Lexikon

Kriegsschuldfrage

allgemein die Frage nach der Verantwortung für die Entstehung eines Krieges, speziell des 1. Weltkrieges. In der deutschen öffentlichen Meinung war während des Krieges die Vorstellung vorherrschend, das Deutsche Reich führe einen Defensivkrieg. 1919 zwangen die Siegermächte im Versailler Vertrag (Artikel 231) Deutschland zur Anerkennung einer deutschen Alleinschuld am 1. Weltkrieg. Obwohl die deutschen Regierungen den „Kriegsschuldartikel“ bekämpften, wurde der Kampf gegen die „Kriegsschuldlüge“ zu einem wirksamen Propagandamittel der politischen Rechten gegen die Führung der Weimarer Republik. Unter den Historikern ergab sich, vor allem unter dem Eindruck von Arbeiten US-amerikanischer Forscher, ein scheinbar abschließend formulierter Konsens, wonach alle Mächte in den Krieg „hineingeschlittert“ waren.
Diese Auffassung wurde seit 1959 durch den deutschen Historiker F. Fischer in Frage gestellt. In seinem Buch „Griff nach der Weltmacht“ (1961) vertrat er die These, Deutschland trage den „entscheidenden Teil der Verantwortung“ für den 1. Weltkrieg; diesem habe ein gewaltiges Annexionsprogramm zugrunde gelegen. Mit seinen Thesen löste Fischer eine große Kontroverse aus. Als deren Ergebnis zeichnet sich folgendes Bild ab: Die deutsche Seite ging von einem fragwürdigen Defensivverständnis aus, wonach die Mittelmächte ihre Position nur durch „Kraftäußerungen“ gegen die übrigen zu Weltmächten aufsteigenden Großmächte wahren könnten. Die Hauptfehler der politischen Führung lagen in der bedingungslosen Unterstützung Österreichs durch Deutschland; in der Hinnahme einer Situation, aus der sich ein Weltkrieg entwickeln konnte, und in dem Verzicht auf Handlungsfreiheit, als nach der russischen Mobilmachung die Militärs die politische Kontrolle abschüttelten. Somit ist nicht von einer bewussten deutschen Kriegspolitik oder von einer deutschen Alleinverantwortlichkeit, wohl aber von einer besonderen Verantwortung des Deutschen Reichs auszugehen. Zugleich ist festzuhalten, dass alle Hauptgegner der Mittelmächte bei einer überlegten und bewusst auf Friedensbewahrung ausgerichteten Politik den Ausbruch des 1. Weltkrieges hätten vermeiden können.
Fast 50 schwimmende Häuser liegen am Pier in einem Amsterdamer Kanal. Seit Anfang 2019 sind die ersten Gebäude des ungewöhnlichen Stadtviertels Schoonship bewohnt. ©Isabel Nabuurs (isabelnabuurs.nl)
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