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Der Streisand-Effekt: Warum sich unerwünschte Informationen so schnell verbreiten
Letztes Jahr konnte man diesem Video kaum entkommen. Auf TikTok, Instagram und Co verbreitete sich überall derselbe Clip: ein Paar bei einem Coldplay-Konzert, eingeblendet auf der großen Leinwand. Als beide merken, dass sie gefilmt werden, drehen sie sich weg und versuchen, der Kamera auszuweichen. „Entweder haben sie eine Affäre, oder sie sind einfach sehr schüchtern“, kommentierte Coldplay-Frontmann Chris Martin.
Daraufhin wurde das Video millionenfach geteilt und analysiert, schnell wurde die Identität des Paares bekannt. Und Martin sollte recht behalten – die beiden im Video gezeigten Personen waren Kollegen und hatten tatsächlich eine Affäre. Der virale Clip sollte sie später ihren Job kosten, weil es in den USA strenge Regeln für Beziehungen am Arbeitsplatz gibt. Hätten die Beteiligten dagegen nicht so schuldbewusst nicht reagiert, wäre das Video vermutlich nicht weiter kommentiert worden und nach kurzer Zeit in Vergessenheit geraten.
Verbotene Informationen sind besonders anziehend
Was dort passiert ist, nennt sich „Streisand-Effekt“. Darunter versteht man ein mediales Phänomen, bei dem der Versuch, Informationen zu verbergen, zu unterdrücken oder aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, unbeabsichtigt zu einer deutlich stärkeren Verbreitung eben dieser Informationen führt.
Aus psychologischer Sicht erklärt sich dieser Effekt vor allem durch die besondere Anziehung des Verbotenen. Sobald Menschen das Gefühl haben, dass ihnen Informationen vorenthalten werden, steigen ihre Neugier und ihr Wunsch, genau diese Informationen zu finden. Medien und soziale Netzwerke verstärken diesen Effekt. Inhalte, die als unterdrückt oder zensiert wahrgenommen werden, gelten als besonders relevant und verbreiten sich deshalb sehr schnell.
Der Ursprung des Streisand-Effekts
Der Begriff für dieses Phänomen geht auf einen Fall aus dem Jahr 2003 zurück, als die Sängerin Barbra Streisand juristisch gegen die Veröffentlichung eines Fotos ihres Hauses vorging. Das Bild war Teil eines öffentlich zugänglichen Online-Archivs, des „California Coastal Records Project“, das die kalifornische Küstenlinie dokumentieren sollte. Ziel des Projekts war es, Umweltveränderungen und Küstenerosion wissenschaftlich festzuhalten.
Streisands Haus war dabei lediglich zufällig auf einem der zahlreichen Luftbilder zu sehen und stellte nicht den eigentlichen Fokus der Aufnahme dar. Bis zur Klage war das Foto auch kaum beachtet worden: Es war nur sechsmal heruntergeladen worden, darunter zweimal von Streisands eigenen Anwälten. Erst der juristische Schritt der Sängerin lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Bild. In der Folge verbreitete es sich tausendfach im Internet und wurde weltweit thematisiert.
Streisand-Effekt schon in der Antike
Der Streisand-Effekt ist jedoch keineswegs nur ein modernes Phänomen. Schon in der Antike ließ sich beobachten, dass der Versuch, Informationen aus der Öffentlichkeit zu verbannen, oft das Gegenteil bewirkte. Ein frühes Beispiel ist der Fall des Griechen Herostratos: Er hatte im Jahr 356 v. Chr. den Artemistempel von Ephesos – eines der sieben Weltwunder der Antike – in Brand gesteckt und dadurch zerstört.
Der Brandstifter gestand seine Tat und wurde bestraft. Zusätzlich sollte sein Name bewusst ausgelöscht werden. Niemand durfte ihn erwähnen, um ihm jede Aufmerksamkeit zu entziehen. Gerade dieses Verbot sorgte jedoch dafür, dass antike Geschichtsschreiber diesen Fall dokumentierten und so für die Nachwelt festhielten. Herostratos ist dadurch bis heute als Zerstörer des Artemis-Tempels bekannt.