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Die antike Welt – Die Wiege der abendländischen Kultur

Im 1. Jahrtausend v. Chr. umfasste die griechische Kultur das heutige Griechenland und die Küstengebiete Kleinasiens. Es gab Kolonien in Italien, an der Schwarzmeerküste und in Nordafrika. Mit den Eroberungszügen Alexanders des Großen im 4. Jahrhundert v. Chr. begann die Zeit des Hellenismus, in dem die griechische Kultur bis nach Indien und Nubien wirkte, sich aber auch das Wissen des Orients aneignete. Das antike Griechenland (Hellas) wird als Wiege der europäisch-abendländischen Kultur angesehen: Das griechische Alphabet war die Grundlage des lateinischen Alphabets. Im griechischen Kulturkreis liegen die Anfänge unserer Geschichtsschreibung, Philosophie und Staatstheorie. Das griechische Theater ebenso wie die Olympischen Spiele sind bis heute von Bedeutung.

Während im östlichen Mittelmeerraum zunächst Griechen und Perser, dann die hellenistischen Reiche um die Vorherrschaft stritten, sicherte sich Rom vom 5. bis zum 3. Jahrhundert v. Chr. die Herrschaft über Italien, bevor es 201 v. Chr. nach zwei Kriegen gegen Karthago die Nummer Eins im westlichen Mittelmeer wurde. In den folgenden Jahrhunderten errichtete Rom ein Reich, das den gesamten Mittelmeerraum umfasste und bis zur Iberischen Halbinsel, nach England, ans Kaspische Meer und an den Persischen Golf reichte.

Die römische Herrschaft schuf einen einheitlichen Wirtschaftsraum vom Ärmelkanal bis nach Syrien und hinterließ in den eroberten Gebieten tiefe und vielfältige Spuren: Aus dem Lateinischen entwickelten sich die romanischen Sprachen. Römisches Recht beeinflusste die neuzeitlichen europäischen Rechtssysteme maßgeblich. Nicht zuletzt bereitete das Römische Reich der weiträumigen Christianisierung den Boden und wurde damit zur Brücke zwischen Antike und Mittelalter.

Um 800 v. Chr. Beginn der griechischen Kolonisation
753 v. Chr. Sagenhafte Gründung Roms
431–404 v. Chr. Peloponnesischer Krieg zwischen Athen und Sparta
333 v. Chr. Alexander der Große schlägt die Perser bei Issos
146 v. Chr. Die Römer zerstören Karthago
375 n. Chr. Die Hunnen dringen nach Europa vor, Beginn der Völkerwanderung
476 n. Chr. Absetzung des Kaisers Romulus Augustulus, Ende des Weströmischen Reichs

Die Frühzeit Griechenlands: Minoer und Mykener

Was kennzeichnet die griechische Frühgeschichte?

Zwei Faktoren, die sich aus der Geografie herleiten, prägten die griechische Geschichte für lange Zeit: Einerseits begünstigten die seit etwa 4000 v.Chr. bestehenden Verbindungen zwischen dem griechischen Festland, der Inselwelt der Ägäis und Kleinasien die Entstehung einer relativ einheitlichen Kultur. Andererseits führte diese nicht zu einer politischen Einigung, weil die durch Gebirgszüge zerklüftete Landschaft die Kontrolle über größere Gebiete erschwerte. So entstanden zahlreiche Kleinstaaten, die meist nur eine Stadt und ihr Umland umfassten.

Wo lag die erste bedeutende Kultur Griechenlands?

Auf der Insel Kreta. Dort entwickelte sich in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v.Chr. die erste bedeutende Zivilisation, die minoische Kultur – benannt nach dem sagenhaften König Minos. Die Insel war auf dem Seeweg gleichermaßen gut von Griechenland, besonders der Halbinsel Peleponnes, und von Kleinasien aus zu erreichen und lag auch unweit der syrischen und nordafrikanischen Küste. Kreta stieg zu einem wichtigen Handelsplatz auf. Früher als im übrigen Europa begann auf der Insel und dem mit ihr in Verbindung stehenden griechischen Festland die Bronzezeit. Eine erste Blütezeit, aus der die charakteristischen Rundgräber (Tholoi) stammen, erlebte Kreta um 2200 v.Chr. In Knossos, Phaistos und Mallia entstanden Anfang des 2. Jahrtausends v.Chr. die ersten Paläste. Sie wurden im 17. Jahrhundert v.Chr. durch ein Erdbeben zerstört, dann wieder aufgebaut und im 16./15. Jahrhundert v.Chr. zu großartigen Anlagen erweitert.

Wie sah der Palast von Knossos aus?

Knossos war die mächtigste Stadt auf Kreta. Sie hatte Mitte des 16. Jahrhunderts v.Chr. vermutlich mehr als 50000 Einwohner. Die Palastanlage von Knossos erstreckte sich über mehr als 2 ha und war prunkvoll ausgestattet. Es gab fließendes Wasser und beheizte Baderäume. Doch waren die kretischen Paläste nicht nur repräsentativer königlicher Wohnsitz, sondern auch wirtschaftlicher Mittelpunkt. Große Speicherräume für Getreide, Öl und Wein zeugten von Reichtum und einer effektiven zentralen Verwaltung. Die zahlreichen Hallen, Lichthöfe, Werkstätten, Vorratsräume des Palastes von Knossos waren durch eine Vielzahl von Treppen und Gängen miteinander verbunden. Das Labyrinth, in dem König Minos den Minotauros, ein Ungeheuer mit Menschenleib und Stierkopf, gefangen gehalten haben soll, ist vermutlich eine Beschreibung dieser imposanten Anlage.

Was war die mykenische Kultur?

Auf dem griechischen Festland entwickelte sich im 16. Jahrhundert v.Chr. die mykenische Kultur. Sie basierte auf der helladischen Kultur, die seit dem 3. Jahrtausend bestand, und wird daher auch als späthelladisch bezeichnet. Sie nahm aber auch wichtige Elemente der minoischen Kultur auf, z. B. die Linearschrift. Getragen wurde die mykenische Kultur von den indogermanischen Achäern, die um 1900 v.Chr. nach Griechenland eingewandert waren.

Die Eroberung Kretas um 1400 v.Chr., als die Insel durch Erdbeben oder innere Unruhen geschwächt war, markiert den Höhepunkt achäischer Macht. In dieser Zeit entstanden in Mykene, Tiryns, Theben, Pylos und anderen Städten Paläste nach minoischem Vorbild. Von Kreta übernahm Mykene die Position als herrschende Seemacht des östlichen Mittelmeers. Die Stadt, vom Dichter Homer als »goldreich« bezeichnet, häufte Reichtümer an, wovon ägyptische Kunstwerke und Königsgräber mit wertvollen Grabbeigaben zeugen. Mykene umgaben gewaltige Stadtmauern; Haupteingang war das berühmte Löwentor. Mit Troja in Kleinasien erwuchs der Stadt jedoch ein Konkurrent, gegen den im 13. und 12. Jahrhundert v.Chr. Kriege geführt wurden – von Homer als »Trojanischer Krieg« überliefert.

Wie kam es zum Ende Mykenes?

Im 12. Jahrhundert v.Chr. wurde Mykene durch die ebenfalls indogermanischen Dorier bedrängt. Ihre mit Eisenwaffen ausgerüsteten Reiterheere waren den achäischen Streitwagenkämpfern überlegen. Als Mykene trotz seiner starken Befestigung schließlich fiel und um 1100 v.Chr. zerstört wurde, flohen viele Achäer in den Norden der Peloponnes. Mit der mykenischen Kultur (einschließlich der Schrift) verschwand die erste Hochkultur des europäischen Festlandes und es begannen die »dunklen Jahrhunderte«, über die wir nur wenig wissen.

Was bedeuten Linear A und B?

Linear A ist eine seit etwa 1900 v.Chr. auf Kreta vor allem in der Verwaltung verwendete Schrift. Die Zeichen dieser Silbenschrift wurden wie bei unserer heutigen Schrift horizontal (»linear«) von links nach rechts geschrieben. Diese Linear-A-Schrift, welche die nichtindogermanische Sprache der minoischen Kultur wiedergibt, wurde bis heute nicht entziffert.

Eine Abwandlung der Linear A, Linear B genannt, wurde in der mykenischen Kultur zwischen 1500 und 1100 v.Chr. verwendet. Im Jahr 1952 entzifferte der britische Architekt und Schriftenforscher Michael Ventris (1922 bis 1956) diese Schrift. Er erkannte, dass es sich bei der Sprache der Mykener um eine Frühform des Griechischen handelte, was bis dahin für unmöglich gehalten worden war. Nach dem Untergang Mykenes verschwand Linear-B.

Wussten Sie, dass …

Ortsnamen auf -ssos und -nthos, etwa Knossos, Korinth(os), Labyrinth(os), sprachliche Überreste aus vorindogermanischer Zeit sind?

Die griechische Kolonisation: Griechenland wird größer

Was löste die griechische Kolonisation aus?

Die Einwanderung der aus dem dalmatinisch-albanischen Raum stammenden Dorier in Griechenland führte dazu, dass Flüchtlinge vor den Doriern den griechischen Kulturraum über das Festland und die ägäischen Inseln hinaus bis zur Küste Kleinasiens ausdehnten. Später wurden auch die Dorier selbst zu Trägern dieser frühen Kolonisation.

Wie sah die frühe Kolonisation aus?

Die Siedlungsgebiete der verschiedenen Stämme in Kleinasien spiegelten sich auch im Machtgefüge wider: Der von den Doriern besiedelte Süden Kleinasiens sowie die Inseln Rhodos und Kos bildeten den Dorischen Bund, der lange Zeit eng mit den dorischen Metropolen Korinth und Sparta verbunden war. Der Ionische Bund, dem das mittlere Kleinasien (Ionien) sowie die Inseln Chios und Samos angehörten, hatte wegen der attischen Herkunft der Ionier in der Regel Athen zum Bundesgenossen. Der Äolische Bund an der Nordküste Kleinasiens und auf der Insel Lesbos fühlte sich traditionell Thessalien und Böotien nahe, schloss sich aber auch zeitweise zum Schutz vor den Persern dem Attisch-Delischen Seebund an.

Gab es eine geplante griechische Kolonisation?

Ja. Im Unterschied zur frühen griechischen Besiedlung Kleinasiens, die Folge der Flucht vor den Doriern war, handelte es sich bei der späteren Kolonisation um eine bewusste Gründung von Tochterstädten. Während dieser großen Kolonisation von 750 bis 550 v. Chr. wurde die Mehrzahl der griechischen Kolonien gegründet, und zwar in einem Gebiet, das vom Schwarzen Meer bis zur nordspanischen Mittelmeerküste und nach Nordafrika reichte.

In Süditalien und auf Sizilien entstanden so viele Städte, dass die Region später »Magna Graecia« (lateinisch für Großgriechenland) genannt wurde. Organisiert von der Mutterstadt, wanderte ein Teil der Bevölkerung, dem sich manchmal auch Siedler anderer Städte anschlossen, aus, um eine neue Stadt außerhalb des Machtbereichs der Mutterstadt zu gründen. In der Regel wurden dazu küstennahe Gebiete ausgewählt.

Die Tochterstadt (apoikia) war politisch unabhängig, blieb jedoch oft über Jahrhunderte hinweg der Mutterstadt (metropolis) verbunden. Mit in die Kolonie brachten die Neuankömmlinge Maße und Gewichte, den vertrauten Dialekt und die Schrift. Auch praktizierten sie weiterhin die religiösen Kulte ihrer Heimat.

Welche Ursachen hatte die große Kolonisation?

Gründe für die Kolonisation waren das rasche Bevölkerungswachstum und die daraus resultierende Nahrungsmittelknappheit, aber auch innere Konflikte, die durch organisierte Auswanderung unzufriedener Bevölkerungsteile überwunden wurden. Doch nicht immer war die Gründung einer Tochterstadt die Reaktion auf einen Notstand: Handelsstädte setzten dieses Mittel gezielt ein, um Stützpunkte an strategisch wichtigen Plätzen zu gewinnen.

Das ionische Milet an der Westküste Kleinasiens etwa, das im 7. und 6. Jahrhundert v.Chr. eine führende Seehandelsmacht war, gründete allein 90 Kolonien, die hauptsächlich am Hellespont (Dardanellen), am Marmarameer und Schwarzen Meer, aber auch im Nildelta angesiedelt waren.

Eine weitere Form der Kolonisation war die Anlage von Militärkolonien, Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. vor allem von Athen praktiziert, das seine Bürger in eroberten Gebieten ansiedelte, um dort die politische Kontrolle auszuüben. In einer solchen Kolonie bekamen die zuvor meist besitzlosen Siedler, die ihr Bürgerrecht behielten, Grundstücke zugeteilt. Mit Militärkolonien sicherte später auch Rom seine eroberten Gebiete.

Bildeten Mutterland und Kolonien eine Einheit?

Bis zu einem gewissen Grad ja. Wahrscheinlich auch in Abgrenzung von den Nichtgriechen, mit denen man in engen Kontakt trat, entstand mit der Kolonisation ein Gemeinschaftsgefühl, das Städte und Regionen griechischer Kultur auch politisch aneinander band. Verstärkt wurde diese Bindung durch gemeinsame Kultstätten wie dem Orakel von Delphi und panhellenische (alle Griechen betreffende) Spiele, deren wichtigste die Olympischen Spiele waren.

Wussten Sie, dass …

Neapel und Marseille um 750 bzw. 600 v.Chr. im Zuge der griechischen Kolonisation gegründet wurden?

die semitischen Phönizier neben den Griechen die zweite große See- und Handelsmacht des Mittelmeerraums waren? Sie hatten in einem heute weitgehend zum Libanon gehörenden Küstenstreifen ihre Heimat und erlebten ihre Blütezeit zwischen 1200 und 900 v. Chr.

auch die Phönizier in großem Stil die Gründung von Kolonien betrieben? Diese entstanden hauptsächlich im westlichen Mittelmeer an der spanischen und nordafrikanischen Küste sowie auf den Inseln Sizilien, Sardinien, Korsika und den Balearen.

Karthago eine phönizische Kolonie war? Es wurde um 800 v. Chr. vom phönizischen Tyros aus gegründet und war die wichtigste phönizische Kolonie.

Die griechische Staatenwelt: Oligarchen, Tyrannen und Demokraten

War das alte Griechenland ein einheitlicher Staat?

Nein, das Griechenland der Antike war eine Ansammlung von Stadtstaaten. Zentrum des (politischen) Lebens als Gemeinschaft aller Bürger war die Polis. Regionen ohne beherrschendes Zentrum wie Phokis oder Thessalien hatten meist einen Rat, in dem die führenden Städte eine gemeinsame Politik verabredeten. Zunächst herrschte das Königtum vor, das aber vielerorts durch eine Herrschaft des Adels (Aristokratie) abgelöst wurde. Merkmale dieser Gesellschaftsform waren Kampfspiele und Wagenrennen, ebenso das »Symposion«, ein mit Unterhaltung und Trinkgelage verbundenes Gastmahl. Verwandtschaftliche und (gast-)freundschaftliche Beziehungen der Adelsführer gingen dabei über das Gebiet des Stadtstaates hinaus.

Was ist eine Oligarchie?

Wenn die Herrschaft von nur wenigen Adeligen bzw. Familien getragen wurde, spricht man von einer Oligarchie. Für die spätere politische Philosophie war sie ein Zerrbild der Adelsherrschaft (Aristoteles), in der Geldgier Antriebsfeder und Maßstab für die Ämterzuteilung war (Platon). Für die frühere Zeit dürften solche Urteile nur bedingt zutreffen. Macht gründete sich vielmehr auf Besitz, gewachsene Autorität und persönliche Verdienste, weniger auf öffentliche Ämter, die es in dieser Form häufig noch gar nicht gab.

Wie funktionierte eine altgriechische Tyrannis?

Der Tyrann war ein Alleinherrscher, der im Gegensatz zum König aus einer Oligarchie heraus an die Macht gelangt war und zur Absicherung seiner Herrschaft die Unterstützung einflussreicher Familien brauchte. Die erste bedeutende Tyrannis entstand in Korinth (657–583 v.Chr.): Kypselos, Periander und Psammettich machten die Stadt zur wichtigsten See- und Handelsmacht Griechenlands. Der Tyrann Kleisthenes von Sikyon (um 600–570 v.Chr.) war führend am 1. Heiligen Krieg (595–585 v.Chr.) beteiligt. Damals zerstörte die Amphiktyonie, ein Städte- und Staatenbündnis zum Schutz der Heiligtümer der Demeter in Anthela und des Apollon in Delphi, die Stadt Kirrha (Krisa), die von den Pilgern, die nach Delphi wollten, Abgaben erpresste. Eine dritte bedeutende Tyrannis war die der Peisistratiden 560–510 v. Chr. in Athen. Gestützt auf die arme Landbevölkerung, stabilisierte Peisistratos die sozialen Verhältnisse, förderte die Kunst und ließ bedeutende Bauwerke errichten.

Wie kam es zur Entwicklung der Demokratie?

Nach dem Sturz der Peisistratiden setzte der athenische Adlige Kleisthenes, Enkel des Kleisthenes von Sikyon, Verfassungsreformen durch; die Demokratie (Herrschaft des Volkes) nahm Gestalt an. Begonnen hatte diese Entwicklung bereits um 600 v. Chr., als vielerorts das zuvor nur mündlich überlieferte Recht schriftlich festgehalten wurde (in Athen durch Drakon um 624 v. Chr.). Damit wurde dem Kräftespiel der mächtigen Familien ein objektiv nachprüfbares Recht gegenübergestellt. Die Reformen Solons in Athen (594 v. Chr.) begrenzten die Macht der reichen Adelsgeschlechter und führten mit der Volksversammlung ein demokratisches Organ ein. Die politischen Ämter blieben aber weitgehend den oberen Schichten vorbehalten. Erst Kleisthenes brach die Macht der Adelsfamilien, indem die lokalen Abhängigkeiten zwischen Adel und Volk durch eine neue »Gemeindeordnung«, die allen Bürgern die gleichen Rechte gewährte, gesprengt wurden.

Was war in Sparta anders?

Sparta, das im 8. und 7. Jahrhundert zur Vormacht auf der Halbinsel Peloponnes aufgestiegen war, nahm eine Sonderentwicklung. Die spartanische Gesellschaft war von soldatischer Disziplin durchdrungen, der männliche Nachwuchs der kleinen Führungsschicht der Spartiaten wurde früh gedrillt. Vom 20. bis zum 60. Lebensjahr dienten die Männer als Hopliten (Fußsoldaten) und lebten in Kasernen. Gesellschaftlich unter den Spartiaten standen die Periöken (»Umwohner«) mit eingeschränkten Bürgerrechten und der Verpflichtung zum Kriegsdienst. Die Heloten waren rechtlos, tributpflichtig und konnten jederzeit getötet werden. Obwohl sie gegenüber den Spartiaten in der Überzahl waren, scheiterten sie mit mehreren Aufständen. Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. schuf sich Sparta durch Gründung des Peloponnesischen Bundes, dem mit Ausnahme des Erzfeindes Argos alle Staaten der Peloponnes angehörten, eine starke Machtbasis.

Wer kämpfte gegen wen bei Marathon?

In der Schlacht bei Marathon kämpften Perser gegen Griechen. 500 v. Chr. erhoben sich die griechischen Städte an der Westküste Kleinasiens gegen die persische Oberhoheit, unter der sie seit 546 v. Chr. standen. Der Ionische Aufstand erhielt allerdings aus Griechenland nur wenig Unterstützung und endete 494 v. Chr. mit der Zerstörung Milets. Der persische König Dareios I. nahm jedoch die Einmischung in sein Hoheitsgebiet nicht hin und wollte durch Unterwerfung des Mutterlandes, vor allem Athens, seine Herrschaft über die Griechenstädte Kleinasiens festigen. Nach einem ersten erfolglosen Flottenvorstoß bei Athos (492 v. Chr.) landete 490 v. Chr. ein persisches Heer bei Marathon, wurde aber von den Athenern geschlagen.

Wer siegte in der Schlacht bei Salamis?

In der Seeschlacht von Salamis brachten die kleinen wendigen Schiffe der Athener 480 v. Chr. der übermächtigen persischen Flotte eine vernichtende Niederlage bei. Das war vorausgegangen: Nach Dareios' Tod (486 v. Chr.) rüstete sein Sohn Xerxes I. zu einem neuen Krieg. Athen verstärkte daraufhin seine Flotte und wurde zur stärksten Seemacht Griechenlands. Gegen die Bedrohung durch die Perser schlossen sich der Peloponnesische Bund, Athen und andere Städte unter der Führung Spartas zusammen. Trotzdem gelang dem angeblich 100000 Soldaten starken persischen Heer 480 v. Chr. der Durchmarsch durch Griechenland und die Besetzung Athens, dessen Bevölkerung zuvor auf die nahe gelegene Insel Salamis evakuiert worden war. In der engen Bucht von Salamis kam es zur Schlacht.

Was führte zum Ende der Perserkriege?

Dem Ende der Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Persern ging eine längere Entwicklung voraus. 479 v. Chr. schlug das vereinte griechische Heer unter dem spartanischen Feldherrn Pausanias die Perser bei Platää in Böotien entscheidend. Die kleinasiatischen Griechenstädte lösten sich erneut aus der persischen Oberhoheit und schlossen sich den Griechen an. Nun gingen die Griechen in die Offensive: 478 v. Chr. gelang Pausanias die Herauslösung der griechischen Städte auf Zypern und am Hellespont aus der persischen Herrschaft.

Nachdem Sparta das gemeinsame Bündnis 462 v. Chr. verlassen hatte, banden sich die griechischen Städte Kleinasiens und Thrakiens sowie die meisten Inseln der Ägäis stärker an die Schutzmacht Athen. 478/77 v. Chr. wurde der 1. Attische Seebund (auch Attisch-Delischer Seebund genannt, da die Insel Delos Bundessitz war) gegründet. Nach anfänglichen militärischen Erfolgen nutzte Athen den Bund zunehmend als Instrument zur Steigerung der eigenen Macht. 448 v. Chr. endeten die Perserkriege mit dem Kalliasfrieden, der die griechischen Städte Kleinasiens und Zyperns unter Wahrung ihrer Autonomie im persischen Reich beließ und gegenseitige Einmischung und Angriffe untersagte.

Worum ging es im Peloponnesischen Krieg?

Der Kern des Peloponnesischen Krieges (431–404 v. Chr.) war die Rivalität zwischen Athen und Sparta. Athen war bereits nach den Siegen gegen die Perser als gleichberechtigte Kraft neben Sparta anerkannt und ging nun daran, seine Position auszubauen. Zwar schlossen Sparta und Athen 445 v. Chr. einen 30-jährigen Frieden, der die jeweiligen Einflusssphären anerkannte, doch beschwor das Vormachtstreben Athens neue Konflikte herauf. Innerhalb des Peloponnesischen Bundes drängte Korinth auf einen antiathenischen Kurs, weil es seine Handelsinteressen, besonders in Italien, bedroht sah. Schließlich führte das Eingreifen Athens in einen Konflikt Korinths mit seiner Kolonie Korkyra (Korfu) zum Krieg zwischen Athen und Sparta.

Wie verlief der Krieg zwischen Athen und Sparta?

Der Verlauf des über ein Vierteljahrhundert währenden Kriegs war wechselhaft. Zunächst fiel das überlegene spartanische Heer mehrmals ins athenische Hinterland ein, während die überlegene Flotte Athens die Küstengebiete der Peloponnes verwüstete. Nach zehn Jahren schlossen beide Seiten einen Friedensvertrag auf 50 Jahre (Nikiasfrieden). Die Lage blieb jedoch gespannt. In dieser Situation beschloss die athenische Volksversammlung 415 v. Chr., der Stadt Segesta auf Sizilien gegen die korinthische Tochterstadt Syrakus beizustehen, die daraufhin Unterstützung von Sparta erhielt. Die »Sizilische Expedition« der athenischen Flotte endete 413 v. Chr. mit einer vernichtenden Niederlage. Nun standen sich erneut Athen und Sparta direkt gegenüber. Athen musste den Abfall mehrerer Bundesgenossen verkraften. Außerdem unterstützte Persien nun Sparta. In dieser Lage gelangen der athenischen Flotte 411 und 410 v. Chr. drei Seesiege, die Sparta zu einem Friedensangebot bewogen, das Athen jedoch in Verkennung der Situation ablehnte. Der Peloponnesische Krieg endete 404 v. Chr. mit der totalen Niederlage und Entmachtung Athens.

Blieb Sparta dauerhaft Vormacht?

Nein, diese Position hielt es nur ca. drei Jahrzehnte. Zunächst versuchte Sparta, alle von Athen aufgegebenen Machtpositionen zu besetzen, und ging dabei mit großer Härte vor. Dabei verschreckte es alte Verbündete. Dies gab Athen die Gelegenheit zur Revanche: Im Korinthischen Krieg (395–386 v. Chr.) kämpften die Athener, unterstützt von Persien, an der Seite Korinths, Argos' und Thebens gegen Sparta. Im von Persien diktierten Königsfrieden fielen die Griechenstädte Kleinasiens und Zyperns wieder an Persien, das der eigentliche Gewinner des Machtkampfes zwischen Athen und Sparta war. Spartas Vormachtstellung in Griechenland endete 371 v. Chr. in der Schlacht bei Leuktra gegen Theben, als das thebanische Heer mit einer neuen Schlachtformation (»Schiefe Schlachtordnung«) das als unbesiegbar geltende spartanische Heer überwand.

Waren die Kriege gegen die Perser ein Kampf um Kultur und Freiheit?

Die Kriege gegen die Perser sind bereits in der Antike zum »Kampf für Griechenland«, gar für »Kultur und Freiheit« stilisiert worden. Dem ist entgegenzuhalten, dass nie alle oder auch nur die große Mehrheit der griechischen Staaten (also nicht »die« Griechen) gegen Persien kämpften. Auch Bündnisse zwischen griechischen Staaten und Persien hatten nichts Ungewöhnliches an sich, selbst während der Perserkriege. Weder waren alle griechischen Staaten ein »Hort von Freiheit und Demokratie«, noch herrschte in Persien eine unmenschliche Despotie. Vermutlich stammen sogar wichtige Gedanken zur Staatstheorie aus nichtgriechischen– auch persischen– Quellen, so dass die Wiege der abendländischen Demokratie wohl nicht allein in Griechenland stand.

Wussten Sie, dass …

die griechischen Götter und Göttinnen sich gemeinhin sehr »menschlich« gebärdeten? Ihre Bedeutung variierte regional und änderte sich auch im Lauf der Zeit.

sich eine bekannte Marke biologisch erzeugter Lebensmittel von der griechischen Göttin Demeter herleitet? Als Erdgöttin war sie »zuständig« für Fruchtbarkeit, Wachstum, Getreide und die Ernte.

Welche Rolle spielten die Griechen Kleinasiens?

Die Griechen Kleinasiens, die mit dem Vorderen Orient in Berührung kamen, hatten maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der abendländischen Kultur: Mit Thales und Anaximander aus Milet nahm die griechische Philosophie ihren Anfang und mit Herodot aus Halikarnassos die Geschichtsschreibung.

546 v.Chr. fiel Kleinasien an die Perser. Der Aufstand der ionischen Städte gegen die persische Herrschaft (500–494 v.Chr.) löste die Perserkriege aus. Nach der Eroberung Kleinasiens durch Alexander den Großen und der Zugehörigkeit zum Seleukidenreich Ende des 4. Jahrhunderts wurde Pergamon im Nordwesten 241 v. Chr. Zentrum eines unabhängigen Königreichs, das für seine Bibliothek, Theater und Tempel (u. a. Pergamonaltar) berühmt war. 133 v. Chr. fiel Pergamon testamentarisch an Rom, das im 2. und 1. Jahrhundert v.Chr. seine Macht allmählich auf Kleinasien ausdehnte. Unter seiner Herrschaft florierten die Griechenstädte. Die griechische Besiedlung Kleinasiens endete erst 1923, als nach dem Frieden von Lausanne etwa eine Million Griechen aus der neu gegründeten Türkei vertrieben wurden. Die meisten Inseln der Ägais sind jedoch nach wie vor griechisch.

Wussten Sie, dass …

die ersten Olympischen Spiele auf das Jahr 776 v. Chr. datiert werden? Das wissen die Forscher aus erhalten gebliebenen Siegerlisten.

der Begriff »Olympiade« ursprünglich den vierjährigen Zeitraum zwischen zwei Spielen bezeichnete? Schon in der Antike wurde der Begriff aber auch für die Spiele selbst gebraucht.

Der Anfang der Geschichtsschreibung: Vom Gesang zum Buch

Wer waren die ersten »Historiker«?

Über vergangene Ereignisse und historische Personen berichteten lange Zeit Sänger und Dichter mündlich. Der historische Kern wurde dabei im Laufe der Zeit durch religiöse und mythische Stoffe angereichert, die die beschriebenen Vorgänge und das Handeln der Protagonisten erklären oder ihnen eine tiefere Bedeutung verleihen sollten. Die von griechischen oder keltischen Barden überlieferten Epen trugen zur Bildung einer gemeinsamen kulturellen Identität bei. Erstmals schriftlich überliefert sind im griechischen Kulturkreis die Epen Homers aus dem 8. Jahrhundert v.Chr. Neben dieser poetischen Form wurde historisches Wissen auch durch Erzählen weitergegeben. Diese Form der mündlichen Quelle, auf der die Werke der frühen Geschichtsschreiber zum Teil basieren, sind für die unmittelbare Vergangenheit vergleichsweise zuverlässig. Länger zurückliegende Ereignisse wurden jedoch nach mehrmaligem Weitererzählen schnell zu Legenden verklärt.

Was war neu bei Herodot?

Der Grieche Herodot (ca. 485–425 v. Chr.) und mit ihm Thukydides (ca. 460–399 v. Chr.) schrieben erstmals die Ereignisse ihrer Zeit und der nahen Vergangenheit als Prosaerzählung auf. Sie versuchten sich auf zuverlässige Quellen wie das eigene Erleben und auf Augenzeugenberichte zu stützen. Dabei bewerteten sie die benutzten Quellen kritisch und wogen die Glaubwürdigkeit unterschiedlich lautender Berichte gegeneinander ab.

Was steht in Herodots »Forschungsbericht«?

Herodot schildert in seinem »Forschungsbericht« zunächst die Geschichte und die Mythen zahlreicher Völker seiner Zeit, bevor er sich dann der Beschreibung der Perserkriege bis ins Jahr 479 v. Chr. widmet. Trotz häufig eingestreuter Mythen und Legenden betrieb Herodot im »Forschungsbericht« erstmals kritische Geschichtsschreibung. In seinem Bemühen, den überlieferten historischen Ereignissen eine zusammenhängende Deutung zu geben, sammelte er Fakten aus möglichst zuverlässigen Quellen. Dabei war er an der Wahrheit und nicht an der Bestätigung eines vorgefassten Geschichtsbildes interessiert.

Wie entwickelte Thukydides die Methode Herodots weiter?

Auch Thukydides bemühte sich um Objektivität und eine breite Quellenbasis. Für seine Beschreibung des Krieges zwischen Athen und Sparta stützte er sich auf Augenzeugenberichte, Urkunden und eigene Forschungen. Als erster Geschichtsschreiber stellte er in seinem Werk auch seine Forschungsmethoden vor. Seine ausführliche Analyse der Vorgeschichte des Peloponnesischen Krieges unterschied erstmals zwischen Ursache und Anlass. Damit gilt er als Begründer der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung.

In den acht Büchern seiner streng chronologisch aufgebauten »Geschichte des Peloponnesischen Krieges« legt Thukydides die Vorgeschichte und die Ursachen des Krieges dar und liefert eine detaillierte Beschreibung seines Verlaufs. Bei seiner Erzählung schöpfte er aus seinen eignenen Erfahrungen als athenischer Politiker und Kriegsherr.

Kopierten die Römer die Griechen?

Ja, zumindest orientierte sich die römische Geschichtsschreibung seit dem 1. Jahrhundert v.Chr. stark an den griechischen Vorgängern. Großen Anteil daran hatte Cicero (106–43 v.Chr.), der wesentlich zur Beschäftigung mit der griechischen Philosophie in Rom beitrug. Ciceros Gegner Sallust maß in seiner Schrift »Der Jugurthinische Krieg« der Vorgeschichte des Konflikts großen Wert zu, wie dies auch Thukydides beim Peloponnesischen Krieg getan hatte. Sallust, der die späte römische Geschichtsschreibung prägte, ging es um die Ursache für den Niedergang des römischen Staates, der seiner Meinung nach mit der Zerstörung Karthagos (146 v. Chr.) einsetzte.

Beeinflusste Thukydides moderne Historiker?

Ja, Historiker der Neuzeit waren von den Werken ihrer antiken Vorgänger, besonders der analytischen Methode Thukydides', beeinflusst. Leopold von Ranke (1795–1886) etwa wandte sich gegen die Geschichtswissenschaft seiner Zeit, die die Vergangenheit aus der Gegenwart heraus interpretierte. Stattdessen forderte er, dass Vergangenheit anhand von Quellenarbeit und Quellenkritik aus sich selbst heraus verstanden werden müsse. Damit wurde Ranke zum Begründer der modernen quellenkritischen Geschichtsschreibung.

Warum wurde Herodot verbannt?

Herodot wurde in Halikarnassos, einer Hafenstadt im Südwesten Kleinasiens, geboren. Wegen Beteiligung an einer Verschwörung gegen die persische Herrschaft wurde er um 457 v. Chr. verbannt und ging ins Exil auf die Insel Samos. Herodot bereiste in der Folgezeit Griechenland, Kleinasien, Ägypten und Babylonien. Nachdem er einige Jahre in Athen verbracht und die Bekanntschaft von Persönlichkeiten wie dem Staatsmann Perikles und dem Dramatiker Sophokles gemacht hatte, lebte er seit 443 v. Chr. in der athenischen Kolonie Thurioi (Süditalien), wo er vermutlich auch starb.

Wussten Sie, dass …

sich auch der Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) als Geschichtsschreiber betätigt hat? Für sein Werk »Der Staat der Athener« betrieb er jedoch kaum eigene Quellenforschung und folgte vorliegenden Berichten oft unkritisch.

der Geschichtsschreiber Xenophon (um 426–355 v. Chr.) in seinem Werk »Hellenika« Thukydides' Geschichte des Peloponnesischen Krieges fortschreiben wollte? Er erreichte aber nicht die Qualität des Vorgängerwerks.

Die attische Polis: Die Wiege der Demokratie

Wie kam es zum Aufstieg Athens?

Die Anfänge Athens reichen in die Bronzezeit zurück. Auf der Ägäishalbinsel Attika mit ihren reichen Vorkommen an Ton, Marmor, Blei und Silber war Athen zunächst eine Kleinstadt neben anderen. Nach der Eingemeindung des Umlands und des Hafens von Piräus im 9. Jahrhundert v.Chr. stieg die Stadt, gestützt auf das attische Hinterland, zu einer der Führungsmächte in Griechenland auf und erreichte ihre Blütezeit im 5. Jahrhundert v.Chr. Die herrschende Schicht war nach Abschaffung der Monarchie zunächst die Aristokratie, die jedoch nicht wie etwa in Rom aus einer überschaubaren Zahl großer Geschlechter bestand. Die politischen Akteure stammten vielmehr aus vielen Familien, die miteinander um die Sicherung bzw. Erhöhung ihres Ranges wetteiferten.

Wer regierte die Polis in der Frühzeit?

Politik und Gesellschaft Athens wurden im 7. Jahrhundert v.Chr. noch vom Adel bestimmt. An der Spitze des Stadtstaates, der Polis, standen die Archonten. Dieses Amt wurde ursprünglich auf Lebenszeit vergeben, später auf zehn Jahre besetzt, bevor man – der Überlieferung nach 683/82 v.Chr. – zur jährlichen Wahl überging. Nach dem höchsten, dem eponymen Archon, wurde das jeweilige Jahr benannt, der zweite Archon führte das Heer, der dritte war für religiöse Belange zuständig. Sechs weitere übten als Thesmotheten höchstrichterliche Gewalt aus. Nach Ablauf ihrer Amtszeit konnten die Archonten in den Areopag aufrücken, der aus dem Kreis der Reichsten und Vornehmsten wiederum die Archonten wählte und zugleich Gerichtshof war. Die Macht der Archonten war begrenzt, so dass die Aristokraten nicht vorrangig um Ämter rangen, sondern eher durch militärische Taten oder die Errichtung von Heiligtümern und Bauwerken wetteiferten.

Was stürzte Athen in die Krise?

Im Laufe des 7. Jahrhunderts geriet Athen in eine soziale Krise. Auslöser waren Veränderungen in der Kriegsführung, das heißt der Übergang vom adeligen Reiterheer zu schwer bewaffneten Fußsoldaten, die in geschlossener Formation (Phalanx) kämpften. Viele Kleinbauern konnten die ihnen auferlegten militärischen Verpflichtungen nur tragen, indem sie sich bei den aristokratischen Großgrundbesitzern verschuldeten. Unterdessen steigerten die Großgrundbesitzer durch Export von Weizen, Öl und Wein ihren Reichtum. Der Handel ließ in der Stadt eine wohlhabende Schicht aus Handwerkern und Kaufleuten entstehen, die sich durchaus mit den Adeligen messen konnten, aber mangels Grundbesitz keine politischen Rechte besaßen. Beide Gruppen forderten eine ihrem materiellen Stand angemessene politische Mitwirkung.

Die Maßnahmen des Gesetzesreformers Drakon zur Schaffung höherer Rechtssicherheit konnten die Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung nicht wirklich eindämmen. Die verschiedenen Interessengruppen standen sich unversöhnlich gegenüber, so dass Solon 594 v.Chr. einen besonderen Auftrag erhielt: Als Archon mit umfassenden Vollmachten ausgestattet, sollte er als Schiedsrichter und Versöhner den athenischen Staat reformieren.

Worin bestanden Solons Reformen?

Solons erste Maßnahme war die Bauernbefreiung. Er hob Grundschulden und Leibeigenschaft auf. Forderungen nach einer Neuverteilung von Grund und Boden kam Solon jedoch nicht nach. Stattdessen stufte er die Bürger nach ihrem jährlichen Ertrag in vier Klassen ein, von den Großgrundbesitzern und Großkaufleuten (1. Klasse) bis zu den Kleinbauern und Lohnarbeitern. Damit begründete er die Herrschaft der Besitzenden (Timokratie); die politischen Rechte hingen nun statt von der Geburt von der veränderbaren Größe des Vermögens ab. Auch die ärmeren Bürger erhielten erstmals Möglichkeiten zur politischen Mitwirkung. Die vom Archon einberufene und geleitete Volksversammlung entschied über außenpolitische Fragen. Ferner wählte sie jedes Jahr neun Archonten (aus der 1. Klasse) sowie (aus den ersten drei Klassen) den Rat der 400. Dieser nahm Anträge für die Volksversammlung entgegen, führte die Regierungsgeschäfte und war Berufungsinstanz gegen die Urteile der Thesmotheten. Solons Reformen änderten die Machtverhältnisse kaum, aber sie schufen die Voraussetzung zur Teilhabe weiter Personenkreise an der Politik und zur Beendigung der aristokratischen Vorherrschaft.

Was geschah nach Solons Abschied?

Nach Vollendung seines Reformwerks trat Solon von der politischen Bühne ab. Die neue Ordnung geriet bald durch Machtkämpfe zwischen den mächtigsten Familien in Gefahr. In Auseinandersetzungen mit seinen Kontrahenten Megakles und Lykurgos gelang es Peisistratos (um 600–527 v.Chr.), die Landbevölkerung hinter sich zu bringen und die alleinige Macht zu erringen (um 560). Zweimal wurde er vertrieben, bis er in den 540er Jahren endgültig seine Alleinherrschaft festigen konnte.

Peisistratos war zwar Tyrann, allgemein wird ihm aber ein maßvolles Regieren bescheinigt. Seine Macht war nicht absolut; sie war weniger durch die solonische Ordnung eingeschränkt als durch die Notwendigkeit, die Gunst des Volkes zu erhalten und zugleich die in der Stadt gebliebenen adeligen Rivalen einzubinden. Dies gelang ihm u. a. dadurch, dass er Adelige zur Bekleidung hoher Ämter aufforderte bzw. sie in einem solchen Ansinnen unterstützte. Unter Peisistratos, der selbst kein Staatsamt innehatte, erlebte Athen einen wirtschaftlichen Aufschwung und die sozialen Verhältnisse stabilisierten sich. Peisistratos förderte die Kleinbauern durch Kredite und verteilte unter ihnen die Güter seiner geflohenen Gegner. Er ließ prachtvolle Bauten errichten, förderte die Künste und pflegte die religiösen Kulte. Zu Ehren der Stadtgöttin Athene stiftete er die Wettkampfspiele der Panathenäen; im Rahmen eines ebenfalls neuen Festes, der Großen Dionysien, wurde 534 v.Chr. die erste griechische Tragödie aufgeführt. Mit der Gründung einer Kolonie am Hellespont sicherte Peisistratos die Versorgung Athens mit Getreide von der Schwarzmeerküste. Als der Tyrann 527 starb, setzten seine Söhne Hippias und Hipparchos die Politik ihres Vaters fort. Erst nach der Ermordung Hipparchos' 514 machte sich Hippias durch harte Maßnahmen verhasst und wurde 510 gestürzt.

Was bewirkte Kleisthenes?

Die grundlegenden Reformen des Staatswesens durch Kleisthenes begründeten die Demokratie (Herrschaft des Volkes). In den Unruhen nach dem Tod des Hippias bevollmächtigten die Athener den eponymen Archon Kleisthenes (um 570–um 507 v. Chr.) zu umfangreichen Verfassungsreformen.

Um die gerade auf dem Land noch bestehenden Bindungen an den lokalen Adel zu lösen, zerschlug Kleisthenes die vier alten Stammes- und Familienverbände (Phylen) und ordnete das Gemeinwesen nach territorialen Gesichtspunkten. Er schuf zehn Phylen, jede unterteilt in Stadt-, Land- und Küstenbewohner. So war gewährleistet, dass alle Gesellschaftsgruppen repräsentiert waren. In der Volksversammlung wurden nun aus jeder Phyle 50 Mitglieder für den Rat der 500 ausgelost, der den Rat der 400 ablöste. Weiterhin wählte die Volksversammlung das Geschworenengericht und zehn Strategen, die das Heer führten, sowie aus der 1. und 2. Klasse (später von Perikles auf die 3. Klasse ausgedehnt) die neun Archonten.

Die Macht des Adels als herrschende Gruppierung war nach Kleisthenes' Reformen endgültig gebrochen. Politisch maßgebliche Kraft wurde der Demos (Volk), der bereits Peisistratos und Kleisthenes gegen Teile des Adels unterstützt hatte. Politiker mussten sich also die Unterstützung des Volkes bzw. der Volksversammlung sichern, wollten sie Macht gewinnen oder behalten.

Wie entstand der Attische Seebund?

Mit der Staatsreform ging auch ein stärkeres außenpolitisches Engagement einher. Am Ionischen Aufstand (500–494 v.Chr.) gegen die Perser beteiligte sich Athen als einziger bedeutender griechischer Stadtstaat. Aus den Perserkriegen (492–448 v.Chr.) ging es als führende Seemacht hervor. Als Sparta aus dem Kriegsbündnis gegen die Perser austrat, banden sich die griechischen Städte Kleinasiens und die meisten Ägäisinseln an Athen als Schutzmacht. Zur gemeinsamen Kriegsführung wurde 478/77 der 1. Attische Seebund gegründet. Aufgrund der besonderen Bedingungen eines Seebündnisses– nicht jeder Staat konnte eigene Kriegsschiffe stellen– durften die Partner ihre Bündnisleistungen auch finanziell abgelten; die Kriegskasse wurde zunächst auf der Insel Delos verwahrt und 454 nach Athen überführt.

Wie nutzte Athen den Seebund?

Der Seebund wurde mehr und mehr ein Instrument zur Durchsetzung athenischer Interessen, die Beiträge wurden zu ständigen Tributen an Athen. Städte, die austreten wollten, zwang Athen mit Gewalt in den Bund zurück und disziplinierte sie durch Ansiedlung von Militärkolonien. Auf der anderen Seite begünstigte der Bund die Ausweitung des athenischen Handels sowie die Übernahme athenischer Werte und Normen. Der im 6. Jahrhundert eingeführte attische Münzfuß etwa setzte sich in der Ägäis und den angrenzenden Küstengebieten durch. Und in zahlreichen Staaten entstanden mit athenischer Unterstützung Demokratien.

Was war das Perikleische Zeitalter?

Der Demokratenführer Perikles (ca. 490 v. Chr.–429 v. Chr.) lenkte die Geschicke des Staates über drei Jahrzehnte lang und machte Athen zum geistig-kulturellen Mittelpunkt Griechenlands (Perikleisches Zeitalter).

Beim Sturz des Areopags (462) unterstützte Perikles, der Sohn des Heerführers Xanthippos und der Agariste, einer Nichte des Kleisthenes, den Ephialtes und übernahm nach dessen Ermordung 461 die Führung der Demokraten. In den folgenden Jahrzehnten bis zu seiner Absetzung 430 war er der wichtigste athenische Politiker (seit 443 Stratege).

Perikles versuchte, den Einfluss der unteren Klassen, auf die er sich stützte, zu stärken und die Aristokraten zu schwächen. Er führte Aufwandsentschädigungen für die Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben (für Geschworene, Ratsherren usw.) ein, wodurch diese auch von weniger reichen Personen wahrgenommen werden konnten. Er betrieb eine umfangreiche Baupolitik aus der Kasse des Attischen Seebundes. Außenpolitisch zeichnet Perikles für die Friedensschlüsse mit Persien (448) und Sparta (445) verantwortlich, aber auch für das Bündnis mit Korkyra (433), das den Peloponnesischen Krieg auslöste. Kurz nach Kriegsausbruch starb er an der Pest.

Was sind »drakonische Gesetze«?

Mit diesem, noch heute gebräuchlichen Ausdruck bezeichnet man die erste schriftliche Niederlegung von Gesetzen in Athen durch den Gesetzesreformer Drakon im Jahr 624 v.Chr.

Drakon war kein »Gesetzgeber« im wörtlichen Sinn, sondern schrieb hauptsächlich das bereits bestehende Gewohnheitsrecht auf, wobei er vermutlich einige Neuerungen einführte, die aus der angespannten politischen Situation seiner Zeit erklärbar sind. So ordnete er einzelnen Vergehen bestimmte Strafen zu. Wegen der Bevorzugung der Todesstrafe wurden seine Gesetze von den Athenern später als zu streng empfunden; bis heute bezeichnet man eine besonders strenge Strafe als »drakonisch«.

Wussten Sie, dass …

unter Solon die Popularklage eingeführt wurde? Damit war es jedem Bürger erlaubt (nicht mehr nur dem Betroffenen), Klage zu erheben, was die Durchsetzung der Gerechtigkeit zu einer Sache aller Athener machte.

sich aus dem griechischen Wort Polis unser Wort »Politik« ableitet?

auch in der »demokratisch« angelegten Polis Frauen keine öffentlichen Rechte hatten?

Wie entstand die klassische griechische Tragödie?

Die Tragödie, die älteste europäische Form des Dramas, entwickelte sich im 6. und 5. Jahrhundert v.Chr. aus dem Dionysoskult. Dieser bestand zunächst in einem von Vorsänger und Chor vorgetragenen ekstatischen Lied (Dithyrambos) zu Ehren des Gottes. Die erste Tragödie soll 534 v.Chr. bei den Großen Dionysien in Athen aufgeführt worden sein. Dabei führte der Dichter Thespis erstmals einen Schauspieler ein, der Monologe vortrug und in den Dialog mit dem Chorleiter trat. Als eigentlicher Erfinder der Tragödie gilt Aischylos (525–456 v.Chr.), der einen zweiten Schauspieler in die Handlung integrierte. Ferner ergänzte er die damals übliche Trilogie, die Folge dreier Tragödien, um ein Satyrspiel, das das vorangegangene Geschehen parodierte. Neben Aischylos prägten Sophokles (496–406 v.Chr.) und Euripides (480–406 v.Chr.) die klassische griechische Tragödie. Zu ihrer Zeit gab es jährliche Dichterwettbewerbe (Agonen). Auch die Komödie nahm ihren Anfang in den athenischen Dionysien (erstmals 486 v. Chr.).

Wussten Sie, dass …

das bekannte Scherbengericht unter dem Reformer Kleisthenes entstand? Einmal im Jahr wurde die Volksversammlung befragt, ob ein Bürger dem Staat gefährlich werden könne. Jeder Stimmberechtigte ritzte daraufhin einen Namen in eine Tonscherbe. Wer von 10000 Stimmberechtigten mindestens 6000-mal genannt wurde, der musste – unter Erhalt seines Vermögens und seiner Ehre – ins Exil gehen. Dadurch sollte einer erneuten Tyrannis vorgebeugt werden. Das Scherbengericht wurde jedoch später nicht selten zur Ausschaltung politischer Gegner missbraucht.

Anfänge der abendländischen Philosophie: Nachdenken über die Welt

Womit beschäftigten sich die ersten Philosophen?

Um 600 v.Chr. gründete Thales von Milet seine Ionische Schule, die sich vor allem mit der Reflexion über den Ursprung und die Struktur der Natur befasste, die damit zur Vorgängerin der heutigen Naturwissenschaften und der Mathematik wurde. Thales' Schüler Anaximander entwickelte die Kartographie und führte in Griechenland die Sonnenuhr ein. Eine weitere Schule war die der Pythagoreer, die der aus Samos stammende Pythagoras im 6. Jahrhundert v.Chr. in Kroton (Süditalien) gegründet hatte. Hier wurde eine für die Mathematik bedeutende Zahlentheorie entwickelt und in der Astronomie erstmals die Kugelgestalt der Erde angenommen.

Die philosophische Streitfrage über die Beschaffenheit der Welt wurde um 500 v. Chr. eröffnet: Heraklit aus Ephesos (Kleinasien) betrachtete das Werden als Grundprinzip alles Seienden; auch das scheinbar Unveränderliche befinde sich in stetigem Fluss. Dagegen betonten die nach der Stadt Elea (Süditalien) benannten Eleaten mit Parmenides und Zenon als wichtigsten Vertretern die Unveränderlichkeit des Universums.

Wer waren die Sophisten?

Im 5. Jahrhundert begann, besonders in Athen, die Zeit der Sophistik. Sie waren meist reisende Lehrer, die gegen Bezahlung Philosophie und Rhetorik (»Redekunst«) lehrten. Sie wandten sich Fragen nach dem Menschen und der menschlichen Gesellschaft zu und betonten das Recht des Einzelnen auf Selbstdurchsetzung gegenüber der traditionellen Vorstellung vom Vorrang des Ganzen. In vielen Bereichen, auch der Moral, bezweifelten und relativierten sie traditionelle Ansichten.

Was lehrte Sokrates?

Vollender und gleichzeitig Überwinder der Sophistik war Sokrates. Sein epochal neuer Gedanke gipfelt in dem Satz: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Mit ihm begann die Philosophie, eigene Erkenntnisse zu hinterfragen. Sokrates verzichtete darauf, ein eigenes philosophisches System aufzustellen; um so radikaler befragte er diejenigen, die Wahrheit zu verkünden meinten. Sein Hauptinteresse galt der Ethik. Da er annahm, dass lasterhaftes Verhalten nicht aus Bosheit, sondern durch Unwissenheit entsteht, setzte er Erkenntnis und die Kritik eigener Ansichten mit Tugend gleich. In zahlreichen von seinem Schüler Platon überlieferten Dialogen bringt er seine Gesprächspartner durch Ironie und geschickte Fragestellung zum Eingeständnis, dass ihre Wahrheit nur eine vorgebliche ist.

Was glaubten Sokrates' Schüler?

Sokrates hatte mehrere einflussreiche Schüler, die aus seiner Lehre jedoch sehr unterschiedliche Schlüsse zogen. Aristippos begründete die Schule der Kyrenaiker. Sie vertrat eine Lehre, für die das Streben nach körperlicher Lust höchstes Gut war. Die von Anisthenes inspirierten Kyniker dagegen lebten enthaltsam und betrachteten die gegenständliche Welt, ihre Reichtümer und Freuden mit Verachtung (»Zynismus«). Ihre Lehre beeinflusste verschiedene antike Denkrichtungen bis zum Siegeszug des Christentums.

Welche Idee verfolgte Platon?

Sokrates' wichtigster Schüler war Platon (427–347 v. Chr.), der in seinen Werken »Der Staat« und »Die Gesetze« einen idealen Staat entwarf. Als Lehrer des Tyrannen Dionysios II. von Syrakus versuchte er, seine Staatstheorie in die Praxis umzusetzen, scheiterte jedoch damit. Danach widmete er sich der von ihm gegründeten »Akademie«, in der er seine Anhänger unterrichtete. Platons Bedeutung für die spätere Philosophie und Geistesgeschichte ist kaum zu ermessen. Sämtliche staatsphilosophischen Werke der Neuzeit wären ohne Platon undenkbar. Seine Ideenlehre begründete die abendländische Metaphysik und formulierte den Vorrang der Theorie vor jeder Erfahrung.

Welche Neuheit lehrte Aristoteles?

Aristoteles (384–322 v. Chr.), prominentester Schüler Platons, bewertete die Erfahrung höher als die Idee. Er soll das gesamte Wissen seiner Zeit systematisch erfasst haben und schrieb Werke über Naturphilosophie, Ethik, Politik, Psychologie, Ästhetik, Logik und Metaphysik. Für Aristoteles lag »die Wahrheit immer in der Mitte« zwischen den Extremen. Stärker als Platon beeinflusste Aristoteles das Geistesleben des christlichen Abendlandes im Mittelalter. Sein berühmtester Schüler war jedoch kein Philosoph, sondern Alexander der Große.

Wie begann die griechische Philosophie?

Die Philosophie konnte sich besonders dort entwickeln, wo verschiedene Wertsysteme sich gegenseitig ihre Daseinsberechtigung absprachen, etwa wenn sich weltliche Gewalt und Priesterschaft bekämpften oder verschiedene Kulturen zusammentrafen, z. B. in Kleinasien und den griechischen Kolonien. Wichtige Erkenntnisse übernahm die frühe griechische Philosophie vor allem von den Ägyptern und Babyloniern.

Was ist Philosophie?

Es gibt zahlreiche Versuche zu erklären, was Philosophie ist. Der Grieche Platon nennt als Grundfragen das Wahre, das Schöne und das Gute. Später wurden Erkenntnistheorie, Ethik, Ästhetik und Metaphysik oder Anthropologie zu philosophischen Disziplinen erhoben. Der Kanon änderte sich im Laufe der Zeit, neue Fragen und Teilgebiete kamen hinzu, andere wie Astronomie oder Volkswirtschaftslehre wurden zu eigenen Wissenschaften. Eine andere Form der Definition ist die Beantwortung der Frage, was Philosophie (oder: das Philosophieren) ausmacht. Schon der Bezeichnung »Philosophie« (Liebe zur Weisheit) liegt ein solcher Definitionsversuch zugrunde. Ein wesentliches Merkmal des Philosophierens ist, dass es über Fragen, z. B. nach dem Guten, der Herkunft des Menschen, der Beschaffenheit der Welt oder dem Sinn des Lebens, nachdenkt, ohne sich auf vorhandene Antworten aus Religion, Tradition, Politik oder Wissenschaft festzulegen.

Wussten Sie, dass …

Sokrates seine Gesprächsmethode als »Hebammenkunst« (Mäeutik) bezeichnete? Durch intelligentes Fragen und Zuhören brachte er bei seinen Gesprächspartnern verborgene Wahrheit zur Welt.

Sokrates wegen Gotteslästerung und Verführung der Jugend zum Tode verurteilt wurde? Er musste einen Becher mit Gift, den Schierlingsbecher, trinken.

Alexanders Weltreich: Die Geburt des Hellenismus

Wie begann Alexanders Feldzug gegen die Perser?

Im Frühjahr 334 v. Chr. begann er als oberster Feldherr eines Heeres aus 35000 Makedoniern und Griechen den von seinem Vater Philipp geplanten und als Rachefeldzug deklarierten Krieg gegen Persien. Philipp war im Jahr 336 v.Chr. ermordet worden. Sein Sohn Alexander III. (später »der Große«) hatte sich durch Ausschaltung möglicher Konkurrenten die Thronfolge gesichert. Unter nur geringen Verlusten eroberte er dann Kleinasien und ersetzte die persischen Provinzstatthalter (Satrapen) durch eigene Offiziere. Nach Rückschlägen gelang Alexander im November 333 v. Chr. bei Issos am Golf von Iskenderun ein überwältigender Sieg gegen das zahlenmäßig überlegene Heer des Perserkönigs Dareios III.

Welche Länder eroberte er auf dem Feldzug?

Alexander eroberte Syrien, gewann Ägypten und Mesopotamien. Nach einem weiteren Sieg über Dareios 331 v. Chr. bei Gaugamela östlich des Tigris wurde er zum »König von Asien« ausgerufen. Als Sühne für die Zerstörung der Akropolis durch Xerxes (480 v. Chr.) ließ Alexander 330 v. Chr. die persische Hauptstadt Persepolis zerstören. Damit war der Rachefeldzug beendet und die Soldaten der griechischen Bundesgenossen wurden in die Heimat entlassen. Nach der Ermordung des Dareios durch einen seiner Satrapen (330 v. Chr.) nahm Alexander auch den persischen Königstitel an. Bis 327 v. Chr. brachte er das übrige persische Gebiet an sich. Dabei stieß er bis nach Indien vor, wo ihn eine Meuterei seiner Soldaten (326 v. Chr.) zur Umkehr zwang.

Wie einigte der Herrscher sein Reich?

Zur Einigung seines Reiches fasste Alexander den Plan, die westliche (griechisch-makedonische) und östliche (persische) Kultur miteinander zu verschmelzen. Bereits 327 v. Chr. hatte er das persische Hofzeremoniell eingeführt und die persische Königstracht angelegt. Ferner ließ er junge Perser in griechischer Sprache und Kultur unterrichten.

Über 80 Stadtgründungen, viele mit dem Namen »Alexandria«, sollten die eroberten Gebiete sichern und zusammenhalten. Diese Städte entwickelten sich vielfach zu wichtigen Handelsplätzen, in denen Okzident (Abendland) und Orient aufeinander trafen und einander durchdrangen. Spektakulär war die Massenhochzeit von Susa 324 v. Chr., bei der Alexander zwei Töchter des Dareios ehelichte und Tausende seiner Soldaten persische Frauen heiraten ließ. Die rechtliche Gleichstellung der Perser und ihre Aufnahme ins Heer waren bei den Makedoniern wenig populär, da sie um ihre Vormachtstellung fürchteten. Es kam zu Aufständen, die Alexander blutig niederschlagen ließ.

Was geschah nach dem Tod Alexanders?

Als Alexander im Jahr 323 v. Chr. an Fieber starb, hinterließ er ein Weltreich. Unter seinen Nachfolgern, den Diadochen, gelang es keinem, die Alleinherrschaft zu gewinnen. Aus den Machtkämpfen nach dem Tod Alexanders gingen verschiedene Staaten hervor, die Diadochenreiche. Von Bedeutung waren das Königreich Makedonien, das Seleukidenreich, das unter Seleukos I. vom Mittelmeer bis an den Indus reichte, und das Reich der Ptolemäer, das neben dem Kernland Ägypten zeitweise auch andere Gebiete Nordafrikas sowie Palästina, Zypern und die ägäischen Inseln umfasste. In den eroberten Gebieten bildeten die Makedonier lange Zeit die Elite, bevor es zu einer rechtlichen Gleichstellung und Verschmelzung mit den Einheimischen kam. Um diese stärker an ihre Person zu binden, ließen sich die Ptolemäer- und Seleukidenherrscher wie schon Alexander als Götter verehren.

Was ist der Hellenismus?

Damit meint man die Ausbreitung des »Griechentums«. Das ganze (ehemalige) Alexanderreich war ein zusammenhängender Handels- und Kulturraum, der griechisch, hellenisch, dominiert war. Kunst und Geistesleben erblühten, die Wissenschaften (Mathematik, Astronomie, Geographie und Medizin) erlebten große Fortschritte.

Woher kam der berühmte Eroberer?

Alexander der Große kam aus Makedonien. Der Staat im Nordosten Griechenlands beteiligte sich um die Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. als neuer Akteur an den Machtkämpfen in der griechischen Staatenwelt. Mit seiner als rückständig empfundenen Gesellschaftsordnung (Bauern, Adel und Königtum) wurde er trotz sprachlicher Verwandtschaft meist nicht als griechisch anerkannt. Eine erste Annäherung des Königreichs an Griechenland erfolgte unter Alexander I. (Reg. um 495–um 454 v. Chr.); er wurde zu den Olympischen Spielen zugelassen. Philipp II. (Reg. 359–336 v. Chr.), der das thebanische Militärwesen kennen gelernt hatte, dehnte den makedonischen Einflussbereich auf das nördliche Griechenland und die nördliche Ägäis bis ans Schwarze Meer aus. In der Schlacht von Chaironeia (338 v. Chr.) gegen Athen und Theben gewann Makedonien endgültig die Vorherrschaft über das griechische Festland.

Wussten Sie, dass …

die Koine die gemeinsame Verkehrssprache im von Alexander geschaffenen Weltreich war? Diese neue Form des Griechischen mit Elementen aus zahlreichen Dialekten war die Sprache der Beamten, Kaufleute und Gelehrten.

Alexandria in Ägypten mit der mehrere hunderttausend Papyrusrollen fassenden Bibliothek Mittelpunkt der hellenistischen Welt war?

Rom: Aufstieg zur Supermacht

Wo liegen die Wurzeln der Stadt Rom?

Die Wurzeln Roms liegen im Etruskischen. Darauf deutet auch der Name (ursprünglich Ruma) hin, der sich vom etruskischen Adelsgeschlecht der Romilier ableitet: der legendäre Stadtgründer Romulus war wohl ein Etrusker namens Romilius oder Romulius. In Rom und der angrenzenden Landschaft Latium sprach man Latein, einen italischen Dialekt. Städtisches Leben, Religion und staatliche Organisation waren jedoch von den Etruskern geprägt. Sie legten auch einen Schutzwall und Entwässerungsanlagen an, die eine Besiedlung der versumpften Täler ermöglichten. Im 6. Jahrhundert v.Chr. beherrschten etruskische Könige die Stadt, bevor um 500 v.Chr. der Letzte von ihnen, Tarquinius Superbus (reg. 534–510 v. Chr.), vertrieben wurde.

Welche Staatsform hatte das frühe Rom?

Mit der Vertreibung der Könige begann die Zeit der Republik (lateinisch res publica: »öffentliche Sache«). Der Königstitel wurde geächtet und die römische Volksversammlung wählte stattdessen Regierungsbeamte, an deren Spitze zwei Konsuln standen. Da ein Rückfall in die Herrschaft eines Einzelnen verhindert werden sollte, galten für alle Ämter die Prinzipien der Annuität (auf ein Jahr beschränkte Amtsdauer) und der Kollegialität, das heißt, jedes Amt musste mindestens doppelt besetzt werden und die Amtsgewalt (potestas) einvernehmlich ausgeübt werden. Nur in Phasen äußerster Bedrohung konnte ein Diktator gewählt werden, der für sechs Monate allein eine nahezu unbeschränkte Befehlsgewalt ausübte.

Was kennzeichnete die frühe Republik?

Herrschende Schicht der frühen Republik war der Adel, die Patrizier (von patres: »Väter«), also die männlichen Nachkommen der reichen, alteingesessenen Familien mit dem pater familias an der Spitze. Er gebot nicht nur über Frau und Kinder, sondern auch über die verheirateten Söhne und deren Familien sowie über Sklaven und Freigelassene. Innerhalb dieses Bereichs verfügte er über allen Besitz und nahm in Streitigkeiten zwischen Familienangehörigen die Funktion eines Richters wahr. In die Regierungsämter (Magistrate) und den Senat, den Rat der Ältesten (Senatoren), wurden nur Patrizier gewählt.

Der Senat, bereits während des Königtums ein Beratergremium aus 300 patrizischen Familienoberhäuptern, wurde mit der Zeit zur zentralen politischen Einrichtung der Republik. Seine Bedeutung ergab sich nicht aus einer Sonderstellung in der Verfassung: Der Senat konnte sich nicht selbst einberufen und hatte lediglich beratende Funktion. Sein hohes Ansehen (auctoritas) ließ ihn aber gerade in der Endphase der Republik zu einer Kraft werden, ohne die keine Amtshandlung der Magistrate und kein Beschluss der Volksversammlung Gültigkeit erhielt. Die auf Lebenszeit ernannten Senatoren rekrutierten sich später aus den Inhabern der höchsten Regierungsämter. Unter der Diktatur Sullas (82–79 v. Chr.) wurde die Zahl der Senatoren auf 600, unter Cäsar (45 v. Chr.) kurzfristig auf 900 erhöht. Im römischen Kaiserreich verlor der Senat seinen politischen Einfluss und war fortan nur noch ein untergeordnetes Beratergremium.

Welche Rechte hatte das Volk?

Die Masse des Volkes war zwar frei, aber rechtlos: Die Plebejer (von plebs: »Volk«), zu denen Kleinbauern und Zugezogene zählten, durften keine Rechtsgeschäfte tätigen, also auch nicht selbständig Grundbesitz erwerben und sich vor Gericht nicht selbst verteidigen. Aus diesem Grund suchten sie sich unter den Oberhäuptern der Patrizierfamilien einen »Patron«, der sie vor Gericht vertrat. Als »Klienten« waren sie von ihm abhängig, denn ihre Rechtsstellung und ihr Besitz hingen von dem Patron ab, dem sie dafür Gefolgschaft und Treue schuldeten. Schon bald begannen die Plebejer, gegen ihre Situation aufzubegehren, leisteten sie doch wie die Patrizier Heeresdienst. Gerade aus ihren Leistungen in den Kriegen Roms schöpften sie ihr Selbstbewusstsein.

Bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. setzten die Plebejer wichtige Veränderungen durch. Ihre Position in der Volksversammlung wurde insoweit gestärkt, als nicht mehr nach den alten Geschlechterverbänden, sondern nach Heeresformationen (Zenturien) abgestimmt wurde. Allerdings hatten die oberen Vermögensklassen in diesen Abstimmungskörpern (Zenturiatkomitien), die auch die obersten Beamten wählten, ein höheres Gewicht. 445 v. Chr. wurde die Heirat zwischen Patriziern und Plebejern zugelassen. Ein weiterer Erfolg war die schriftliche Fixierung des geltenden Rechts im Zwölftafelgesetz (um 450 v. Chr.), das Rechtssicherheit schuf und der Willkür patrizischer Richter Einhalt gebot.

Erhielten die Plebejer politische Macht?

Nach und nach durften Plebejer auch höhere Ämter bis hin zum Konsulat (seit 367 v. Chr.) bekleiden. Die endgültige Gleichberechtigung brachte die lex Hortensia (287 v. Chr.), die den Beschlüssen der (plebejischen) Volksversammlung (plebiscita) den Status von Gesetzen zubilligte. Trotzdem ist Rom nie so »demokratisch« geworden wie Athen: Da alle Ämter Ehrenämter waren, blieben sie der wohlhabenden Oberschicht vorbehalten, zu der neben Patriziern nun gleichberechtigt die reichen Plebejer zählten (Amtsadel, Nobilität).

Wie wurde Rom Führungsmacht in Italien?

Zunächst wurde Rom stärkste Macht in Mittelitalien. Es beherrschte damit ein Gebiet von 1500 km² (396 v. Chr.). Im Süden der Apenninhalbinsel dominierten noch die griechischen Städte mit Syrakus an der Spitze. Im Norden herrschten weiterhin die Etrusker, bis die Gallier die politische Landkarte grundlegend veränderten: Unter ihrem Ansturm brach die etruskische Herrschaft zusammen. Auch Rom war nach der Niederlage an der Allia (387 v.Chr.) sieben Monate lang besetzt und seine latinischen Bundesgenossen fielen ab.

Nach dem Abzug der Gallier konnte Rom seine Machtstellung erneuern und ausbauen. 340–338 v. Chr. wurden die aufständischen latinischen Gemeinden wieder fester eingebunden. Nach Kriegen mit den Etruskern, Kelten und anderen Stämmen (bis 282 v.Chr.) drang Rom auch in den Norden Italiens vor. Im Krieg gegen das griechische Tarent (282 bis 272 v.Chr.) errang es auch die Vorherrschaft in Süditalien.

Wie sicherte das Reich seine Macht?

Das Land wurde mit einem Netz von Straßen überzogen, deren bedeutendste die 312 v. Chr. gebaute Via Appia war; sie führte von Rom nach Capua, später bis nach Tarent und Brundisium. Auch die Ansiedlung römischer Bürger in eigens gegründeten Kolonialstädten, die eng an Rom gebunden blieben, diente der Festigung römischer Herrschaft. Rechtlich wurde die Bevölkerung unterschieden in Römer, Latiner (mit eingeschränktem Bürgerrecht) und Bundesgenossen (socii). Die Bündnisverträge (foedera) mit den einzelnen Städten konnten sehr unterschiedlich sein. Dabei ließ Rom ihnen die innere Autonomie (mit eigener Verwaltung und eigenem Bürgerrecht), untersagte ihnen jedoch eine eigene Außenpolitik und verpflichtete sie zur Heerfolge. Alles in allem waren die Bedingungen für die unterworfenen Städte milde; das beweist später auch ihre relativ geringe Neigung, vom Bündnis abzufallen.

Stand Rom in Konkurrenz zu einer anderen Macht?

Ja, als Herrin über Italien steuerte Rom geradezu zwangsläufig auf eine Auseinandersetzung mit Karthago zu. Die nordöstlich des heutigen Tunis gelegene Stadt war eine phönizische Gründung (daher nannten die Römer die Karthager auch Punier). Karthago hatte Handelsstützpunkte an vielen Küsten, eine große Kriegsflotte und galt als die reichste Stadt im Mittelmeerraum. Anfangs waren Rom und Karthago Verbündete gewesen, aber nun stießen die Interessen zweier Großmächte aufeinander. Ein lokaler Konflikt um die Stadt Messina (Sizilien) wurde zum Anlass für den 1. Punischen Krieg (264–241 v. Chr.) zwischen Rom und Karthago um Sizilien. Die überlegenen römischen Fußtruppen eroberten schnell einen großen Teil der Insel.

Wie entschied Rom den Ersten Punischen Krieg?

Da die karthagische Seemacht ständig die Küsten Italiens bedrohte, entschloss Rom sich erstmals zum Bau einer eigenen Flotte. Diese bezwang bereits in ihrer ersten Schlacht (260 v. Chr.) die Karthager. Nach einem langen und wechselvollen Krieg, der beide Städte finanziell nahezu erschöpfte, waren es 241 v. Chr. erneut römische Kriegsschiffe, die bei den Ägadischen Inseln den entscheidenden Sieg gegen die karthagische Flotte errangen.

Warum fand ein zweiter Punischer Krieg statt?

In Karthago wuchs der Wunsch nach Rache. Karthago hatte auf die verbliebenen Stützpunkte auf Sizilien verzichten müssen. Wenig später erzwang Rom auch die Herausgabe von Sardinien und Korsika. Der kathargische Feldherr Hannibal provozierte durch Überschreiten des nordspanischen Flusses Ebro den 2. Punischen Krieg (218–201 v. Chr.). Mit einem großen Heer und Kriegselefanten zog er über die Alpen nach Norditalien, wo er Verbündete in den dort ansässigen Kelten fand. Trotz grandioser Siege in den ersten Kriegsjahren (u. a. 216 v. Chr. bei Cannae) gelang es Hannibal nicht, die Römer niederzuringen. Er litt unter mangelnder Unterstützung aus Karthago und geriet immer mehr in die Defensive, bis schließlich die Römer mit Scipio dem Älteren als Feldherr in Nordafrika landeten und den zur Verteidigung Karthagos zurückbeorderten Hannibal bei Zama vernichtend schlugen (202 v. Chr.).

Wer war die stärkste Macht im Mittelmeerraum?

Nach dem 2. Punischen Krieg gab es für Rom im westlichen Mittelmeerraum keinen ernst zu nehmenden Konkurrenten mehr. Es hatte die karthagischen Gebiete in Spanien gewonnen und war führende Seemacht. Innerhalb weniger Jahre wurde der römische Herrschaftsbereich auch bis in den Osten ausgedehnt: Nach dem siegreichen Krieg gegen Makedonien (200–197 v.Chr.) erkannte Griechenland die römische Vormachtstellung an. Mit der Überwindung des Seleukidenreiches (Schlacht bei Magnesia 190 v.Chr.) gab es auch im östlichen Mittelmeer keine Macht mehr, die Rom gefährdete. Griechenland wurde nach einem Aufstand römische Provinz (146 v.Chr.). Die übrigen hellenistischen Staaten fielen nach und nach an Rom, zuletzt das Ptolemäerreich (Ägypten) 30 v. Chr.

Welche Rolle spielten die Volkstribunen?

Sie konnten die Plebejer vor Übergriffen der Patrizier und der Magistrate schützen. Zunächst waren es zwei oder vier, seit 449 v. Chr. waren es dann zehn. Der Volkstribun galt als unverletzlich (sakrosankt), ein Angriff auf ihn wäre einem Religionsfrevel gleichgekommen. Auch konnte er Entscheidungen des Senats und Amtshandlungen der Magistrate verhindern (veto: »ich verbiete«).

Wussten Sie, dass …

die Latiner und Sabiner, die im 10. Jahrhundert v. Chr. im späteren Stadtgebiet Roms siedelten, ein gemeinsames kultisches Fest feierten, bei dem die berühmten sieben Hügel eine Rolle spielten? Entsprechend hieß das Fest »Septimonium« (»Siebenhügelfest«).

Wussten Sie, dass …

das Gebiet von Roms Konkurrentin Karthago laut einer Gründungslegende von einer Kuhhaut umspannt werden konnte? Die phönizische Prinzessin Elissa war auf der Flucht vor ihrem tyrannischen Bruder Pgymälion an der afrikanischen Küste gelandet und sollte von einem einheimischen Häuptling so viel Land bekommen, wie eine Kuhhaut umspannen könnte. Daraufhin zerschnitt sie eine Kuhhaut in feinste Streifen und steckte damit das Gebiet des zukünftigen Karthago ab.

Dido (römischer Name für Elissa) sich in den trojanischen Helden Aeneas verliebte, der zum Stammvater der Römer wurde? Dieser verließ sie jedoch, weil er den Auftrag hatte, ein neues Troja zu gründen. Dido tötete sich selbst, schwor aber Rache und legte so die Basis für den späteren Dauerkonflikt zwischen Rom und Karthago.

Wie verlief der Aufstieg von Cato dem Älteren?

Der auf einem Landgut in Tusculum 234. v. Chr. geborene Cato durchlief die römische Ämterlaufbahn: Quästor (204), Ädil (199), Prätor (198), Konsul (195). Stets kämpfte Cato gegen den Verfall der Sitten, lehnte griechische Einflüsse als verweichlichend ab. Sein Amt als Zensor (184) übte er so streng aus, dass er den Beinamen Censorius erhielt. Er ließ sieben Senatoren aus dem Senat ausschließen und führte eine Luxussteuer ein. Nachdem Cato 157 v. Chr. zur Überzeugung gelangt war, dass Karthago immer noch eine Bedrohung für Rom darstellte, agitierte er im Senat unermüdlich für die Zerstörung der Stadt. Unabhängig vom Thema schloss er jede Rede mit dem Satz »Ceterum censeo Carthaginem esse delendam« (»Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss«). Im von Rom provozierten 3. Punischen Krieg (149–146 v. Chr.) wurde Karthago erobert und tatsächlich zerstört.

Rom: Krise und Niedergang der Republik

Wie kam es zu Bürgerkriegen in Rom?

Ungelöste soziale Konflikte mündeten in Auseinandersetzungen, bei denen Verfassungsbrüche zur Regel wurden. Die Landreformen, die zuerst Tiberius Gracchus (162 bis 133 v.Chr.) und dann sein Bruder Gaius Gracchus (153–121 v.Chr.) als Volkstribunen betrieben, scheiterten und führten jeweils zu Unruhen, bei denen beide Brüder den Tod fanden.

Im Bürgerkrieg der Jahre 88 bis 82 v.Chr. bekämpften sich dann Gaius Marius (um 157 bis 86 v.Chr.) und Lucius Cornelius Sulla (138–78 v.Chr.). Gaius Marius trat für die Rechte des Volks ein, während Sulla den Senatorenstand vertrat. Marius war unter dem Eindruck der Bedrohung durch germanische Stämme (Kimbern und Teutonen) 107–100 v. Chr. entgegen der Verfassung sechsmal hintereinander mit dem Konsulat betraut worden. Er hatte diese Zeit zu einer Heeresreform genutzt, die nun auch Besitzlosen den Heeresdienst erlaubte. Durch diese Maßnahme entstand eine Soldatenschicht, für die der Krieg keine lästige Pflicht, sondern Lebensunterhalt war. Ihre Treue galt weniger Rom als übergeordneter Macht denn dem jeweiligen Feldherrn, der ihre Entlohnung sicherte.

83 v.Chr. beendete Sulla die Herrschaft der Anhänger des Marius und ächtete mittels öffentlicher Bekanntmachungen (Proskriptionen) politische Gegner. Deren Land und Vermögen verteilte er an seine Soldaten und Anhänger. Sulla ließ sich 82 v.Chr. zum Diktator wählen. Ziel seiner umfassenden Verfassungsreformen war die Wiederherstellung der Senatsherrschaft. Als er dies erreicht zu haben glaubte, trat er von seinem Amt zurück (79 v.Chr.).

Womit begann das Ende der Republik?

Das Ende der Republik wurde 61 v.Chr. durch eine politische Intrige eingeläutet: Der Senat Roms verweigerte dem erfolgreichen Feldherrn Gnaeus Pompeius (106–48 v.Chr.) die Zuweisung von Land zur Versorgung seiner Soldaten. Pompeius, der trotz großer militärischer Vollmachten nicht versucht hatte, die Alleinherrschaft zu erringen, war brüskiert. Zur Durchsetzung seiner Ansprüche ging er ein Bündnis mit Marcus Licinius Crassus (um 115–53 v.Chr.) und Gaius Julius Cäsar (100 bis 44 v.Chr.) ein.

Wie wurde Cäsar Alleinherrscher?

Durch die Eroberung Galliens (58–61 v.Chr.) stieg er zum Anwärter auf die Alleinherrschaft auf. Nach Crassus' Tod und dem Bruch des Bündnisses kam es 49 v.Chr. zwischen dem nun vom Senat unterstützten Pompeius (und seinen Nachfolgern) und Cäsar zum Bürgerkrieg, der im Frühjahr 45 v.Chr. mit Cäsars Sieg endete. Cäsar wurde auf zehn Jahre zum Konsul gewählt, was anfangs auch überzeugte Republikaner noch duldeten. Sie hofften, dass Cäsar nach den notwendigen Reformen, wie einst Sulla, zurücktreten werde. Als Cäsar sich jedoch zum Diktator auf Lebenszeit ernennen ließ, wurde er in einer Verschwörung republikanischer Senatoren an den Iden des März (15. März) 44 v.Chr. getötet.

War die Idee der römischen Republik beendet?

Ja. Zwar schien es zunächst so, als könne sich die Republik unter Marcus Tullius Cicero (106 bis 43 v.Chr.) noch einmal festigen, nachdem der Konsul Marcus Antonius (82–30 v.Chr.) seine eigene Machtpolitik betrieben hatte. Doch das Triumvirat dreier Parteigänger Cäsars im Oktober 43 v.Chr. beendete endgültig die Hoffnungen auf eine Rettung der Republik. Die Triumvirn waren Gaius Octavius (Octavian, 63 v.Chr.–14 n.Chr.), Großneffe, Adoptivsohn und Erbe Cäsars – der spätere Kaiser Augustus –, Antonius und Marcus Aemilius Lepidus der Jüngere (90–13 v.Chr.).

Wie endete Tiberius Gracchus?

Er und 30 seiner Anhänger sind von wütenden Senatoren erschlagen worden. Er hatte als Volkstribun (133 v. Chr.) ein Gesetz vorgeschlagen, das den Besitz von Staatsland begrenzte. Das frei werdende Land sollte an besitzlose Bauern verteilt werden. Die Volksversammlung stimmte zu, aber der Senat überzeugte einen anderen Volkstribun, das Gesetz zu blockieren. Gracchus ließ diesen durch das aufgebrachte Volk absetzen, womit er die Verfassung brach. Als er, erneut gegen die Verfassung, seine unmittelbare Wiederwahl als Volkstribun anstrebte, kam es zu den Tumulten, die ihn das Leben kosteten.

Wussten Sie, dass …

der Monatsname »Juli« auf Gaius Julius Cäsars Geburtsmonat zurückgeht? Nach seinem Tod hatten die Römer die Umbenennung dieses Monats zu seinen Ehren vorgenommen.

Cäsar im Jahr 46 v.Chr. den alten römischen Mondkalender nach dem ägyptischen Sonnenkalender reformierte? Der so genannte julianische Kalender sollte teilweise bis ins 16. Jahrhundert gültig bleiben, ehe er vom gregorianischen Kalender abgelöst wurde.

War Gaius Julius Cäsar ein skrupelloser Machtpolitiker?

Er verfolgte jedenfalls seinen Weg nach oben zielstrebig. Nachdem sein politischer Gegner Sulla tot war, bekleidete der Neffe des Marius 68 v. Chr. die Quästur. Als Ädil (65 v. Chr.) gewann er durch aufwendige Gladiatorenspiele große Popularität; sie wurden finanziert von Marcus Licinius Crassus. Durch ein Bündnis mit Crassus und dem Heerführer Gnaeus Pompeius gelangte Cäsar 59 v. Chr. ins Amt des Konsuls. Als Prokonsul eroberte er ganz Gallien (58–51 v. Chr.), worüber er in seinem autobiografischen Werk »Commentarii de bello Gallico« (Der Gallische Krieg) selbst berichtet. Mit umfassenden Vollmachten ausgestattet, ging Cäsar an die Neuordnung des Staates und der Provinzen. Er wurde am 15. März 44 v. Chr. von republikanisch gesinnten Senatoren unter Führung des Generals Gaius Cassius Longinus († 42 v. Chr.) und von Marcus Iunius Brutus (um 85–42 v. Chr.), Neffe Catos des Jüngeren und Freund Ciceros, erdolcht.

Rom in der Kaiserzeit: Von der Blütezeit zum Zerfall des Reiches

Wie stieg Octavian zum Alleinherrscher auf?

Das 2. Triumvirat, »zur Neuordnung des Staates« mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet, brachte erneut Schrecken über Rom: Den Proskriptionen fielen allein 200 Senatoren zum Opfer, unter ihnen Cicero. Nach dem Sieg über die Cäsarmörder bei Philippi (42 v.Chr.) und der machtpolitischen Ausschaltung des Lepidus (36 v.Chr.) kam es zum Kampf zwischen Antonius und Octavian um die Alleinherrschaft. Octavian gelang es, Antonius' Liaison mit Kleopatra VII. (69–30 v.Chr.) propagandistisch auszuschlachten und der ägyptischen Königin im Namen Roms den Krieg zu erklären, den er durch den Seesieg bei Actium 31 v.Chr. für sich entschied. Antonius und Kleopatra begingen Selbstmord, Ägypten fiel ans Römische Reich (30 v.Chr.).

Wie wurde Octavian zu Augustus?

Cäsars Schicksal vor Augen, bemühte sich Augustus, den Eindruck zu vermeiden, er strebe die Königswürde an. Im Januar 27 v. Chr. gab Octavian seine Vollmachten aus der Bürgerkriegszeit dem Staat zurück, wodurch er formal die Republik wieder aufleben ließ. Der Senat verlieh ihm daraufhin den Ehrennamen Augustus (»der Erhabene«) und übertrug ihm den Oberbefehl über das Heer und die Führung der Außenpolitik. Augustus selbst regierte als Princeps, also als Erster (unter Gleichen); die Regierungsform erhielt daher den Namen Prinzipat.

Was waren die größten Aufgaben für Augustus?

Nach einem Jahrhundert Bürgerkriege musste das Staatswesen neu geordnet und nach außen abgesichert werden. Dazu musste in Rom die Masse der Armen mit Getreide versorgt werden; zu ihrer Unterhaltung wurden immer spektakulärere Gladiatoren- und Tierkämpfe organisiert (panem et circenses = »Brot und Spiele«). Außenpolitisch stand für Augustus die Befriedung der Provinzen im Mittelpunkt. Eroberungskriege wurden nur noch geführt, um leichter zu verteidigende Grenzen zu erreichen. Für das römische Weltreich bedeutete die Herrschaft des Augustus eine Periode des Friedens (pax Augusta), die durch Wohlstand, Stabilität und kulturelle Blüte gekennzeichnet war. Daher wird diese Epoche auch Augusteisches Zeitalter genannt.

Wie regelte Augustus seine Nachfolge?

Um das Reich nicht erneut in Bürgerkriege zu stürzen, baute Augustus vor: Er adoptierte seinen Stiefsohn Tiberius (42 v. Chr. – 37 n. Chr.); der erfolgreiche Feldherr wurde nach Augustus' Tod 14 n. Chr. zweiter römischer Kaiser. Er folgte der Politik des Augustus, hielt die Verwaltung von Staat und Provinzen zu Sparsamkeit an und beschränkte sich weit gehend auf die Grenzverteidigung.

Wer setzte die Kaiser ein?

Die Prätorianer, eine Elitetruppe und Leibgarde des Kaisers, ernannte oder setzte zunehmend eigenmächtig Kaiser ab. Erstmals traten die Prätorianer nach dem Tod des Tiberius bei der Nachfolgefrage in Erscheinung: Der Prätorianerpräfekt rief Tiberius' Großneffen Caligula (12–41 n. Chr.) zum neuen Kaiser aus. Als dieser sich als Willkürherrscher entpuppte, wurde er von den Prätorianern ermordet. Ihm folgte sein Onkel Claudius (10 v. Chr. – 54 n.Chr.), der zu einer geordneten Verwaltung zurückkehrte. Claudius wurde von Agrippina d. J., seiner vierten Frau, ermordet; sie brachte ihren Sohn Nero aus einer früheren Ehe auf den Thron.

Wie regierte Nero?

Geführt vom Prätorianerpräfekten Burrus (†62 n. Chr.) und angeleitet von seinem Erzieher, dem Philosophen Seneca (um 4 v.Chr. – 65 n.Chr.), regierte Nero zunächst umsichtig, doch wuchs sein Regiment zur Schreckensherrschaft aus. Nero wurde schließlich abgesetzt, woraufhin er Selbstmord beging (68 n. Chr.). Mit seinem Tod endete die iulisch-claudische Dynastie – seit Augustus (aus dem Geschlecht der Iulier) und Tiberius (Claudier) waren alle Kaiser miteinander verwandt oder verschwägert.

Wer begründete die flavische Dynastie?

Nachdem der vom Senat ernannte Galba (3 v. Chr.–69 n. Chr.), der von den Prätorianern unterstützte Otho (32–69) sowie die von ihren jeweiligen Heeren zum Kaiser erhobenen Vitellius (um 12–69) und Vespasian (39–81) einander abgelöst hatten (»Vierkaiserjahr«), setzte sich schließlich Vespasian, zuletzt Oberbefehlshaber in Palästina, durch und begründete die flavische Dynastie, die seine Söhne Titus (39–81) und Domitian (51–96) fortführten. Die flavischen Kaiser schlugen die im Reich schwelenden Aufstände nieder und eroberten weitere Gebiete, vor allem in Britannien (84). Domitian, dessen Regierungszeit mit erfolgreichen Feldzügen begonnen hatte und dessen Verwaltung als vorbildlich galt, regierte zunehmend despotisch und ließ zahlreiche Senatoren töten. Der Umstand, dass Domitian den Titel »Dominus et Deus« (»Herr und Gott«) für sich in Anspruch nahm, provozierte eine von weiten Kreisen getragene Verschwörung, der er am 18. September 96 zum Opfer fiel.

Wer waren die Adoptivkaiser?

Mit Domitians Nachfolger Nerva (30–98), den der Senat zum Princeps bestimmt hatte, begann die Zeit der Adoptivkaiser, die versuchten, mittels der Adoption einen geeigneten Nachfolger aufzubauen.

Der von Nerva adoptierte Trajan (53–117) agierte als Herrscher durch den Ausbau des römischen Straßennetzes und durch sozialpolitische Maßnahmen gleichermaßen vorausschauend und populär. Seine größten Erfolge feierte er auf militärischem Gebiet mit der Eroberung Dakiens (101–106) und dem Krieg gegen die Parther (113–117). Zum Zeitpunkt seines Todes hatte das Römische Reich seine größte Ausdehnung erreicht. Als einziger Kaiser erhielt Trajan vom Senat den Ehrennamen Optimus (»der Beste«) zuerkannt (114).

Wie regierten die Nachfolger Trajans?

Unter Hadrian (76–138), Antoninus Pius (86 –161) und Marc Aurel (121–180) erfolgte erneut eine Abkehr von der Expansionspolitik zugunsten der Grenzsicherung. Für das Reich bedeutete dies eine Zeit inneren und äußeren Friedens, obwohl die Grenzen im Norden (durch Aufstände in Germanien und Britannien) und Osten (Partherkrieg 161–166) zunehmend unter Druck gerieten. Marc Aurel brach schließlich mit der Tradition des Adoptivkaisertums und ernannte seinen Sohn Commodus (161–192) zum Nachfolger. Dessen Willkürherrschaft endete mit seiner Ermordung; der vakante Kaiserthron stürzte den Staat in neue Wirren (Fünfkaiserjahr 193).

Warum gelangten Soldatenkaiser an die Macht?

Aus den Kämpfen um den Kaiserthron ging Septimius Severus (146–211) als Sieger hervor. Doch die von ihm begründete Dynastie der Severer war nicht von Dauer. Nach dem grausamen Herrscher Caracalla (188–217) und den beiden 14-jährigen Kaisern Elagabal (204–222, Reg. seit 218) und Severus Alexander (208–235) endete die Dynastie.

Nun übernahmen die meist von ihren Heeren ausgerufenen »Soldatenkaiser« das Kommando: Von 235 bis 284 lösten mehrere Dutzend Kaiser und Gegenkaiser einander ab. Das Reich, das sich gegen Germaneneinfälle und die persische Dynastie der Sassaniden behaupten musste, wurde durch innenpolitische Kämpfe und Herrscherwechsel zusätzlich geschwächt.

Was geschah unter Diocletian und Konstantin?

Kaiser Diocletian (um 240–313 oder 316) konsolidierte das Reich wieder durch umfangreiche Reformen: Er stellte das Kaisertum auf eine neue Stufe und machte aus dem Prinzipat das Dominat (aus der Anrede »dominus« = Herr) mit dem System der Tetrarchie. Die Macht teilten sich nun vier Kaiser, die jeweils über einen Teil des Reiches (mit eigener Hauptstadt) regierten. Durch hohe Steuern und wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen wurde Geld beschafft, das für die Aushebung neuer Truppen gebraucht wurde.

Kaiser Konstantin (der Große, nach 280 bis 337) erkämpfte sich erneut die Alleinherrschaft (seit 324), die er durch eine Wende in der Religionspolitik sicherte: Er förderte das Christentum, das immer wieder blutig verfolgt worden war, und band dadurch einen erheblichen Teil der Bevölkerung an das Imperium und vor allem an seine Person. Als Gegenpol zum »heidnischen« Rom gab er dem Reich 330 mit der Gründung von Konstantinopel eine neue, »christliche Hauptstadt«.

Wann kam es zur Teilung des Römischen Reiches?

Am Ende des 4. Jahrhunderts, in dessen Verlauf das Reich mal in West und Ost geteilt, mal vereint war, wurde es nach dem Tod des Kaisers Theodosius (347–395) unter seinen Söhnen aufgeteilt– eine Teilung, die sich als endgültig erweisen sollte. Rom und Konstantinopel wurden Hauptstädte des west- bzw. oströmischen Reichsteils. Beide litten unter der seit 375 einsetzenden Völkerwanderung, die vor allem Westrom bedrohte. Zweimal wurde Rom geplündert, 410 von den Westgoten unter Alarich I. (um 370–410) und 455 von den Wandalen, deren Name damals zum Inbegriff der Zerstörungswut wurde.

Im Jahr 476 wurde der letzte weströmische Kaiser Romulus Augustulus (um 461 bis nach 476) von Odoaker (um 430 – 493), einem germanischen Heerführer in römischen Diensten, abgesetzt. Das Oströmische Reich bestand fast tausend Jahre weiter bis zur Eroberung Konstantinopels durch die muslimischen Osmanen (1453).

Wussten Sie, dass …

Augustus ein aktiver Förderer der Wissenschaften und Künste war? Zu seinem Freundeskreis zählten zum Beispiel die Dichter Ovid, Horaz und Vergil.

Nero einen Brand in Rom im Jahr 64 n.Chr. zum Anlass für die erste Christenverfolgung nahm?

die Prätorianergarde, die eigenmächtig Kaiser ernannte oder absetzte, das Amt später sogar meistbietend verkaufte? So geschehen 193 n. Chr. an Didius Iulianus.

Was bedeuten römische Namen?

Ursprünglich führten die Römer einen einzigen Namen. Daneben trat früh ein Familien- oder Gentilname, etwa Cornelius oder Iulius für Mitglieder des Geschlechts der Cornelier bzw. Iulier. Weil es nur wenige Geschlechterverbände gab und zudem die Anzahl der Vornamen gering war – oft wurde einfach der Name des Vaters gewählt, oder die Söhne wurden nach Zahlen benannt, wie Quintus (der Fünfte) oder Sext(i)us (der Sechste) – wurde ein Beiname hinzugefügt. Dieser benannte oft Eigenschaften, wie Cato („der Schlaue“). Die meisten Römer aus der Zeit der Republik sind uns unter ihrem Beinamen geläufig, so etwa (Marcus Tullius) Cicero oder (Gaius Iulius) Cäsar.

Zu welchem Zweck ließ Kaiser Hadrian den Limes erbauen?

Statt wie seine Vorgänger auf dem Kaiserthron auf Expansion, setzte Hadrian auf die Konsolidierung des Reiches: Unter Verzicht auf die eroberten Gebiete schloss er Frieden mit den Parthern und befestigte besonders umkämpfte Grenzen, etwa in Germanien (Ausbau des Limes) und Britannien (Hadrianswall). Hadrian (eigentlich Publius Aelius Hadrianus) wurde am 24.1.76 in Spanien geboren und wuchs im Haus seines Großonkels, des späteren Kaisers Trajan auf. Er bewährte sich in militärischen und politischen Ämtern und wurde nach Trajans Tod 117 zum Kaiser ausgerufen. Zu diesem Zeitpunkt besaß das Römische Reich seine größte Ausdehnung, war jedoch finanziell erschöpft und von inneren Unruhen wie äußeren Invasoren bedroht. Hadrian kodifizierte das Recht und ordnete die Verwaltung neu. Er starb am 10.7.138 in Baiae in der Nähe von Neapel.

Wussten Sie, dass …

Marc Aurel der Philosoph unter den Kaisern war? Seine auf Griechisch verfassten »Selbstbetrachtungen« waren ein in der Antike und im Mittelalter viel gelesenes Werk.

Augsburg (Augusta Vindelicorum), Mainz (Mogontiacum), Koblenz (Confluentes), Köln (Colonia Claudia Ara Agrippinensis) und Neuss (Novaesium) römische Stützpunkte waren? Wichtigste römische Stadt auf deutschem Boden war das 16 v. Chr. gegründete Trier (Augusta Treverorum), das zwischen 293 und 395 Kaiserresidenz war.

Welche Befestigungen hinterließen die Römer in Deutschland?

Zur Befestigung römischer Gebiete östlich des Rheins wurde seit 83 der Limes errichtet, ein mit Wachtürmen versehener Wall (von Lorch bis zur Donau als Mauer), der vom Rhein südlich von Bonn (lateinisch Bonna) bis zur Donau westlich von Regensburg (Castra Regina) verlief.

Das römische Weltreich: Die Organisation eines Imperiums

Wie übte Rom Kontrolle über die Provinzen aus?

Nach der Eroberung des gesamten Mittelmeerraums beherrschte Rom zur Zeit der Republik ein Gebiet, dessen Größe Italien um ein Mehrfaches übertraf. Die Verwaltung dieses Großreiches erfolgte nach den Regeln und mit dem Personal der Republik: Konsuln, später auch Prätoren, wurden nach ihrer Amtszeit als Prokonsuln bzw. Proprätoren Provinzstatthalter. Das bedeutete allerdings auch, dass wichtige Entscheidungen in den Provinzen, etwa über die Höhe der Steuern, von der Willkür und dem Geldbedarf aufstrebender Politiker abhingen, die ihre Befugnisse als Sprungbrett für ihre Karriere nutzten. Eine auf stadtrömische Belange fixierte Republik war nicht in der Lage, auch die Interessen der Provinzen gebührend zu berücksichtigen. Auch wurden in die innerrömischen Machtkämpfe vermehrt Gebiete außerhalb Italiens hineingezogen (wie Gallien).

Warum verlor Rom seine dominante Stellung?

In der Kaiserzeit lösten sich Politik und Verwaltung zunehmend von Rom. Bei der Auswahl ihrer Beamten beschränkten sich die Kaiser nicht mehr auf Angehörige der römischen Nobilität, sondern zogen vermehrt fähige Kräfte aus dem gesamten Reich heran. Auf der anderen Seite machten römische Militärstützpunkte und Städte in den Provinzen die einheimische Bevölkerung mit den zivilisatorischen Errungenschaften der Römer (wie Aquädukte) und ihrer Lebensart sowie der lateinischen Sprache vertraut. Über See- und Flusshäfen und ein engmaschiges Straßennetz gelangten Waren und Wertvorstellungen von einer Ecke des Imperiums in die andere.

Wie stiegen die Provinzen allmählich auf?

Schon im 1. Jahrhundert ergaben sich große Aufstiegsmöglichkeiten für Nichtrömer, wenn sie etwa als Feldherren die Gunst des Kaisers gewannen oder sich durch das Studium der Rechte für hohe Verwaltungsämter empfahlen. Im Jahr 98 wurde mit Trajan erstmals ein Nichtrömer Kaiser, und mit dem severischen Herrscherhaus (ab 193) war die Vorherrschaft der Kaiser römischer Herkunft endgültig gebrochen. Im 3. Jahrhundert wurden dann alle Vorrechte Roms und Italiens aufgehoben: 212 verlieh die Constitutio Antoniana allen Reichsbewohnern das römische Bürgerrecht. 297 wurde auch Italien, gleich den Provinzen, abgabepflichtig.

Was trennte den Osten vom Westen des Reiches?

Die Unterschiede zwischen lateinischem Westen und griechisch geprägtem Osten waren weniger sprachlich als kulturell bedingt. Die Bewohner der westlichen Provinzen erkannten in der Regel die Überlegenheit der römischen Kultur und die Bedeutung Roms als Mittelpunkt an und nahmen römische Einflüsse auf. Der hellenistisch geprägte Osten hingegen sah sich bereits auf hohem kulturellem Stand und war wirtschaftlich entwickelter, was Städte wie Alexandria und Athen zeigten. Aus dem Vorderen Orient kamen überdies fremde Religionen wie das Christentum oder der Mithraskult, die gerade den östlichen Reichsteil von Rom und seiner Götterwelt entfremdeten.

Wie entwickelte sich der römische Herrscherkult?

Die orientalische Tradition, die zunehmend Einfluss gewann, gebot es, den Herrscher mit göttlichen Attributen zu versehen. Das rief im Westen Widerstand hervor: Caligula, Domitian und Commodus, die sich als Gott bezeichneten, galten als Despoten und wurden ermordet. Die Frage des Herrscherkultes lösten Augustus und seine Nachfolger zunächst durch eine dezente Form der Verehrung. Augustus etwa erlaubte einen Kult zu Ehren der Göttin Roma, in den er mit einbezogen war. Mit der Loslösung des Kaisertums von Einflüssen durch die Stadtbevölkerung Roms schwand aber die Zurückhaltung der Kaiser, sich nun offen göttliche Attribute zuzulegen.

Welche Regierungsform führte Augustus ein?

Die Regierungsform seit Augustus wurde als Prinzipat bezeichnet. Die Organe der Republik, vor allem Senat und Magistrate, bestanden weiterhin und hatten ihre festgelegten Aufgaben. Faktisch lag die Macht jedoch beim Princeps. Augustus erhielt auf Lebenszeit die Befugnisse des Volkstribunen, die tribunicia potestas (ab 23 v.Chr.), und die des Konsuls (ab 19 v.Chr.), ohne diese Ämter formal zu bekleiden. Politisch entscheidend war neben der staatsrechtlich legitimierten Macht des Princeps auch der Hof des Kaisers. Angehörige der Herrscherfamilie konnten als Vertraute des Kaisers und Verwaltungsbeamte einflussreicher sein als reguläre Amtsinhaber aus dem römischen Adel.

Blieben die Herrscher an die Verfassung gebunden?

Nein, denn im Laufe der Jahrhunderte musste der Kaiser immer weniger auf die Restbestände der republikanischen Verfassung Rücksicht nehmen, sofern er seine Soldaten und Beamten hinter sich wusste. Die formale Konsequenz daraus zog Kaiser Diocletian (Reg. 284–305), als er sich offiziell als Dominus (»Herr«) anreden ließ. Der Kaiser stand fortan seinem Anspruch nach als absoluter, nicht mehr an Gesetze gebundener Herrscher über Staat und Verfassung des Römischen Reiches. Seine herausgehobene Position betonte Diocletian zusätzlich durch die Annahme des Herrschertitels »Iovius« (abgeleitet von Jupiter, der höchsten römischen Gottheit).

Welche Herrschaftsform führte Diocletian ein?

Diocletian bestimmte im Jahr 285 den Feldherrn Maximian (um 240–310) zu seinem Nachfolger, den er im folgenden Jahr zum Mitregenten ernannte. Diocletian erhielt den Osten des Reichs mit der Hauptstadt Nicodemia (Kleinasien), Maximian den Westen; er wählte Mediolanum (Mailand) als Hauptstadt. Rom hatte damit als Hauptstadt des Römischen Reiches ausgedient, der Senat war nur noch eine städtische Behörde. 293 adoptierten beide Kaiser jeweils einen Nachfolger, der dann als »Unterkaiser« Herrscher über ein Viertel des Reichsgebiets wurde. Diese Herrschaftsform wird Tetrarchie (griechisch »Viererherrschaft«) genannt, die Herrscher heißen Tetrarchen. Der von Diocletian adoptierte Galerius (um 250–311) herrschte von Sirmium in Pannonien aus (heute Sremska Mitrovica/Serbien) über Makedonien, Griechenland und Illyrien. Maximians Nachfolger Constantius (um 250–306) regierte Spanien, Gallien und Britannien; seine Residenzen waren Trier und York.

Hat sich die Tetrarchie bewährt?

Nein, diese Herrschaftsform blieb nur ein Zwischenspiel. Obwohl die vier Regenten formal gleichberechtigt waren, blieb Diocletian die beherrschende Figur der 1. Tetrarchie. Schon kurz nach seinem und Maximians Rücktritt (305) mussten sich die regulären Kaiser der 2. Tetrarchie Usurpatoren erwehren. Aus den Machtkämpfen ging Constantius' Sohn Konstantin (nach 280–337) als Alleinherrscher hervor. Die Tetrarchie war gescheitert.

Welche Bedeutung kam dem Christentum zu?

Da die Christen neben Gott keinen Herrn anerkannten, konnte der kaiserliche Absolutheitsanspruch nur mit Unterstützung der Christen oder durch ihre Verfolgung umgesetzt werden. Diocletian entschied sich für die zweite Möglichkeit und begann 303 eine Christenverfolgung, die erst 311 mit dem Toleranzedikt des Galerius endete. Kaiser Konstantin dagegen erkannte das Christentum als moderne treibende Kraft mit großer Dynamik, dem der Staat wenig entgegensetzen konnte. Also erkannte er das Christentum als staatstragende Religion an. Zwar erlaubte es die monotheistische (an nur einen Gott glaubende) Religion nicht, den Kaiser als Gott zu verehren, dafür konnte sich der Herrscher als der weltliche Arm des einzigen Gottes darstellen, was seiner Herrschaft eine religiöse Grundlage verlieh.

Mit Konstantin war die Wende zum Christentum vollzogen. Viele Menschen, vor allem Reichsbeamte, ließen sich taufen, weil es ihnen Vorteile brachte. So genannte Heiden, also Anhänger älterer Kulte, mussten jetzt mit Verfolgung rechnen.

Wussten Sie, dass …

Sizilien, Sardinien und Korsika die ersten römischen Provinzen waren? Die Inseln fielen als Folge des 1. Punischen Krieges an Rom.

die Gegensätze zwischen Westen und Osten mehrmals zu einer Aufteilung des Reiches unter zwei oder vier Herrschern führten? Die Teilung nach dem Tod des Theodosius (395) erwies sich als endgültig. Der westliche Teil brach im 5. Jahrhundert unter den Germaneneinfällen zusammen, dem Oströmischen Reich gelang es, im 6. Jahrhundert wieder Weltgeltung zu erlangen.

Warum wird in Rumänien eine romanische Sprache gesprochen?

Den Grundstein dafür legte Trajan, der in zwei Feldzügen (101/02 und 105/06) Dakien – das Gebiet zwischen Theiß, Donau und Karpaten, das heute einen großen Teil Rumäniens bildet – eroberte und zur Provinz machte. Obwohl die römische Herrschaft über Dakien nur eineinhalb Jahrhunderte währte, war die kulturelle Wirkung nachhaltig: Bis heute wird dort mit dem Rumänischen eine romanische Sprache gesprochen. Um Dakien zu romanisieren, siedelte Trajan neben Dakern aus angrenzenden Gebieten Bewohner aus vielen Teilen des Reiches an. 256 wurden die Römer von den Goten aus fast ganz Dakien vertrieben, wenig später (272) gab Kaiser Aurelian die Provinz auf.

Wussten Sie, dass …

Konstantin vor der Entscheidungsschlacht gegen seinen Rivalen Maxentius an der Milvischen Brücke (312 bei Rom) in einer Vision das Kreuz mit der Verheißung »in hoc signum vinces« (»In diesem Zeichen wirst du siegen.«) erschienen sein soll?

Theodosius I. (347 bis 395, reg. seit 379) das Christentum 391 zur Staatsreligion machte? Er verbot alle heidnischen Kulte, unter anderem die Olympischen Spiele (393).

Was legte das 1. Konzil fest?

Konstantin rief zur Beilegung theologischer Streitfragen 325 ein Konzil nach Nicäa ein. Dort wurde die Lehrmeinung, Jesus sei mit Gott wesensgleich, für maßgeblich erklärt. Der so genannte Arianismus, der Jesus als gezeugtes Geschöpf und somit als nicht wesensgleich mit dem ursprungslosen Gott ansah, wurde verfolgt. Das Konzil von Nicäa war das erste in einer Reihe ökumenischer Konzile, deren Entscheidungen für die gesamte Kirche bindend waren. Die Kirche unterschied fortan zwischen Orthodoxie (»Rechtgläubigkeit«) und Häresie (eigentlich »das Gewählte«, nun Bezeichnung für das »Abweichende«).

Welche Neuerungen führte Kaiser Konstantin I. (der Große) ein?

Nach dem Tod seines Vaters Constantius I. während eines Feldzugs in Britannien (306) wurde Konstantin (eigentlich Flavius Valerius Constantinus) von seinen Soldaten zum Augustus ausgerufen – gegen die Regeln der Tetrarchie, die er mit Siegen über seine Mitkaiser Maxentius (312) und Licinius (324) überwand. Als Alleinherrscher führte der nach 280 in Naissus geborene Konstantin das Reformprogramm Diocletians weiter und vollendete die Trennung von militärischer und ziviler Gewalt. Als erster Kaiser bekannte er sich zum Christentum. Im Edikt von Mailand (313) gestattete Konstantin den Christen freie Religionsausübung. Er berief das Konzil von Nicäa (325) ein und bestimmte seinen Ausgang entscheidend mit. Kurz vor seinem Tod am 22.5.337 in Nikomedia ließ er sich taufen.

Byzanz: Aufstieg zur Hauptstadt des Oströmischen Reiches

Wie wurde Byzanz zum Mittelpunkt Ostroms?

Byzanz, um 660 v. Chr. als Kolonie Megaras auf der europäischen Seite des Bosporus gegründet, war wegen seiner Lage zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer und seines Hafens bald ein bedeutender Handelsplatz. Gegenüber Rom behielt Byzanz den Status eines freien Bundesgenossen bis 196 n.Chr., als Kaiser Septimius Severus (reg. 193–211) es zerstörte und es seine Privilegien verlor. Der Aufstieg zur Weltmacht begann unter Kaiser Konstantin I. (dem Großen, reg. 306–337), der Byzanz 326–330 zur neuen Hauptstadt des Römischen Reiches ausbauen ließ. Auch wollte Konstantin I. mit einem »Neuen Rom« (als Gegensatz zum alten, »heidnischen« Rom) die Durchsetzung des Christentums fördern, das unter Kaiser Theodosius I. (347–395, reg. ab 379) schließlich Staatsreligion wurde.

Welche Unterschiede gab es nach der Teilung zwischen den beiden Reichen?

Das östliche Reich umfasste im Wesentlichen die hellenistisch geprägten Gebiete. Griechische und orientalische Einflüsse verdrängten dort in vielen Bereichen (wie in der Kunst) römische Elemente. Im Westreich mit der Hauptstadt Rom blieb dagegen die römisch-lateinische Kultur bestimmend.

Nach Theodosius' Tod war das Imperium unter seinen Söhnen aufgeteilt worden; der ältere, Arcadius (um 377–408), hatte den östlichen Teil mit der Hauptstadt Konstantinopel erhalten, Honorius (384–423) den Westen. Die Völkerwanderung führte schließlich zum Niedergang des Westreiches. Ostrom trat das Erbe des im Jahr 476 untergegangenen Weströmischen Reiches an.

Wer stellte das Römische Reich wieder her?

Vor allem die Politik Kaiser Justinians I. (483–565, reg. ab 527) zielte auf eine Erneuerung des (Römischen) Reiches (»renovatio imperii«) ab. Das bedeutete die Wiederherstellung der ehemaligen Reichsgrenzen, Reformen in Verwaltung, Rechtsprechung nach klassischem Vorbild und die Wiedergewinnung der Glaubenseinheit zwischen Konstantinopel und Rom. Auch militärisch hatte Justinian Erfolg: Nach Eroberungen in Italien, Nordafrika und Spanien war tatsächlich fast das gesamte frühere römische Reichsgebiet unter seiner Herrschaft vereint.

Wie entwickelte sich das Oströmische Reich?

Nach Justinians Tod begann ein allmählicher Niedergang mit Gebietsverlusten an Perser, Goten, Slawen und Araber. Im 8. Jahrhundert festigte sich Byzanz wieder und erreichte unter der Makedonischen Dynastie (867–1056) seine Blüte. Um das Jahr 1000 beherrschte Byzanz wieder den Osten Kleinasiens, Kreta, Zypern, Bulgarien, Armenien und war bis Jerusalem vorgedrungen.

Im Westen allerdings stellte das aufstrebende Frankenreich den Anspruch Konstantinopels, alleinige Nachfolgerin des Römischen Reiches zu sein, durch die Kaiserkrönung Karls des Großen in Frage. 972 kam es durch die Heirat der byzantinischen Prinzessin Theophano mit dem römisch-deutschen Kaiser Otto II. zu einer Annäherung zwischen dem östlichen und westlichen Reich. Im 11. Jahrhundert verlor Byzanz dann nach dem endgültigen Bruch mit Rom (1054) und dem Verlust Baris (1071), des letzten Stützpunkts in Italien, die Bindung zum Westen. Während der Kreuzzüge büßte Byzanz endgültig seine Rolle als Weltmacht ein, bis es 1453 von den (muslimischen) Osmanen erobert wurde: Aus Konstantinopel wurde Istanbul.

Warum spaltete sich die Kirche?

Auch nach dem Untergang Westroms fühlte sich die Christenheit als Einheit. Doch über die Jahrhunderte kam es zur Entfremdung, bedingt durch kulturelle Unterschiede, den einander ausschließenden Anspruch Roms und Konstantinopels auf Vorrangstellung und theologische Alleingänge Roms (wie den Zölibat). 1054 kam es zur endgültigen Trennung (Schisma): Die orthodoxe (griechisch »rechtgläubige«) Kirche war nun unabhängig von Rom und der Patriarch von Konstantinopel war Oberhaupt aller orthodoxen Christen im Reich und den missionierten Gebieten (besonders Russland).

Wie wurde die byzantinische Prinzessin Theophano deutsche Kaiserin?

Theophano (reg. 972–991), die Nichte des byzantinischen Kaisers Johannes I. Tzimiskes (924–976, reg. seit 969) heiratete 972 in Rom Otto II. (955–983). Otto I. (912–973) hatte sich fünf Jahre lang um eine byzantinische Prinzessin für seinen Sohn bemüht und erreichte durch diese Heirat die Anerkennung seines Kaisertums durch Byzanz. Ferner erfolgte ein Interessenausgleich über Besitzansprüche in Italien. Die um 950 geborene Theophano, die seit der Heirat Mitkaiserin war, übernahm nach dem Tod ihres Mannes die Regentschaft für ihren unmündigen Sohn Otto III. (980–1002). Sie verteidigte Ottos Herrschaftsansprüche erfolgreich gegen dessen Onkel, Herzog Heinrich (der Zänker) von Bayern (951–995). Theophano starb am 15. Juni 991 in Nimwegen.

Wussten Sie, dass …

der Codex Justinianus, der wichtigste Teil aus Justinians »Corpus Iuris Civilis«, zur Rechtsgrundlage in vielen europäischen Ländern wurde? Mit seinem bedeutendsten Werk hatte Justinian das Rechtssystem vereinheitlicht.

die russisch-orthodoxe Kirche, die erst 1589 formal selbstständig wurde, sich schon seit dem Fall Konstantinopels als »Drittes Rom« betrachtet?

Das Römische Reich: Wirtschaft und Gesellschaft der Spätantike

Auf welchen Voraussetzungen beruhte die spätantike Wirtschaft?

Der von Kaiser Augustus um die Zeitenwende geschaffene Friede ebnete den Weg für eine lang anhaltende wirtschaftliche Blüte. Rom schuf in der Folgezeit eine Infrastruktur, die den politischen und ökonomischen Zusammenhalt des Reichsgebietes garantierte: ein hervorragend ausgebautes Straßennetz mit zahlreichen Post- und Relaisstationen (zum Pferdewechsel) ermöglichte die schnelle Verbindung zu Lande; zahlreiche Kanäle erweiterten das System der Flussverkehrswege für die Binnenschifffahrt; der Bau von Leuchttürmen entlang der Küsten und der Ausbau von Häfen förderte die Seefahrt.

Welche Rolle spielte Rom in der Kaiserzeit?

Rom war lange ökonomisches Zentrum des Reiches und Mittelpunkt des Verkehrswegesystems (»Alle Wege führen nach Rom«). Der prächtige Ausbau der Stadt begann bereits unter Augustus – er rühmte sich einmal, Rom als Backsteinstadt vorgefunden und als Marmorstadt hinterlassen zu haben – und wurde unter seinen Nachfolgern (u. a. den Flaviern) fortgeführt. Brunnen, Grünanlagen und neue Häuser bereicherten das Stadtbild, öffentliche Bäder und Vergnügungsstätten wie das Colosseum, das größte Amphitheater der Welt, standen allen Einwohnern Roms offen. Viele Privathäuser besaßen nun Wasserleitungen, weil aufwändige Aquädukte die Versorgung mit Quellwasser aus den Bergen sicherten und einen verschwenderischen Umgang mit Wasser gestatteten.

Luxusartikel aus allen Reichsteilen gelangten nach Rom: Sklaven, Elfenbein, Gold und wilde Tiere für Gladiatorenkämpfe aus Afrika, Bernstein von der Ostsee, Händler brachten Gewürze aus Arabien und dem fernen Osten und sogar Seide aus China. Aus Ägypten und anderen Teilen Nordafrikas wurde die Stadt mit Getreide versorgt.

Florierte die Wirtschaft in der Kaiserzeit?

Ja. Anfangs exportierten Rom und Italien noch mehr, als sie importierten. Besonders die westlichen Reichsprovinzen wurden mit landwirtschaftlichen Produkten wie Wein, Olivenöl und Vieh versorgt. In zahlreichen Betrieben wurden Gefäße, Lampen u. a. aus Ton, Glas und Metall sowie Schmuck aus Edelmetallen, Bernstein und Elfenbein gefertigt. Spezialisierte Händler lieferten diese Waren unter dem Schutz des römischen Friedens (Pax Romana) in die entferntesten Gegenden.

Auch in den Provinzen erfuhr die Wirtschaft einen nachhaltigen Aufschwung. Die politische Stabilität und das Verkehrsnetz zahlten sich auch hier aus, während die auferlegten Abgaben – im Wesentlichen für die Besoldung des Heeres sowie für die Versorgung und den Unterhalt der stadtrömischen Bevölkerung – relativ gering waren.

Wie lebten die Römer der Kaiserzeit?

In ihrem Streben nach Repräsentation beschränkten sich reiche Römer nicht auf Luxusgegenstände, sie wandten sich auch der Kunst zu. Während die Wohnbereiche ihrer Häuser sehr einfach eingerichtet blieben, fanden sich in den Räumen, in denen Besucher empfangen wurden, neben teurem Mobiliar auch kunstvolle Bodenmosaike, Wandmalereien, Gefäße und Marmorstatuen. Wie die Römer im 1. Jahrhundert lebten, liebten und arbeiteten, darüber geben die im Jahr 79 nach einem Ausbruch des Vesuv verschütteten Städte Pompeji und Herculaneum beredt Auskunft. Seit dem 18. Jahrhundert wird freigelegt, was jahrhundertelang unter Stein und Asche begraben lag.

Wie begann die spätantike Wirtschaftskrise?

Die Wirtschaft Italiens war in hohem Maß von der Sklavenarbeit abhängig und zeigte in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts allmähliche Ermattungserscheinungen, weil mit weniger Kriegen auch die Kriegsgefangenen seltener und dadurch die Sklaven teurer wurden. Manufakturen mussten schließen, und die Besitzer großer Landgüter (Latifundien) waren gezwungen, einen Teil ihres Landes zu verpachten. Bald konnten viele Pächter (Kolonen) die Abgaben an die Grundbesitzer nicht mehr aufbringen und mussten ihre Höfe aufgeben, mit der Folge, dass die Ernteerträge zurückgingen. Die Provinzen, die bislang Waren eingeführt hatten, begannen nun ihrerseits Rom und Italien zu beliefern. In sie verlagerte sich nun der ökonomische Schwerpunkt.

Welche Auswirkungen hatte die Krise?

Landwirtschaft und Handel verfielen, dieser Niedergang stürzte Gesellschaft und Staat in eine allgemeine Krise. Im 3. Jahrhundert kam es zur Wirtschaftskrise. Den Handel gefährdeten neue Kriege, aber auch bewaffnete Banden. Kaufleute waren daher immer weniger bereit, ihr Vermögen aufs Spiel zu setzen. Als die Versorgung der Bevölkerung in Gefahr geriet, reagierte der Staat, indem er einzelnen Berufsgruppen für die Erfüllung ihrer Aufgaben Privilegien verlieh, darunter den Reedern, welche die Getreideeinfuhr sicherten, oder den römischen Bäckern.

Um der Krise Herr zu werden, griff Kaiser Diocletian mit harter Hand ins Wirtschaftsleben ein. Durch hohe Steuern sollte das Geld für die Aushebung neuer Truppen aufgebracht werden. Die Steuerlast war so drückend, dass viele Landpächter in die Stadt flohen. Diocletian verbot ihnen daraufhin, ihren Hof zu verlassen. Wichtige städtische Berufe machte er zwangsweise erblich. In einem Edikt von 301 wurden sogar reichsweite Obergrenzen für Löhne und Preise festgesetzt, was sich aber als nicht durchführbar erwies. Trotzdem war die Wirtschaft von nun an stärker reglementiert als zur Zeit des Prinzipats.

Wussten Sie, dass …

die römische Kunst vor allem in den Dienst von Architektur und Ingenieurtechnik gestellt wurde? Straßen, Brücken, Wasserleitungen, mehrstöckige Wohnhäuser, aber auch Tempel, Theater und Thermen sollten von römischer Stärke und Überlegenheit künden.

der in der Kaiserzeit weit verbreitete Mithraskult auch verschiedene Spuren im Christentum hinterlassen hat? So beeinflusste der spätantike Kult, bei dem der persische Gott Mithras im Mittelpunkt stand, die christliche Kommunion und den Gebrauch des Weihwassers.

Wie wandelte sich das religiöse Leben?

Die alten römischen Götterkulte wurden zwar in der Kaiserzeit nicht aufgegeben, daneben traten aber zunehmend verschiedene andere Weltanschauungen, die durch die hellenistische Bildung und den Kontakt vor allem mit orientalischen Ländern nach Italien gelangt waren. Religionen aus den östlichen Reichsgebieten breiteten sich auch im Westen aus. Neben dem Christentum fand besonders der Mithraskult viele Anhänger.

Völkerwanderung und Germanenreiche: Neubeginn in Europa

Wo lagen die Ursprünge der Germanen?

Als Germanen werden zahlreiche ursprünglich in Mitteleuropa und Skandinavien beheimatete Stämme bezeichnet, die sich durch ihre Kultur, Sprache und Religion von den benachbarten Kelten und Slawen unterschieden. Zum Ende des 1. Jahrtausends v.Chr. hatten germanische Stämme die Kelten aus ihren Siedlungsgebieten, unter anderem im heutigen Deutschland, verdrängt. Die Germanen bildeten keine politische Einheit, auch wenn sich einzelne Stämme im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. zu Großstämmen zusammenschlossen.

Erste Vorstöße auf römisches Reichsgebiet nördlich des Po hatten schon Teutonen und Kimbern ab etwa 120 v. Chr. unternommen, bis sie von den Römern unter Gaius Marius vernichtend geschlagen wurden (102 bzw. 101 v. Chr.). Zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. bewohnten die germanischen Stämme Gebiete zwischen Rhein und Weichsel sowie im Süden Skandinaviens.

Welche Stämme lösten die Völkerwanderung aus?

Es waren die aus Südschweden stammenden Goten. Sie lösten die erste Wanderungsbewegung um die Mitte des 2. Jahrhunderts aus. Von ihrer Heimat am Unterlauf der Weichsel zogen sie nach Südosten bis an die Küste des Schwarzen Meeres. Dabei verdrängten sie mit Wandalen, Burgundern und Markomannen andere germanische Stämme. Die Markomannen drangen daraufhin über die Donau ins Römische Reich ein, wurden aber nach zwei Kriegen (166 bis 180) von Rom abhängig und auf dem nordwestlichen Balkan angesiedelt. Auch die Chatten aus dem heutigen Hessen, die zu dieser Zeit mehrmals auf römisches Gebiet vorstießen, konnten Rom nicht ernsthaft gefährden.

War die Völkerwanderung ein unaufhaltsamer Vormarsch?

Nein. Um die Mitte des 3. Jahrhunderts fielen Germanen zwar in römisches Gebiet ein, danach ließen die germanischen Vorstöße allerdings nach. Einige Stämme wurden als Bündnispartner im Grenzgebiet angesiedelt und dienten so dem Schutz des Reiches. Germanische Soldaten hatten in der römischen Armee gute Aufstiegsmöglichkeiten, wie das Beispiel des wandalischen Heermeisters Flavius Stilicho (um 365–408) zeigt. Er führte sogar nach dem Tod Theodosius' I. (347 bis 395, reg. seit 379) für dessen Sohn Honorius die Regierungsgeschäfte im Weströmischen Reich. Auch als Landpächter waren Germanen gern gesehen.

Welche Rolle spielten die Hunnen?

Sie lösten die zweite Phase der Völkerwanderung aus. Die aus Zentralasien stammenden Hunnen drangen nach Westen vor und besiegten 370 die Alanen, ein aus Iran stammendes Volk, an der Wolga. Über 70 Jahre lang verbreiteten sie in Europa Angst und Schrecken. Von ihren Feinden als angriffslustiges Nomadenvolk von niedrigem kulturellen Niveau beschrieben, waren die hunnischen Reiterheere Meister der Kriegskunst.

Ihre nächsten Opfer waren die Ost- und Westgoten; ihre Reiche wurden zerstört (375). Mit Unterstützung eines Teils der Ostgoten lösten die Hunnen auf ihrem Zug nach Westeuropa große Fluchtbewegungen unter den germanischen Stämmen aus. Die unterworfenen Völker nahmen sie teils auf und verschmolzen mit ihnen.

Was war das erste große germanische Reich?

Es war das Westgotische Reich. Um Schutz vor den Hunnen zu finden, baten die Westgoten Ostrom um Aufnahme. Kaiser Valens (328–378, reg. seit 364) gestattete ihnen die Ansiedlung südlich der Donau. Doch wenig später erhoben sie sich und besiegten die Römer in der Schlacht bei Adrianopel. 382 schlossen die Westgoten mit Rom einen Friedensvertrag, der ihre Ansiedlung als Bundesgenossen zwischen unterer Donau und Balkangebirge vorsah.

In der Folge kündigten sie jedoch den Vertrag und riefen ihren Heerführer Alarich (um 370–410) zum König aus. Sie überfielen Griechenland. Zweimal von Westrom besiegt, schlossen sie ein Bündnis mit diesem gegen Ostrom, das jedoch zerbrach. Daraufhin plünderten die Westgoten Rom (410). Nach dem Tod Alarichs verbündeten sich die Westgoten mit Westrom, das ihnen Land in Südwestfrankreich zuwies (416). Dort errichteten sie das Westgotische Reich, das sich dann nach Spanien verlagerte und dort bis zur Zerschlagung durch die muslimischen Mauren 711 bestand.

Warum ging das Reich der Hunnen unter?

Das Reich zerfiel mangels zentraler Führung, zudem gingen die Hunnen in anderen Völkern auf. Unter König Attila (um 406 bis 453, reg. seit 434) waren die Hunnen allerdings noch sehr mächtig, beide römische Reichsteile mussten ihnen Tribute zahlen. 436 zerstörte Attila das Burgunderreich. In den folgenden Streifzügen verwüstete er weite Landstriche zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer.

Seinen Angriff auf Nordgallien wehrte ein weströmisches Heer, das von Germanen unterstützt wurde, auf den Katalaunischen Feldern ab. Attila wandte sich daraufhin nach Italien. Durch seinen Rückzug entging Rom noch einmal der Eroberung (452). Nach dem Tod Attilas im folgenden Jahr zerfiel das Hunnenreich. Einst unterworfene Völker wie die Ostgoten machten sich wieder selbständig, und die Hunnen zogen sich bis zur Wolga zurück.

Welche Bedeutung hatte das Jahr 455?

455 wurde Rom für kurze Zeit von den Wandalen eingenommen. Die Wandalen hatten 406/407 gemeinsam mit Sueben und Alanen den Rhein überschritten, der Weg nach Gallien und Spanien war frei. 429 setzten etwa 80000 Wandalen von Spanien aus nach Nordafrika über. Nach einem Sieg über Westrom und der Eroberung Karthagos (439) errichteten sie dort ein eigenes Reich. Die zeitweilige Beherrschung des westlichen Mittelmeeres nutzten sie zu Beutezügen an der Küste Italiens und zur Eroberung Roms.

Warum ging Rom unter?

Die Gründe lagen in der Schwäche Roms und dem äußeren Druck durch die Völkerwanderung. Die Macht der weströmischen Kaiser befand sich auf einem Tiefpunkt. Weder hatten sie auf geistig-religiösem Gebiet die Autorität der oströmischen Monarchen, noch konnten sie auf einen straffen Machtapparat zurückgreifen. So lag die Führung Westroms faktisch schon seit längerem bei den Feldherren. 476 setzte der germanische Heermeister Odoaker (um 430–493) den letzten römischen Kaiser Romulus Augustulus (um 461–nach 476) ab und erklärte sich zum König. Das war das Ende des weströmischen Kaisertums.

Wer übernahm die Herrschaft in Rom?

Die Ostgoten. Nach dem Untergang der Hunnen waren die Ostgoten zu Verbündeten Ostroms geworden. Nachdem sie Italien von Odoaker erobert hatten, übernahm dort 493 der ostgotische König Theoderich der Großen (um 454–526, reg. seit 474) als Stellvertreter des oströmischen Kaisers die Herrschaft. Die Ostgoten ließen sich in Italien nieder und erhielten ein Drittel des römischen Besitzes. Als Gegenleistung schützten sie Städte, Siedlungen und Verkehrswege vor den bewaffneten Banden, die über Jahrzehnte das Land terrorisiert hatten. So konnten sich Wirtschaft und Handel erholen.

Warum blieben sich Römer und Goten fremd?

Es gab kulturelle, politische und religiöse Gegensätze. Die gotische Lebensweise wurde als barbarisch empfunden. Zwiespältig war auch das Verhältnis der ostgotischen Führungsschicht zur römischen Kultur: Einerseits stand man bewundernd vor dem Erbe Roms. Andererseits verfolgte man jede Hinwendung zu römischen Einflüssen skeptisch, da sie ihre Vorrangstellung bedroht sahen. So war auch die Heirat von Goten und Einheimischen von Theoderich nicht erwünscht.

Hinzu kam der Glaubensgegensatz: Die Goten bekannten sich seit dem 4. Jahrhundert zum arianischen Christentum, nach dem Jesus nicht wesensgleich mit Gott ist – eine Lehre, die das Konzil von Nicäa (325) als Häresie verurteilt hatte.

Dennoch gelang es Theoderich, die Balance zwischen Römern und Goten zu wahren und von beiden Bevölkerungen als Herrscher akzeptiert zu werden. Den Einheimischen, für die weiterhin das römische Recht galt, war er der Statthalter des oströmischen Kaisers. Unter den Beratern Theoderichs fanden sich zahlreiche vornehme Römer. Auch den Frieden zwischen Arianern, Katholiken und Juden wusste Theoderich zu wahren.

Hatte das Ostgotenreich Bestand?

Nein. Nach Theoderichs Tod (526) übernahm seine Tochter Amalasuntha für ihren unmündigen Sohn Athalarich die Regentschaft. Als Geheimverhandlungen mit dem oströmischen Kaiser Justinian I. (482–565, reg. seit 527) bekannt wurden, wurde sie von ihren Gegnern gefangen genommen und ermordet (535). Amalasuntha hatte Justinian das Ostgotenreich übergeben wollen.

Nach der Beseitigung Amalasunthas versuchte Justinian die Erneuerung des Römischen Reiches durch Wiedereroberung möglichst großer ehemals römischer Gebiete zu erreichen. Der Kampf um Italien dauerte fast zwei Jahrzehnte: 552 konnte Byzanz den ostgotischen Widerstand brechen.

Währte Ostroms Herrschaft in Italien lange?

Nein. Bereits drei Jahre nach Justinians Tod drangen die germanischen Langobarden in Italien ein und eroberten unter ihrem König Alboin (gest. 572) große Teile des Nordens. Sie begründeten das letzte germanische Königreich auf italienischem Boden, das erst von Karl dem Großen erobert wurde (774). Mit seiner Politik hatte Byzanz seine Kräfte überspannt.

Wussten Sie, dass …

die Völkerwanderung die letzte der sich über zweieinhalb Jahrtausende hinziehenden indoeuropäischen Wanderungen war?

die Franken das einzige dauerhafte Germanenreich errichteten? Alle anderen im Zuge der germanischen Völkerwanderung entstandenen Reiche gingen früher oder später wieder unter.

die alemannischen Sueben 411 im Westen der Iberischen Halbinsel ein Reich gründeten, das erst 585 von den Westgoten unterworfen wurde?

»England« »Land der Angeln« bedeutet? Im 5. Jahrhundert siedelten Stammesteile der Angeln, Sachsen und Jüten in Britannien und brachten große Teile der Insel unter ihre Herrschaft.

die von der Weichselmündung stammenden Burgunder nach der Zerstörung ihres ersten Reiches am Oberrhein durch die Hunnen (436) ein zweites Königreich in Savoyen gründeten? Dieses Reich wurde dann 534 von den Franken erobert.

Wussten Sie, dass …

der von den Hunnen 436 herbeigeführte Untergang des Burgunderreiches seinen literarischen Niederschlag im Nibelungenlied fand? Der Hunnenkönig Attila erscheint dort als König Etzel.

die Römer in Abgrenzung zu den römischen Provinzen Germania superior und inferior (Ober- und Untergermanien) das eigentliche germanische Siedlungsgebiet als »Germania libera« oder »Germania magna« (freies bzw. großes Germanien) bezeichneten?

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