götter die Welt. Seine Haut und sein Fleisch wurden zur Erde, sein Blut zum Meer, seine Knochen zu den Felsen und Bergen, seine Haare zu Pflanzen, sein Hirn zu den Wolken und sein Schädel zum Himmel.

Die kreisförmige Erde war außen von einem großen Ozean umgeben, dessen äußere Küsten zum Wohnort der Riesen bestimmt wurden. Das Zentrum der Welt nahm Midgard ein, die Erde der Menschen, die aus den Augenbrauen des Urriesen Ymir gebildet war.

Was war die Weltesche Yggdrasil?

Sie war Mittelpunkt der Welt. Die immergrüne Weltesche verband darüber hinaus die Unterwelt mit der Welt der Menschen und der Götterwelt. Ihre Spitze reichte in die Götterburg Asgard, ihre drei Wurzeln umspannen jeweils die Welt der Menschen, die der Riesen und die Unterwelt. Von Anfang an war Yggdrasil von der Zerstörung bedroht: Ein Adler verschlang die Blätter, der Stamm verfaulte und die Wurzeln wurden von der Schlange Niddhog angefressen. Ein Beben der Weltesche sollte eines Tages ihrer endgültigen Zerstörung vorangehen und den Untergang der Welt ankündigen.

An der Wurzel, die in die Unterwelt hinabtaucht, befand sich der Schicksalsbrunnen Urdharbrunnr, an dem sich die drei Nornen Urd, Verdandi und Skuld aufhielten, die für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen. Sie woben die Schicksalsfäden der Menschen und der Götter. Wie die Menschen, so waren auch die Götter dem unabänderlichen Lauf des Schicksals unterworfen.

Warum hatte Odin nur ein Auge?

Das war der Preis seiner Allwissenheit. Die Einäugigkeit des Göttervaters wird durch einen Mythos erklärt, der mit dem Schicksalsbrunnen in Zusammenhang steht: Der Gott Mimir, der weiseste aller Götter, war Wächter des Schicksalsbrunnens. Für das Recht, aus dem Brunnen zu trinken, musste Odin eines seiner Augen hineinwerfen. So erlangte Odin die Gaben der Weisheit und Allwissenheit sowie magische Kräfte.

Nach einer anderen Version wurde Mimir von den Göttern enthauptet. Seinen Kopf sandten sie Odin, der ihn konservierte und befragte, wenn er in Geheimnisse eingeweiht werden wollte. Ein anderer Mythos erinnert an Initiationsriten, wie sie angehende Schamanen in vielen Kulturen erdulden mussten: Odin hing freiwillig neun Nächte ohne Wasser und Nahrung und von einer Lanze verletzt am Baum Yggdrasil und wurde so in die Geheimnisse des Runenzaubers eingeweiht.

Was ist das Besondere am Endzeitmythos?

Interessant daran ist die Tatsache, dass in den Berichten das Ende der Welt und sogar das Ende der Götter beschrieben wird: Am Tag der Ragnarök, der Götterdämmerung, wird alles sein vorherbestimmtes Ende finden. Vorzeichen wie Kriege, Verfall der Moral oder Erdbeben, weisen darauf hin, die Sonne verfinstert sich und die Sterne fallen vom Himmel. Die Midgardschlange, die die Erde umfasst, würde den Ozean aufpeitschen. Der furchtbare Fenriswolf, dessen offener Rachen mit dem Oberkiefer den Himmel und mit dem Unterkiefer die Unterwelt berührt, reißt sich von seinen Fesseln los, die ihm die Götter angelegt hatten. Dann sollte sich eine Horde von Riesen mit dem Totenschiff Naglfar, das aus den Nägeln der Toten gebaut ist, aufmachen und die Götterburg Asgard angreifen. Andere Riesen erklettern unter Führung des Feuerriesen Surtr vom Land her den Himmel.

Wie endet der Mythos vom Untergang?

Zunächst kommt es zur Schlacht, denn zwei Heere stehen sich gegenüber: auf der einen Seite die Riesen und Untiere, auf der anderen die Götter und menschlichen Helden, die aus Walhall herbeiströmen, um die Götter zu unterstützen. In einer gewaltigen Entscheidungsschlacht kämpft der Gott Thor mit der Midgardschlange, tötet sie, fällt dann aber ihrem Gift zum Opfer. Der Fenriswolf verschlingt Odin. Dessen Sohn Vidar nimmt Rache, indem er den Fenriswolf tötet, stirbt jedoch an den Folgen des Kampfes. Der Gott Heimdall und der verräterische Loki, der auf der Seite der Riesen kämpft, vernichten sich gegenseitig. In der Schlacht fallen schließlich alle Götter und ihre Feinde bis auf den Feuerriesen Surtr, der einen gewaltigen Brand entfacht, in dem der gesamte Kosmos verbrennt. Schließlich geht die Erde im Ozean unter und der Himmel stürzt ein. Doch es handelt sich nur um ein Ende auf Zeit. Eine ganz neue Erde entsteht, die viel schöner ist, als es die alte je war. Auch die Söhne der Götter kommen wieder nach Asgard zurück und eine neue Menschheit bevölkert die nun von Leid und Elend befreite Erde. In die Schilderung der germanischen Götterdämmerung sind zahlreiche fremde Elemente christlicher, aber auch antiker Prägung eingeflossen.

Wie war die Welt in der germanischen Mythologie aufgebaut?

Sie bestand aus drei Teilen mit insgesamt neun Sphären. Die untere Welt setzt sich aus dem kalten und dunklen Niflheim, der Totenwelt Niflhel sowie Schwarzalfenheim, dem Wohnsitz der Zwerge, zusammen. Darauf folgt die Erde mit Midgard, der Welt der Menschen, Jötunheim, dem Land der Riesen, und Vanenheim, dem Reich göttlicher Wesen. Als letzte folgte die himmlische Sphäre mit Muspelheim, dem brennenden Land der Feuerriesen, und Lichtalfenheim, dem Sitz freundlicher Geister, sowie Asgard, der Burg der Götter. Himmel und Erde stehen durch die Bifröst-Brücke miteinander in Verbindung, die von dem Gott Heimdall bewacht wird.

Wussten Sie, dass …

die Germanen ein buntes Völkergemisch waren? Goten, Burgunder, Alemannen besiedelten weite Teile Europas und nannten sich niemals Germanen. Trotzdem kann man von einer gewissen Übereinstimmung der mythologischen Vorstellungen bei allen germanischen Völkern ausgehen, da überall die gleiche Götterwelt verehrt wurde.

die germanischen Götter die Himmelskörper aus Funken schufen, die sie aus Muspelheim sandten? Sie legten zudem den Lauf der Sterne sowie auch den Rhythmus von Tag und Nacht und der Jahreszeiten fest.

Wie wurden die Menschen erschaffen?

Von der Erschaffung des Menschen gibt es mehrere Versionen. Nach der einen erschufen Odin, Vili und Ve das menschliche Urpaar Askr und Embla. Nach einer anderen Fassung fanden die Götter Odin, Hoenier und Lodhur zwei angeschwemmte Baumstämme, die Esche Askr und die Ulme Embla. Odin verlieh ihnen das Leben, Hoenier und Lodhur gaben ihnen die Intelligenz, die Sinne sowie die menschliche Gestalt.

Wussten Sie, dass …

die »Merseburger Zaubersprüche« aus der Zeit um 750 das älteste Zeugnis der germanischen Mythologie sind? Die Zauberformeln versprechen Hilfe bei der Befreiung von Gefangenen und bei der Heilung verletzter Pferde. Durch die Erwähnung der Idisen, das sind germanische Schlachtenjungfrauen, und des Gottes Wodan geben sie Hinweise auf die germanische Mythologie.

Die Nibelungensage: Heldenlied mit katastrophalem Ausgang

Was wird in der Nibelungensage erzählt?

Das vermutlich zwischen 1150 und 1200 im Donauraum entstandene Nibelungenlied gliedert sich in zwei ursprünglich getrennte Teile. Im ersten Teil erzählt der unbekannte Verfasser, wie Siegfried von Xanten in Worms um Kriemhild, die Schwester der Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher, wirbt. Bevor er ihre Hand erhält, muss er Gunther Hilfe bei der Werbung um Brunhilde, die Königin von Island, leisten, was ihm dank eines Betrugs auch gelingt. Seine List wird ihm jedoch anschließend zum Verhängnis: Die misstrauische Brunhilde erfährt im Streit von Kriemhild, dass nicht Gunther, sondern Siegfried sie im Kampf und im Schlafgemach bezwungen hat. Um Gunthers Ehre wiederherzustellen, veranlasst sie dessen mächtigsten Vasallen, Hagen von Tronje, Siegfried auf einer Jagd zu ermorden.

Wie rächt Kriemhild den Tod Siegfrieds?

Nachdem Siegfried ermordet worden ist, nimmt Kriemhild im zweiten Teil die Werbung des Hunnenkönigs Etzel an, um sich seine Macht für ihre Vergeltungspläne zunutze zu machen. Jahre nach der Hochzeit mit Etzel lädt sie ihre Brüder zu einem Fest an den Hof des Hunnenkönigs. Durch Kriemhilds Intrigen endet das vermeintliche Versöhnungsfest in einem grausamen Blutbad; alle Burgunden finden den Tod, Siegfrieds Mörder Hagen stirbt von Kriemhilds Hand. Doch auch die Hunnen und ihre Helfer müssen schwere Verluste hinnehmen, so dass die in einigen Handschriften an das Lied angeschlossene »Klage« über das grauenhafte Blutvergießen durchaus passend wirkt.

Ist die Geschichte frei erfunden?

Für den ersten Teil des Nibelungenlieds lassen sich nur schwer historische Parallelen finden. Die Forschung geht davon aus, dass die Gestalt Siegfrieds eher mythischen Charakters ist. Hierfür sprechen besonders seine jugendlichen Heldentaten wie zum Beispiel der Sieg im Kampf gegen einen Drachen, der ihn nahezu unverwundbar machte, oder der Erwerb des Nibelungenschatzes.

Dem zweiten Teil der Dichtung liegen dagegen unverkennbar historisch belegbare Ereignisse zugrunde. Im Jahr 436 wurden die Burgunden nämlich bei dem Versuch, ihr Gebiet auszudehnen, von den Hunnen vernichtend geschlagen. Die Geschichtsschreiber sprechen von 20 000 Toten. Der Führer der Hunnen war damals allerdings nicht Etzel (Attila). Etzels Tod im Nibelungenlied ähnelt hingegen dem Ende des historischen Hunnenkönigs: Attila starb 453 in der Hochzeitsnacht mit der Germanin Ildico an einem Blutsturz. Es wurde bald vermutet, dass er von seiner Frau umgebracht wurde.

Aus welchem Antrieb handeln die Charaktere?

Den Grundton des Lieds bestimmen seine germanisch-heidnischen Auffassungen von Ehre und Leid (ere und leit). Mit ere ist eine Art äußere Ehre gemeint, nicht die spätere, innere Haltung der Neuzeit. Kriemhild handelt weniger aus Schmerz um den toten Gatten als aus verletzter Ehre. Ihr leit ist vor allem die ihr zugefügte Beleidigung, die unweigerlich die Wiederherstellung der ere verlangt. Auch Hagen wird nicht von persönlichem Ehrgeiz getrieben, sondern hat als treuer Gefolgsmann der Burgunderkönige stets deren Ehre im Blick. Als sein Mut und seine ere in Zweifel gezogen werden, übernimmt Hagen, der zunächst gewarnt hatte, selbst die Führung des Zugs ins Hunnenreich. Für ihn bleibt keine andere Wahl als der Untergang.

Das Nibelungenlied unterscheidet sich erheblich von der idealen Welt der Artusritter, wie sie zur gleichen Zeit in vielen höfischen Romanen geschildert wird. Während es für die Ritter der Tafelrunde – jenseits von Raum und Zeit – um eine Art seelische Bewährung geht, schildert der Nibelungendichter ein historisches Geschehen mit katastrophalem Ausgang. Für höfisch-vorbildliches Verhalten bieten die blutigen Ereignisse keinen Platz.

Wie kam die Erstausgabe des Heldenepos im 18. Jahrhundert an?

Der Preußenkönig Friedrich der Große schrieb 1784 an Christian Heinrich Müller, den ersten Herausgeber des Nibelungenlieds, der sein Werk dem König gewidmet hatte:

»Hochgelahrter, lieber getreuer!

Ihr urtheilt viel zu vorteilhafft von denen Gedichten aus dem 12.,13. und 14. Seculo, deren Druck Ihr befördert habet, und zur Bereicherung der Teutschen Sprache so brauchbar haltet. Meiner Einsicht nach sind solche nicht einen Schuß Pulver werth; und verdienten nicht aus dem Staube der Vergessenheit gezogen zu werden. In meiner Bücher-Sammlung wenigstens würde Ich dergleichen elendes Zeugs nicht dulten; (…)

Euer sonst gnädiger König Frch.«

Wussten Sie, dass …

die Heldensage von »der nibelunge not«, die im Mittelalter in mehreren Handschriften verbreitet war, zu Beginn der Neuzeit in Vergessenheit geriet? Erst Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Nibelungenlied wiederentdeckt und in neuen Übersetzungen bekannt gemacht.

die Nibelungen über einen sagenhaften Schatz verfügt haben sollen, der seit ihrem Untergang unauffindbar ist? Abenteurer und Archäologen suchten schon wiederholt auf dem Grund des Rheins bei Worms nach den Wagenladungen voller Gold und Juwelen.

Die Religion der Kelten: Grabhügel und Menschenopfer

Wann und wo entwickelte sich die keltische Kultur?

Ab ungefähr 800 v. Chr. begann sich die keltische Kultur im östlichen Frankreich und im südlichen Mitteleuropa aus den spätbronzezeitlichen Kulturen dieses geografischen Raumes zu entwickeln. Um die Zeitenwende starben die Kelten aus bzw. wurden von Römern und Germanen verdrängt.

Woher wissen wir etwas von der Religion der Kelten?

In der Hauptsache durch archäologische Funde. Sie sind unsere Hauptquelle, da schriftliche Zeugnisse der Kelten nicht existieren. Die wenigen schriftlichen Berichte über die keltische Religion der jüngeren Eisenzeit verdanken wir den Griechen und Römern. In der jüngeren Eisenzeit (450 v. Chr. bis zur Zeitenwende) äußerten sich verschiedene griechische und römische Autoren (etwa Poseidonios und Diodor) zu den Kelten, wobei besonders Caesars »Gallischer Krieg« eine wichtige Quelle darstellt. Auch die im frühmittelalterlichen Irland verfassten Heldenepen und die späteren volkskundlichen Quellen der Länder mit keltischer Vergangenheit erlauben Einblicke in die Religion der Kelten. Hierbei handelt es sich jedoch um Zeugnisse, die mit mehreren Jahrhunderten Abstand entstanden.

Welche Spuren hinterließen die Kelten?

Die auffälligste Hinterlassenschaft sind gewaltige Grabhügel. Diese Anlagen, in der die mächtigen keltischen Fürsten mit einer großen Zahl sehr wertvoller Beigaben beigesetzt wurden, spiegeln die religiöse Vorstellungswelt der frühen Eisenzeit (750 bis 450 v. Chr.) wider. Ein besonderes Merkmal dieser Bestattungsform bilden die auf der Spitze des Grabhügels aufgerichteten Steinstatuen, die wohl ein Abbild des Verstorbenen darstellten. Sie sollten wahrscheinlich aber auch ein Weiterleben nach dem Tode symbolisieren und waren vielleicht als eine Art »Seelenbehausung« für den Verstorbenen gedacht.

Welche Götter wurden verehrt?

Wir kennen eine Vielzahl von Namen keltischer Götter. Dabei ist es nicht klar, ob es sich bei manchen möglicherweise nur um lokale Erscheinungsformen eines bestimmten Gottes handelt. Einige der keltischen Gottheiten waren von überregionaler Bedeutung wie Teutates (»Stammesvater«), der dem römischen Gott Mars gleichgesetzt wurde, Taranis, der Donnergott, oder Esus, der Gott des Reichtums und des Krieges. Lug, der Gott der Handwerker, hatte in seinem magischen Aspekt auch mit dem römischen Merkur Gemeinsamkeiten.

Neben den Hauptgöttern gab es eine große Anzahl von Geistern und Feen, wie sie in den irischen Märchen bis heute lebendig geblieben sind. Die gesamte Natur galt als beseelt und viele Tiere, besonders der Hirsch und der Eber, standen in engem Zusammenhang mit der göttlichen Sphäre, wobei besonders letzterer wegen seiner Wildheit und Stärke zum Symboltier der Krieger schlechthin wurde.

Allen Kelten gemeinsam war wohl die Priesterkaste der Druiden, die über einen außerordentlichen Schatz religiöser, historischer, medizinischer sowie astronomischer Kenntnisse verfügte, von denen so gut wie nichts überliefert ist. Ihre Ausbildung soll 20 Jahre gedauert haben und um die Lehren vor Unbefugten zu schützen, war deren Niederschrift verboten.

Wie sehen die keltischen Heiligtümer aus?

Die keltischen Gottheiten wurden meist an heiligen Plätzen wie Gewässern, Mooren, Höhlen oder heiligen Eichenhainen verehrt. Von Menschenhand errichtete Heiligtümer gab es nur in begrenzter Anzahl. Hier sind vor allem die seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. in Süddeutschland und Ostfrankreich erscheinenden »Viereckschanzen« zu nennen. Sie haben zumindest teilweise als Heiligtümer und Opferplätze gedient, wie aus den hier angelegten bis zu 35 Meter tiefen Ritualschächten oder -brunnen hervorgeht. Daneben sind vor allem in Frankreich keltische Heiligtümer bekannt, die aus einem rechteckigen Holzgebäude bestanden, das von Palisaden und Gräben umgeben war. Hier sind zahlreiche Opfergaben nachweisbar: wertvoller Schmuck, Gefäße, rituell zerstörte Waffen und Unmengen von Tierknochen.

Kam es auch zu Menschenopfern?

Offensichtlich ja. Mehrere antike Autoren erwähnen Menschenopfer-Rituale, die in den verschiedenen Formen vollzogen wurden. In diesen Zusammenhang gehört auch die von den keltischen Kriegern durchgeführte Kopfjagd, die sich nicht auf das Einsammeln von Trophäen beschränkte, sondern deren religiöser Hintergrund im Darbringen der erbeuteten Köpfe im Tempel sichtbar wird. Das Opfer war ein Mittel der Kontaktaufnahme mit der überirdischen Welt, deren Übergang zu der Welt der Menschen als fließend galt. Diese Vorstellungen sind eng mit einem Jenseitsglauben verbunden, bei dem, folgt man Poseidonios und Caesar, zumindest bei einigen keltischen Stämmen der Glaube an Seelenwanderung vorherrschend war.

Was wussten die Römer über die Druiden?

Julius Caesar gibt in »De bello gallico« wieder, was die Römer über die Druiden, auf die sie in Gallien gestoßen waren, wussten:

»… an der Spitze aller Druiden steht der, der unter ihnen das höchste Ansehen genießt. … Die Lehre [der Druiden] soll in Britannien entstanden und von dort nach Gallien gelangt sein, und noch heute reisen alle, die tiefer in sie eindringen wollen, zumeist nach Britannien …«

Gallischer Krieg, 6. Buch

Wussten Sie, dass …

die Kelten zahlreiche weibliche Gottheiten verehrten? Hier ragen besonders Epona, die Schutzherrin der Pferde, sowie die Heilgöttinnen Sirona und Rosmerta heraus.

der Kopf als Sitz der Seele und des Lebens schlechthin galt? Er war daher mit hoher Symbolkraft behaftet, was durch die zahlreichen Darstellungen des menschlichen Kopfes in der keltischen Kunst deutlich wird.

man vom Ablauf der verschiedenen Rituale in den keltischen Kultstätten so gut wie nichts weiß? Von dem Geschehen dort können wir uns heute kaum ein Bild machen.

Mythen der Kelten: Vielgestaltige Götterwelt mit drei Herrschern

Wie weit lässt sich die keltische Mythologie überhaupt rekonstruieren?

Nur sehr unzureichend. Trotz des großen Verbreitungsgebiets und des langen Zeitraums, in dem die keltische Kultur in vielen Ländern Europas vorherrschend war, bereitet die Rekonstruktion der keltischen Religion aufgrund der recht geringen Zahl überlieferter Zeugnisse enorme Schwierigkeiten. Mehr als einige Grundzüge lassen sich kaum herausarbeiten. Noch problematischer wird es bei der Mythologie, zu der archäologische Funde und schriftliche Quellen aus der keltischen Epoche zwischen dem 7. Jahrhundert v. Chr. und dem 7. Jahrhundert n.Chr. fast vollständig fehlen.

Woher weiß man etwas über diese Mythen?

Aus späteren Aufzeichnungen. Erst im irischen Frühmittelalter werfen die Überlieferungen christlicher Missionare und Mönche, später auch die schriftlich niedergelegten Epen und Volkssagen ein wenig Licht auf die keltische Mythologie. Offen bleibt dabei die Frage, inwieweit die mythischen Vorstellungen der Inselkelten identisch waren mit denen der festländischen, also der eigentlichen Kelten.

Darüber hinaus sind in diese Aufzeichnungen bereits christlich-biblische Motive eingeflossen, die die ursprüngliche Mythologie teilweise verändert haben – ob unbewusst oder absichtlich, ist kaum auszumachen.

Wie stellten sich die Kelten die Schöpfung vor?

Das weiß man nicht. Eine keltische Kosmogonie, die von den Anfängen der Götter, der Welt und der Menschen berichtet, ist uns nicht überliefert. So ist die Forschung angewiesen auf Andeutungen antiker Autoren. Cäsar etwa, der sich ja während seines gallischen Kriegs in keltischen Gebieten aufhielt, erwähnt die Existenz einer keltischen Schöpfungsgeschichte. Und der um die Zeitenwende lebende Geograf Strabo erzählt, dass die Kelten an die Unvergänglichkeit der Welt glauben. Weitere Informationen ergeben sich aus der keltischen Sagenwelt. Es ist also detektivische Kombinationsgabe erforderlich, um Mythologie und Weltbild der Kelten zu rekonstruieren.

Wie ist die keltische Götterwelt aufgebaut?

Die keltische Götterwelt ist von typisch indoeuropäischer Struktur, nämlich dreigeteilt. Drei Hauptgötter – der Himmelsgott Taranis, der Stammesgott Teutates sowie Esus, Gott des Reichtums und des Kriegs – teilen sich die Herrschaft über eine vielgestaltige Götterwelt. Als Zeichen des kosmischen Gottes Taranis galt das mit vier oder zwölf Speichen dargestellte Rad. Es symbolisierte den Jahresablauf und somit die Herrschaft des Taranis über die Zeit.

Dreigeteilt war auch das Universum, nämlich in die Sphären des Himmels, der Erde und der Unterwelt. Dass es in keltischer Vorstellung auch so etwas wie eine kosmische Achse gab, die diese drei Ebenen miteinander verbindet und beispielsweise durch einen Weltenbaum symbolisiert wird, ist gut möglich. Hinweise darauf geben die in tiefen Opferschächten gefundenen Baumstämme sowie eine der Darstellungen auf dem Kessel von Gundestrup, auf der bewaffnete Krieger einen großen Baum tragen.

Im keltischen Weltbild scheint auch die Vorstellung von einer geheiligten Mitte des Landes eine Rolle gespielt zu haben. Cäsar erwähnt, dass sich die Druiden jedes Jahr im Land der Karnuten, die zwischen Loire und Seine siedelten, an einem heiligen Ort trafen, der als Mittelpunkt ganz Galliens gesehen wurde. Ähnliches gilt im frühmittelalterlichen Irland für die Orte Tara und Uisnech, denen wegen ihrer Lage besondere Bedeutung zukam. Tara war erster Sitz des Hochkönigs, Uisnech heiliger Zentralpunkt Irlands.

Welche Probleme gibt es bei der Erforschung keltischer Mythen?

Ein konkretes Beispiel für die Schwierigkeiten, die keltische Mythologie zu rekonstruieren, ist der Silberkessel, der im dänischen Gundestrup gefunden wurde und aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., wahrscheinlich aus Gallien, stammt. Seine bildlichen Darstellungen könnten einen mythischen Götterkampf nacherzählen. Allerdings lassen die abgebildeten Götter, Menschen und Tiere auch andere Interpretationen zu; wissenschaftlich abgesichert ist keine davon.

So kann zum Beispiel die Szene, in der eine kleinere menschliche Gestalt von einer größeren in einen Opferschacht geworfen wird, als Machtdemonstration gedeutet werden, aber auch als kultischer Akt. Vorstellbar wäre etwa, dass ein Krieger durch einen göttlichen Riesen in einen magischen Kessel getaucht und auf diese Weise gestärkt wird – ein Ritus, den das Christentum in Form der Taufe kennt. Auffallend häufig erscheint auf dem Silberkessel von Gundestrup die Darstellung des Stiers, der vielleicht mit dem mythischen Wasserstier, einem Fruchtbarkeitssymbol der inselkeltischen Überlieferung, in Zusammenhang steht.

Was ist über den Kesselkult bekannt?

Kessel spielten eine große Rolle in der keltischen Mythologie. Einige Exemplare sind als Grabbeigabe oder Opferfunde erhalten geblieben. In den inselkeltischen Überlieferungen erscheint der Kessel als Fruchtbarkeitssymbol; ein immer voller Kessel ist Teil der dortigen Jenseitsvorstellungen. Magische Kräfte hatte der Kessel der Zauberin Ceridwen, durch den man Weisheit erlangen konnte.

Dass man Kesseln derlei magische Funktionen zuschrieb, mag auch der Grund für ihre häufige Verwendung als Grabbeigabe sein. So hat man prachtvolle Kessel zum Beispiel in den Gräbern der keltischen Fürsten der Hallstattzeit gefunden. Auch der Heilige Gral aus den mittelalterlichen Sagen um König Artus steht wohl in enger Verbindung mit den alten keltischen Vorstellungen von diesen wundertätigen Kesseln.

Inwiefern war der Kessel auch göttliches Attribut?

Einen magischen Kessel, von dem niemand weggeht, ohne satt zu sein, besitzt der irische Gott Dagda. Seinen Beinamen »der gute Gott« verdankt er den zahlreichen hochgeschätzten Fähigkeiten, die ihm als Krieger, Künstler und Zauberer zugeschrieben werden. Er ist als Herrschergott möglicherweise identisch mit dem gallischen Esus oder Dis Pater. Seine Beinamen wie »der Allwissende«, »der Allvater« oder »Rotauge« – damit ist die Sonne gemeint – machen seine übergeordnete Stellung deutlich.

Außer dem Kessel besitzt er eine gewaltige Eisenkeule und eine Harfe. Die Keule ist so schwer und groß, dass sie auf Rädern bewegt werden muss. Sie wirkt als tödliche Waffe wie auch als Lebensspenderin: Ein Schlag mit der einen Seite der Keule tötet neun Männer gleichzeitig, die Berührung mit der anderen Seite gibt ihnen das Leben zurück. Auf seiner Harfe spielt der Gott drei Melodien, die Melodie des Schlafens, die des Lachens und die des Jammers.

Welche anderen Götter gab es?

Unter den zahlreichen Kindern, die der Gott Dagda mit seiner Frau, der Flussgöttin Boand, hat, ist zweifellos die Göttin Brigit als Schutzherrin der Dichter am bedeutendsten. Hohe Verehrung genießt auch Dagdas »außerehelicher« Sohn Angus Óg als Gott der Jugend und der Schönheit. Eine von Dagdas Nebenfrauen ist die Kriegsgöttin Mórrígan, die er zur Zeit des Samain-Festes trifft. Dann verspricht sie ihm Beistand in kommenden Schlachten. Mórrígan bildet zusammen mit Badb und Macha die Dreiheit der Kriegsgöttinnen. Möglicherweise handelt es sich aber auch um drei Erscheinungsformen einer einzigen Kriegsgöttin.

Mórrígan ist auch mit prophetischen Fähigkeiten ausgestattet und zauberkundig. In den Schlachten tritt sie meist nicht als aktive Kriegerin auf, sondern wirkt nur durch ihre Furcht einflößende Erscheinung. Gelegentlich greift sie in Tiergestalt in den Kampf ein. In der Sage von König Artus erscheint sie als Fee Morgain.

Welche Vorstellung hatten die Kelten von Unterwelt und Paradies?

Die Unterwelt beherrschte nach irischen Vorstellungen der Gott Donn, der Züge des gallischen Dis Pater trägt. Die Lokalisierung der Totenwelt erfolgt unterschiedlich, es kann sich dabei um eine mythische Insel im oder auch unter dem westlichen Ozean handeln.

Weit verbreitet war die Vorstellung, dass man durch Höhlen oder Seen in die Unterwelt gelangen kann. In einigen Sagen dringen wagemutige Abenteurer aber auch in ein Jenseits vor, das eindeutig paradiesische Züge trägt. In diesen Gefilden werden Schweine, die man am Abend verzehrt, am nächsten Tag wieder lebendig. Der Kessel des Überflusses ist immer voll, Krankheiten sind unbekannt. Möglicherweise sind diese Jenseitsdarstellungen aber nicht mehr authentisch keltisch, sondern von antikem und christlich-biblischem Gedankengut beeinflusst.

Welche Mutter- und Fruchtbarkeitsgottheiten wurden verehrt?

Auch die Kelten verehrten viele weibliche Gottheiten. Die wichtigste Göttin des irischen Pantheon war die Muttergöttin Ana, deren Name soviel wie »Wohlstand« oder »Überfluss« bedeutet. Trotzdem vereinigt sie zwei Naturen in sich, kann sowohl wohltätig als auch schädlich wirken. Möglicherweise verbirgt sich hinter ihr eine vorkeltische Fruchtbarkeitsgottheit. Eine ihr verwandte Göttin ist die gallische Muttergottheit Matrona, die dem Fluss Marne ihren Namen gab. Sie lebt in Gestalt der walisischen Sagengestalt Modron weiter, deren Sohn Mabon entführt wird. Mabon geht auf den keltisch-römischen Gott Maponus zurück, der mit Musik und Dichtkunst in Zusammenhang steht. Möglicherweise spiegelt die Entführungsgeschichte das uralte, in vielen Religionen verbreitete Konzept des sterbenden und wieder auferstehenden Fruchtbarkeitsgottes wider.

Fürchteten die Kelten wirklich, dass der Himmel einstürzt?

Das scheint so zu sein. In den Schriften der griechischen Geschichtsschreiber Strabo (64 v.Chr. bis um 20 n.Chr.) und Arrianus (95 bis 175 n.Chr.) ist eine denkwürdige Begegnung zwischen dem Feldherrn Alexander dem Großen und einer keltischen Gesandtschaft überliefert. Wie es heißt, hat Alexander seine Gäste gefragt, wovor sie sich am meisten fürchteten. Ihre überraschende Antwort: Sie fürchteten nichts, außer dass der Himmel über ihnen einstürzen würde. Ähnliche Andeutungen in der frühmittelalterlichen irischen Literatur lassen die Interpretation zu, dass die keltische Vorstellung vom Ende der Welt in Zusammenhang mit dem Einstürzen des Himmels stand.

Wussten Sie, dass …

vieles aus der keltischen Mythologie in abgewandelter Form bis heute lebendig ist? So geht das Fest Halloween auf das alte keltische Fest Samain zurück. Es wurde am 1. November gefeiert, der Ende und Anfang des keltischen Jahres markierte. In dieser Nacht waren die Geister unterwegs. Gleichzeitig vollzog sich die mythische Vereinigung des Stammesgottes mit der Erdmutter, die für reiche Ernte und Fruchtbarkeit stand.

die keltische Sagenwelt bis heute einen enormen Einfluss auf die moderne Fantasy-Literatur ausübt? Bekanntestes Beispiel ist wohl das populäre »Herr der Ringe«.

König Artus und der Gral: Romantisches Ritterbild in Vollendung

Worum geht es in der Sage von König Artus?

Die Hauptlinie der Erzählung dreht sich um König Artus, der mit einem magischen Schwert namens Excalibur ausgestattet ist, seinen umsichtigen Berater, den Zauberer Merlin, sowie um die Burg Camelot, in der der König die Ritter der Tafelrunde, die sich auf der Suche nach dem Heiligen Gral befinden, um sich schart. Der Sagenkreis um König Artus, die Ritter der Tafelrunde und die Suche nach dem Heiligen Gral bilden heute noch den Hintergrund für ein romantisches Bild des Rittertums in seiner höchsten Vollendung.

Woher stammt der Stoff?

Die immer wieder neu ausgeschmückte Geschichte geht auf den Geistlichen walisischer Abstammung Geoffrey von Monmouth zurück, der in England während der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts lebte. Hier verfasste er die »Geschichte der Könige Britanniens«, wobei er sich älterer Überlieferungen und Quellen bediente, die unter anderem die Artussage zum Thema hatten. Sein Werk setzt um 1200 v. Chr. ein und spannt den Bogen von der griechisch–römischen Sagenwelt bis in die Zeit der Eroberung Britanniens durch die Römer. Von da an beruhen seine Schilderungen zumindest teilweise auf Tatsachen und hier setzt auch die Geschichte von König Artus ein. Sie steht in engem Zusammenhang mit dem Niedergang der römischen Macht in Britannien im frühen 5. Jahrhundert n. Chr.

Wie wurde Artus zum König der Briten?

Während des Niedergangs der römischen Macht in Britannien im frühen 5. Jahrhundert n. Chr. waren die auf sich selbst gestellten Briten den Angriffen der in Schottland lebenden Pikten ausgesetzt und holten einen König der Bretagne zu Hilfe. Dieser war der Vater des späteren Königs Uther, der wiederum der Vater von Artus war. Noch vor der Machtübernahme von Uther spielten sich erbitterte Kämpfe um die Thronfolge ab, bei denen auch zunehmend die von Westen über das Meer eindringenden Sachsen eine Rolle spielten. Nachdem Artus den Thron bestiegen hatte, musste er sofort gegen Pikten und Sachsen zu Felde ziehen und vernichtete sie in drei gewaltigen Schlachten. Dann errichtete er ein Reich, das sich bis Irland und Island erstreckte und begann, Gallien (Frankreich) zu erobern.

Wie kam Artus zu Fall?

Nachdem Artus sich in Gallien gegen die Römer durchgesetzt hatte, plante er, gegen Rom zu marschieren. Doch sein als Stellvertreter in Britannien gebliebener Neffe Modred hatte sich in der Zwischenzeit mit den Sachsen verbündet und die Königswürde an sich gerissen. Artus kehrte nach Britannien zurück und schlug den Verräter in einer Schlacht, in der dieser getötet und Artus schwer verwundet wurde. Daraufhin wurde der verletzte Artus auf die Insel Avalon gebracht. Geoffrey schweigt sich zwar darüber aus, ob der König starb oder sich erholte, stellte aber in einem von ihm später verfassten Gedicht die »Apfelinsel« Avalon in den Gewässern des Westens liegend dar, wo Artus von der Zauberin Morgan gepflegt wurde.

Hat der legendäre König wirklich gelebt?

Es ist nicht eindeutig, was an dieser Legende wahr und was erfunden ist. Es ist heute klar, dass diese in der Spätantike angesiedelten und im Mittelalter niedergeschriebenen Ereignisse in ein mittelalterliches Gewand gekleidet wurden. Zudem mischten sich keltische Überlieferungen, historische Ereignisse der Spätantike sowie mittelalterliche Vorstellungen zu dem Bild des mittelalterlichen Idealherrschers, der in einer fast mystisch zu nennenden Welt lebte, in der Riesen und Drachen Wirklichkeit waren. Allerdings gibt Geoffrey mit 542 sogar das Todesjahr von Artus an.

Welche geschichtlichen Bezüge lassen sich herstellen?

Wenn man die Legende um Artus ihres sagenhaften und mittelalterlichen Beiwerks entkleidet, bleibt ein Gerüst, das Rückschlüsse auf historische Vorgänge erlaubt, die Vorbild für die Legende waren. Im Verlauf der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts brach in Britannien die römische Herrschaft durch die fortgesetzten Angriffe der Pikten, Skoten und Sachsen zusammen. Die zunehmend auf sich selbst gestellte romano-britische Bevölkerung war auf den Schutz von Kriegsherren angewiesen, die sich aus der alten Aristokratie rekrutierten.

Einer von ihnen, Riothamus, erlangte um 450 die Vorherrschaft und konnte die Macht des römisch-keltischen Britanniens für kurze Zeit wiederherstellen. Er könnte identisch mit König Artus sein, dessen Name sich von dem römischen Namen Artorius ableiten lässt. Auch Camelot, der Sitz des Herrschers, scheint gefunden. Es liegt im englischen Cadbury in Somerset. Die hier gefundenen Gebäudestrukturen haben zwar nichts mit einer prächtigen Burg gemein, doch weisen sie unzweifelhaft in die Zeit des »historischen Artus«.

Was ist der Heilige Gral?

Eines der zentralen Themen der Artuslegenden ist die Suche nach dem Heiligen Gral. Es handelt sich um ein mittelalterliches Motiv, das auf ältere Vorbilder zurückgreift. Unter dem Gral versteht man in der Regel den Kelch des Letzten Abendmahls, gelegentlich aber auch einen Wunder bewirkenden Stein. In der späteren christlichen Vorstellung vom Gral vereinten sich alte keltische, aber auch gnostisch-orientalische Ideen, in denen bestimmten Gefäßen wundersame und göttliche Eigenschaften zugeschrieben werden.

Altiranischer Glaube: Kosmischer Kampf der Mächte

Welche Glaubensvorstellungen gab es im Iran vor Zarathustra?

Bis zum Auftreten Zarathustras teilten die Iraner ihre zahlreichen Götter in zwei Klassen: erhabene Lichtgestalten, die im Kosmos wohnten, und niedere Geisterwesen, die in der Erde, dem Wind, dem Wasser und dem Feuer lebten. Niemand fühlte sich jedoch in der Lage, das Walten dieser Gottheiten zu durchschauen. Bei kultischen Feiern musste daher reichlich Rinderblut zu Ehren der höheren Wesen fließen, um die Furcht vor dem unberechenbaren Schicksal zu dämpfen. Priester und Hirten tranken zu bestimmten Anlässen Haoma, ein berauschendes Getränk, und steigerten sich durch rhythmischen Tanz in Trance, um für Augenblicke wie die Götter das beglückende Gefühl der Unsterblichkeit zu haben.

Wie wurde Zarathustra zum Religionsstifter?

Der Baktrier Zarathustra, der wahrscheinlich um 630 v.Chr. im Norden des heutigen Afghanistan geboren wurde, trat an, diese Rituale zu reformieren. Mit 20 Jahren verließ er seine Heimat und zog als Wanderer umher. Im Avesta, der heiligen Schrift des Zoroastrismus, heißt es, dass sich ihm schließlich am Fluss Daitya der Engel Vohu Manu offenbarte und ihn vor den Thron des Gottes Ahura Mazda, des »Weisen Herrn«, führte. Zarathustra hatte die Vision vom kosmischen Kampf guter und böser Mächte, vom alleinigen Gott und seinem Gegenspieler Satan, von der Auferstehung der Toten am Tag des Jüngsten Gerichts, vom Weiterleben nach dem Tod im Paradies oder in der Hölle, lange bevor Propheten anderer Religionen solche Gedanken verkündeten. Nach dieser Vision kehrte er nach Baktrien zurück und begann zu predigen.

Wie wurden Zarathustras Lehren angenommen?

Seine Erfolge waren zunächst bescheiden, so dass er seine Missionstätigkeit in das südöstlich des heutigen Buchara gelegene Königreich Chorasmien verlegte. Dort errichtete Zarathustra vor den Toren der Stadt Keschmar ein Feuerheiligtum als Symbol für den Kampf des Guten gegen das Böse, das keine Tieropfer erforderte. Wer rechtschaffen und arbeitsam lebte, durfte auf die Gnade des gestaltlosen Gottes Ahura Mazda hoffen. Gegenspieler dieses guten Gottes war das niedere Geisterwesen Angra Mainyu. Es wurde von Dämonen unterstützt – überwiegend jene Götter, die von den meisten Zeitgenossen Zarathustras verehrt wurden. Spielball beider Mächte war der Mensch, in dessen moralischer Verantwortung es lag, sich zwischen ihnen zu entscheiden. Zarathustras Wirken in Chorasmien blieb nicht unangefochten und gegen 555 v.Chr. töteten feindliche Krieger den Religionsstifter auf Veranlassung einheimischer Priester.

Wann breitete sich die neue Religion aus?

Unter der Herrschaft des persischen Königs Dareios I. (522–486 v.Chr.) breitete sich Zarathustras Lehre nicht nur im Iran, sondern auch in den angrenzenden Gebieten aus. Dareios' Nachfolger Xerxes erhob den Zoroastrismus zur Staatsreligion und zwang unterworfene Völker, sich zu dieser Lehre zu bekennen. Die Stellung der zoroastrischen Priester (Magi) schien völlig ungefährdet, doch schon unter Artaxerxes I. (464–424 v.Chr.) drohte Zarathustras Religion vom alten Kult verschluckt zu werden.

Erst um 170 v.Chr. erlebte der Zoroastrismus unter den Parthern einen neuen Aufschwung. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch die Sassaniden, die 224 n.Chr. ein neupersisches Reich gründeten. Die Texte des Avesta wurden neu geordnet, bisher nur mündlich überlieferte Verse aufgezeichnet und mit Kommentaren versehen. Zarathustra hieß in den neuen Schriften »Zardoscht«, Ahura Mazda wurde »Ormazd« genannt.

Was bewirkte den Niedergang des Zoroastrismus?

Die neuen Priester hoben ihre Einmaligkeit hervor und betonten das Ritual, angefangen vom heiligen Feuer, vor dem jede Familie in ihrem Haus zu bestimmten Zeiten zu beten hatte, bis hin zu den täglichen, komplizierten Reinigungsvorschriften. Je stärker die Magi mit immer neuem Regelwerk das Volk einschüchterten, um so weiter entrückten sie in das mystische Dämmerlicht des Geheimnisvollen.

Als 642 n.Chr. arabische Wüstenkrieger das Heer der Sassaniden besiegten, war für die zoroastrische Staatskirche die Katastrophe vollkommen. Die Massen begrüßten die Araber als Befreier und bekannten sich zusammen mit vielen Adligen zum Islam. Nur ein harter Kern von Anhängern blieb der alten Lehre Zarathustras treu. Rasch verringerte sich ihre Zahl in den folgenden beiden Jahrhunderten. Entweder traten sie zum Islam über oder sie wanderten nach Indien aus.

Anders als die Zarathustrapriester früherer Epochen betrachteten die sassanidischen Magi Andersgläubige grundsätzlich als Feinde des Guten. Juden, Christen und Buddhisten wurden mit einer hohen Sondersteuer belegt.

Lebt Zarathustras Lehre weiter?

Ja, das Zentrum der Anhänger Zarathustras ist die indische Metropole Bombay und deren Umgebung. In Indien werden sie Parsen genannt, was nichts anderes als »Perser« bedeutet. Ihre Gemeinden erkennt man gewöhnlich an den »Türmen des Schweigens«, auf denen die Leichname zur Luftbestattung ausgelegt werden. Die Parsen nehmen keine Konvertiten auf und erlauben auch keine Mischehen, was zur Folge hat, dass ihre Zahl bei etwa 130000 stagniert.

Religion im alten Indien: Glaubensformen an Indus und Ganges

Was war die Industal-Kultur?

Zu ihren bekanntesten Städten gehören die im heutigen Pakistan im Tal des Indus gelegenen Ausgrabungsorte Harappa und Mohenjo-Daro. Die Hochblüte dieser Kultur mit ihren reißbrettartig angelegten Städten existierte vermutlich vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis etwa in die Mitte des 2. Jahrtausends v.Chr. Diese Hochkultur ist uns nur aufgrund archäologischer Funde bekannt. Da im Gegensatz zu den Schriften anderer früher Zivilisationen die der Industal-Kultur bisher noch nicht entziffert werden konnte, gestaltet sich eine Deutung ihrer Religion äußerst schwierig.

Welche Glaubensvorstellungen lassen sich rekonstruieren?

Die Rekonstruktion religiöser Glaubensvorstellungen basiert hauptsächlich auf den Figuren und Bildern sowie auf Szenen, die auf Siegeln dargestellt wurden. Einiges spricht dafür, dass Züge der Religiosität dieser Epoche sich in der vedischen und nachvedischen Religion fortsetzten. Ein Beispiel ist die Figur einer anscheinend in Meditationshaltung sitzenden Gestalt mit Büffelhörnern, die vielfach als »Protoshiva« bezeichnet wird. Ob es sich dabei um den höchsten Gott, sozusagen um eine Frühform des Shiva (eine der wichtigen Gottheiten des späteren Hinduismus) handelt, ist ebenfalls nicht sicher, denn es gibt auch viele andere Vorschläge, die in dieser Figur den Prototyp des Feuergottes Agni oder sogar eines Asketen des um 500 v. Chr. entstandenen Jainismus, einer indischen Religion, sehen möchten. Andererseits scheint die Verehrung einer Muttergöttin im Zusammenhang mit dem so genannten Baum der Fruchtbarkeit hervorstechend zu sein; ob aber die männlichen Götter ihr alle untergeordnet waren, ist wiederum nicht befriedigend zu klären.

Die aus dieser Kultur stammenden Siegel lassen auf eine ausgeprägte Baum- und Tierverehrung schließen. Die Bestattungsbräuche waren offensichtlich während der langen Zeit der Industal-Kultur nicht einheitlich. So herrschte zum Beispiel in Harappa in der älteren Besiedelungsschicht Erdbestattung vor, während man später die Urnenbestattung bevorzugte.

Was versteht man unter vedischer Religion?

Die vedische Religion, die ihre Bezeichnung von ihren heiligen Schriften, dem älteren Teil des Veda (»Wissen«) herleitet, ist gewissermaßen die Vorläuferin dessen, was man jetzt gewöhnlich mit dem Begriff »Hinduismus« bezeichnet. Bisweilen trägt die jüngere Phase dieser Religion auch das Etikett »Brahmanismus«, weil in ihr die Priesterklasse der Brahmanen eine eminent wichtige Rolle spielte.

Träger dieser Religion waren die sich selbst als arya (»Edle«) bezeichnenden Bevölkerungsgruppen, die wohl seit der Mitte des 2. Jahrtausends v.Chr. über die afghanischen Gebirgsketten in den indischen Subkontinent einwanderten und ihre Herrschaft in Kämpfen gegen die dort ansässige Bevölkerung in einem Jahrhunderte andauernden Prozess über ganz Nordindien ausbreiteten. Religion stand in dieser Gesellschaft im Zentrum der gesamten Kultur und umfasste einen Komplex von Ideen, Erfahrungen, Handlungen und Verhaltensregeln gegenüber übernatürlichen persönlichen und unpersönlichen Mächten. Damit gingen Erklärungen über Entstehen und Existenz der Welt sowie Anschauungen über die Beziehungen dieser Mächte untereinander und mit den Menschen Hand in Hand.

Wie sah die religiöse Praxis aus?

Grundsätzlich galt der Mensch als von übernatürlichen Mächten abhängig, doch konnte man durch richtiges kultisches Verhalten, Gebete und vor allem Opfer (yajña) für ein Funktionieren dieser Kräfte sorgen. Im Mittelpunkt dieser Bestrebungen stand die Sicherung weltlicher Ziele wie Nachkommenschaft, Reichtum, Genuss und Gesundheit, da der Glaube an eine Weiterexistenz im Jenseits überhaupt nicht oder nur sehr verschwommen bestand. Die vedische Mythologie kennt eine Vielzahl von Gottheiten. Der Götterkönig und Gewittergott Indra repräsentiert dabei ein besonderes Maß an Macht und Vitalität. Es existierte in der vedischen Religion weder so etwas wie eine Kirche noch ein Glaubensbekenntnis, doch gab es begabte Seher (rishis), die durch Kontakte zu den Göttern und zur Welt des Heiligen das entsprechende Wissen über das Universum und seine Geheimnisse erlangen konnten.

Welche heiligen Schriften gibt es?

Autoritative Quelle der vedischen Religion sind die älteren Veden, insbesondere der Rigveda, der sich mit seinen Hymnen an die Götter richtet. Diesen Versen soll eine besondere religiöse Kraft innewohnen, die zum Gelingen ritueller Handlungen wie etwa dem Opfer oder dem Gebet notwendig ist. Daneben spiegeln der Rigveda, der Atharvaveda (Zaubersprüche), der Yajurveda (Opfersprüche) und der Samaveda (heilige Gesänge) auch die altindoarische Ständeordnung wider. Die Gesellschaft war geteilt in den Kriegeradel, den Priesterstand (Brahmanen) und in die gemeinen Landeigentümer – nur diese drei Gruppen hatten Zugang zu den religiösen Texten. Der vierten Gruppe der Shudras kamen ausschließlich dienende Funktionen zu.

Wussten Sie, dass …

die Bedeutung der Industal-Kultur erst spät erkannt wurde? So verwendete die britische Kolonialmacht beim Bau der Eisenbahnstrecke von Karatschi nach Lahore in der Mitte des 19. Jahrhunderts Lehmziegel aus dem Ruinenfeld des antiken Harappa.

die Industal-Kultur anscheinend sehr friedfertig war? Bei den archäologischen Grabungen wurden weder Befestigungsanlagen noch Waffen gefunden.

Religion im China der Frühzeit: Ahnen und Schamanen

Seit wann sind religiöse Vorstellungen in China nachgewiesen?

Religiosität manifestierte sich in China, wie archäologisch nachgewiesen werden konnte, bereits in der Alt- und Jungsteinzeit. Damals bestand China aus Territorien unterschiedlichster kultureller Prägung. Um 7000 v. Chr. scheint es die ersten Ackerbausiedlungen gegeben zu haben, 3000 Jahre später kam es zum Austausch materieller und religiöser Elemente der Kulturkreise im Einzugsgebiet der großen Ströme Liao, Gelber Fluss und Yangzi. Altäre, Tempel, Grabhügel und Bodenmalereien deuten auf Zeremonien, die von Zauberpriestern (wushi) geleitet wurden. Zunächst waren es Laien, während es in der Shang-Zeit (etwa 1600 bis 1050 v. Chr.) dann schon einen Priesterstand gab.

Woran glaubten die Menschen damals?

Das lässt sich nur schwer sagen. Archäologische Funde aus dieser Zeit vermitteln zwar punktuell Aufschluss über die religiösen Vorstellungen, sicher aber besaß man damals noch kein ausgereiftes religiöses System. Als wichtiges Element lässt sich ein hoch entwickeltes Begräbnisritual ausmachen, das auf Vorstellungen von einem Weiterleben nach dem Tod schließen lässt.

Als weiteres Charakteristikum gilt die Existenz von Schamanen, auf die die Funde von Ritualsymbolen wie Totentänzern, Tiergestalten mit Menschenköpfen, Drachen- und Tigerabbildungen auf Keramik-Ritualgefäßen hinweisen. So genannte Cong-Jadeobjekte deutet man aufgrund ihrer innen runden und außen viereckigen Form als Bild für Himmel und Erde: Die innere Hohlröhre wird als axis mundi, als Weltachse interpretiert, wie sie bei vielen anderen Kulturen, etwa den Germanen, nachweisbar ist. Alle Symbole fügen sich zu einem System, in dem die Natur als Zusammenspiel von himmlischer und irdischer Welt gesehen wurde.

Welche Rolle spielten die Schamanen?

Der Schamane besaß als Einziger die Fähigkeit, die Zweiteilung der Welt zu überwinden. Dieses Können machte ihn zu einem vielseitigen Funktionsträger: Er fungierte als Heiler, Geistmedium, Wahrsager und Magier, etwa für einen Regenzauber. Der Schamanismus, verknüpft mit den hierarchischen Herrschaftsstrukturen, setzte sich als Legitimationsmodell für die Königsherrschaft in der Shang- und in der Zhou-Zeit (1050 bis 249 v. Chr.) fort: Die Könige dieser Epochen hatten nämlich den Anspruch, als Einzige mit der göttlichen Instanz kommunizieren zu können.

Wann trat in China der Ahnenkult auf?

Er ist wohl ziemlich alt, gewann aber im Lauf der Shang-Zeit merklich an Bedeutung. Damals hatte die patrilineare (um die Vaterlinie organisierte) Gesellschaft die matrilineare (um die Mutter organisierte) abgelöst. Als Folge kam es zur inhaltlichen Erweiterung des Ahnenkults, den die Herrscherklasse für ihre Interessen nutzte. Die Vergöttlichung der Ahnen hatte sich aus der Auffassung entwickelt, dass der Mensch aus »Körperseele« und »Geistseele« besteht, die Emanationen einer Leben einhauchenden Energie (qi) sind. Während die Körperseele nach dem Tod zerfällt, existiert die Geistseele weiter. Durch die Versorgung mit Opfergaben suchte man sich des Beistands besonders der für die Gemeinschaft wichtigen Seelen der Stammesführer zu versichern, damit sie kein Unheil anrichteten.

Die als »Korrespondenz« mit den Ahnengöttern zu verstehenden Orakelinschriften auf Schildkrötenpanzern und Knochen besagen, dass die über die Welt herrschende Gottheit Di oder Shangdi, der »oberste vergottete Ahn«, als entfernter Vorfahr des Shang-Volks galt. Die Könige sahen sich jedoch nicht als direkte Abkömmlinge; sie wurden nach ihrem Tod lediglich als Gäste von Shangdi aufgenommen.

Unter den auf die Shang folgenden Zhou verschmolz Shangdi mit Tian, dem Himmel. Die Zhou-Könige verstanden sich als Söhne des Himmels, als von der obersten Gottheit gesandte Vertreter auf Erden, denen das »Mandat des Himmels« verliehen worden war. Diese Idee stellte für die Herrschenden der Zhou und der nachfolgenden Dynastien die Legitimation ihrer Macht dar.

Welche religiösen Praktiken lassen sich nachweisen?

Aus dem China der Frühzeit sind unterschiedliche Riten bekannt. Aufschluss über die Kultpraxis, Opferdienste, Weissagungen mithilfe von Knochen oder Schildkrötenpanzern und Begräbnisriten geben uns archäologische Funde und die ältesten Texte im »Buch der Schriften« und im »Buch der Lieder«. Die wichtigsten dieser Rituale standen im Zusammenhang mit der Sicherstellung reicher Ernten und dem Ahnenkult.

Der hierarchisch gegliederte Ahnenkult diente den Mächtigen zur Festigung ihrer Blutsbande: König, Fürst, Sippe und Familie opferten in ihren jeweiligen Ahnentempeln und versorgten die Ahnen mit dem Nötigsten. Auch der Bestattungskult ist als Zeichen der großen Bedeutung der Ahnenverehrung zu werten. Dem Verstorbenen wurden für das Jenseits verschiedene Dinge mitgegeben, die er im Leben gebraucht hatte, in der Shang-Zeit mussten sogar zahllose Menschen, Diener und Frauen, dem Toten ins Grab folgen. Die aufgefundenen Ritualbronzen dienten als Speise- und Trankopfergefäße.

Bereits die Shang kannten den Kult des Erdgottes, dessen Altar des Erdbodens den allgemeinen kultischen Mittelpunkt bildete. Durch die Gleichsetzung des Hochgottes Shangdi mit Tian kam es dann unter den Zhou zur Verschmelzung von Agrarkult und Ahnenkult. Die höchsten Opferdienste für den Himmel wurden vor der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche vom Kaiser, dem Himmelssohn persönlich, mit großem Aufwand an einem Opferaltar in der südlichen Vorstadt vollzogen.

Wussten Sie, dass …

bei den Shang der Getreidegott »Prinz Hirse« wegen seiner großen Bedeutung mit dem Urahn der Zhou identifiziert wurde? Der Gott, für den es einen eigenen Kult gab, war besonders wichtig, da er für eine gute Ernte zuständig war.

der Begriff »Reich der Mitte« aus der Zeit der Zhou stammt? Er wurde ursprünglich nicht auf das ganze chinesische Territorium angewandt, sondern nur auf die zentralen, eben in der Mitte liegenden Feudalstaaten, und wird noch heute verwendet, wenn man von China spricht.

Grundlagen japanischer Religiosität: Kult in Ton und Bronze

Auf welche Kultur gehen erste religiöse Vorstellungen in Japan zurück?

Von der Vorgeschichte des religiösen Lebens auf der japanischen Inselkette fehlen wirklich verlässliche Quellen. Doch viele Indizien deuten darauf hin, dass einige der noch in der Gegenwart gültigen religiösen Vorstellungen bereits in der so genannten Jomon-Zeit entstanden sind.

Die ersten Spuren einer menschlichen Besiedlung auf dem japanischen Inselbogen sind mehr als 30000 Jahre alt. Vor etwa 10000 Jahren, als die Landbrücke zum ostasiatischen Kontinent noch bestand, entwickelte sich dort eine Kultur mit einer speziellen Keramik. Ihr unter Zuhilfenahme von Strohschnüren hergestelltes Muster gab der ganzen Epoche ihren Namen: Jomon (»Schnurmuster«).

Die Jomon-Zeit dauerte bis etwa 300 v.Chr. Die »Schnurmuster«-Gefäße stellen die älteste erhaltene Keramik der Welt dar. Ihren kulturellen Höhepunkt erreichte die Jomon-Zeit etwa um 2500 v.Chr. Ihre Zentren lagen im Osten und Norden des späteren Japan. Basierend auf Jagd, Fischfang und Wildbeuterei entwickelte sich zwar allmählich eine sesshafte Lebensweise, systematischer Ackerbau wurde jedoch allenfalls lokal und erst kurz vor Ende der Epoche betrieben.

Was verraten die archäologischen Funde?

Einige Funde gewähren einen Einblick in die religiösen Vorstellungen der Zeit: Es handelt sich dabei um kleine Figurinen aus gebranntem Ton, die schwangere Frauen darstellen oder ausgeprägte weibliche Geschlechtsmerkmale aufweisen. Zeugnisse eines Fruchtbarkeitskultes? Im Norden Japans hat man Steinkreise mit Megalithen gefunden, die teilweise als Friedhöfe genutzt wurden – offensichtlich machten sich die Jomon-Menschen Gedanken um ein Jenseits.

Steinkreise spielten auch beim Zeremoniell für erfolgreichen Lachsfang eine Rolle. Auffällig ist bei den größten dieser Anlagen die sonnenuhrartige Anordnung der Megalithen. Kunstvoll verzierte ausgehöhlte Steinfigurinen aus der Endphase der Jomon-Zeit werden als »Gefäße« für Seelen oder Geistwesen angesehen.

Wie entwickelte sich die japanische Kultur weiter?

An die Jomon-Zeit schloss sich die Yayoi-Zeit an, die von etwa 300 v.Chr. bis zum Ende des 3. nachchristlichen Jahrhunderts dauerte. Der Name Yayoi stammt von einem Ausgrabungsort in Tokyo. Noch eindeutiger als die Jomon-Zeit ist die Yayoi-Kultur mit den Entwicklungen des Festlandes verbunden.

Kulturelles Zentrum wurde der Südwesten des späteren Japans, vor allem die Insel Kyushu, die Korea und Südchina am nächsten liegt. Von hier gelangte der Nassfeldreisanbau auf die japanische Inselkette – für die künftige kulturelle Entwicklung von überragender Bedeutung.

Wie passten sich die religiösen Vorstellungen der Gesellschaft an?

Die religiösen Grundformen gewannen in der Yayoi-Zeit klarere Konturen. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse hatten sich grundlegend geändert. Der arbeitsintensive Anbau von Reis setzte eine komplexe Wirtschaftsweise voraus. Diese wiederum kann nur von einer größeren, gut organisierten Dorfgemeinschaft bewerkstelligt werden. Die Folge: Das religiöse Zeremoniell konzentrierte sich auf den Schutz der Dorfgemeinschaft und der weit verzweigten Clans, die jeweils eigene Gottheiten (kami) verehrten.

Kami, oft irreführend mit »Gott« übersetzt, bezeichnet jede Art von Geistwesen oder übernatürliche Kräfte, die allenthalben in der Natur anzutreffen sind. Sie offenbaren sich in vielerlei Gestalt. Diese Wesen oder Kräfte sind weder allwissend noch allmächtig. Bei Missachtung schaden sie jedoch der menschlichen Gemeinschaft, bei Beachtung des angemessenen Rituals bringen sie ihr Segen.

Wo liegen die Wurzeln des Shinto-Glaubens?

Die Grundvorstellungen der einheimischen Religion Japans, später als Shinto (»Weg der Götter«) bekannt, gab es wohl schon in der Yayoi-Zeit: Dass die ersten Reisspeicher eine große Ähnlichkeit mit der Bauweise der späteren Shinto-Schreine haben, weist stark in diese Richtung. Chinesische Quellen berichten von einem regen Besucherverkehr mit dem Südwesten des Inselbogens und davon, dass das religiöse Leben von zahlreichen Tabu- und Reinheitsvorstellungen bestimmt war. Reinheit und Reinigung sind noch heute zentrale Momente japanischer Religiosität.

Wie sah die religiöse Praxis der Yayoi-Zeit aus?

Unter anderem wurde Schamanismus ausgeübt und Medien übermittelten in Trance Botschaften der Toten. Mithilfe von Orakelknochen sagte man die Zukunft voraus. Mit der Yayoi-Zeit begann in Japan auch der Gebrauch von Bronze, insbesondere für Ritualgeräte. So wurden große Mengen an Bronzeglocken, Speeren, Lanzen und Spiegeln hergestellt oder importiert. Die Ornamente auf den Bronzeglocken zeigen, dass, wie in der Jomon-Zeit, Jagdzauber ausgeübt wurde. Viele der Bronzeartefakte wurden seltsamerweise vergraben. Die Lage der Fundstellen lässt auf Fruchtbarkeits- und Ernterituale schließen.

Wer war Himiko, die »Tochter der Sonne«?

Die chinesischen Quellen berichten in ausführlicher Weise über Himiko (»Tochter der Sonne«), die Herrscherin von Yamatai war, dem größten Staatsgebilde der Inselkette. Als schamanistische Priesterin war Himiko unverheiratet und wurde streng von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Als Einziger hatte ihr Bruder unmittelbaren Kontakt mit ihr. Himiko starb in der Mitte des 3. Jahrhunderts und wurde zusammen mit mehr als tausend Gefolgsleuten in einem riesigen Erdhügel bestattet. Wo genau das Gebiet von Yamatai lag und welche Verbindungen es zum Kult der Sonnengöttin Amaterasu, Ahnherrin der japanischen Kaiser, hatte, wird bis heute diskutiert.

Wussten Sie, dass …

die übernatürlichen kami der altjapanischen Religion auch heute noch in Japan verehrt werden? Kultorte der kami sind die shintoistischen Schreine.

der berühmteste kami-Schrein Japans der Ise-Schrein in der gleichnamigen Stadt ist? Er ist der Sonnengöttin Amaterasu, dem wichtigsten kami des Shinto, geweiht.

der Ise-Schrein alle 20 Jahre abgebrannt und an gleicher Stelle in identischer Gestalt wieder errichtet wird?

Nordamerikanische Religionen: Die Kraft der Wesen und Dinge

Woran glaubten die Indianer?

Die Vorstellung einer übernatürlichen Macht war in den indianischen Kulturen Nordamerikas – vor allem im Nordosten – weit verbreitet. Die Stämme des Ostens glaubten an eine unpersönliche, allen Lebewesen und auch den sachlichen Dingen innewohnende Kraft, ein dynamisches Prinzip, das den Wesen und Dingen erst ihre Wirklichkeit verleiht. So war nach dem Glauben der Irokesen die notwendige Voraussetzung für den Erfolg auf der Jagd, dass jene Kraft (orenda) des Jägers stärker sein müsse als die des zu erbeutenden Tieres. Auch den Toten war diese Kraft zu Eigen. Alljährlich feierten die Irokesen im Frühjahr das Totenfest, in dessen Verlauf Männer und Frauen abwechselnd bis zum Morgengrauen tanzten. Um Mitternacht wurde der Tanz kurz unterbrochen, und ein Mitglied des Bundes der Totensänger bat die Geister der Verstorbenen, den Lebenden in ihrem Daseinskampf zu helfen.

Welche Gottheiten wurden verehrt?

Als Hauptgott verehrten die Prärie-Indianer einen Lenker des Universums als die alles durchdringende Kraft, dem andere Gottheiten wie die Beschützerin des Haushalts oder der Schutzherr der Künste untergeordnet waren. Alle diese wohlwollenden Mächte hatten ihre Gegenstücke. So wurde der Orkan als der Herr des Bösen personifiziert. Zu den geringeren Göttern in der Dämonengruppe gehörten Ungeheuer, Wassergeister und böse Zwerge.

Welche Aufgabe hatte der Medizinmann?

Er stand in Kontakt mit den übermenschlichen Mächten und übernahm dadurch eine Mittlerfunktion. Eigentlich handelte es sich beim Medizinmann eher um eine Art Seher. Er befasste sich mit Wahrnehmungen jenseits von Akustik und Optik und versuchte, Zusammenhänge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verstehen und vorauszusehen.

Besonders erfahren war der Medizinmann auch in der Naturheilkunde. Als eine Art Psychologe, Priester und Zeremonienmeister aktivierte er durch allerlei geheimnisvoll erscheinende Manipulationen das Unterbewusstsein der Menschen. Zu den heiligen Tänzen, die Medizinmänner veranstalteten, gehörten der Sonnentanz und der Bisontanz, bei dem sich die Tänzer als Büffel verkleideten und die Bewegungen des Tieres nachahmten.

Welche Bedeutung hatten visionäre Erlebnisse?

Visionen spielten bei den Prärie-Stämmen eine große Rolle. Jeder erwachsene Mann musste ein »Medizinbündel« besitzen, in dem sich oft Vogelbälge oder auch Früchte befanden. Sie gewährleisteten dem Besitzer den Beistand übermenschlicher Mächte. Um diese Medizin zu erlangen, bedurfte es in der Jugend eines visionären Erlebnisses. Meistens suchte der Jugendliche zu diesem Zweck die Einsamkeit auf, um sich dort durch strenges Fasten und Selbstpeinigung in einen Zustand zu versetzen, der seinen Geist für Visionen öffnen sollte. Die Vision verriet ihm dann, welche Gegenstände zukünftig seine Medizin ausmachen sollten.

Was war die Geistertanzbewegung?

Nach der Unterwerfung der letzten Präriestämme in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gründete um das Jahr 1888 der Paiute Wovoka die so genannte Geistertanzbewegung, die vom Christentum beeinflusst war. Wovoka prophezeite die Rückkehr aller toten Indianer aus der Geisterwelt und das Verschwinden der Weißen.

Die Voraussetzung für das Eintreten dieser Ereignisse war das Ausüben des heiligen Tanzes, den Gott Christus geboten hatte. Während des Kreistanzes wurde eine Reihe von Beschwörungsformeln gesprochen. Eine größere Gruppe Geistertänzer wurde Ende Dezember 1890 bei Wounded Knee in South Dakota von Soldaten massakriert. Anschließend verboten die Behörden die Bewegung.

Wie sahen die religiösen Vorstellungen der Pueblo-Indianer aus?

Im Gegensatz zu den Stämmen des Ostens und Nordens verehrten die Ackerbauern des Südwestens außer der Sonne vor allem verschiedene Erd- und Vegetationsgottheiten. Ihre Religiosität manifestierte sich in zahlreichen Zeremonien. Der Großteil des religiösen Lebens spielte sich in den kiva ab, Zeremonieräume, in denen sich ein hölzerner Altar mit Kultgeräten und der shipapu befand, ein Loch in der Erde, das die mythische Verbindung mit der Unterwelt symbolisierte. Frauen und Fremden war der Zutritt zu den kiva im Allgemeinen untersagt. Die Pueblo-Indianer trachteten besonders danach, mit den Göttern Harmonie zu erreichen, um eine gute Ernte zu erlangen.

Ein wesentlicher Bestandteil ihrer Religion waren außerdem die Kachinas, die Geister der Ahnen. Sie dienten als Vermittler zwischen den Menschen und den höheren Mächten. Dargestellt wurden die Kachinas durch kostümierte und mit Masken versehene Männer eines Dorfes, die in Bünden zusammengefasst waren und von Priestern geleitet wurden. Die Kachinas baten die Götter um Regen, Gesundheit und allgemeines Wohlergehen. Vermutlich leitete sich dieser Brauch vom zentralmexikanischen Regenkult ab.

Was ist die Peyote-Religion?

In den 1870er Jahren entstand im Südwesten der USA bei den Mescalero-Apachen, Kiowa und Komantschen die so genannte Peyote-Religion, die schließlich zur weitestverbreiteten indianischen Glaubensrichtung wurde. Zentrales Ritual dieser Religion ist der Verzehr des stachellosen Kaktus Peyote, der zu halluzinogenen Wirkungen führt, aber offenbar keine Sucht hervorruft. In diesen Auswirkungen sehen die Indianer göttlichen Beistand, um ein rechtschaffenes Leben zu führen. 1944 organisierten sich die Anhänger der PeyoteReligion als »Einheimische Amerikanische Kirche der Vereinigten Staaten« auf nationaler Ebene.

Glaubensvorstellungen Mesoamerikas: Opfer für den Sonnengott

Warum spricht man von einer Religion Mesoamerikas?

Weil die mittelamerikanischen Religionen und Kulturen der vorkolumbianischen Zeit – also vor der Entdeckung und Eroberung durch die Europäer – so viele Gemeinsamkeiten hatten, dass man von einem mehr oder weniger geschlossenen Kulturraum ausgehen kann. Das als »Mesoamerika« bezeichnete Gebiet erstreckte sich von den Wüsten Nordmexikos bis ins heutige Honduras, Costa Rica und El Salvador.

Was war die religiöse Grundlage dieser Kultur?

Die Religion der Tolteken in Zentralmexiko. Diese verehrten als höchsten Gott und Schöpfer allen Lebens Quetzalcóatl (»Grüne Federschlange«). Einst musste der fünfte toltekische Priesterkönig, der diesen Gott so sehr verehrte, dass er sich selbst nach ihm benannte, das Land verlassen. Seine als Dämonen mythisierten Gegner gewannen die Oberhand. Auch erschien ihm sein gealtertes Antlitz so hässlich, dass er fürchtete, seine Untertanen könnten vor ihm davonlaufen.

Man vermutet, dass er zu den Maya nach Yucatán auswanderte. Die Azteken – Nachfolger der Tolteken – erwarteten seine Wiederkehr jedoch heiß und innig. Beim Niedergang des mächtigen aztekischen Reiches durch den Einfall der spanischen Konquistadoren spielte diese Erwartung eine tragische Rolle: König Montezuma II. meinte im Eroberer Cortés den lang vermissten Quetzalcóatl zu erkennen.

Wie stellten sich die Altamerikaner die Welt vor?

Das mesoamerikanische Weltbild war hochkomplex. Danach gab es außer der Erde 13 Himmel und neun Unterwelten, die übereinandergelagert die Wohnorte der zahlreichen, sich seit Urzeiten bekämpfenden Götter bildeten. Falls die Herrscher der Unterwelt diesen Kampf gewönnen, bedeutete dies den Untergang des fünften, gegenwärtigen Zeitalters. Im Zentrum der Welt befand sich für die Maya der Weltenbaum, dessen Astwerk in alle Ebenen reichte, während die Azteken die toltekische Stadt Tollan, Wohnort des Quetzalcóatl, für das Zentrum der Welt hielten.

Die als dualistische Einheit verstandenen Götter Ometecutli (»Herr der Zweiheit«) und Omeciuatl (»Frau der Zweiheit«), die in der obersten der Himmelsebenen lebten, pflanzten nach aztekischem Glauben den Menschen ihre Seele ein. Das göttliche Paar hatte also eine sehr hohe Stellung und doch wurde ihm keinerlei Ritual oder Opfer zugedacht. Ganz anders dagegen der Sonnengott, den die Azteken »Tonatiuh« und die Maya »Kinich Ahau« nannten. Fünfmal am Tag brachte man ihm Brandopfer dar. Da er auf seiner allnächtlichen Reise durch die Unterwelt zum Skelett abmagerte, musste er außerdem täglich mit menschlichem Blut ernährt werden. Das so genannte Herzopfer diente dazu, die Gottheit am Leben zu erhalten. Die Mondgöttin Ixchel wurde mit Wasser und Webkunst assoziiert.

Was erwartete die Menschen im Totenreich?

Starb ein Mensch einen gewöhnlichen Tod, gelangte er zunächst in die Unterwelt, wo die Götter des Todes sowie zahlreiche bösartige Wesen die Seele des Toten quälten, bis sie geläutert in den Himmelsbereich aufstieg. Den Glauben, dass rituell geopferte oder im Krieg gefallene Männer sowie im Kindbett gestorbene Frauen auf direktem Weg in die himmlischen Sphären aufgenommen wurden, haben die Maya sehr wahrscheinlich erst von den Azteken übernommen.

Welche Aufzeichnungen gibt es über diese Religion?

Von den Maya und Azteken sind jeweils drei Codizes aus vorspanischer Zeit erhalten. Diese Faltbücher enthalten Hieroglyphen und szenische Bildfolgen über rituelle Vorschriften oder Wahrsagungen. Die »Bücher des Chilam Balam«, indianische Texte, die aber in Latein niedergeschrieben wurden, stammen von den Maya aus Yukatan. Das »Popul Vuh«, heiliges Buch der Maya aus Guatemala, enthält unter anderem die Schöpfungsgeschichte, während »Rabinal Achi« ein Theaterstück zur Thematik des Menschenopfers ist. Weitere wichtige Quellen zur präkolumbianischen Religion Mesoamerikas gehen auf christliche Missionare zurück, die die mündlichen Überlieferungen teils in der indianischen, teils in spanischer Sprache niederschrieben.

Generell gilt für die altamerikanische Quellenlage, dass viele ursprüngliche Dokumente vernichtet wurden und dass bei Texten, die in spanischer Sprache oder in indianischer Sprache mit lateinischen Schriftzeichen geschrieben wurden, die Authentizität grundsätzlich in Frage gestellt werden kann.

Wussten Sie, dass …

die der Mondgöttin Ixchel zugeordneten Webmuster noch heute von den Maya-Frauen verwendet werden? In ihnen finden sich Symbole und Zeichen, die einen Hinweis auf das Weltbild der Indianer darstellen, wobei zum Beispiel Farben nach 13 und neun Linien wechseln oder einige Muster mit bestimmten Tieren assoziiert werden, die wiederum speziellen Göttern zugeordnet sind.

die Maya weit weniger Menschenopfer praktizierten als die Azteken?

Die Religion der Inka: Ein Gottkönig und Sohn der Sonne

Wie entstand das Inkareich?

Begründer des Inkareiches war ein relativ kleines kriegerisches Volk, dessen Herkunft ungeklärt ist. Sein politisches und religiöses Oberhaupt nannte es Inka. Durch Unterwerfung anderer Völker wie der Ketschua, Chimú und Chanka und dank geschickter Umsiedlungsmaßnahmen, eines straff geführten Heeres und der Einführung von Frondiensten konnten die Inka ihr Herrschaftsgebiet über den gesamten Andenraum ausweiten. Andererseits erwiesen sie sich als tolerant gegenüber den religiösen Ideen ihrer Untertanen, integrierten sogar manches in ihre eigene Religion.

Welche Götter kannten die ersten Inka?

Die frühen Inka verehrten vor allem einen Schöpfergott, der im Küstengebiet bereits seit 200 n.Chr. als Pachacamac und im Bergland unter dem Namen Viracocha angebetet wurde. Tempelanlagen und andere Heiligtümer in Peru zeugen von der Verehrung dieses Schöpfergottes. Mit der Regierungszeit des neunten Inkas Pachacutic (»Weltenwender«, 1438 bis 1471) wurden Pachacamac und Viracocha immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Dem Mythos zufolge war der Sonnengott Inti Pachacutic erschienen und hatte ihn als seinen Sohn angesprochen, woraufhin dieser eine Dynastie von »Sonnensöhnen« begründete. Neben Viracocha und Inti gehörten zum Pantheon noch einige andere Götter, darunter auch Pachamama, die Erdmutter, die noch heute für die indianische Religiosität eine wichtige Rolle spielt.

Welche Position nahm der Herrscher ein?

Die Verehrung des Inkas beruhte auf seiner Abstammung von der göttlichen Sonne als Spross der Dynastie von »Sonnensöhnen«. Keinem seiner Untertanen war es erlaubt, dem Gottkönig direkt ins Angesicht zu blicken. Zu seinen Aufgaben gehörte die Begrüßungszeremonie der Sonne beim Sonnenwendfest Intip Raymi, sowie die rituelle Bestellung des Feldes zur Eröffnung des Ackerjahres. Die sich aus seiner Familie rekrutierende Priesterschaft, der auch Frauen angehörten, war für Heilkunde, Astronomie, Prophezeiungen und die Durchführung von Opfern zuständig. Der Priesterschaft standen ein Hohepriester und eine Hohepriesterin vor.

Welche Glaubensvorstellungen hatte das Volk?

War die rituelle Verehrung von Viracocha, Inti und der übrigen Götter eher eine Sache des Inkas und des Adels, so zeichnete sich die Religiosität des einfachen Volkes durch Ahnenverehrung und den mit dem komplexen Begriff huaca verbundenen Vorstellungsbereich aus. In der frühen Hochkultur der Moche (100 v.Chr.–800 n.Chr.) wurden Lehmziegelpyramiden, die sowohl zeremoniellen als auch militärischen Zwecken dienten, huaca genannt. Bei den Völkern des Inkareiches meinte huaca zugleich den Gebetsort und alle als heilig angesehenen Erscheinungen der Natur, wie etwa Tiere, Pflanzen oder auch Menschen beziehungsweise die hinter diesen Erscheinungen stehenden Geistwesen.

Wie wurden die Toten bestattet?

Beim Umgang mit dem Tod zeigte sich eine der Gesellschaftsordnung entsprechende unterschiedliche Behandlung von Adligen und einfachem Volk. Während ein einfacher Verstorbener in einer Höhle beigesetzt wurde und als einzige Grabbeigabe ein paar Lebensmittel erhielt, wurde ein Adliger mit reichlichen Beigaben in eigens errichteten Gebäuden bestattet. Der Inka selbst wurde bei seinem Tod mumifiziert und gemeinsam mit seinen Dienern und Frauen im Palast beigesetzt.

Welche Bedeutung hatte die Stadt Cuzco für die Inka?

Sie war von Göttern gegründet worden und darum heilig. In einem erst im 15. Jahrhundert entstandenen Mythos von Manco Capac und Mama Ocllo wurde die göttliche Herkunft der Inka nachträglich bis zur Gründung des Inkareiches zurückgeführt. Demnach hatte Inti, der Sonnengott, seine Kinder Manco Capac und Mama Ocllo beauftragt, mithilfe eines goldenen Stabes das Land zu finden, in dem sie sein Imperium errichten sollten. Dieser Ort war die Stadt Cuzco, die zum Zentrum des Inkareiches Tahuantinsuyu, dem »Land der vier Teile«, werden sollte. Unter Pachacutic, dem »Weltenwender«, wurden in Cuzco Paläste, Tempel und Festungsanlagen erbaut. Heute ist Cuzco eine Industriestadt und Sitz eines Erzbischofs, doch finden sich noch die Ruinen des Sonnentempels und anderer Bauwerke.

Übrigens: Erst im Jahr 1911 wurde die Inka-Ruinenstätte Machu Picchu entdeckt, die versteckt zwischen zwei Berggipfeln gelegen ist. Wozu diese Anlage diente, ob es sich um eine Stadt oder eine Kultstätte handelte, ist bis heute nicht bekannt. Neben Opfersteinen und Tempeln befand sich dort auch eine Sonnenwarte. Sie nahm den höchsten Punkt der Anlage ein.

Wussten Sie, dass …

von den Inka im Gegensatz zu den alten Kulturen Mesoamerikas keine schriftlichen Quellen vorliegen?

die Inka zur Übermittlung von Daten und Informationen die so genannten Quipus verwendeten? Es handelte sich dabei um farbige Schnüre, die in einer bestimmten Art und Weise und in verschiedenen Abständen verknotet wurden. Möglicherweise wurden diese Quipus auch als Hilfsmittel zur mündlichen Überlieferung der Mythen verwendet.

Die Religionen Ozeaniens: Geisterbeschwörung und Tabus

Welche Glaubensvorstellungen haben die Melanesier?

So vielgestaltig wie die Kulturen Melanesiens, das mit Polynesien die Inselwelt des Pazifischen Ozeans bildet, sind auch ihre Glaubensvorstellungen. Einige zentrale Elemente sind ihnen jedoch gemeinsam, darunter die Bedeutung der Mythologie für das tägliche Leben und eine allgegenwärtige Furcht vor böser Zauberei, vor allem aber Fruchtbarkeitsriten und Ahnenverehrung. Grundlage des Ahnenkults ist die Vorstellung von mindestens einer den Tod überdauernden Seele, die zunächst zu einem Totengeist und – wenn der Verstorbene einflussreich war – zu einem Ahnengeist wird. Diese Geister bleiben in die Gemeinschaft der Lebenden eingebunden. Sie sind für Fruchtbarkeit und Kindersegen zuständig und werden von den Lebenden durch regelmäßige Zeremonien und durch Gaben an ihre Pflichten erinnert.

Wie sehen die Feste zur Ahnenverehrung aus?

Das bekannteste Beispiel für die zentralen religiös-sozialen Feste in Melanesien findet wohl auf Neu-Irland, einer der östlichen Inseln von Papua-Neuguinea, statt. Für dieses Fest werden kunstvolle Masken (malanggane) geschnitzt, die einzelne Ahnen repräsentieren. Während der Feierlichkeiten tanzen diese Masken zum Gedenken an die Verstorbenen und vergegenwärtigen so auch das mythische Urzeitgeschehen. Für das Festessen werden Schweine geschlachtet. Zentrales Motiv der Feier ist der ewige Kreislauf von Tod und Wiedergeburt; dieses Motiv findet sich auch in der Initiation der Jungen wieder, also in ihrer feierlichen Aufnahme in den Kreis der Männer, die meist mit der Feier verknüpft ist.

Woran glauben die Polynesier?

Mit Melanesien haben die polynesischen Religionsformen vor allem die Seelenvorstellungen, die Konzepte um Mana und Tabu sowie den Glauben an eine Lebenskraft mit entsprechendem Fruchtbarkeitskult gemein. Die differenziertere soziale Schichtung führte in Polynesien allerdings dazu, dass sich ein Priesterstand bildete und – neben lokalen Naturgeistern – auch überregional mächtige Götter an Bedeutung gewannen: Tane beispielsweise, der Herr des Waldes, Rongo, zuständig für den Bodenbau, oder Tu, der Kriegsgott. Als Heimstätte dieser Wesen galt eine Geistwelt, in der sich auch für alles, was auf der Erde existierte, eine Art spirituelles Doppel befand, die Quelle der spirituellen Kraft Mana.

Mana kann den Menschen, Tieren oder Dingen in einem unterschiedlichen Maße zu eigen sein und verleiht ihnen eine besondere Wirksamkeit oder Fruchtbarkeit. Um einen gefährlichen Kontakt, also das »Überladen« mit oder den Verlust der spirituellen Kraft Mana, zu verhindern, waren Meidungsgebote (Tabu) zu beachten. Viele dieser besonderen Tabus galten als so mächtig, dass im Falle einer Verletzung der Frevler von selbst mit Krankheit oder Tod bestraft werden würde – ihre Überwachung war damit also überflüssig. Die Hauptaufgabe der meist adligen Priester bestand vielmehr in der Pflege des Kultes.

Wie sahen die religiösen Kultstätten aus?

Die geweihten Stätten, an denen der Kult stattfand, die Marae, waren je nach Region mehr oder weniger aufwendig errichtet – von hölzernen Gotteshäusern im Westen Polynesiens bis hin zu geräumigen Anlagen mit Steinsäulen im Osten, unter denen der Marae Mahaiatea auf Tahiti mit seiner zehnstufigen Pyramide die größte ist. Auch monumentale Steinstatuen finden sich in Ost-Polynesien; die wohl berühmtesten stehen auf der Osterinsel. Im Osten Polynesiens lag lange Zeit auch das religiöse Zentrum, der Marae Taputapuatea auf Raiatea, zu dem Polynesier selbst aus entlegenen Regionen pilgerten.

Wussten Sie, dass …

mit dem Begriff »Naturreligion« aufgrund der Gegenüberstellung von Natur und Kultur eine Glaubensform tendenziell als kulturlos und unentwickelt abgestempelt wird? Der aus dem angelsächsischen Sprachgebrauch übernommene Begriff »primitive Religion« ist durch seinen wertenden Gehalt nicht akzeptabel. Besser spricht man von »ethnischen« oder »indigenen« Religionen.

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