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Internet-Trolle (Podcast 211)

Don´t feed the troll
Don´t feed the Troll!

Internet-Trolle: Provokation statt Netiquette

Waren sie einst nur im Märchen anzutreffen, machen sie heute digitale Medien unsicher: Trolle. Die grobschlächtig-boshaften Wesen sind der Sagenwelt entstiegen und treiben sich nun als Einzelgänger oder hordenweise in Sozialen Netzwerken herum. Doch woran erkennt man Blog- oder Foren-Trolle? Und wie soll man ihnen entgegentreten? wissen.de-Autorin Monika Wittmann folgte den Trollspuren im Netz und fragte nach Strategien im Umgang mit digitalen Unruhestiftern.

Als die Väter des Internet innerhalb der Internet Society die technischen Standards ausarbeiteten, machten sie sich auch Gedanken über die Umgangsformen in dem neuen weltumspannenden Kommunikationsmedium. Die rund 20 Jahre alte legendäre Grundregel der Netiquette lautet: „Vergiss niemals, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt.“

Ein Mensch? Ein Troll ist eine Erfindung, eine Kunstfigur. Ein Gedankenaustausch interessiert ihn nicht wirklich. Trolle wollen ärgern, foppen, sehen, wer ihnen auf den Leim geht. Raubten ihre mythologischen Namensvettern früher Menschenkinder und tauschten diese gegen Abkömmlinge ihres eigenen Blutes aus – sogenannte Wechselbälger – reißen Trolle heute mit Vorliebe das Gespräch in Foren oder Chats an sich.

In der englischen Fischersprache bedeutet „trolling“ Schleppangeln. Ähnlich wie ein Fischer einen Wurm an die Angel hängt, werfen Trolle ihre Beiträge als Köder unter eine Gruppe. Und freuen sich, wenn ihnen ein ganzer Schwarm von Leichtgläubigen ins Netz geht. Dabei gehen sie meist wesentlich raffinierter zu Werk als eine andere ungeliebte Spezies aus der virtuellen Welt: die Flamer. Während diese in erster Linie beleidigen, unter der Gürtellinie treffen wollen, haben Trolle ihren Spaß am subtileren Spiel mit der Provokation.

„Einfach mal in einen Beitrag über Gleichberechtigung reingehen und dort 'Und wer macht dann die Küche sauber und schmiert Sandwiches?' posten und sich über die Kommentare von aufgebrachten Feministinnen amüsieren“, bringt ein Leserkommentar in der Westdeutschen Zeitung das Grundprinzip der Troll-Kultur auf den Punkt. Feministische Gruppen und andere, die sich leidenschaftlich für ihre Interessen engagieren, geraten aufgrund ihrer emotionalen Angreifbarkeit besonders oft ins Visier von Trollangriffen.

 

Don't feed the troll!“

Was dagegen tun? Am besten gar nichts, lautet der landläufige Ratschlag. Ignorieren und hoffen, dass der virtuelle Unruhestifter bald Ruhe gibt. „Don't feed the troll!“ Der Satz, in einer virtuellen Debatte fallengelassen, bedeutet zweierlei: Zum einen – ein Teilnehmer wurde als Troll enttarnt. Zum anderen ist es ein Appell, sich nicht ablenken zu lassen: Freunde, vergesst den Störenfried und lasst uns bei der Sache bleiben!

Dass das Aussitzen einer Trollkrise Sinn macht, ist mittlerweile ist auch wissenschaftlich erwiesen. Die Sprachwissenschaftlerin Claire Hardaker von der britischen University of Central Lancashire nahm über 170 Millionen Wörter aus einem Online-Forum für Pferdefreunde unter die Lupe. Fazit der Studie, die im „Journal of Politeness Research“ veröffentlicht wurde: Ernsthafte Antworten auf ihre falschen Diskussionsanstöße machen für Trolle die Sache richtig prickelnd. Bleiben die Reaktionen aus, verlieren die ungebetenen Gäste schneller die Lust an dem einseitigen Spiel.

 

Spiel mit Sockenpuppen

Diese Taktik, sie auszubremsen, kennen die Trolle allerdings auch. Deshalb haben die Nervensägen aus Leidenschaft einen Trick entwickelt, sich wieder ins Gespräch zu bringen. Häufig bauen sie sich Sockenpuppen, also weitere Benutzerkonten. Per Fake-Account geben sie selbst ihrem ersten Ich Kontra, wenn die anderen Gäste es partout nicht beachten wollen. Häufig haben sie damit Erfolg, die geschlossene Front des Schweigens wieder aufzuweichen.

Oder sie blockieren den Austausch durch pure Masse ihrer Wortmeldungen. Während einer Debatte zum Thema „Sexismus im Netz“ beim Bloggertreffen re:publica trieb etwa ein anonymer User unter dem vielsagenden Nickname „Penenbernd“ sein Unwesen. Gefühlte 100mal zog sein wenig konstruktiver Beitrag im Livechat über die Leinwand. Er lautete: „Mein Sack!“

 

Negative Aufmerksamkeit

Doch was bringt's den Störenfrieden? Was treibt sie dazu, sich als Wolf im Schafspelz in eine Gruppe von Menschen einzuschleichen und dort nach allen Regeln ihrer Kunst Unruhe zu stiften?

Pädagogen kennen dieses Phänomen schon lange. Sie nennen es „negative Aufmerksamkeit“. Kinder, die sich ungeliebt oder wenig beachtet fühlen, versuchen häufig in einem verzweifelten Kraftakt, das Interesse ihrer Umwelt auf sich zu ziehen. Wenn nicht in Form von Lob und Liebe, dann eben per Tadel für ungezogenes Benehmen. Alles besser als nichts.

Wenn sich Kinder absichtlich daneben benehmen, hilft es meist schon, sich mehr Zeit für sie zu nehmen. Mit ihnen zu sprechen, zu spielen. Ihnen das Gefühl zu geben: Du bist richtig so wie du bist. Könnte dies auch ein Weg sein, mit ausgewachsenen Rüpeln umzugehen? Die Piratenpartei hat sich in ihrem Wiki-Eintrag über Trolle mit dieser Frage befasst. Und gelangt für reale offline-Treffen zu dem Schluss:

„Es kann aus psychologischer Sicht in der politischen Arbeit wichtig sein, Trolle zu integrieren. Denn sie können eine Message haben, einen Erfahrungsschatz bzw. einen persönlichen Hintergrund, der von der bisherigen Mehrheitsgesellschaft unterdrückt / diskriminiert / marginalisiert wird. Müssen sie aber nicht. Es kann ebenso gut sein, dass ein Troll nicht aus inhaltlichen, sondern rein aus persönlichen oder machtpolitischen Gründen trollt.“

Im World Wide Web dürfte es schwer sein, die Spreu vom Weizen zu trennen – also die eine Sorte Troll von der anderen zu unterscheiden. Deshalb vertreten auch die Piraten den Grundsatz, jeglichen Trollen in der Netzwelt „kein Futter in Form von negativen Emotionen“ zu liefern.

 

Trollen und trollen lassen

Nach einer Studie der US-amerikanischen Northwestern University können sich Internet-Trolle an der anonymen Kommunikationssituation nämlich ähnlich berauschen wie am Genuss von Alkohol. Ein Gegenmittel, um die enthemmten User wieder zur Besinnung zu bringen, ist nach dem Psychologen Dr. Darryl Cross die Erinnerung an deren Alltags-Ich. Zum Beispiel durch die Frage: Was würde dein Großvater oder deine Großmutter zu dem sagen, was du da gerade schreibst?

Einen anderen Weg ging Blogger und Buchautor Sascha Lobo. Er drehte den Spieß einfach um. Nach einer Reihe von Verbalattacken bot er einem Troll die Zusammenarbeit an. Er habe den Vertrag zu einem Buch „Die Poesie der Beschimpfung“ inklusive 50.000 € Vorauszahlung bereits in der Tasche und benötige nun dessen Koautorschaft. Der Troll zeigte sich flugs gezähmt und bereit in das Projekt einzusteigen. Zuletzt hatte Lobo die Lacher auf seiner Seite.

Vielleicht kann sich das ja als zweite goldene Regel im Umgang mit Trollen erweisen: Locker bleiben, ihr Spiel nach eigenen Regeln weiterspielen und ihnen am Ende eine lange Nase drehen - LOL!

Der Kommunikationsdesigner Stefan Krappitz, der seine Diplomarbeit zum Thema „Troll Culture“ verfasste, sieht jedenfalls kreatives Potential in den aufmüpfigen Mediennutzern: „Trolle wollen Spielregeln brechen und Erwartungen unterwandern. Deshalb kann man das Trollen durchaus als ein Mittel des künstlerischen Ausdrucks verstehen.“ Ähnlich wie das Meme des breit grinsenden Trollgesichts, das trotz - oder gerade wegen - seiner Hässlichkeit den virtuellen Raum erobert hat. Als Ausdruck von Schadenfreude, dass mal wieder jemand veräppelt – oder neudeutsch: getrollt - wurde.

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