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Polen

Das Land

Polen war im ausgehenden Mittelalter die politische und militärische Führungsmacht in Osteuropa. Der Wawel in Krakau war bis 1596 die Residenz der polnischen Könige. Nachdem Polen zuvor schon Gebiete verloren hatte, teilten jedoch 1795 Russland, Preußen und Österreich das Land unter sich auf. "Finis Poloniae" hieß es damals -"Das Ende Polens ist gekommen". Doch das Volk hörte nicht auf, gegen dieses scheinbar unabänderliche Schicksal zu rebellieren.

"Noch ist Polen nicht verloren..." hieß es in einem 1796 entstandenen Lied, das später zur polnischen Nationalhymne wurde. Das trotzige Aufbegehren gegen das Schicksal wurde zu einem wesentlichen Charakterzug des polnischen Volkes. Die tragischen Niederlagen, mit denen alle Aufstände des 18. und 19. Jahrhunderts endeten, brachten ein populäres Geschichtsverständnis hervor, das Polen als den Christus der Völker sah. So wie Christus für die Menschheit gelitten habe, so habe Polen am Kreuz Europas für die anderen Völker leiden müssen. Diese im Volk verbreitete Auffassung erhielt neue Nahrung, als der 1918 gegründete polnische Staat nach nur zwei Jahrzehnten unabhängiger Existenz erneut ausgelöscht wurde. Das Deutsche Reich und die Sowjetunion vereinbarten seine definitive Streichung von der Landkarte. Hitler wollte Polen zu einer deutschen Kolonie machen und hatte seiner Bevölkerung das Los von Arbeitssklaven zugedacht. Nach seinem Willen sollte die polnische Nation untergehen. Er gab die Parole aus: Germanisieren oder Ausrotten! Doch auch diesem Urteil beugten sich die Polen nicht. Aus dem Untergrund heraus leisteten sie den Okkupanten erbitterten Widerstand, und außerhalb Polens kämpfte ihre Exilarmee gegen Hitler-Deutschland.

Als das Martyrium der deutschen Besatzung vorbei war, entstand wieder ein polnischer Staat - jedoch unter sowjetischer Herrschaft. Auch dagegen rebellierte das Volk, bis es das ihm aufgezwungene Gesellschaftsmodell Ende der 1980er Jahre abschütteln konnte.

Zur Niederlage des Kommunismus trug jedoch nicht allein der historisch gewachsene Widerstandswille des polnischen Volkes bei. Polen war und ist ein katholisches Land und daher kein günstiges Terrain für eine atheistische sozialistische Gesellschaft. Mehr als 90% seiner über 38 Millionen Einwohner sind katholisch getauft. Seit über 1000 Jahren bekennen sich die Polen zum katholischen Glauben. Sie selbst sahen sich stets als Bollwerk des christlichen Abendlandes gegen heidnische Eroberer wie Mongolen und Türken. Gleichzeitig waren sie der Fels des Katholizismus zwischen dem orthodoxen Russland und dem "ketzerisch" protestantischen Preußen. In den Jahren 1795-1918, als der polnische Staat aufgelöst war, lebte die Mehrheit der Polen im orthodoxen Russland bzw. im protestantischen Preußen und sah sich einem permanenten Druck der Russifizierung bzw. Germanisierung ausgesetzt. Weder in Preußen noch im zaristischen Russland duldete man Volks- und Oberschulen oder gar Hochschulen mit Polnisch als Unterrichtssprache. Das nationale Bindeglied war das gemeinsame Bekenntnis zur katholischen Religion sowie die gemeinsame Sprache. Neben literarischen Werken halfen auch Gesang- und Gebetbücher die polnische Sprache zu bewahren. Die katholische Kirche wurde zur nationalen Sammlungsbewegung und zum Symbol des Polentums. Daher ist es gerechtfertigt, zu sagen: "Pole" gleich "Katholik".

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Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg teilte der Klerus die Leiden des Volkes. Ein großer Teil der katholischen Geistlichen in Polen starb in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Im Zeichen des Stalinismus zu Beginn der 1950er Jahre tobte ein Kirchenkampf in Polen. Kardinal Wyszynski wurde eingekerkert, konnte jedoch 1956 im Triumphzug nach Warschau zurückkehren. Trotz der Liberalisierung in den folgenden Jahrzehnten blieb der sonntägliche Gang zur Kirche ein Zeichen des inneren Widerstands gegen den zwangsweise verordneten Kommunismus und ein Bekenntnis zum Polentum.

Polen ist bereits seit undenklichen Zeiten ein Land der Marienfrömmigkeit. Die berühmte Schwarze Madonna von Tschenstochau wurde im Jahre 1656 durch königlichen Beschluss zur "Königin der Krone Polens" erhoben. Nach allgemeiner Überzeugung hatte sie ein Wunder getan und dem Land in aussichtsloser Lage einen Sieg gegen die Schweden geschenkt. Sie gilt noch heute als Schutzpatronin Polens.

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Die 1978 erfolgte Wahl Karol Wojtylas zum Papst festigte das Selbstwertgefühl der Polen enorm. Dabei haben sie ohnehin keinen Mangel an weltberühmten Männern, vor allem in Kunst und Literatur. Besonders in der schöngeistigen Literatur sind viele Werke polnischer Autoren zu finden, die die Weltliteratur bereichert haben. Jüngste Nobelpreisträgerin ist die Lyrikerin Wislawa Szymborska; vor ihr erhielten W. St. Reymont, Henryk Sienkiewicz und Czesław Miłosz diese Auszeichnung. Schriftsteller wie Hłasko, Mrozek, Andrzejewski, Lem und Przypiorski werden nicht nur von Literaturkritikern geschätzt, sondern haben auch beim internationalen Publikum großen Anklang gefunden. Die ausgeprägte Liebe der Polen zur Musik hat der Welt nicht nur die Tänze Mazurka und Polonaise beschert, die durch Frédéric Chopin in die klassische Musik eingeführt wurden; der Geiger Henryk Szeryng und die Komponisten Witold Lutosławski und Krzysztof Penderecki haben im 20. Jahrhundert Weltruf erlangt. Im Bereich des Films sind die Regisseure Andrzej Wajda, Krzysztof Zanussi, Krzysztof Kieslowski und Roman Polanski anerkannte Meister ihres Faches. Die hier genannten Namen geben nur einen kleinen Ausschnitt aus dem reichen kulturellen Leben des Landes wieder.

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