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Weltgeschichtentag (Podcast 179)

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"Wie fandest du das Buch?" Eine alltägliche Frage, die auf eine noch alltäglichere Beschäftigung hinweist: Das Erzählen von Geschichten. Es gibt wohl kaum ein Kind, das vor dem Einschlafen nicht gerne etwas vorgelesen bekommt, und kaum einen Erwachsenen, der nicht zumindest gelegentlich ein Buch aufschlägt. Das Geschichtenerzählen umgibt uns – und es kennt noch andere Formen als den Roman oder den Film. Tatsächlich lassen sich auch Höhlenmalereien als Geschichten lesen – genauso wie Computerspiele. Eine gute Gelegenheit, sich Zeit für den Weltgeschichtentag zu nehmen, der jedes Jahr am 20. März begangen wird.


Warum wir erzählen   

Frankreich, 18. Dezember 1994. Es ist ein aufregender Tag, als nahe der Kleinstadt Vallon-Pont-d’Arc im Département Ardèche eine ungewöhnliche Entdeckung gemacht wird. Seit rund 22.000 Jahren von der Außenwelt abgeschlossen, dringt Jean-Marie Chauvet mit seinen Begleitern erstmals in jene Höhle vor, die heute unter seinem Namen weltberühmt geworden ist. Der Clou: Ihre Wände sind in einzigartiger Weise mit den Darstellungen von wilden Tieren geschmückt. Die Malereien mit Holzkohle und Ockerfarben wurden dort vor etwa 32.000 Jahren angebracht; sie gelten als die ältesten der Welt. Und doch ist es denkbar, dass sich irgendwann ähnliche Hinterlassenschaften finden lassen, die noch weiter zurückreichen.

Ganz offensichtlich gehört es zur Natur des Menschen, seine Erlebnisse, seine Wünsche und Hoffnungen darzustellen. Höhlenmalereien sind keine Erzählungen, wie wir den Begriff heute verstehen; sie zeigen aber, dass es ein starkes Bedürfnis danach gibt, den Begebenheiten des eigenen Lebens eine adäquate Form zu verleihen. Natürlich geht es auch darum, Wissen zu bewahren und Erkenntnisse über Generationen weiterzugeben. In der Chauvet-Höhle finden sich etwa vierhundert Tier- und Symboldarstellungen, die bisweilen zu einem eigentümlichen Miteinader arrangiert wurden. Es ging also nicht nur darum, die umliegende Natur zu inventarisieren. Im Mittelpunkt stand viel eher das Bemühen darum, den Dingen einen Sinn abzutrotzen und Halt in der Haltlosigkeit der eigenen Existenz zu sehen.

Vermutlich hat das Bemühen, die Welt zu deuten, noch viel früher eingesetzt. Götter- und Heldensagen sind ein gutes Beispiel dafür. Sie wurden allerdings erst viel später aufgeschrieben, weil Schrift dem Menschen erst seit etwa sechstausend Jahren zur Verfügung steht. Zuvor musste sich der Mensch mit Bildern behelfen. Zumeist stand aber ohnehin die mündliche Verbreitung im Mittelpunkt. Auch die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal erschien, enthält Stoffe, die zuvor nicht in Schriftform vorlagen. Ein Verdienst der Herausgeber besteht gerade darin, die Märchen auf diese Weise vor einem möglichen Vergessen gerettet zu haben.
 

Wie wir erzählen

Wer gerne Bücher zur Hand nimmt, neigt naturgemäß zu der Ansicht, Erzählformen wie Roman, Kurzgeschichte oder Gedichte habe es "schon immer“ gegeben. Tatsächlich aber unterliegt auch die Art, wie wir Geschichten erzählen, einer fortlaufenden Veränderung. Wer ein Gedicht aufsagen kann, weiß, dass ihm dessen Form dabei hilft, sich an die richtigen Worte zu erinnern. Reim und Silbenanzahl unterstützen uns dabei, den Text wiederzugeben. Es erstaunt daher nicht, wenn frühe Romane wie die des Hartmann von Aue noch in Versform niedergelegt sind. Das mutet uns heute fremd an, half aber, einen Stoff mündlich weiterzugeben. Nach der Verbreitung des Buchdrucks schwand diese Notwendigkeit, so dass die erzählende Literatur neue Möglichkeiten entwickeln konnte.

Doch nicht nur die bekannten erzählerischen Mittel ändern sich. Zu den großen drei – der Lyrik, der Dramatik und der Epik – hat sich vor gut einhundert Jahren der Film gesellt. Auch hier geht es um fiktive Geschichten, die erzählt werden, wobei die Form von ferne an eine Theaterinszenierung erinnert. Doch auch Comics und sogar Computerspiele erzählen Geschichten, die auf die eine oder andere Weise Wirklichkeit darstellen und zu ihr beitragen. Dass es dabei unterschiedliche Formen der Komplexität gibt, liegt auf der Hand. Aber das ist bei den traditionellen Erzählformen ja auch der Fall. Und genau so, wie man seine Lage auf einem Amt mit den Begebenheiten bei Kafka vergleichen kann, liegt für andere Situationen ein Asterix-Zitat nahe. Natürlich auch, weil "Die spinnen, die Römer!“ beinahe zu jeder Gelegenheit einsetzbar ist.   
 

Was wir erzählen

Wirklichkeit spiegelt sich nicht allein in jenen Erzählungen wieder, in denen sie so realistisch wie möglich beschrieben wird. Auch in modernen Mythen wie denen von Joanne K. Rowling, J.R.R. Tolkien oder George Lucas lässt sich viel über die Zeit herauslesen, in denen sie entstanden. Wenn sich dann noch Interessierte zusammenfinden, um über diese Stoffe zu diskutieren, wird deutlich, wie durchlässig die oft hervorgehobene Grenze zwischen dem "Realen“ und dem "Erfundenen“ doch ist. Das Reale wirkt auf das Erfundene, aber das Erfundene wirkt auch auf die Wirklichkeit zurück. Eine Geschichte ermöglicht dann, wenn sie gut erzählt ist, vielfältige Erkenntnisse. Sie kann auch als Zeitmaschine funktionieren, die Einblicke in längst vergangene Epochen gewährt. Wer einen Roman aus dem 18. Jahrhundert liest, wird womöglich mehr über diese Zeit herausfinden, als wenn er sich ein heutiges Buch beschafft, das lediglich vor dieser Kulisse spielt.  

Interessant ist auch, dass mit dem Erzählen weiterhin der Wunsch nach einem Gemeinschaftserlebnis verbunden ist. Autoren lesen noch immer öffentlich aus ihren Werken. Die allermeisten, die diese Veranstaltungen besuchen, können auch selber lesen – aber dies scheint nicht der Punkt zu sein. Man möchte den Autor selbst hören, oder doch zumindest einen begabten Rezitator. Eine Situation, die überraschenderweise der im Kino ähnelt. Tatsächlich treffen wir uns aber auch oft zuhause, um uns gemeinsam etwas im Fernsehen anzuschauen. Bei einem Krimi wird dann nicht selten gemeinsam überlegt, wer der Täter sein könnte, und ob das Gezeigte nachvollziehbar ist. Ganz nebenbei versichert man sich so seiner Weltwahrnehmung und einigt sich darauf, was man unter "Realität“ versteht. Auch darin liegt ein Reiz des Erzählens. Und das hat man in der Chauvet-Höhle vor einigen zehntausend Jahren in etwa auch schon so gemacht.

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