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Hört das Smartphone mit?

Gerade noch über etwas gesprochen und schon poppt die passende Werbung auf dem Smartphone auf. Kann das wirklich Zufall sein oder belauscht unser Handy uns etwa? Technisch möglich wäre es zwar, bislang gibt es aber keine eindeutigen Beweise, die eine solche Lauschattacke belegen würden. Dass wir das Gefühl haben, kurz nach dem Gespräch über ein Produkt schon Werbung dafür zu erhalten, kann aber auch andere Gründe haben.
Hört unser Smartphone wirklich mit? Beim Telefonieren und auch bei Unterhaltungen in seiner Nähe?

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Unsere Smartphones können alles Mögliche. Im Alltag sind sie Telefon, Navi, Kamera, Internetzugang – und Spionagegerät? Die Sorge erscheint berechtigt, so oft wie unser Handy uns Produkte und Themen vorschlägt, die perfekt zu unseren Interessen passen. Doch was ist dran an der Angst vor dem Lauschangriff? Hört unser Smartphone wirklich mit?

Technisch steht dem Lauschen nichts im Wege

Technisch wäre das Lauschen definitiv möglich, wie Hannes Federrath, Informatiker an der Universität Hamburg, im Interview mit dem SWR erklärt: „Wenn etwa eine App ohnehin Funktionen hat, um Sprache aufzuzeichnen oder zu übertragen, dann hat man ja irgendwann mal der App die Funktionalität gegeben, dass sie das Mikro oder die Kamera einschaltet. Sobald man die Berechtigung erteilt hat, dass die App IMMER auf die Sensoren oder die Kamera zuzugreifen darf, kann die App das tun.“ Auch im Ruhezustand sei das möglich.

Verweigert man der App dagegen den Mikrofon-Zugriff, kann sie womöglich nicht richtig funktionieren. Bei WhatsApp könnten wir dann zum Beispiel keine Sprachnachrichten mehr aufnehmen und verschicken. Doch selbst wenn eine App das Mikrofon weder braucht noch benutzen darf, gibt es theoretisch eine weitere Möglichkeit, um an Tonaufnahmen der Umgebung zu kommen. US-Forscher (PDF-Doc) haben herausgefunden, dass auch die Beschleunigungssensoren eines Smartphones ähnlich wie ein Mikrofon eingesetzt werden könnten, da sich mit ihnen ebenso akustische Schwingungen erfassen lassen. Das ist allerdings zunächst nur in der Theorie möglich und keine bekannte Praxis.

Wieso sollten Google, Meta und Co. uns überhaupt abhören?

Je mehr eine App oder ein Unternehmen über uns weiß, desto mehr Geld können sie an uns verdienen. Denn nur wenn sie die Interessen und Bedürfnisse einzelner Nutzer kennen, können sie ihnen personalisierte Werbeanzeigen präsentieren. Diese gezielte Art der Werbung macht es wahrscheinlicher, dass die Zielpersonen das vorgeschlagene Produkt auch wirklich kaufen. Eine schwangere Frau braucht und kauft zum Beispiel mit größerer Wahrscheinlichkeit einen Kinderwagen als ein 80-jähriger Mann. Personalisierte Werbung ist ein Milliardengeschäft. Google hat 2020 knapp 147 Milliarden US-Dollar allein durch Werbeeinnahmen eingespielt.

Allerdings bleibt die Frage, woher die Informationen über uns Nutzer stammen. Aus mitgehörten Gesprächen? Eigentlich hätten Internet-Konzerne wie Google oder Meta das nämlich gar nicht nötig. Sie ziehen ihre Informationen über uns aus anderen Quellen: Welche Websites habe ich besucht, welche Anzeigen angeklickt, wem folge ich auf Instagram, nach welchen Produkten habe ich gesucht und welche gekauft? Anhand dieser Fülle an Informationen lässt sich einiges über unsere Interessen und Vorlieben ableiten. Eigentlich genügt diese Datenflut, um gezielt personalisierte Werbung auszuspielen.

Dazu kommt, dass sich die großen Konzerne wahrscheinlich ins eigene Fleisch schneiden würden, wenn sie uns ohne unser Wissen abhören. Sollte eine Lauschattacke auch nur bei einem einzigen Nutzer publik werden, hätte das negative Konsequenzen. Die Konzerne würden einerseits das Vertrauen vieler Nutzer verlieren und hätten andererseits auch juristische Folgen zu erwarten.

Die großen Internetunternehmen haben einen Lauschangriff eigentlich nicht nötig, denn bei der Nutzung eines Smartphones fallen genug legal zu erfassende Informationen an, um Nutzerprofile erstellen zu können.

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Warum kommt die Werbung so oft direkt nach einem Gespräch?

Dennoch: So gut wie jeder kennt vermutlich die Situation, dass er gerade mit einem Freund unter vier Augen über etwas gesprochen hat und kurze Zeit später Werbung zum Thema erhält. Es gibt verschiedene Theorien, warum so etwas passiert. Eine lautet, dass unsere Smartphones standortbezogene Daten auswerten, also an welchem Ort wir uns gerade befinden oder welche WLAN-Netzwerke und Bluetooth-Geräte in der Nähe sind. Dadurch würden die Unternehmen auch erfahren, neben welchen Nutzern wir uns längere Zeit aufgehalten haben. Es könnte sein, dass sie dem einen Nutzer dann Werbung für Produkte zeigen, nach denen der andere bereits gesucht hat.

Eine weitere Möglichkeit wäre ein psychologischer Effekt: die selektive Wahrnehmung. Wahrscheinlich kennen die meisten das Phänomen, ein bestimmtes Produkt haben zu wollen und es plötzlich an jeder Straßenecke wahrzunehmen. Jemandem, der sich einen Hund wünscht – auch wenn dieser kein Produkt im engeren Sinne ist– fallen beim Gang durch die Fußgängerzone vermutlich auf einmal überall Hunde auf, die derjenige zuvor nicht bewusst wahrgenommen hat.

Derselbe Effekt könnte auch eintreten, wenn wir uns mit einer Person über etwas unterhalten haben und dieses Thema für uns gerade besonders präsent ist. Vielleicht haben wir auch vorher schon Werbeanzeigen dazu bekommen, sie bis nach dem Gespräch aber nie wirklich bewusst wahrgenommen.

Wie kann ich potenzielles Belauschen verhindern?

Es ist zwar technisch möglich, dass Smartphone-Apps uns belauschen, aber bisher nicht eindeutig bewiesen. Dennoch: Wie könnte ich mich trotzdem präventiv vor der Spionage durch mein eigenes Smartphone schützen? Auch wenn sie oft sehr lang und kompliziert formuliert sind: Ein Blick in die Nutzungsbedingungen offenbart mehr über eine App, die man herunterladen möchte. Sollte darin der Begriff „Alphonso“ vorkommen, sollte man misstrauisch werden.

Alphonso ist eine Software, mit der eine App mithören kann, allerdings keine Gespräche, sondern Hintergrundgeräusche wie Musik oder Fernseher. Auch damit lassen sich Informationen für personalisierte Werbung sammeln. Die Software ist legal und Nutzer geben ihre Einwilligung dazu, indem sie die Nutzungsbedingungen akzeptieren.

Darüber hinaus kann es helfen, Apps, die nicht unbedingt Zugriff aufs Mikrofon brauchen, diesen zu verweigern – entweder direkt beim Download oder nachträglich über die App-Berechtigungen des Smartphones.

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