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Mehr Wir-Gefühl durch die Fußball-EM?

Eine Nation, eine Gemeinschaft? Es erscheint nur logisch, dass durch die anstehende Fußball-Europameisterschaft wieder neuer Zusammenhalt im Land entstehen könnte – eine Art verbindendes Wirgefühl wie beim "Sommermärchen" der Fußball-WM 2006. Doch wie realistisch ist das in diesem Jahr? Was hat der Fußballzusammenhalt mit der Wirtschaftslage zu tun? Und welchen Beitrag leistet dabei das Public Viewing?
AMA, 13.06.2024
Jubelnde deutsche Fußballfans

© jacoblund, iStock

„Unsere Vision ist es, durch dieses Turnier ein größeres Wir-Gefühl zu schaffen“, kündigte Ex-Nationalspieler Philipp Lahm jüngst an. Das Ziel sei es, durch die anstehende Europameisterschaft „eine Brücke zu bauen, die uns alle verbindet.“ Wahrscheinlich hätten wir die auch dringend nötig. Denn die Corona-Pandemie und die politisch weit auseinanderklaffenden Ergebnisse der Europawahl haben das Gefühl der Spaltung in unserer Gesellschaft für viele verstärkt. Sich durch die Fußball-EM wieder als eine Gemeinschaft zu fühlen, die vereint für dieselbe Mannschaft jubelt, könnte da einige Spannungen lösen.

Vom Titelgewinn zum Wirtschaftswunder

Tatsächlich kann ein fußballbedingtes Wir-Gefühl sogar überraschend weitreichende Auswirkungen haben, wie Sportökonom Holger Schramm von der Universität Würzburg in seiner Forschung herausgefunden hat. „Je nachdem, ob die Mannschaft gut oder schlecht abschneidet, hat das einen negativen oder positiven Einfluss auf die Wirtschaft“, berichtet er im Interview mit der „Welt“.

Das bekannteste Beispiel dafür sei das Wunder von Bern gewesen, der Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz. Für Schramm gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen diesem Sieg und dem sich anschließenden, beispiellosen Wirtschaftswachstum der 1950er Jahre. „Der Spielgewinn war erstaunlich, die Stimmung danach unglaublich euphorisch“, sagt der Sportökonom. „In einer solch kollektiv euphorischen Stimmung bewerten Menschen alle Dinge in ihrem Umfeld und auch sich selbst viel positiver. Sie packen etwas an, an das sie sich sonst nicht heranwagen, werden risikofreudiger und blicken nach vorne.“

Nur ein Drittel erwartet Wir-Gefühl

Doch laut einer aktuellen, repräsentativen Umfrage der Universität Hohenheim scheinen derzeit nur wenige davon überzeugt zu sein, dass auch die EM 2024 ein derart starkes Wir-Gefühl im Land auslösen kann. „Insgesamt schätzen die Befragten den Einfluss der Fußball-EM auf die Gesamtgesellschaft eher verhalten ein“, erklärt Studienleiter Markus Voeth. „Mit 29 Prozent geht weniger als ein Drittel der Befragten davon aus, dass die Fußball-EM 2024 das Gefühl einer gemeinsamen nationalen Identität in Deutschland stärken wird.“

„Noch verhaltener sind die Stimmen, wenn es um die Auswirkungen des Turniers auf den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft geht oder darum, ob die Fußball-EM 2024 positive Auswirkungen auf die Wirtschaft in ihrer Region haben wird. Hier stimmen jeweils nur 27 Prozent der Deutschen zu“, ergänzt Ko-Studienleiter Stjepan Jurisic.

Flaute beim Public Viewing

In gewisser Weise zeigen sich diese Sichtweisen auch bei der Frage, wie wir die EM in diesem Jahr verfolgen möchten. Denn die Umfrage von Voeth und Jurisic ergab auch, dass sich über 70 Prozent der Deutschen die Spiele der Nationalmannschaft am liebsten vor dem heimischen Fernseher anschauen wollen. Public Viewing kommt nur für knapp ein Drittel in Frage. Als wichtigstes Argument gegen das gemeinschaftliche Gucken werden zu große Menschenmengen genannt.

Diese Ansicht sollte natürlich respektiert werden, aber trotzdem sind es nun einmal auch Events wie das Public Viewing, die einen ganz besonderen Zusammenhalt schaffen können. Wenn man gemeinsam mit völlig Fremden Jubelschreie und Tränen für dieselbe Sache rauslässt, kann das zwischenmenschliche Verbindungen schaffen, die alleine vor dem Fernseher wahrscheinlich nicht zustande gekommen wären.

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